Das schaurige Haus

WENN’S DIE JUNGEN GRUSELN SOLL

5/10


schaurigehaus© 2020 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: ÖSTERREICH, DEUTSCHLAND 2020

REGIE: DANIEL PROHASKA

CAST: LEÓN ORLANDIANYI, BENNO ROSSKOPF, JULIA KOSCHITZ, MARII WEICHSLER, LARS BITTERLICH, INGE MAUX U. A.

LÄNGE: 1 STD 39 MIN


In Horror- und Gruselfilmen werden Kinder stets als die Neugierigen voraus ins Feld geschickt – und kommen folglich schön brav zum Handkuss. Sie werden dabei zum Medium oder ganz einfach hinter die Mattscheibe eines Röhrenfernsehers gezogen, wie es anno dazumal der gute alte Poltergeist getan hat. Meist sitzen die Kids dann in rotierenden Betten oder sind die ersten, die aufgrund ihrer kindlichen Unbedarftheit und Unreife am leichtesten Zugang haben in die Welt des Paranormalen. Kinder sind dabei aber nie die Zielgruppe, die ihren Altersgenossen dabei zusehen dürfen, wie sehr sie mit dem Spuk auf Tuchfühlung gehen. Das ist fast schon unfair. Und das meine nicht nur ich, sondern auch Buchautorin Martina Wildner, die mit ihrem Provinzgrusler Das schaurige Haus den Leseplan an den gymnasialen Unterstufen beeinflusst. Anders als bei den 3 Fragezeichen sind diese Satzzeichen immerhin zu viert und noch dazu tatsächlich mit etwas Übernatürlichem konfrontiert, was bei Justus, Peter und Bob letzten Endes leider niemals der Fall war. Nobel, den Nachwuchs dazu zu bringen, sich auf die Wirklichkeit zu verlassen – doch ein bisschen Faktor X schadet nie. So auch hier nicht. Und es hat auch nicht lange gedauert, bis Das schaurige Haus auf die Leinwand kam. Dank Corona war eine Kino-Auswertung fast nicht möglich – folglich hat sich Netflix (wer sonst?) die Vertriebsrechte geholt, mit dem Wermutstropfen, dass diese für Minderjährige adäquate Dosis des Schaurigen im dunklen Kino wohl weitaus besser zur Geltung gekommen wäre als daheim in vertrauter Umgebung des Wohnzimmers. Doch vielleicht ist das besser so. Dann muss die Elternschaft des Nächtens nicht mit dem Nachwuchs aufs Klo.

Dabei fühlt sich anfangs wirklich alles an wie ein klassisches Jugendabenteuer zwischen Enid Blyton und den Goonies. Schauplatz ist – anders als im Roman – das österreichische Bundesland Kärnten, und im beschaulichen Dorf Bad Eisenkappel bezieht der Halbwaise Hendrik mit Mutter und Bruder ein wenig einladendes Gemäuer – als Zwischenlösung wohlgemerkt. In diesem Gemäuer ist, wie der Titel schon sagt, gar nichts auch nur irgendwie koscher – und folglich legt der kleine Bruder schon bald seltsame Anwandlungen an den Tag. Es dauert nicht lange, da sind die neugierigen Nasen einem düsteren Geheimnis auf der Spur, der die verblichenen Vermieter des Hauses einfach nicht ruhen lässt.

Regisseur Daniel Prohaska, bislang vorwiegend im TV vertreten, und da wiederum vorrangig als Filmeditor, hat für diesen durchaus zum Gruselthriller ausbaubaren Stoff einen entsprechenden Kompromiss geschlossen. Auch hier heisst es: gebt den Horror mit Kindern den Kindern selbst. Klarerweise sind da nicht die Jüngsten gemeint, sondern angehende Teenies, die nicht unbedingt die große Herausforderung suchen, die vielleicht Stephen Kings Es bieten würde. Prohaska streut bewusst nur wenige zarte Schocks (eigentlich gar keine) und setzt vermehrt auf Schauermomente, die anstatt Jumspscares einfach eine stimmige Atmosphäre erzeugen. Das gelingt durchwegs – weniger prickelnd und viel mehr in sperriger Phlegmatik versunken sind die Jungdarsteller. Selbst Julia Koschitz bleibt enttäuschend blass, so, als wären Geister das Alltäglichste auf der Welt. Skurriles Sahnehäubchen des Films ist Lars Bitterlich mit Brille und Howard Wolowitz-Gedächtnisfrisur, der stellvertretend für alle den Spirit einer motivierten Clique atmet, die das Abenteuer ihres Lebens besteht. Vielleicht hat sich Prohaska zu sehr darauf konzentriert, eben diese gefundene Balance tunlichst zu halten, damit der Grusel nicht zu sehr in Richtung Horror kippt. Nebelschwaden, schwarze Augen und obskures Gekrakel an den Wänden sind da die Hauptattraktionen des paranormalen Jugendkrimis, das Übrige gerät zum Üblichen aus dem serienstilistischen Fernsehfundus für das routinierte Nachmittagsprogramm.

Das schaurige Haus

Things Heard & Seen

GEISTER, DIE ZUR HAND GEHEN

4/10


thingsheardandseen© 2021 Netflix

LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: SHARI SPRINGER BERMAN & ROBERT PULCINI, NACH DEM ROMAN VON ELIZABETH BRUNDAGE

CAST: AMANDA SEYFRIED, JAMES NORTON, NATALIA DYER, F. MURRAY ABRAHAM, RHEA SEEHORN, KAREN ALLEN, MICHAEL O’KEEFE, ALEX NEUSTAEDTER U. A. 

LÄNGE: 1 STD 59 MIN


Ich bin zwar keiner, der das Horrorgenre zu seinem liebsten zählt, aber zumindest jemand, der Filme wie Das Waisenhaus oder The Others sehr zu schätzen weiß. Weil sie das Parapsychologische ernst nehmen, und nicht nur auf Angst setzen, wie es gefühlt 99 Prozent all dieser anderen Filme tun. Das wäre für mich zu platt – viel interessanter ist stattdessen der relativ wertfreie Zugang in ein längst nicht wissenschaftlich untermauertes Mysterium an interdimensionalen Interaktionen, deren Ursachen und vielleicht auch deren Heilung. Die eingangs erwähnten beiden Filme sind aus meiner Sicht schwer zu erreichende Meisterwerke, in sich stimmig und wunderbar auserzählt. Das kribbelnde Unwohlsein, dass in diesen Werken entsteht, ist auf den Zustand des Nichtwissens zurückzuführen, die damit einhergehende sprichwörtliche Gänsehaut geradezu etwas Schönes, Bereicherndes, weil sie so eng mit kindlicher Neugierde verbunden ist. Ich will vor diesem Mysterium nicht davonlaufen müssen, sondern die Möglichkeit haben, den Mut dafür aufzubringen, diesem zwischenweltlichen Intermezzo entgegengehen zu dürfen.

Diesen Mut muss man allerdings bei Things Heard & Seen nicht aufbringen. Dies wäre vielleicht zu vermuten, doch am Ende der Nacht mit all seinen Spukgestalten ernüchtert die Erkenntnis, dass dieser Film ganze Dimensionen weit davon entfernt ist, die Klasse von Das Waisenhaus oder The Others zu erreichen – obwohl das Potenzial zumindest anfangs gegeben wäre. Denn wir haben, was das Setting betrifft, den für einen Gruselfilm wohl besten Ort gefunden: ein altes Gebäude, am besten im Nirgendwo und abseits von urbanem Geschehen. In so ein Gemäuer zieht Künstlerin Catherine (mit staunenden Augen, aber sehr souverän: Amanda Seyfried) gemeinsam mit ihrer Familie, weil Gatte George in der naheliegenden Uni eine vielversprechende Professur als Kunsthistoriker ergattert hat. Es scheint alles eitel Wonne zu sein, das Haus wird renoviert und geputzt – allerdings nicht gründlich genug, denn einige Zeit später findet Catherine das völlig staubfreie (wie das?) Exemplar einer alten Bibel, in denen die Namen der verstorbenen Bewohner aufgelistet sind. Einige davon sind durchgestrichen, mit dem Vermerk: Verdammt! Jetzt wird’s paranormal. Denn Catherine beginnt, die titelgebenden Dinge zu sehen, zu riechen und zu hören. Gediegene Geistererlebnisse mit allen Sinnen. Wie gesagt: vielversprechend, wenn es nun tatsächlich darum geht, steinalte Flüche zu bannen oder Seancen abzuhalten. Gothic-Grusel für retroaffine Neuzeitler.   

Doch sobald sich das Gefühl Bahn bricht, es nicht mit rechten Dingen zu tun zu haben, ist das Feeling auch schon wieder verschwunden. Was ist passiert? Ehrlich gestanden: je länger der Film dauert, umso weniger hat man eine Ahnung, wohin das ganze Szenario hinstrebt. Dem nicht zwingend böswilligen Vier-Wände-Horror schenkt das Regieduo Shari Springer Berman und Robert Pulcini viel zu wenig Beachtung, dafür aber schlagen sie sehr bald die Richtung hin zu einem an den Nackenhaaren herbeikonstruierten, relativ altbackenen Home-Terror-Thrillers ein, in dessen Mittelpunkt James Norton als Vater, Ehemann und ehrgeiziger Kunstkenner eine punktgenau unsympathische Filmfigur abgibt. Das große Problem an Things Heard & Seen ist aber nicht er, sondern die Plausibilität menschlichen Verhaltens. Die ist nicht gegeben. Es entsteht zwar während der Sichtung eine gewisse Kurzweil, und ja: man wartet von Minute zu Minute immer dringender auf die Auflösung des ganzen. Die hintereinander einfallenden, platten (und szenenweise ernüchternd vorhersehbaren) Wendungen jedoch verwirren das Gruselstelldichein, das eigentlich gar keines sein will, zusehends. Das Flüstern des Geistes, dessen Inhalt zur Klärung des Sachverhaltes vielleicht beitragen würde, ist so gut wie nicht zu verstehen, das nebulöse Durcheinander an Normalem und Paranormalem und Abnormalem verknotet sich zu einem hilflosen Ringen um Stil und Atmosphäre. Die metaphysische Allegorie als Schlusspunkt frohlockt dann nur noch mit hausierender Geheimniskulisse. Einzig Amanda Seyfried kämpft sich aus der verschwurbelten Tragödie und bleibt in guter Erinnerung, während der ganze unbefriedigende Rest am Ende dieser Nacht nur noch auf den Geist geht.

Things Heard & Seen

Scary Stories to Tell in the Dark

AUF DEN GEIST GEGANGEN

6,5/10

 

scarystories© 2019 Twentieth Century Fox

 

LAND: USA 2019

REGIE: ANDRÈ ØVREDAL

CAST: ZOE MARGARET COLLETTI, MICHAEL GARZA, AUSTIN ZAJUR, AUSTIN AMBERS, GABRIEL RUSH, DEAN NORRIS U. A.

LÄNGE: 1 STD 47 MIN

 

Horror ist ja nicht so meins. Vor allem jener, der durch die Hintertür kommt und sich auf die Amygdala setzt. Gar nicht gut. Allerdings muss ich in diesem sehr facettenreichen Genre manches nachjustieren und durchaus auch Ausnahmen machen. Horror, der kann auch recht ansprechend sein. Und Horror ist dann, wenn er sich vermehrt im Subgenre des Grusels verirrt, etwas, das mich neugierig macht. Die Gespensterperle Das Waisenhaus hat mir wieder mal gezeigt: Horror verortet sich sehr subjektiv in der eigenen Lebenserfahrung, macht aber auch gleichermaßen Mut, dem eigenen Ich mal ein paar unbequeme Fragen zu stellen.

Wenn sich das furchteinflößend Monströse sehr nah an das kreative Schaffen eines Künstlers heranwagt, wenn die Liebe zu diesem Schrecklichen, das sich in Form von Untoten, Geistern und Dämonen manifestiert, in phantastischem Realismus übergeht und alptraumhafte Kreaturen, die bislang nur auf Papier existierten, plötzlich durchs Filmbild schlendern, reizt das meine Vorliebe für allerhand Kreatürliches. Guillermo del Toro tickt da ganz genauso. Auch der für seinen produzierten Film engagierte Regisseur André Øvredal, der mit Trollhunter ein so launiges wie nerdiges Stück Found Footage-Mythologie aus dem waldreichen Norden Skandinaviens in Film gepackt hat, scheint das manifestierte Schreckliche sehr ins Herz geschlossen zu haben. Ganz so wie Illustrator Stephen Gammel, der die Kinderbuchreihe Scary Stories to Tell in the Dark von Alvin Schwartz mit vorwiegend in Bleistift hingeschummerten Horrorbildern ergänzt hat. Ergoogelt man den Künstler, wird schnell klar, dass sich in Øvredals Verfilmung der Scary Stories dessen Spukgestalten aus der Zweidimensionalität verabschiedet haben und sich gemächlichen Schrittes den von Albträumen geplagten Teenies nähern, die, so schnell sie auch laufen mögen, ihrer Nemesis niemals entkommen können.

Schuld daran ist ein ruheloser Geist in einem verlassenen Anwesen, der in der Halloweennacht von einer Handvoll Jugendlicher aufgescheucht wird. Ruhestörung geht gar nicht, und das Entwenden bibliophiler Kostbarkeiten aus dem spukhauseigenen Fundus genauso wenig. Doch davon ahnen die  Freunde erstmal überhaupt nichts. Bis das entwendete Buch beginnt, blutrote neue Gruselgeschichten zu verfassen. Dreimal darf man raten, wer von nun an die Hauptrollen spielt. Und wer mit seinen eigenen Dämonen zu kämpfen hat, manchmal mit etwas mehr, manchmal mit etwas weniger Erfolg.

Ursprünglich als Horror-Abenteuer für die ganze Familie konzipiert, das eher in Richtung Gänsehaut nach R.L. Stine hätte gehen sollen, entpuppt sich das überraschend blutleere „Haschmich“ allerdings als ein schwarzhumorig-verfluchtes Escape Room-Spiel in einem Gruselkabinett, dessen Hausregeln keiner kennt. Da sucht ein Zombie nach seiner verlorenen Zehe, wollen Vogelscheuchen nicht mehr verprügelt werden und setzt ein hämisch grinsender Baukasten aus menschlichen Extremitäten armen unschuldigen Teenies nach. Am Irrsten allerdings ist das schwarzhaarige schlurfende Dickerchen, das gerne Free Hugs verteilt. Bizarre Figuren, die einem erstmal einfallen müssen. So sehr aber am Setting und an den Monstern herumgefeilt wurde, so geradlinig bleibt die Scary Story, die hier mehr Tiefenschärfe gut vertragen hätte. Die das Schicksal des unheilstiftenden Geistes eine Spur früher hätte ins Spiel bringen können. Doch das sind nur Bemerkungen am Rande der Schatten. Für kreativen Grusel in der Nacht zu Halloween eignet sich der Bilderbuchfilm Scary Stories to Tell in the Dark eigentlich ganz formidabel. Also: falls noch nicht gesehen – gleich vormerken fürs nächste Jahr!

Scary Stories to Tell in the Dark

Das Waisenhaus

SIE WOLLTEN DOCH NUR SPIELEN

8,5/10


orphanage© 2008 Senator Filmverleih


LAND: SPANIEN 2007

REGIE: JUAN ANTONIO BAYONA

CAST: BELÉN RUEDA, FERNANDO CAYO, ROGER PRINCEP, MABEL RIVERA, GERALDINE CHAPLIN U. A.

LÄNGE: 1 STD 46 MIN


Guillermo del Toro ist, meiner filmischen Erfahrung nach, wohl jemand, der im Übernatürlichen dieser Welt nicht zwingend etwas sieht, das den Menschen nur Böses will. Meist stehen hinter seinen Erscheinungen und Begebenheiten sehr irdische, menschliche, diesseitige Bedürfnisse wie die Sehnsucht nach Nähe, Liebe und die Angst vor Verlust. Auch Reue, die Suche nach etwas, all das, was Geister vielleicht so herumtreibt, sollte es sie geben, wofür leider noch kein einziger Beweis existiert. Interessant wäre es, mehr über das zu erfahren, was unser Verstand nicht erklären kann oder wir nicht sehen können. Das französische Drama Eine größere Welt erzählt die wahre Geschichte über die ersten wissenschaftlichen Untersuchungen zum Thema Schamanismus. Etwas, das del Toro und Regisseur Juan Antonio Bayona (Sieben Minuten nach Mitternacht, Jurassic World: Das gefallene Königreich) durchaus fasziniert. Wobei das keinen Gesetzen oder noch besser: eigenen Gesetzen folgende Andersartige, manchmal auch Monströse, das mit so einer größeren Welt in Verbindung steht, genau das ist, was die beiden dazu bewogen hat, ihr Gruseldrama Das Waisenhaus in die Kinos zu bringen.

Das Unerklärliche erschreckt uns, oder wir verdrängen es. Zu wissen, dass etwas nicht unserem Erlernten unterliegt, irritiert und verstört: das ist der Motor einer Geistergeschichte. Genau so etwas ist Das Waisenhaus, jedoch von einer Art, die sich jenseits von Insidious, The Conjuring oder Annabelle nicht mit fiesen Dämonen herumschlägt, sondern das Paranormale ernst nimmt, von plakativem Horror absieht und dem Grusel, der diesem Paranormalen vorausgeht, auf den Grund gehen will. Was zum Vorschein kommt, ist meist nichts Glückliches, denn die Glücklichen sind anderswo und schleichen nicht durch irdische Gemäuer, weil sie irgendetwas nicht zu Ende bringen konnten, als Rest einer Energie, die hinter den Tapeten, knarzenden Dielen und verschlossenen Tapetentüren steckt.

Dass in diesem alten Waisenhaus, das die ehemalige Insassin Laura gemeinsam mit ihrer Familie beziehen und neu eröffnen will, irgendwas nicht mit rechten Dingen zugeht, wird ihr erst bewusst, als ihr an HIV erkrankter Adoptivsohn Simon plötzlich verschwindet. Haben dessen imaginäre Freunde etwas damit zu tun? Auf Zeichnungen hat Simon die sechs Kinder verewigt – eines davon hat einen Sack über dem Kopf. Was hat es mit diesen Visionen auf sich? Ist Lauras Sohn verrückt geworden? Ist es diese Einsamkeit hier draußen? Versteckt er sich? Rätselhaftes nimmt überhand, eine alte Frau taucht auf, geistert des Nächtens auf dem Grundstück herum. Und plötzlich steht der maskierte Junge da – ist es Simon? Laura beginnt zu recherchieren. Lässt ein Medium durch die Zeiten wandern. Und deckt eine Tragödie auf, dessen Folgen bis in die Gegenwart reichen.

Juan Antonio Bayonas Gruselfilm ist neben Alejandro Amenábars ähnlichem, genialem Spukwerk The Others das für mich bislang beeindruckendste Werk über paranormale Begebenheiten. Das Waisenhaus ist atmosphärisch, dramatisch, wie ein klassisches Schauerdrama, aber keineswegs altmodisch. Viel mehr erinnert es an Guillermo del Toros eigener, subtiler Geisterbegegnung The Devil’s Backbone. Bayona erzählt in düsteren, satten, gleichsam opulenten Bildern. Er erzeugt Gänsehaut, macht neugierig und Mut für das Andere, Unerklärliche. Die Angst vor dem Gespenstischen ist überwindbar, und es macht sich bezahlt, einen Schritt über vermeintlich unheilvolle Schatten zu springen, die offene Wunden offenbaren, die die Lebenden imstande sind zu heilen. Diese Prämisse macht diesen Film unendlich traurig, berührend. Und zu einem komplex erzählten Erlebnis im Kino des Übernatürlichen.

Das Waisenhaus

Charles Dickens: Der Mann, der Weihnachten erfand

DEM GEIZ AN DEN KRAGEN

6/10

 

Dickens_Weihnachten© 2018 24 Bilder Film GmbH

 

LAND: IRLAND, KANADA 2017

REGIE: BHARAT NALLURI

CAST: DAN STEVENS, CHRISTOPHER PLUMMER, JONATHAN PRYCE, JUSTIN EDWARDS U. A.

 

Tiny Tim soll nicht sterben! Spätestens an dieser Stelle des Buches, als der Geist der Zukunft dem elenden Geizkragen und Misanthropen Ebenezer Scrooge die zukünftige Weihnacht vor Augen hält, bleibt kein Auge trocken. So herzzerreißend wie in Charles Dickens Klassiker lässt sich Nächstenliebe kaum in Worte fassen. Kein Wunder, die Geschichte zählt zu den meistverkauften Büchern weltweit. Wie es aber dazu kam, dass ein schrecklicher Mensch wie Scrooge seine Läuterung durch drei Geister erfährt, das erzählt uns der indische BBC-Regisseur Bharat Nalluri in seinem biographischen Fantasydrama Charles Dickens: Der Mann, der Weihnachten erfand. Nun, mit dieser Behauptung lehnt sich der Film sehr weit aus dem Fenster, das ist schon etwas hochtrabend. Zumindest könnte man das anfangs denken. Beim näheren Hinsehen ist das aber gar nicht mal so falsch, nur bedarf es hier einiger zusätzlicher Fußnoten, damit die Rechnung aufgeht. Charles Dickens, kein armes Schlucker, kein Nacht- und Nebelkünstler, der erst posthum zur Ikone aufsteigt – dieser Charles Dickens, der war reich, berühmt, quasi ein Star unter den Schriftstellern und Seitenblicke-Persönlichkeiten (hätte es Seitenblicke damals schon gegeben). Ein Egozentriker, mehrfacher Familienvater, humorvoll und einnehmend, ausgestattet mit unverhohlener, charmanter Arroganz, die ein Stückchen dunkle Seele, eine teerartige Traumata aus der Kindheit, tunlichst zu kaschieren versucht. Diese Erinnerung an eine entbehrungsreiche Kindheit, die hat Dickens in jedem Fall zu einem Altruisten gemacht, der lieber auf finanzielles Defizit setzt als nichts zu spenden. Licht ins Dunkel wäre sein Business gewesen. Damals aber war es die Schreiberei, und einfach nur der Sinn für Humanität, die ihn letztendlich zu einer Geistergeschichte inspirierte, die bis heute nichts von seiner Faszination verloren hat.

Die Kanadienerin Susan Coyne hat mit ihrem Drehbuch über die Genese eines Kultbuches die Grenzen zwischen Imagination und Realität ein Stückchen weit niedergerissen. Im Laufe des kreativen Schaffens taucht plötzlich die Figur des Ebenezer Scrooge in Dickens Arbeitszimmer auf, und mit ihm all die anderen Charaktere, die der Brite in seine Story gebettet hat. Sie belagern ihn auf Schritt und Tritt, und damit nicht genug – der manifestierte Scrooge – eindringlich verkörpert von Christopher Plummer und irgendwie auch eine Reminiszenz an seine Rolle des realen Geizkragens Jean Paul Getty aus Alles Geld der Welt – muss sich nicht nur für seine eigenen dunklen Seiten rechtfertigen. Er ist auch gekommen, um Dickens an die Finsternis in seinem Herzen zu erinnern, die mal war, und die nicht unwesentlich dazu beiträgt, dass Vater und Sohn sich nicht so recht verstehen.

Für eine Biographie ist Charles Dickens: der Mann der Weihnachten erfand gerade richtig. Aus einem ganzen  Künstlerleben die Entstehungsgeschichte eines Kunstwerks zu extrahieren, ist vollauf genug, um dem Schreiberling näher zu kommen. Keine Ahnung aber, ob dieser wirklich so war, ob er wirklich so ein eloquenter Lebemann war, der in manisch-depressivem Anflug stets auf hypernervös alles gleichzeitig bewältigen muss. Dan Stevens fängt diese Rolle mit burschikosem Augenzwinkern ein, bleibt aber dadurch seltsam boulevardesk. Das wiederum passiert vor üppigster Ausstattung und einem übertriebenen Faible für Lichtstrahlen, die durch halb zugezogene Gardinen staubige Luft romantisch verklären. Mit diesem enorm pittoresken Effekt gerät Charles Dickens: der Mann… zu einem nostalgischen Bilderbuch, zu einem rustikalen Diorama, von handwerklich solider Biederkeit, trotz des avantgardistischen Denkens von Dickens. Für einen Weihnachtsfilm ein angenehmer Zeitvertreib bis zum großen Fest, irgendwo zwischen Schoko-Likörfläschchen und einem wiedermal zur Hand genommenen Wälzer aus dem Bücherregal. Gediegen und muffig, allerdings viel weniger geheimnisvoll und philosophisch wie das zeitlose Werk, von welchem der Film hier erzählt.

Charles Dickens: Der Mann, der Weihnachten erfand