Mother, Couch (2023)

DER AUSVERKAUF VON OMA PUTZ

5/10


Ewan McGregor in der absurden Komödie Mother, Couch
© 2026 Lighthouse Home Entertainment


LAND / JAHR: USA, DÄNEMARK, SCHWEDEN 2023

REGIE: NICLAS LARSSON

DREHBUCH: NICLAS LARSSON, NACH DEM ROMAN VON JERKER VIRDBORG

KAMERA: CHAYSE IRVIN

CAST: EWAN MCGREGOR, ELLEN BURSTYN, RHYS IFANS, TAYLOR RUSSELL, LARA FLYNN BOYLE, F. MURRAY ABRAHAM, LAKE BELL U. A.

LÄNGE: 1 STD 36 MIN



Kennt Ihr die Familie Putz?

Wie euch bereits aufgefallen ist: Ich mag auf meinem Blog keine Werbung machen – schon gar nicht für eine Möbelkette, die ohnehin schon ein ganzes Vermögen für die eigene ausgibt und mit dieser jahrein jahraus uns Normalverbrauchern hier in Österreich ordentlich (und ganz bewusst) auf den Senkel geht. Ist die Glotze kurz vor Jahreswende an, bleibt uns die aufgezwungene Happy Familie Putz, wohnhaft im Einrichtungshaus Lutz, auch nicht erspart. Doch was soll ich machen – bei Sichtung des höchst eigentümlichen Machwerks Mother, Couch kommt mir unweigerlich diese Sippschaft in den Sinn, die so tut, als würde man nicht von Luft und Liebe, sondern von Aktionswochen und Jubiläen leben. (Für meine deutschen Leserinnen und Leser: Bei euch, so habe ich erfahren, gibt’s statt der Familie den möblierten Matthias Schweighöfer).

Möbel als emotionale Konstante

Wohltuend an diesem Streifen, der schon vor drei Jahren seine Premiere am Toronto Filmfestival gefeiert hat, ist natürlich der Umstand, dass dieser Möbelfamilie hier alles andere, nur nicht die Sonne aus dem Allerwertesten scheint. Hier hat man sich längst entfremdet, und dennoch steckt man mitten in einem Einrichtungshaus fest, das selbst kurz vor seiner Schließung steht und das meiste bereits zusammengepackt hat – so, also würde der XXXLutz in Konkurs gehen und es handhaben wie einst Kika und Leiner. Dieses Möbelhaus wird womöglich den größten Reibach mit den gigantischen Lettern an der Fassade machen, sollte sie für diese Abnehmer finden. Wie ein Leuchtturm in der Finsternis strahlt der Name des Ladens kilometerweit ins Nichts.

Die Couch als (letzte) Ruhestätte?

Drinnen ist es zwar geräumig, aber das Chaos auffallend demonstrativ. David, gespielt von Ewan McGregor, hat im Grunde eigentlich keine Zeit, seine betagte Mutter zur Schnäppchenjagd zu begleiten, entsprechend gestresst drängt er die Dame zum Gehen. Doch die will nicht und verpflanzt sich auf eine Couch, von der sie nicht mehr aufsteht. Gut, wird man sich denken, kann passieren, vielleicht ein Schwächeanfall, vielleicht will sie ja unbedingt dieses Möbelstück ihr Eigen nennen, wie auch immer, ältere Leute können manchmal seltsam sein.

Doch nicht so hier. Diese Mutter meint es ernst und droht mit Selbstverletzung, sollte jemand sie nötigen. Davids Bruder ist auch mit von der Partie, und dann kommt auch noch die Schwester, beide hat David lange nicht gesehen. Spätestens dann haben wir eine wohl kaum mehr der Realität nachempfundene Gesamtsituation, die eine Familie auf surreale Weise stagnieren lässt. Dabei wird die Belagerung der Couch zu einer Art Naturgesetz, während sich der ganze kaputte Rest, allen voran McGregor, selbst über einiges klar werden muss, was die Vergangenheit betrifft.

Kafka für die ganze Familie

Und so erscheint dieses obskure Möbelhaus, in dem es F. Murray Abraham gleich zweimal gibt und einer davon mit einer Kettensäge potenzielle Kunden bedroht, wie ein Vorhof zur Hölle, ein albtraumhafte Welt aus Plastikplanen, Preisetiketten und verhökerbarem Lagerbestand. Und es gibt kein Entrinnen, keine Ruhe, sondern nur das Entgleiten Jeglicher Kontrolle. Szenenweise erinnert die bizarre Tonalität an Kafkas Romane, darunter vor allem an den unvollendeten Roman Das Schloss. Als Wäre McGregor ein Typ namens K, der immer tiefer in dieses fremdartige Konstrukt aus Paranoia, Verlassenseins und Endzeitstimmung hineingezogen wird.

Starbesetzter Leerlauf

Mother, Couch hätte etwas Besonderes werden können – so etwas wie I’m Thinking of Ending Things des Surrealisten Charlie Kaufman. Doch Niclas Larsson entwickelt in der Umsetzung eines Romans des schwedischen Schriftstellers Jerker Vidborg sehr viel Leerlauf. Das allerdings trotz einer enorm illustren Besetzung, denn neben McGregor tummeln sich noch Rhys Ifans, Taylor Russel (Bones and All) und die dank missglückter Schönheits-Ops nicht mehr wiederzuerkennende Lara Flynn Boyle (Twin Peaks). Auf der Couch selbst sitzt Ellen Burstyn, der Star aus Friedkins Exorzist.

Was will man mehr?, lässt sich an dieser Stelle fragen. Gut, einen flennenden McGregor, den zum Beispiel. Sonst bleibt Mother, Couch substanzlos, weil die Story an Geheimnissen und Verborgenem so gut wie nichts hervorholt, das sich lohnt, die Zeit gemeinsam mit einer Übermutter abzusitzen. Von Übermüttern hat auch schon Ari Aster erzählt, in seinem prätentiösen 3-Stunden-Brocken Beau is Afraid. Seine Filmfigur Joaquin Phoenix will dabei, anders als Gregor, rein gar nichts verschweigen.

Um Vergänglichkeit, Abschied, Vermächtnis könnte es hier gehen, doch das alles läuft erzählerisch aus dem Ruder, da sich, wie es scheint, keiner in diesem Film mit der eigentlichen Geschichte auseinandersetzen will, sondern lieber anderes tut. Vielleicht, weil keiner so genau weiß, wovon das Gleichnis eigentlich handelt.

Mother, Couch (2023)

Things Heard & Seen

GEISTER, DIE ZUR HAND GEHEN

4/10


thingsheardandseen© 2021 Netflix

LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: SHARI SPRINGER BERMAN & ROBERT PULCINI, NACH DEM ROMAN VON ELIZABETH BRUNDAGE

CAST: AMANDA SEYFRIED, JAMES NORTON, NATALIA DYER, F. MURRAY ABRAHAM, RHEA SEEHORN, KAREN ALLEN, MICHAEL O’KEEFE, ALEX NEUSTAEDTER U. A. 

LÄNGE: 1 STD 59 MIN


Ich bin zwar keiner, der das Horrorgenre zu seinem liebsten zählt, aber zumindest jemand, der Filme wie Das Waisenhaus oder The Others sehr zu schätzen weiß. Weil sie das Parapsychologische ernst nehmen, und nicht nur auf Angst setzen, wie es gefühlt 99 Prozent all dieser anderen Filme tun. Das wäre für mich zu platt – viel interessanter ist stattdessen der relativ wertfreie Zugang in ein längst nicht wissenschaftlich untermauertes Mysterium an interdimensionalen Interaktionen, deren Ursachen und vielleicht auch deren Heilung. Die eingangs erwähnten beiden Filme sind aus meiner Sicht schwer zu erreichende Meisterwerke, in sich stimmig und wunderbar auserzählt. Das kribbelnde Unwohlsein, dass in diesen Werken entsteht, ist auf den Zustand des Nichtwissens zurückzuführen, die damit einhergehende sprichwörtliche Gänsehaut geradezu etwas Schönes, Bereicherndes, weil sie so eng mit kindlicher Neugierde verbunden ist. Ich will vor diesem Mysterium nicht davonlaufen müssen, sondern die Möglichkeit haben, den Mut dafür aufzubringen, diesem zwischenweltlichen Intermezzo entgegengehen zu dürfen.

Diesen Mut muss man allerdings bei Things Heard & Seen nicht aufbringen. Dies wäre vielleicht zu vermuten, doch am Ende der Nacht mit all seinen Spukgestalten ernüchtert die Erkenntnis, dass dieser Film ganze Dimensionen weit davon entfernt ist, die Klasse von Das Waisenhaus oder The Others zu erreichen – obwohl das Potenzial zumindest anfangs gegeben wäre. Denn wir haben, was das Setting betrifft, den für einen Gruselfilm wohl besten Ort gefunden: ein altes Gebäude, am besten im Nirgendwo und abseits von urbanem Geschehen. In so ein Gemäuer zieht Künstlerin Catherine (mit staunenden Augen, aber sehr souverän: Amanda Seyfried) gemeinsam mit ihrer Familie, weil Gatte George in der naheliegenden Uni eine vielversprechende Professur als Kunsthistoriker ergattert hat. Es scheint alles eitel Wonne zu sein, das Haus wird renoviert und geputzt – allerdings nicht gründlich genug, denn einige Zeit später findet Catherine das völlig staubfreie (wie das?) Exemplar einer alten Bibel, in denen die Namen der verstorbenen Bewohner aufgelistet sind. Einige davon sind durchgestrichen, mit dem Vermerk: Verdammt! Jetzt wird’s paranormal. Denn Catherine beginnt, die titelgebenden Dinge zu sehen, zu riechen und zu hören. Gediegene Geistererlebnisse mit allen Sinnen. Wie gesagt: vielversprechend, wenn es nun tatsächlich darum geht, steinalte Flüche zu bannen oder Seancen abzuhalten. Gothic-Grusel für retroaffine Neuzeitler.   

Doch sobald sich das Gefühl Bahn bricht, es nicht mit rechten Dingen zu tun zu haben, ist das Feeling auch schon wieder verschwunden. Was ist passiert? Ehrlich gestanden: je länger der Film dauert, umso weniger hat man eine Ahnung, wohin das ganze Szenario hinstrebt. Dem nicht zwingend böswilligen Vier-Wände-Horror schenkt das Regieduo Shari Springer Berman und Robert Pulcini viel zu wenig Beachtung, dafür aber schlagen sie sehr bald die Richtung hin zu einem an den Nackenhaaren herbeikonstruierten, relativ altbackenen Home-Terror-Thrillers ein, in dessen Mittelpunkt James Norton als Vater, Ehemann und ehrgeiziger Kunstkenner eine punktgenau unsympathische Filmfigur abgibt. Das große Problem an Things Heard & Seen ist aber nicht er, sondern die Plausibilität menschlichen Verhaltens. Die ist nicht gegeben. Es entsteht zwar während der Sichtung eine gewisse Kurzweil, und ja: man wartet von Minute zu Minute immer dringender auf die Auflösung des ganzen. Die hintereinander einfallenden, platten (und szenenweise ernüchternd vorhersehbaren) Wendungen jedoch verwirren das Gruselstelldichein, das eigentlich gar keines sein will, zusehends. Das Flüstern des Geistes, dessen Inhalt zur Klärung des Sachverhaltes vielleicht beitragen würde, ist so gut wie nicht zu verstehen, das nebulöse Durcheinander an Normalem und Paranormalem und Abnormalem verknotet sich zu einem hilflosen Ringen um Stil und Atmosphäre. Die metaphysische Allegorie als Schlusspunkt frohlockt dann nur noch mit hausierender Geheimniskulisse. Einzig Amanda Seyfried kämpft sich aus der verschwurbelten Tragödie und bleibt in guter Erinnerung, während der ganze unbefriedigende Rest am Ende dieser Nacht nur noch auf den Geist geht.

Things Heard & Seen

Drachenzähmen leicht gemacht 3: Die geheime Welt

DAS MERKWÜRDIGE VERHALTEN GESCHLECHTSREIFER DRACHEN ZUR PAARUNGSZEIT

7/10

 

drachenzaehmen3© 2018 Universal Pictures International Germany GmbH

 

LAND: USA 2019

REGIE: DEAN DEBLOIS

MIT DEN STIMMEN VON (IM ORIGINAL): JAY BARUCHEL, CRAIG FERGUSON, AMERICA FERRARA, CATE BLANCHETT, GERARD BUTLER, F. MURRAY ABRAHAM U. A.

 

Schlendert man zurzeit als Elternteil durch die Spielzeugabteilungen diverser Multi-Produktrange-Märkte, bleibt kein Drachenauge trocken: Von überall her flattern, krabbeln und koffern die geschuppten Fabelwesen aus den Regalen hervor. Ganz oben auf: Ohnezahn, der schwarze Drache mit einziehbaren Zahnreihen, quasi der letzte seiner Art, was sich aber angesichts der Angebote diverser Produkthersteller ad absurdum führt. Wer, der Kinder daheim hat, kennt Ohnezahn eigentlich nicht? Ja, das ist dieses elegante Tier mit dem halben Schwanzflügel – den fehlenden Teil hat ihm Hicks verpasst, ein Konstrukt aus Holz und Leder. Somit kann Ohnezahn wieder fliegen, obenauf der Thronfolger mit Beinprothese und einem grundguten Anspruch, den fremdartigen Flugmonstern mit Respekt zu begegnen und sie in das Alltagsleben des Wikingervolks von Berk zu integrieren. Das hat schon im letzten Teil gut funktioniert, da hatte jeder dieser unverwechselbaren Bewohner eines fiktiven Nordens seinen ganz unverwechselbaren Drachen, charakterlich komplett im Einklang. Diese Symbiose zwischen phantastischen Tierwesen und den Menschen stößt aber auch im dritten Teil auf Widerstand. Da gibt es Drachentöter, die seltene Arten lieber ausrotten als sich mit ihnen zu verbünden – und zu erkennen, dass die martialischen Geschöpfe nichts Böses im Schilde führen. Sondern nur überleben wollen.

Die weitergesponnene Saga der Helden von Berk ankert in Drachenzähmen leicht gemacht 3: Die geheime Welt mit ihren Drachenbooten nicht wirklich an neuen Ufern. Es gilt, die schillernde Biodiversität all der ein-, zwei- und sonstköpfigen Wesen zu wahren und folglich in Sicherheit zu bringen. Denn da gibt es einen Finsterling namens Grimmel, der ein bisschen so aussieht wie der junge Ciarán Hinds in Aschblond und sich damit brüstet, alle Nachtschatten mit Ausnahme eines Exemplars getötet zu haben. Wie fies kann einer nur sein? Der Hass auf den schleimigen Schnösel mit all seinen perfiden Süppchen, die er da kocht, stößt nicht nur beim jungen Publikum sauer auf, der hat mich selbst auch ganz fuchtig werden lassen. Und da dieser Grimmel kein dumber Haudrauf ist, sondern einer mit Köpfchen, sind ihm erste Erfolge gegen die gutmütigen Berks leider beschieden. Was durchaus für Spannung sorgt – und den dritten Teil der Drachenzähmen-Trilogie nach Cassida Cowells Romanreihe zu einem High Fantasy-Abenteuer für die ganze Familie macht. Die Jungen, die bekommen mit Drachenzähmen leicht gemacht schon ein erstes Gespür dafür, wie epische Fantasy aus einer alternativen Welt funktionieren kann. Das war beim filmischen Vorgänger schon recht stark, um nicht zu sagen wirklich dramatisch. Große Gefühle vor drachenpfotendonnernder Kulisse. Das ist im neuen Teil etwas milder, aber auch hier geht’s wieder nicht nur um schwingende Drachenflügel, feurigen Atem und berstende Dielen, wenn tonnenschwere Ungetüme durchs Gebälk brechen. Wieder muss Hicks seine Bestimmung finden, wieder scheint es, als würde man den Knaben von oben herab beurteilen und alles in die Waagschale werfen, was er entschieden hat. Vor allem, was das Schicksal der Drachen betrifft.

Der kanadische Regisseur Dean DeBlois, der bislang alle Kinofilme der Reihe verantwortet und zufriedenstellend umgesetzt hat, schart auch hier wieder jene Spezialisten von Dreamworks um sich, die wirklich was von ihrem Handwerk verstehen: Das Team hinter der Drachenmär verpasst der Benchmark dreidimensionaler Animationsoptik noch einen Kick nach oben. Die Beschaffenheit mancher Strukturen sehen aus, als wären sie aus einem Live-Act-Film. Wie das funktioniert, ist von verblüffend lebendiger Plastizität. Die Gesichter von Grobian, Astrid, Fischbein und Co erhalten eine ganze eigene, wächserne weiche Patina, durchgerendert bis an die Grenze des Künstlichen. Das haben andere Filme dieser Machart nicht, was aber andererseits auch nicht unbedingt sein muss. Bei all den Drachen und detailverliebt ausgestatteten Wikingern, bei denen Wickie und die starken Männern vor Neid die Hörner aus dem Helm fallen, ist das ein gefälliger Augenschmaus. Highlight des Filmes ist aber eigentlich das Geturtel von Nacht- und Tagschatten, wofür die Regie ungewöhnlich viel Spielzeit vergibt und was fast schon textfrei-dokumentarischen Charakter hat. Bekannt sind solche uneiligen Intermezzi aus älteren Disneyfilmen, aus einer Zeit, in der das Medium des Familienfilms noch ein anderes Zeitgefühl besessen hat. Vom Verhalten solcher anmutigen Geschöpfe würde ich bei den Phantastischen Tierwesen aus der Wizarding World auch gerne mehr erfahren, leider kommt dort das kreatürliche Stelldichein des Öfteren zu kurz. Spätestens aber, wenn das elegante, unschuldig weiße Weibchen im vorliegenden Film auf das ungestüme Balzverhalten von Ohnezahn mit eigenen eigenwilligen Verhaltensmustern reagiert, wird Drachenzähmen leicht gemacht 3 zu einem vor allem optisch strahlend schönen Spektakel, dass die entsprechende Merachandisingvielfalt in den Spielzeugregalen wiederum mit Leichtigkeit erklären kann.

Drachenzähmen leicht gemacht 3: Die geheime Welt