Horns

DEN TEUFEL AN DEN MANN GEBRACHT

5,5/10


horns© 2015 Universal Pictures Germany


LAND: USA 2013

REGIE: ALEXANDRE AJA

CAST: DANIEL RADCLIFFE, MAX MINGHELLA, JUNO TEMPLE, KATHLEEN QUINLAN, HEATHER GRAHAM, DAVID MORSE U. A. 

LÄNGE: 2 STD


Harry Potter war gestern. Daniel Radcliffe muss mittlerweile eine Freude daran haben, einfach Rollen zu verkörpern, die quer durch alle möglichen Genres zumindest eines gemeinsam haben: dass sie nichts mit Rowlings Held verbindet. Auch sein in aller Hinsicht strauchelnder Antiheld im Fantasythriller Horns ist so eine losgelöste Figur, die allein auf weiter Flur sehen muss, wo sie bleibt. Denn nichts und niemand ist dem augenscheinlichen Loser gewogen. Wie denn auch – er wird des Mordes beschuldigt – des Mordes an seiner Geliebten. Anfangs erfährt der Zuseher so gut wie nichts darüber. Einzig wilde Horden an Reportern belagern das Anwesen des Mittdreißigers, der boulevardstudierte Pöbel wünscht den jungen Mann zur Hölle. Manch ein Schundblatt fragt sich gar, ob nicht der Teufel in Menschengestalt unter ihresgleichen weilt. Nichts, was sich gut anfühlt. Kann ja auch sein, dass, je mehr die breite Masse wettert, umso mehr der Beschuldigte zu dem wird, den diese an die Wand malt: eben zum Teufel.

So passiert es ganz plötzlich, und Daniel Radcliffe wachsen eines Morgens geschwungene Hörnchen aus der Stirn. Mit dieser seltsamen anatomischen Begebenheit ändert sich auch das Verhalten der Leute ihm gegenüber. Abgesehen davon, dass das Wunder des Hornwuchses niemanden sonderlich irritiert, scheint der gebrochene Einzelgänger die dunklen Gedanken eines jeden, der ihm begegnet, hervorzukehren. Nicht selten passiert es, und aus der Theorie wird Praxis.

Alexandre Aja, der letztjährig mit dem eher mittelmäßigen Alligatorenschocker Crawl im Kino für reptilophobe Anwandlungen gesorgt hat, nahm sich vor rund 7 Jahren Joe Hills gleichnamigen Roman zur Brust. Ein komplexes Stück Gesellschaftssatire muss das sein, ein ätzender Spiegel vor den Gesichtern bigotter Bürger. Aja fährt allerdings im Slalom, und so sehr sein Film auch szenenweise auf gerader Strecke auf Turbo stellt, bremst er sich selbst wieder ab, um auch jedem Detail der Vorlage gerecht zu werden. Was er besser nicht hätte tun sollen. Klüger wäre es gewesen, sich zumindest an Hills Vorlage zu orientieren, nicht aber den ganzen Stoff zu illustrieren, was vor allem im letzten Drittel etwas für prätentiöse Konfusion sorgt. Das beste Stück ist der Mittelteil des Films, wenn „Teufel“ Radcliffe das Volk gegeneinander aufhetzt und die Verkommenheit so manchen Individuums für alle sichtbar macht. Das ist zynisch und grotesk, das ist mitunter gar absurdes Theater, vor allem im Aspekt der jener Selbstverständlichkeit, in der Radcliffes Hornwuchs hingenommen wird. Der Mensch, der sich in seinem barschen Egoismus so sehr um sich selbst dreht, bekommt den Wandel gar nicht mit. Das erinnert auch wieder an die Serie Lucifer, in der Tom Ellis ebenfalls die Fähigkeit besitzt, die unzensierten Wünsche des Einzelnen herauszukitzeln.

Interessanterweise spielt der christliche Glauben trotz all der Satire eine konterkarierte fromme Rolle, und so sehr das auch gut gemeint ist, so sehr bringt es den erfrischend radikalen Drive aus dem Rhythmus. Am Ende bleibt von diesem auf- und überladenen Mix aus phantastischem Thriller und durchaus humorbefreiter Love-Story ein recht trivialer Showdown mit Blut und Budenzauber. Verschenkt hat Horns sein Potenzial aber auch nicht zur Gänze. Denn die Sache mit der selbsterfüllenden Prophezeiung durfte sich selten zumindest szenenweise zu ungehemmt austoben wie hier. Der gut gesampelte Soundtrack wirkt da löblich unterstützend.

Horns

40 Tage in der Wüste

EIN JEDI NAMENS JESUS

5/10

 

LDD_03274.CR2© 2017 Tiberius Film

 

ORIGINAL: LAST DAYS IN THE DESERT

LAND: USA 2017

REGIE: RODRIGO GARCIA

MIT EWAN MCGREGOR, CIARÀN HINDS, AYELET ZURER, TYE SHERIDAN U. A.

 

Es wäre eine Frage für den Mikromann: Die Fastenzeit von 40 Tagen ist nun vorbei. Das entspricht Jesu Aufenthalt in der Wüste. Wie lange war der Mann aus Nazareth im Outback und was hat er dort gemacht? Die richtige Antwort möchte ich hören! Denn auf Fragen rund um die Bibel souverän zu antworten mag schwierig werden. So bibelfirm sind die Unsrigen nicht. Und obwohl die richtige Antwort ohnehin schon wie beim  Mikromann immer in der Frage versteckt liegt, ist der Vorführeffekt immer stärker als die eigene Kompetenz, in Anbetracht eines vor die Nase gehaltenen Mikros logisch zu denken. Aber auch ohne Mikro und Mann lässt sich über Jesu Aufenthalt im knochentrockenen Niemandsland zwischen Jerusalem und Nazareth nur rätseln. Dem Zimmermannssohn soll der Teufel erschienen sein. Und ihm das Königreich zu Füßen gelegt haben. Die ganze Macht der Welt. Soll ihn verführt haben zum Mammon. Wirklich mehr steht nicht in der Bibel. In Martin Scorseses kontroverser Literaturverfilmung Die letzte Versuchung Christi sehen wir den gefallenen Engel als schwarz gekleideten, adretten Mann, der den Nazarener wie ein moderner Inquisitor auf die Probe stellt. In Last Days in the Desert hat der Teufel keine eigene Gestalt, sondern erscheint einem Spiegelbild gleich als zweiter Jesus. Als dessen dunkle, unterbewusste Seite. Manchmal aber auch als alte Frau am Wegesrand. Oder als Flüstern. Der zukünftige Messias ist das alles schon durch. Satan ist nur mehr ein Quälgeist, der staubige Spuren im Sand hinterlässt. Die 40 Tage liegen in der kargen Filmmeditation des Kolumbianers Rodrigo Garcia (Albert Nobbs, Gefühle die man sieht) Gott sei´s gedankt hinter uns. Der eingedeutschte Titel 40 Tage in der Wüste ist also irreführend. Denn es sind nur die letzten Tage, um dies es hier geht. Falls es um etwas geht. Das erkannt man nicht sofort. Und man erkennt auch nicht sofort, dass wir es mit einem Religionsfilm zu tun haben. Genauso gut könnte der Anfang von Last Days in the Desert der Anfang von Kenobi: A Star Wars Story sein. Tatsächlich macht auf Youtube ein Fake-Trailer seine Runde, der die ausgiebigen Wanderszenen eines Ewan McGregor als Jedi-Sinnsuche zweckentfremdet. Von Jesus also keine Spur. Aber dennoch – dranbleiben, dann wird aus dem weltbekannten Konterfei der Trainspotting-Ikone doch noch sowas wie ein Geistlicher, wenngleich ich mir vom biblischen Bringer einer neuen Ordnung mehr erwarte als einen in Fetzen gehüllten Pilger, der versucht, es allen recht zu machen.

Ist das tatsächlich die letzte Aufgabe, die der Teufel dem Messias stellt? Denn kurz vor Verlassen seiner selbst gewählten unsäglichen Ödnis (Nein, es handelt sich dabei nicht um die Jundlandwüste von Tatooine) trifft er auf sesshaft gewordene Nomaden, genauer gesagt auf eine schrecklich unglückliche Familie. Die Mutter todkrank, der Vater in seiner Vaterrolle scheiternd, der Sohn sehnsüchtig nach Jerusalem schielend. Jesus muss nun das Beste für alle erreichen, sonst hat er seine Prüfung nicht bestanden. Also vermittelt er zwischen Eltern und Kind in therapeutischer Zurückhaltung. Ich selbst bin kurz davor, die Prüfung hinzuschmeißen. Garcia´s Film ist das richtige Programm für die Karwoche. Fürchterlich ausgedörrt, kratzig wie ungewaschenes Leinen, und selbst den Staub der Wüste scheint man als Zuseher zu schmecken anstelle des knusprigen Fladens zum Gründonnerstag. In 40 Tage in der Wüste steckt kaum was Erquickendes, einzig vielleicht der Blick ins fruchtbare Tal, das da vor den Protagonisten liegt. Und Ewan McGregor gibt sich erstaunlich unerleuchtet. Zumindest scheut sein ikonenhafter Haarwuchs und der ungestutzte Dreitagebart keine testamentarischen Vergleiche. Ich schaue mir meinen Personal Jesus also sozusagen schön und ins richtige Licht. Irgendwann ist Ben Kenobi vergessen. Das letzte Bild überzeugt dann am meisten, wenn überhaupt als einziges. 40 Tage in der Wüste ist wie der Epilog von etwas, das nie gedreht wurde. Ausnüchterung im Breitbild, der einzige Trost liegt in der Erlösung vom Leben. Kinokarwoche at it´s best.

40 Tage in der Wüste