Mother Mary (2026)

DIE FURCHT VOR ROTEN TÜCHERN

4/10


Michaela Coel und Anne Hathaway in David Lowerys Mother Mary
© 2026 Constantin Filmverleih


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, USA 2026

REGIE / DREHBUCH: DAVID LOWERY

KAMERA: ANDREW DROZ PALERMO, RINA YANG

CAST: ANNE HATHAWAY, MICHAELA COEL, HUNTER SCHAFER, FKA TWIGS, ISAURA BARBÉ-BROWN, JESSICA BROWN FINDLAY, SIAN CLIFFORD U. A.

LÄNGE: 1 STD 52 MIN


Anne Hathaway bekommt die Mode nicht los. Eben erst wieder vor Meryl Streep buckelnd, kriecht sie nun reumütig zu Kreuze, um die Gunst einer Modedesignerin zu erlangen, die sie vor Jahren mies behandelt hat.

Wer ist das, der sich erlauben kann, so mit Leuten umzugehen? Jemand, der Einfluss hat. Millionen verdient. Und die Menge zum Jubeln bringt. Jemand wie Taylor Swift. Sie ist die Country-Pop-Ikone schlechthin, und man fragt und wundert sich vielleicht ab und an, wie geschmeidig so ein Dasein als Weltstar eigentlich ablaufen kann – eben auch im Alltag oder zwischen den Zeilen journalistischer Eskapaden.

Man stelle sich vor, Taylor Swift verschwände

Anne Hathaway ist aber nicht Taylor Swift, sondern lediglich ähnlich. Sie ist eine, die sich, allen Entrüstungen der katholischen Kirche zum Trotz, Mother Mary nennt. Klingelt da was? Natürlich, Madonna. Like A Prayer. So sind Mother Marys Bühnenshows fast schon so etwas wie sakrale Feierlichkeiten zwischen Farblichtwahnsinn, Glitterregen und Schwebebühnen.

Eine davon ist ihr zum Verhängnis geworden – ein Unfall hat dazu geführt, dass sich die aufgedonnerte Sängerin mit Heiligenschein von der Bühne zumindest vorläufig verabschiedet hat. Was ist der Grund für diesen Unfall gewesen, und überhaupt für dieses Verschwinden?

Herbergssuche für ein Pracht-Textil

Jetzt, nach dieser unfreiwilligen Auszeit, klopft es bei strömenden Regen an die Tür der renommierten Modeschöpferin Sam Anselm. Mother Mary steht vor der Tür, und sucht keine Herberge, sondern ein neues Kleid. Eines, dass ihrem Comeback gerecht wird und sie, nur sie in Textil, Stich und Schnitt darstellen soll. Ein Kleid, das alle Stücke spielen, jedes Lied vereinen und mehr oder weniger ihr ganzes Œuvre beinhalten soll. Wie kommt Anselm eigentlich dazu, hier die Feuerwehr zu spielen, haben sich beide doch, und zwar nicht ganz im Guten, aus den Augen verloren? Und ja, da war auch Liebe im Spiel, ganz viel Intimität. Zwei Herzen im selben Rhythmus. Und so weiter.

An Erlebtem herumschneidern

Handlungskern in diesem Film von David Lowery (Elliot, der Drache, Ein Gauner & Gentleman) ist dieses Kleid, das neu erschaffen werden muss. Doch wie lässt sich so ein Kunstwerk über persönliche und emotionale Kränkungen hinweg denn überhaupt gestalten? Und zwar so, dass es erfüllt, was es erfüllen soll?

Lowery verwickelt Anne Hathaway und die eindrucksvolle Michaela Coel, die aussieht wie Nina Simone in ihren jungen Jahren und mit ihrer faszinierenden Gesichtsphysiognomie und den großen Augen eine sphärische Aura entwickelt, der man sich nur schwer entziehen kann, in ein tiefschürfendes, lange andauerndes Gespräch.

Guckkästen in die Vergangenheit

Was ihm dabei anfangs gelingt, ist, diese beiden Figuren, trotzdem man sie nicht kennt, in kürzester Zeit irgendwie vertraut zu machen. Das Kammerspiel in einer zur Modewerkstatt umgekrempelten Scheune sprengt dann bald die vierte Dimension, Räume werden zu Guckkästen in die Vergangenheit, magischer Realismus hält Einzug, ganz klar David Lowerys Handschrift, die man bereits aus seinem psychedelischen Märchen The Green Knight kennt – oder auch aus A Ghost Story, seinem bislang besten und berührendsten Film, dessen Metaebene sich nicht so sehr dem Verständnis widersetzt wie Mother Mary.

Was steckt dahinter? Oder doch gar nichts?

Im Trailer des Films heisst es: „This is Not A Ghost Story“ (mit Hinblick auf sein früheres Werk). Und: „This is Not a Love Story“. Eigentlich stimmt, aus meiner Sicht als Betrachter, der Lowerys Intentionen nicht kennt, beides nicht. Mother Mary ist sowohl Ghost Story als auch Love Story, und irgendwo dazwischen ergeht sich das Zeit und Raum knackende Mysterium nur noch in aufgeblasenen Rätseln.

Es ist wie das Konzert dieser Pop-Diva selbst – eine Show fürs Auge, für manche auch fürs Ohr. Lowery findet natürlich Bilder, die so geschmack- und stilvoll arrangiert sind, dass sich denken lässt: Da muss einiges dahinterstecken, und irgendwann, darauf warten wir alle, kommt die Wahrheit ans Licht, die wie alle übersehen haben.

Kraftvoller Symbolismus als ästhetische Hülle

Doch dieses wabernde rote Tuch, diese Wundmale an den Handflächen und zwischen den Brüsten – Blut und Kunst, Seide und Okkultismus: Alles zusammen verbirgt und dekoriert gleichermaßen eine simple Geschichte, nichts Großes, vielleicht auch nur irgend etwas zwischen Selbstmitleid und Aussprache.

Lowery stopft das Ganze voll mit der Lust am Symbolismus. Motive und Metaphern fallen aus allen Wolken, letztlich ist Mother Mary eine enorm prätentiöse Mystery-Show, bei der man eigentlich nicht zugeben will, sowieso alles entschlüsselt zu haben, weil das sonst bei all der Opulenz vielleicht zu banal wäre.

Mother Mary (2026)

Das schaurige Haus

WENN’S DIE JUNGEN GRUSELN SOLL

5/10


schaurigehaus© 2020 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: ÖSTERREICH, DEUTSCHLAND 2020

REGIE: DANIEL PROHASKA

CAST: LEÓN ORLANDIANYI, BENNO ROSSKOPF, JULIA KOSCHITZ, MARII WEICHSLER, LARS BITTERLICH, INGE MAUX U. A.

LÄNGE: 1 STD 39 MIN


In Horror- und Gruselfilmen werden Kinder stets als die Neugierigen voraus ins Feld geschickt – und kommen folglich schön brav zum Handkuss. Sie werden dabei zum Medium oder ganz einfach hinter die Mattscheibe eines Röhrenfernsehers gezogen, wie es anno dazumal der gute alte Poltergeist getan hat. Meist sitzen die Kids dann in rotierenden Betten oder sind die ersten, die aufgrund ihrer kindlichen Unbedarftheit und Unreife am leichtesten Zugang haben in die Welt des Paranormalen. Kinder sind dabei aber nie die Zielgruppe, die ihren Altersgenossen dabei zusehen dürfen, wie sehr sie mit dem Spuk auf Tuchfühlung gehen. Das ist fast schon unfair. Und das meine nicht nur ich, sondern auch Buchautorin Martina Wildner, die mit ihrem Provinzgrusler Das schaurige Haus den Leseplan an den gymnasialen Unterstufen beeinflusst. Anders als bei den 3 Fragezeichen sind diese Satzzeichen immerhin zu viert und noch dazu tatsächlich mit etwas Übernatürlichem konfrontiert, was bei Justus, Peter und Bob letzten Endes leider niemals der Fall war. Nobel, den Nachwuchs dazu zu bringen, sich auf die Wirklichkeit zu verlassen – doch ein bisschen Faktor X schadet nie. So auch hier nicht. Und es hat auch nicht lange gedauert, bis Das schaurige Haus auf die Leinwand kam. Dank Corona war eine Kino-Auswertung fast nicht möglich – folglich hat sich Netflix (wer sonst?) die Vertriebsrechte geholt, mit dem Wermutstropfen, dass diese für Minderjährige adäquate Dosis des Schaurigen im dunklen Kino wohl weitaus besser zur Geltung gekommen wäre als daheim in vertrauter Umgebung des Wohnzimmers. Doch vielleicht ist das besser so. Dann muss die Elternschaft des Nächtens nicht mit dem Nachwuchs aufs Klo.

Dabei fühlt sich anfangs wirklich alles an wie ein klassisches Jugendabenteuer zwischen Enid Blyton und den Goonies. Schauplatz ist – anders als im Roman – das österreichische Bundesland Kärnten, und im beschaulichen Dorf Bad Eisenkappel bezieht der Halbwaise Hendrik mit Mutter und Bruder ein wenig einladendes Gemäuer – als Zwischenlösung wohlgemerkt. In diesem Gemäuer ist, wie der Titel schon sagt, gar nichts auch nur irgendwie koscher – und folglich legt der kleine Bruder schon bald seltsame Anwandlungen an den Tag. Es dauert nicht lange, da sind die neugierigen Nasen einem düsteren Geheimnis auf der Spur, der die verblichenen Vermieter des Hauses einfach nicht ruhen lässt.

Regisseur Daniel Prohaska, bislang vorwiegend im TV vertreten, und da wiederum vorrangig als Filmeditor, hat für diesen durchaus zum Gruselthriller ausbaubaren Stoff einen entsprechenden Kompromiss geschlossen. Auch hier heisst es: gebt den Horror mit Kindern den Kindern selbst. Klarerweise sind da nicht die Jüngsten gemeint, sondern angehende Teenies, die nicht unbedingt die große Herausforderung suchen, die vielleicht Stephen Kings Es bieten würde. Prohaska streut bewusst nur wenige zarte Schocks (eigentlich gar keine) und setzt vermehrt auf Schauermomente, die anstatt Jumspscares einfach eine stimmige Atmosphäre erzeugen. Das gelingt durchwegs – weniger prickelnd und viel mehr in sperriger Phlegmatik versunken sind die Jungdarsteller. Selbst Julia Koschitz bleibt enttäuschend blass, so, als wären Geister das Alltäglichste auf der Welt. Skurriles Sahnehäubchen des Films ist Lars Bitterlich mit Brille und Howard Wolowitz-Gedächtnisfrisur, der stellvertretend für alle den Spirit einer motivierten Clique atmet, die das Abenteuer ihres Lebens besteht. Vielleicht hat sich Prohaska zu sehr darauf konzentriert, eben diese gefundene Balance tunlichst zu halten, damit der Grusel nicht zu sehr in Richtung Horror kippt. Nebelschwaden, schwarze Augen und obskures Gekrakel an den Wänden sind da die Hauptattraktionen des paranormalen Jugendkrimis, das Übrige gerät zum Üblichen aus dem serienstilistischen Fernsehfundus für das routinierte Nachmittagsprogramm.

Das schaurige Haus

Things Heard & Seen

GEISTER, DIE ZUR HAND GEHEN

4/10


thingsheardandseen© 2021 Netflix

LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: SHARI SPRINGER BERMAN & ROBERT PULCINI, NACH DEM ROMAN VON ELIZABETH BRUNDAGE

CAST: AMANDA SEYFRIED, JAMES NORTON, NATALIA DYER, F. MURRAY ABRAHAM, RHEA SEEHORN, KAREN ALLEN, MICHAEL O’KEEFE, ALEX NEUSTAEDTER U. A. 

LÄNGE: 1 STD 59 MIN


Ich bin zwar keiner, der das Horrorgenre zu seinem liebsten zählt, aber zumindest jemand, der Filme wie Das Waisenhaus oder The Others sehr zu schätzen weiß. Weil sie das Parapsychologische ernst nehmen, und nicht nur auf Angst setzen, wie es gefühlt 99 Prozent all dieser anderen Filme tun. Das wäre für mich zu platt – viel interessanter ist stattdessen der relativ wertfreie Zugang in ein längst nicht wissenschaftlich untermauertes Mysterium an interdimensionalen Interaktionen, deren Ursachen und vielleicht auch deren Heilung. Die eingangs erwähnten beiden Filme sind aus meiner Sicht schwer zu erreichende Meisterwerke, in sich stimmig und wunderbar auserzählt. Das kribbelnde Unwohlsein, dass in diesen Werken entsteht, ist auf den Zustand des Nichtwissens zurückzuführen, die damit einhergehende sprichwörtliche Gänsehaut geradezu etwas Schönes, Bereicherndes, weil sie so eng mit kindlicher Neugierde verbunden ist. Ich will vor diesem Mysterium nicht davonlaufen müssen, sondern die Möglichkeit haben, den Mut dafür aufzubringen, diesem zwischenweltlichen Intermezzo entgegengehen zu dürfen.

Diesen Mut muss man allerdings bei Things Heard & Seen nicht aufbringen. Dies wäre vielleicht zu vermuten, doch am Ende der Nacht mit all seinen Spukgestalten ernüchtert die Erkenntnis, dass dieser Film ganze Dimensionen weit davon entfernt ist, die Klasse von Das Waisenhaus oder The Others zu erreichen – obwohl das Potenzial zumindest anfangs gegeben wäre. Denn wir haben, was das Setting betrifft, den für einen Gruselfilm wohl besten Ort gefunden: ein altes Gebäude, am besten im Nirgendwo und abseits von urbanem Geschehen. In so ein Gemäuer zieht Künstlerin Catherine (mit staunenden Augen, aber sehr souverän: Amanda Seyfried) gemeinsam mit ihrer Familie, weil Gatte George in der naheliegenden Uni eine vielversprechende Professur als Kunsthistoriker ergattert hat. Es scheint alles eitel Wonne zu sein, das Haus wird renoviert und geputzt – allerdings nicht gründlich genug, denn einige Zeit später findet Catherine das völlig staubfreie (wie das?) Exemplar einer alten Bibel, in denen die Namen der verstorbenen Bewohner aufgelistet sind. Einige davon sind durchgestrichen, mit dem Vermerk: Verdammt! Jetzt wird’s paranormal. Denn Catherine beginnt, die titelgebenden Dinge zu sehen, zu riechen und zu hören. Gediegene Geistererlebnisse mit allen Sinnen. Wie gesagt: vielversprechend, wenn es nun tatsächlich darum geht, steinalte Flüche zu bannen oder Seancen abzuhalten. Gothic-Grusel für retroaffine Neuzeitler.   

Doch sobald sich das Gefühl Bahn bricht, es nicht mit rechten Dingen zu tun zu haben, ist das Feeling auch schon wieder verschwunden. Was ist passiert? Ehrlich gestanden: je länger der Film dauert, umso weniger hat man eine Ahnung, wohin das ganze Szenario hinstrebt. Dem nicht zwingend böswilligen Vier-Wände-Horror schenkt das Regieduo Shari Springer Berman und Robert Pulcini viel zu wenig Beachtung, dafür aber schlagen sie sehr bald die Richtung hin zu einem an den Nackenhaaren herbeikonstruierten, relativ altbackenen Home-Terror-Thrillers ein, in dessen Mittelpunkt James Norton als Vater, Ehemann und ehrgeiziger Kunstkenner eine punktgenau unsympathische Filmfigur abgibt. Das große Problem an Things Heard & Seen ist aber nicht er, sondern die Plausibilität menschlichen Verhaltens. Die ist nicht gegeben. Es entsteht zwar während der Sichtung eine gewisse Kurzweil, und ja: man wartet von Minute zu Minute immer dringender auf die Auflösung des ganzen. Die hintereinander einfallenden, platten (und szenenweise ernüchternd vorhersehbaren) Wendungen jedoch verwirren das Gruselstelldichein, das eigentlich gar keines sein will, zusehends. Das Flüstern des Geistes, dessen Inhalt zur Klärung des Sachverhaltes vielleicht beitragen würde, ist so gut wie nicht zu verstehen, das nebulöse Durcheinander an Normalem und Paranormalem und Abnormalem verknotet sich zu einem hilflosen Ringen um Stil und Atmosphäre. Die metaphysische Allegorie als Schlusspunkt frohlockt dann nur noch mit hausierender Geheimniskulisse. Einzig Amanda Seyfried kämpft sich aus der verschwurbelten Tragödie und bleibt in guter Erinnerung, während der ganze unbefriedigende Rest am Ende dieser Nacht nur noch auf den Geist geht.

Things Heard & Seen