Moloch

DAS FLÜSTERN IM MOOR

6,5/10


moloch© 2022 Splendid Film


LAND / JAHR: NIEDERLANDE 2022

REGIE: NICO VAN DEN BRINK

BUCH: NICO VAN DEN BRINK, DAAN BAKKER

CAST: SALLIE HARMSEN, ANNEKE BLOK, MARKOES HAMWER, AD VAN KEMPEN, EDON RIZVANOLLI, JACK WOUTERSE, ALEXANDRE WILLAUME-JANTZEN U. A.

LÄNGE: 1 STD 39 MIN


Sie sind schon faszinierend: Moorleichen, die Jahrhunderte – wenn nicht gar jahrtausendelang – luftdicht verpackt unter einer Torfschicht gelegen haben und dann, unter welchen Umständen auch immer, ans Tageslicht treten. Sobald dies passiert, sollte man vorsichtig damit umgehen – an der Luft beginnt die Zersetzung, und irgendwann sehen die friedlich schlafenden, braunhäutigen Zeitzeugen nicht mehr so moorfrisch aus wie im Moment ihrer Entdeckung. Am beeindruckendsten ist der in Dänemark gefundene Tollund-Mann, rund 2000 Jahre alt. „Fun Fact“ am Rande: Moorleichen sind nicht selten Menschenopfer. Die niederländische Horrormär Moloch macht sich diesen Umstand zu eigen und schenkt den gewaltsam aus dem Leben geschiedenen Zeitgenossen endlich die gebührende Screentime. Ist es zuerst nur eine Leiche, sind es später mehrere. Allesamt sind es Frauen aus unterschiedlichen Generationen, und allesamt tragen sie die erkennbaren Zeichen ihrer Tötung: Eine senkrecht aufgeschlitzte Kehle. Schaurig genug, das Ganze. Aber es kommt noch dicker.

Denn nahe dieses vor allem in der Dämmerungszeit nebelverhangenen mystischen Ortes wohnt die alleinerziehende Betriek mit ihrer Tochter bei ihren Eltern im Haus ihrer Kindheit. Diese dürfte, wie wir bereits in der ersten Szene des Filmes erfahren, nicht ganz so gewaltfrei abgelaufen sein. Im Keller des Hauses wird besagte Betriek nämlich Zeuge eines schaurigen Mordes, und Regisseur Nico van den Brink zögert auch nicht, hier gleich mit klassischen Elementen aus dem Horrorkino in die Vollen zu gehen. Blut rinnt von den Wänden, als wären wir bei Shining. Unmenschliche Geräusche durchdringen die Holzlatten, während sich das kleine Mädchen, vor Schreck erstarrt, die Ohren zuhält. Nach diesem Schrecken schaltet van den Brink wieder einen Gang zurück, um einen folkloristischen Spuk ins Rollen zu bringen, der tief verankert zu sein scheint in der niederländischen Sagenwelt, von der wir hier in Österreich wenig bis gar nichts wissen. Recherchiert man hier online, stößt man kaum auf irgendwelche Einträge, welche die Legende von Freike und Helen zum Thema haben – außer eben in Moloch, und so schließt sich der Kreis der Ahnungslosigkeit, hätten wir diesen Film nicht, der uns sogar anhand eines von Kindern aufgeführten Theaterstücks die ganze Phantastik aus dem Torfmoor näherbringt.

Mit dem Freilegen der in schmerzlicher Aufbäumung verharrten Leichen scheint auch ein Kreislauf in Gang getreten zu sein, der Betrieks Mutter fast das Leben kostet: Ein wildfremder Mann dringt ins Anwesen ein und setzt alles daran, die betagte Dame über den Jordan zu schicken. Warum tut er das? Wie es scheint, dürfte er von einer geheimnisvollen Macht dazu gezwungen worden sein. Das Opfer der Attacke zeigt sich allerdings nicht sonderlich verstört – irgendwie kommt die Begebenheit nicht nur Beitrik bekannt vor, die sich naturgemäß Sorgen macht und dem Grund für das Verhalten des Fremden auf die Spur kommen will. Dabei stößt sie auf eine ruhelose Macht, die in ihrem Pakt mit etwas noch Größerem gefangen zu sein scheint, während sich jenseits des Nebels eine ganz andere Entität ihren Weg in die traute Familienidylle bahnt.

Moloch – das ist weniger eine Großstadt, in dessen Chaos und Sünde man versinkt, sondern vielmehr eine mit Stierkopf dargestellte Versinnbildlichung von Opferriten aus der Antike des Nahen Ostens. Wie diese Symbolik Einzug in die Niederlande gefunden hat, ist zwar etwas weit hergeholt, aber soll so sein. Anscheinend gibt es diese Legende wirklich. Nico van den Brink zeigt sich begeistert von der Tatsache, die Faszination für Moorleichen mit zelebriertem Volksglauben zu verknüpfen, der als immerwährendes Tauziehen zwischen transzendenten Kräften inszeniert wird. In diesem Dilemma steckt eine Familie, die wahrlich so einige Tragödien durchmachen muss. Und dennoch, trotz der teilweise intensiven, manchmal auch etwas überhöhten Dramatik, bleibt Moloch zwischendurch so erstaunlich nüchtern wie ein durchschnittliches Familiendrama um Neuanfang und Verarbeitung von Traumata, das man womöglich anderswo mit mehr Gespür für zwischenmenschliche Interaktion hinbekommen hätte.

Manche Stimmen meinen, der niederländische Horror sieht seine entfernte Verwandtschaft in Ari Asters Hereditary – Das Vermächtnis, doch mit Sicherheit (und ohne, dass ich Hereditary kenne) bleibt Moloch viel eher den bewährteren Grusel-Versatzstücken treu – plakativ, versehen mit aufdringlichen Soundeffekten und etwas plumpen Jumpscares, die ein bisschen nerven, weil sie gar so mit der Tür ins Haus fallen. Dezente Schaurigkeit zu verbreiten ist nicht van den Brinks Stärke. Die liegt viel eher in der stimmig auserzählten Geschichte, die auf perfide Art zwar, aber in einer gewissen Makellosigkeit die letzten Konsequenzen akzeptiert. Wer also auf Moore, Nebel und darin herumgeisternde Gestalten steht, ist bei Moloch gut aufgehoben.

Moloch

Poltergeist (1982)

SPIELBERGS GEISTERBAHN

7/10


poltergeist© 1982 Metro Goldwyn Meyer


LAND / JAHR: USA 1982

REGIE: TOBE HOOPER

BUCH: STEVEN SPIELBERG, MICHAEL GRAIS, MARK VICTOR

CAST: JOBETH WILLIAMS, CRAIG T. NELSON, HEATHER O’ROURKE, DOMINIQUE DUNNE, OLIVER ROBINS, BEATRICE STRAIGHT, RICHARD LAWSON, MARTIN CASELLA, ZELDA RUBINSTEIN U. A. 

LÄNGE: 1 STD 50 MIN


Heuer zu Halloween sind all die Süßigkeiten schneller weggegangen als die Jahre zuvor. Halloween ist auch immer der Abend, an welchem Klassiker aus der Filmgeschichte den Vorzug vor neuem Content bekommen. In diesem Fall entschied ich mich, den kunterbunten Geisterklassiker Poltergeist aus der Mottenkiste zu holen – digital remastered wohlgemerkt. Kaum ein Horrorfilm kann von sich behaupten, mit einem eigenen Fluch belegt zu sein, der zwar etwas an den Haaren herbeigezogen wirkt und ein klarer Fall unglücklicher Koinzidenzen darstellt, aber dennoch schauriges Marketing bereitstellt, angesichts dessen ein besonders abergläubisches Publikum wohl zweimal um den Film herumschleichen wird, bevor es sich dazu entschließt, auch Teil davon zu werden: vom Terror des Poltergeists, der es angeblich nicht ganz so gerne gesehen hat, wenn echte menschliche Skelette dazu herangezogen werden, um einen ausgehobenen Swimmingpool zu füllen. Spielberg, Mastermind hinter diesem Klassiker, und Tobe Hooper sind aber, wie man weiß, dem Fluch entkommen. So manche Randfigur allerdings nicht. Und auch die kleine Heather O‘Rourke weilt nicht mehr unter den Lebenden.

Das blonde Mädchen ist die Kernfigur in diesem frühen Spukhaus-Grusler, der, anders als in Shirley Jacksons Bis das Blut gefriert, in der Gegenwart hipper Achtziger spielt und ein Haus zum Schauplatz nimmt, das wirklich nicht nach schlaflosen Nächten aussieht. Weder angestaubt noch antik, sondern direkt modern gestaltet sich das ebenfalls moderne Familienleben inmitten einer Reihenhaussiedlung irgendwo in Kalifornien. Nebst Heather O’Rourke ist der gute alte Röhrenbildschirm der elektronische Sidekick und das Fenster zur Welt. Wie sich bald herausstellen wird, nicht nur zu dieser. Flimmernde Fernseher, aus denen das Übel lockt, gibt’s ja später auch noch im Japan-Horror The Ring. Doch hier ist der Geist in der Maschine wohl nicht nur einfach so bedenklicher Home-Invasor. Zum Seitenhieb auf das Technologiezeitalter mag da bereits ausgeholt werden. Immerhin aber gabs den Sendeschluß, und tatsächlich startet Poltergeist mit der amerikanischen Hymne, bevor sich das Fernsehprogramm schlafen legt. Das darauffolgende Schneegestöber am Screen lockt die fünfjährige Carol Anne aus ihrem Bettchen. Der Anfang vom Ende eines trauten Eigenheims möge beginnen, denn eine unirdische Entität scheint stinksauer zu sein auf die Lebenden, die hier ihren Alltag leben als wäre es eine Sitcom.

Bald wissen wir: Das ist es gar nicht. Und die von George Lucas gegründete Firma Industrial Light & Magic hat sich dabei voll ins Zeug gelegt, um Lucas‘ BFF Spielberg jeden noch so wirren Wunsch von den Augen abzulesen, was praktische Effekte betrifft. Umgekehrt lässt dieser das Kinderzimmer der Filmkinder mit Star Wars-Merch füllen. Dank einer gelungenen Doku-Reihe auf Disney+, die sich eingehend mit den kreativen Köpfen dieser Firma beschäftigt, gewährt uns diese einen ausführlichen Blick hinter die Illusion des Ganzen. Und es scheint erstaunlich, mit welch einfachen, analogen Mitteln Effekte wie diese erzielt werden konnten. Ganz besonders die finale Nummer, auf die ich hier mit Rücksicht auf jene, die Poltergeist noch auf der Watchlist haben, nicht näher eingehen möchte. Klar ist Spielbergs Geisterbahnfahrt ein Horrorfilm – aber einer, der mit verspielter, geradezu kindlicher Neugier bunt gefärbtes Grauen aus dem Sack lässt. Woran erinnert mich das? Natürlich an Ghostbusters. Wenn man so will, dann ist Poltergeist wie Ghostbusters, nur ohne Ghostbusters, denn die standen, auch chronologisch betrachtet, noch nicht auf der Matte. Statt Vankman, Spengler und Co reichen diesmal Geisterjäger im Stile des Ehepaares Warren aus Conjuring die helfende Hand, und ja, ich komme nicht umhin, zu behaupten, dass der spätere Ghostbusters nicht unwesentlich von Spielbergs Szenario beeinflusst wurde. So richtigen Schrecken versprüht das Haunted-House-Erlebnis daher kaum. Wohl auch, weil manche Effekte dann doch schon in die Jahre gekommen sind. Und wenn schon: Die Wucht der paranormalen Kraft verbreitet das seltsame Gefühl eines Ausnahmezustands, das Gesetzen aus dem Jenseits folgt, von welchem wir Sterblichen aber keine Ahnung haben. Wenn die kleine Carol Anne mit seltsam verzerrter Stimme aus dem Äther um ihre Mama fleht, ist das gepflegter Grusel, der noch Wirkung zeigt. Und gerade in den Momenten, in denen das Grauen noch als harmloser Schabernack das Weltverständnis seiner Protagonisten hinterfragt, lässt sich ganz deutlich ein Konzept erkennen, das mit Leichtigkeit und Spielfreude ersonnen wurde. Diese Lust am Geschichtenerzählen besitzt Spielberg noch heute.

Tobe Hooper übrigens wird vier Jahre später mit Invasion vom Mars noch einen kleinen, fiesen Science-Fiction-Grusler nachlegen, der sein Gespür für Mystery und pittoreske Monster abermals bestätigt.

Poltergeist (1982)

Monstrous

ZU NAH AM WASSER GEBAUT

6/10


monstrous2© 2022 capelight pictures


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: CHRIS SIVERTSON

CAST: CHRISTINA RICCI, SANTINO BARNARD, COLLEEN CAMP, LEW TEMPLE, NICK VALLELONGA U. A.

LÄNGE: 1 STD 28 MIN


Noch bevor Olivia Wilde mit ihrer zweiten Regiearbeit Don’t Worry, Darling die 50er-Jahre wieder mal als etwas erklärt hat, was nicht der ganzen Wahrheit entsprechen kann, weil die aufgeräumte Glückseligkeit dieser Hausfrauen-Epoche wirklich nicht der Weisheit letzter Schluss vor allem für Frauen sein kann, begab sich bereits Ex-Wednesday Christina Ricci im himmelblauen Cadillac an die Grenzen ihrer Wahrnehmung: Monstrous nennt sich der Psychotrip, und es lässt sich mit diesem Titel bereits erahnen, wohin das führt. Als monströs lässt sich allerdings auch das Sein hinter dem Schein von Florence Pughs Desperate Housewives-Dasein definieren – also führen die Vermutungen auch für diesen Film in verschiedene Richtungen. Das Key Visual zur Bewerbung des Schauerdramas gibt allerdings mehr preis, als uns Zusehern wohl lieb gewesen wäre, doch es gibt dennoch so einiges in der Twilight-Zone dazwischen, dass wir vielleicht nicht ganz so vermutet hätten.

Zumindest erweckt alles mal den Eindruck, als wäre lediglich Christina Ricci als alleinerziehende Mutter, die in einem Haus am Rande einer Kleinstadt in Kalifornien Zuflucht sucht, in dieser pastelligen 50er Jahre-Blase gefangen. Beide – Mutter und Sohn – wollen den Launen des gewalttätigen Ehemannes entgehen und hier, in dieser Einschicht nahe eines Weihers ein neues Leben beginnen. Dummerweise haben Lauras Eltern dem Gatten die neue Anschlussnummer verraten – also meldet sich dieser immer wieder und bittet um Vergebung. Ein Umstand, der Laura aus ihrem Heile Welt-Setting holt. Und da ist dann noch ihr kleiner Junge, der in diesem alten Anwesen immer wieder unter Albträumen leidet und sich so gut wie sicher ist, dass in diesem Gewässer unweit des Hauses ein Monster lebt, dass sich allnächtlich ins Haus schleicht, um Cody zu quälen.

All diese Versatzstücke ergeben das abgerundete Bild einer Schauergeschichte, wie sie M. Night Shyamalan wohl erfinden würde oder vielleicht auch Guillermo del Toro. In Kreaturen aller Art ist letzterer sowieso schwer verliebt, und auch die Brücke vom Monströsen zum Übersinnlichen wurde nicht erst seit Crimson Peak geschlagen. In Monstrous vereinigen sich ebenfalls beide Komponenten, und es wäre aus meiner Sicht tatsächlich nicht ratsam, weitere Vergleiche heranzuziehen, denn auch wenn sich für Chris Siverstons Regiearbeit so manche vergleichbare Beispiele geradezu aufdrängen, würde jede weitere Erwähnung zu viel verraten. Ich kann nur so viel sagen, dass Christina Ricci als einsame, und natürlich auch desperate Hausfrau eine gute Figur macht. Ihr akkurates Erscheinungsbild in Szenen, die an Werbeplaketten damaliger Zeiten erinnern, als so manches hilfreiche Küchengerät neu auf den Markt kam, setzt einen verwirrenden Kontrapunkt zu einer schwer deutbaren Heimsuchung, die sich natürlich nicht auf Conjuring-Niveau begibt, das Herz nicht zum Rasen bringt und auch so gut wie keine Jumpscares auf Lager hat. Monstrous will etwas ganz anders erzählen, als nur verschrecken oder Geister herbeirufen, die es nicht gut meinen würden.

Die Geschichte nimmt trotz all des Phantastischen plausible Wendungen, um dorthin zu gelangen, wo Monstrous hinmöchte: zum etwas umständlich erzählten, aber ganz anderen Mutter-Sohn-Melodram, dass mit Traumata, Verlust und Erkenntnis zu tun hat. Dass sich aber an bereits etablierten und ruhmreichen Genreperlen bedient. Ungeniert zwar, aber auf eine Weise, die bereits Bekanntes geschickt zusammenmontiert. Und zwar so, dass man dem Film kaum vorwerfen kann, nicht genügend eigene Ideen gehabt zu haben.

Monstrous

Die Tanzenden

EINE FLOG ÜBERS KUCKUCKSNEST

5,5/10


dietanzenden© 2021 Amazon Prime Video


LAND / JAHR: FRANKREICH 2021

REGIE: MÉLANIE LAURENT

CAST: LOU DE LAÂGE, MÉLANIE LAURENT, EMMANUELLE BERCOT, BENJAMIN VOISIN, CÉDRIC KHAN, MARTINE CHEVALLIER U. A.

LÄNGE: 2 STD 2 MIN


In der Comicverfilmung The Umbrella Academy beherrscht einer des mit ungewöhnlichen Fähigkeiten ausgestatteten Ensembles an Weltrettern die Gabe, mit den Toten zu kommunizieren. Haley Joel Osment konnte das in The Sixth Sense ebenfalls mit Bravour. Ende des neunzehnten Jahrhunderts wäre das allerdings ein Fall für die Klapsmühle gewesen. Im französischen Roman Le bal des folles von Victoria Mas hadert eine junge, unverheiratete Dame ebenfalls mit so einem paranormalen Benefit. Eugénie kann die Toten hören und mitunter auch sehen. Sie spürt ihre Anwesenheit und behält den Umstand natürlich lange für sich. Bis es einmal so weit kommt, und Eugénie ihre Fähigkeiten dafür nutzt, ein lange verloren geglaubtes Erbstück der Familie wiederzufinden. Den Hinweis hat sie von ihrem toten Opa.

Mehr hat Eugénie nicht gebraucht – ihrem Vater platzt bei so viel Mysterium der Kragen und so steckt dieser die Tochter kurzerhand in eine Heilanstalt für psychisch erkrankte Frauen, von denen maximal eine Handvoll der Internierten wirklich pathologische Gründe für ihr Dasein hat. Das weiß auch Krankenschwester Geneviève (Mélanie Laurent), die trotz anfänglich gewahrter Distanz Eugénie immer näherkommt, sich bald von ihrer tatsächlichen Gabe überzeugen kann und darauffolgend ihre Flucht plant.

Mélanie Laurent, international bekannt geworden mit Quentin Tarantinos Inglourious Basterds, ist mit Herzblut nicht nur als Schauspielerin beim Film, sondern längst auch schon als Regisseurin. Ihr Roadmovie Galveston mit Ben Foster zum Beispiel ist dabei zwar kein Meisterwerk, aber immerhin eine achtbare Arbeit geworden, die gesellschaftlichen Außenseitern als melancholisch-traurige Ballade begegnet. Auch ihre Literaturverfilmung unter dem Titel Die Tanzenden widmet sich geheimnisvollen Randfiguren, die im Normalfall und in Zeiten wie diesen keinerlei Rückhalt hätten. In einem Filmdrama mit Metaebene darf vor allem die Rolle der Frau und ihre Streben nach Selbstbestimmung nicht ohne dramaturgisch konstruierte Unterstützung einfach so verhallen. Den Widerstand gegen die soziale Ordnung beschreibt Laurent, in dem sie weit ausholt und in langsamem Rhythmus einen womöglich auch nicht gerade seitenarme Buchvorlage beschreibt, die über weite Passagen hinweg eher durch seine konventionelle Erzählweise ermüdet als fasziniert. Einen nicht unwesentlichen Beitrag zur Behäbigkeit des Historiendramas leistet Schauspielerin Lou de Laâge, welche die paranormal begabte Eugénie verkörpert, die emotionale Gewichtigkeit ihrer Rolle aber nur selten stemmen kann. Verzweiflung, Panik, Angst: alles nur scheinbar. Nähe zum Publikum findet die Französin keine. Da kann Laurent selbst als Co-Star wohl auf authentischere Weise ihrer Rolle entsprechen.

Leicht ist die feministische Vorlage sicher nicht. Vielleicht gar eine Nummer zu groß. Das Zeitkolorit, Kostüme und genug Spielraum zur Beobachtung damaliger Umstände in einer Nervenklinik faszinieren aber dennoch. Fast scheint es, als wäre Eugénie ein Pendant zu Nicholsons MacMurphy in Einer flog übers Kuckucksnest – als nonkonformer Rebell, der sich gegen den erduldeten Starrsinn eines Systems auflehnt. In Die Tanzenden geht’s pittoresker zu – dafür bleibt die Metapher eines ausgemachten Endgegners zu wenig präzise, wenn nicht gar eher klischeehaft umrissen.

Die Tanzenden

The Black Phone

WENN DIE TOTEN ZWEIMAL KLINGEN

7/10


The Black Phone
© 2022 UNIVERSAL STUDIOS. All Rights Reserved.

LAND / JAHR: USA 2022

BUCH / REGIE: SCOTT DERRICKSON, NACH EINER KURZGESCHICHTE VON JOE HILL

CAST: ETHAN HAWKE, MASON THAMES, JEREMY DAVIES, JAMES RANSONE, MADELEINE MCGRAW U. A. 

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Wenn Jugendliche im Schulterschluss gegen das Böse kämpfen, kommt einem derzeit natürlich sofort Stranger Things in den Sinn. Wenn nicht Stranger Things, dann zumindest Stephen Kings Es. Der Manifestation panischer Ängste in Gestalt eines zähnefletschenden Clowns konnte Bill Skarsgård unter der Regie von Andrés Musschietti neues Grauen einhauchen, allerdings trieb das Böse hier auf keinem Boden der Tatsachen sein Unwesen, sondern im Genre des phantastischen Horrors. Dort stehen seit jeher unbedarfte, von den Härten des realen Leben noch weitgehend verschonte Kids im Fokus der dunklen Mächte. Denn: Irgendwann zieht irgendwo immer etwas Paranormales ein Kind auf die andere Seite.

Scott Derrickson lässt das Phantastische außen vor. Er probiert es von der anderen Seite. Und krempelt die gesetzte Ordnung von Metaphysischem und Irdischem ordentlich um. Sein Psychothriller The Black Phone zeigt das Böse in Gestalt eines maskierten Mannes, der für jede Situation die richtige Visage hat. In diesem Thriller, der Ende der Siebziger in irgendeiner Kleinstadt spielt (wo sonst?), treibt dieser Grabber sein Unwesen. Ein finsterer Geselle mit schwarzem Lieferwagen, der Kinder, vornehmlich Buben, von der Straße wegzerrt und schwarze Luftballone am Tatort hinterlässt. Ein Psychopath mit System. So wie Kindermörder M aus Fritz Langs gleichnamigem Klassiker. Eines Tages trifft es den jungen Finney, der ohnehin eine schwere Kindheit mit sich herumschleppen muss. Die Mutter verstorben, der Vater Alkoholiker, in der Schule mobben die Halbstarken. Einzig Schwester Gwen, die in ihren Träumen in die Zukunft sieht, gibt ihm Halt. Als sich Finney jedoch im Keller des bösen Mannes auf sich allein gestellt sieht, läutet ein kaputtes, schwarzes Telefon. Am Apparat: Das Jenseits. Es gilt: Kein Anschiss unter dieser Nummer. 

Klingt extrem gruselig. Ist es aber nur manchmal. Denn, wie schon gesagt, dreht Derrickson den Spieß um. Aus einem paranormalen Horrorfilm im Gewand eines Krimis wird ein durchwegs düsterer, in schmutzig-rostigen Brauntönen gefilmter Entführungsfall, der in seiner desillusionierenden Machart an David Finchers Zodiac erinnert, allerdings durchsetzt mit paranormalen Elementen. Peter Jacksons Jenseits-Thriller In meinem Himmel mit Saoirse Ronan kommt ebenfalls hin, nur bleibt von bunten Seifenblasen und einer CGI-Wunderwelt nichts mehr übrig. Derrickson macht auf Aktenzeichen XY ungelöst, bleibt puristisch, ungeschönt und karg. Ethan Hawke, dessen Verhalten mit keinerlei psychologischen Erklärungen untermauert wird und der als finsteres wie plakatives Abziehbild eines vorsätzlichen, allerdings auch recht generischen Verbrechers seine wohl böseste Rolle verkörpert, kaspert bedrohlich durchs Halbdunkel. Ein gesichtsloses Schreckgespenst, vor welchem Kinder wie vorm schwarzen Mann händeringend vor die Knie gehen oder sich hinter dem Rockzipfel der Mutter verstecken, wäre sie hier.

Doch all diese Gestalten, bösen Männer und Psychopathen, die sollen zum Teufel gehen. Das ist dort, wo die Geister in diesem Film nicht sind. Wenn Finney seine Tipps von all jenen erhält, die der Grabber über die Klinge springen ließ, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis man Finney und seine Schwester, die durch ihre Träume versucht, ihren Bruder zu finden, im Stillen anfeuert. Dabei zeigt Derrickson viel Mitgefühl für seine Protagonisten und entwirft mit ruhiger Hand ein Szenario des morbiden, leisen Schreckens hinter und vor verschlossenen Türen – aber auch einen so beharrlichen wie berührenden Siegeszug der Verlorenen, die nicht umsonst gestorben sein wollen.

Kinder sind zäh. Lassen sich kaum unterkriegen oder brechen. Sind resilienter als Erwachsene und greifen auf ein Spektrum helfender Imaginationen zurück, die entweder eine ganz neue, irreale Welt erzeugen – oder mit einer existierenden, verborgenen Dimension in Verbindung treten. Und: Sie haben einen langen Atem. Alles Dinge, womit das Böse nicht rechnen will. Und zwar aus reiner Überheblichkeit.

The Black Phone

Ghostbusters: Legacy

FERIALPRAKTIKUM IM GEISTERFANGEN

6,5/10


ghostbusters_legacy© 2021 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH


LAND / JAHR: USA 2020

REGIE: JASON REITMAN

CAST: MCKENNA GRACE, FINN WOLFHARD, LOGAN KIM, PAUL RUDD, CARRIE COON, BOKEEM WOODBINE, CELESTE O’CONNOR, DAN AYKROYD, BILL MURRAY, ERNIE HUDSON, TRACY LETTS, ANNIE POTTS U. A. 

LÄNGE: 2 STD 5 MINUTEN


Einfach nur Fan-Service oder wirtschaftliches Kalkül? Was treibt die Studios wohl schon eine ganze Dekade lang dazu an, bewährte Kult-Franchises aus den Achtzigern immer wieder aufzuwärmen und wiederzubeleben, manchmal schlechter, manchmal besser? Nur Spaß an der Freude kann es nicht sein – es ist das Arbeiten mit Formeln und erfolgsversprechenden Parametern, die auf alle Fälle jene Generation an Kinogehern abholen sollen, die mit Stars Wars, Terminator, Ghostbusters und Co aufgewachsen sind. Es ist, als würde man auf einer niemals enden wollenden Comic-Convention all jenen Figuren aus den geliebten fiktiven Realitäten begegnen, an die wir uns gerne erinnern. Manchmal ist die Aufmachung lächerlich, manchmal aber atemberaubend gut ausgearbeitet.

Die vier Kerle, die im Manhattan des Jahres 1984 eine sumerische Gottheit mit dem überdimensionalen Marshmallowman in ihre Schranken verwiesen, haben mit nur zwei Filmen und einer Animationsserie ein unverwechselbares, für sich allein stehendes Universum erzeugt, dass Geister nicht als das hässliche Böse wie in Conjuring oder Insidious darstellt, sondern als familientaugliches, buntes Geisterbahn-Bestiarium zwischen pummeligen Allesfressern und finster dreinblickenden Machthungrigen, die ihren eigenen Tempel oder ihr eigenes Gemälde mitbringen. Das ist mehr Fantasy als Grusel, und genau diese recht unbekümmerte, in ihren Dosen nicht zu verändernde Verbindung macht es aus, das Ghostbusters quer durch alle Altersschichten und Geschmacksrichtungen funktioniert. Stranger Things hat das Ganze dann noch mit der Spielberg´schen Mystery kombiniert, die natürlich viel ernster daherkommt – hier weicht der Spaß am Bannen knautschiger Monster einer beklemmenden Paranoia.

Zum Glück macht Jason Reitman kein Zugeständnis in irgendeine andere Richtung, und auch nicht in Richtung Klamauk, wie die Damenrunde aus dem Jahr 2016. Anscheinend geht das nur, wenn man wirklich und ohne Umschweife Bezug nimmt auf das Original. Um sich dann vielleicht loszulösen. In Ghostbusters: Legacy (hätte eigentlich letztes Jahr ins Kino kommen sollen) erbt die Tochter des Geisterjägers Egon Spengler (Harold Ramis, 2014 leider tatsächlich verstorben) dessen Grund und Boden irgendwo im Nirgendwo nahe einer Kleinstadt. Das Gemäuer erinnert an das Haus der Addams, und mehrere Holzverschläge bergen wohl erinnerungswürdige Artefakte und Gegenstände, die wir alle kennen sollten. Die Enkelin Phoebe ist so klug wie ihr Opa und kommt in den Sommerferien dem wahren Geheimnis ihres Verwandten auf die Spur, das mit der Einsicht endet: Geister gibt es wirklich. Und was für welche. Längst verbannt geglaubte Gottheiten quälen sich an die Oberfläche, und Phoebe, ihr Bruder Trevor (Stranger Things-Star Finn Wolfhard) und der schräge Nerd Podcast treten in die Fußstapfen jener, die zuletzt vor mehr als dreißig Jahren den Schleim von ihren Schultern wischten.

So baut man ein Erbe auf. Jason Reitman macht anfangs alles richtig, setzt auf Stimmung, gute Bilder und einem phänomenalen Cast, der mit Mckenna Grace (auch bekannt aus der Serie Young Sheldon) wirklich ins Schwarze getroffen hat. Die drei Freunde sind längst keine austauschbaren, gestelzt vor sich hin agierenden Jugendlichen mehr, wie zum Beispiel in Filmen wie Das schaurige Haus. Das sind Charakterköpfe, die noch mehrere Fortsetzungen tragen könnten, sollte es welche geben. Da ist Teamgeist, Individualismus und Herzlichkeit drinnen, wie bei den Vieren von damals. Bis es so weit kommt, und die Truppe ihren Einstand feiert, nimmt sich Reitman viel Zeit, um all das Drumherum und auch die Bedürfnisse der Fans und Popkultur-Nostalgiker mit Liebe und Geduld zu stillen. Dabei entgleitet ihm die Zeit, das Timing kippt. Viel bleibt nicht mehr, um die Geschichte auszuerzählen. Viel zu spät lenkt der Höhepunkt den Film in die Zielgerade. Was folgt, ist ein gehetzter Showdown, der im Vergleich zu allen anderen Filmen enttäuschend wenig spukende Artenvielfalt in petto hat. Das ist dann doch ein bisschen mager. Etwas einfallslos auch das Rezitieren des Originals in zwar anderem Umfeld (von der Stadt aufs Land), aber in genau derselben Abfolge wie damals. Überraschungen gibt es keine, man hält sich an das Spiel der Jungdarsteller, während das Meet & Greet mit bekannten Gästen wie ein halbherziger, pflichtbewusster Bühnen-Gig wirkt.

Einerseits schade, hier nicht gleich mit dem Ecto 1 die erste Kurve genommen zu haben. Andererseits aber macht Kennern die alte neue Hommage an ein Genre-Phänomen großen Spaß, und ja, es ist wie auf einer Comic Con – das Fanherz schlägt höher, ganz von allein. Allerspätestens bei Ray Parkers One-Hit-Wonder.

Ghostbusters: Legacy

Last Night in Soho

EIN HORROR WIE DAMALS

7/10


lastnightinsoho© 2021 Universal Pictures International Germany

LAND / JAHR: USA, GROSSBRITANNIEN 2021

BUCH / REGIE: EDGAR WRIGHT

CAST: THOMASIN MCKENZIE, ANYA TAYLOR JOY, MATT SMITH, DIANA RIGG, TERENCE STAMP, RITA TUSHINGHAM U. A.

LÄNGE: 1 STD 57 MIN


Zum ersten mal ist mir Thomasin McKenzie in Debra Graniks Aussteigerdrama Leave No Trace aufgefallen – und von da an gab’s kein Zurück mehr: Die junge Dame zählt mittlerweile zu den herausragenden Naturtalenten im Kino. Jetzt verbündet sie sich in Edgar Wrights neuestem Streich mit einer nicht weniger begabten Größe: Anya Taylor-Joy, den meisten wohl bekannt aus der Netflix-Miniserie Das Damengambit. Mit Esprit, Ausstrahlung und einem Sinn für Extravaganz meistert die junge Dame jedes Genre. Sie und McKenzie ergänzen sich auf einnehmende Weise, und dieses Double Impacts ist sich Wright jedenfalls so sehr bewusst, dass er um die beiden herum einen Film schneidert, der nicht nur die Puppets on a String tanzen lässt, sondern auf so leidenschaftliche Art Retro ist, dass man glatt vermuten könnte, ob Last Night in Soho nicht ein verschollen geglaubtes Machwerk aus der Hochzeit des Psychothrillers sein kann. Ist es natürlich nicht, aber Wright tut so als ob. Und es gelingt ihm.

Dabei verbeugt er sich bis zu den Schuhspitzen vor einem Meister, der nach Hitchcock wohl am besten verstanden hat, die bedrohliche Metaphysik der Wahrnehmung auf versponnene junge Damen (und auch Herren) niedersausen zu lassen: Roman Polanski. Da gab es eine Zeit, da war eines seiner perfiden Horrorszenarien besser als das andere. Ekel mit Catherine Deneuve zum Beispiel – die Studie einer labilen Persönlichkeit, die dem Wahnsinn verfällt. Der Mieter mit Polanski himself, der von seiner Wohnung in den Selbstmord getrieben wird. Mia Farrow in Rosemaries Baby hat‘s da gleich mit dem Teufel zu tun – oder doch nicht? Thomasin McKenzie als Eloise, die Unschuld vom Land, bildet das bisherige Ende einer Reihe denkwürdiger Auftritte. Von Mode und der Musik aus den Sechzigern fasziniert, reist sie nach London, um eine Fachschule zu besuchen. Dabei bezieht sie ein Zimmer im berühmt-berüchtigten Viertel Soho. Dieses Zimmer jedoch schleust sie des Nächtens in eine andere Zeit, nämlich in die Sechziger, um den Spuren der aparten Sandy zu folgen, die sich in einem Tanzlokal als Sängerin bewirbt. Das fängt alles ganz gut und schön an, und Eloise träumt sich gerne in die andere Welt, in der sie mitunter auch die Rolle der swingenden Blondine übernimmt. Doch irgendwann kippt das Ganze, und plötzlich ist die gute alte Zeit aus eleganten Kleidern, rhythmischer Musik und hochgesteckten Frisuren nicht mehr so das Gelbe vom Ei. Und all die Schwärmerei nimmt unangenehme Ausmaße an.

Mit Musik geht bei Wright immer alles besser. Das hat er schon in Baby Driver bewiesen. In Last Night in Soho (der Titel bezieht sich auf einen Song der Band Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich) sind nicht nur blinkende Neonreklamen, regennasse Straßen und darauf brummende Oldtimer die Kulisse für einen Paranoia-Thriller wie diesen, sondern eben auch der 60er Sampler, der mit sowohl unbekannten als auch ganz bekannten Stücken wie Petula Clarks Downtown eine immense Stimmung erzeugt, und zwar auch in Szenen, in denen Schreckliches mit lieblichem Sound konterkariert wird. Alles in diesem nostalgischen Grusel ist Kulisse, und das muss auch so sein: Wright will die Demaskierung einer verklärten Ära, in denen Frauen im Püppchen-Outfit den lüsternen Avancen eines uniformierten schlipstragenden Patriarchats willenlos ausgeliefert waren. #Metoo war da weit entfernt. Was für ein Jagdrevier wäre das für Carey Mulligans Figur aus Promising Young Woman gewesen? Doch die führt erst Jahrzehnte später unverändert unverhohlene Geilspechte an der Nase herum, während McKenzie erst lernen muss, was es hieß, als Frau Erfolg haben zu wollen.

Last Night in Soho orientiert sich auch an Werken von Nicolas Roeg oder sogar Quentin Tarantino, der mit Once upon a Time…in Hollywood die idealisierten Siebziger vorgeführt und dabei den Mut hatte, verklärtes Zeitkolorit intelligent zu untergraben. Wright tut das auch. Doch genug ist ihm das nicht. Mit ganz viel überzeichnet-schaurigem Hokuspokus bekleckert er seinen feministischen Thriller, der letzten Endes zwar nicht die Strategien kluger Wendungen neu konzipiert, seine beiden Stars aber in bevorzugt rotem Licht und mit viel Liebe fürs Zitat über einen Laufsteg des Grauens irren lässt.

Last Night in Soho

Das schaurige Haus

WENN’S DIE JUNGEN GRUSELN SOLL

5/10


schaurigehaus© 2020 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: ÖSTERREICH, DEUTSCHLAND 2020

REGIE: DANIEL PROHASKA

CAST: LEÓN ORLANDIANYI, BENNO ROSSKOPF, JULIA KOSCHITZ, MARII WEICHSLER, LARS BITTERLICH, INGE MAUX U. A.

LÄNGE: 1 STD 39 MIN


In Horror- und Gruselfilmen werden Kinder stets als die Neugierigen voraus ins Feld geschickt – und kommen folglich schön brav zum Handkuss. Sie werden dabei zum Medium oder ganz einfach hinter die Mattscheibe eines Röhrenfernsehers gezogen, wie es anno dazumal der gute alte Poltergeist getan hat. Meist sitzen die Kids dann in rotierenden Betten oder sind die ersten, die aufgrund ihrer kindlichen Unbedarftheit und Unreife am leichtesten Zugang haben in die Welt des Paranormalen. Kinder sind dabei aber nie die Zielgruppe, die ihren Altersgenossen dabei zusehen dürfen, wie sehr sie mit dem Spuk auf Tuchfühlung gehen. Das ist fast schon unfair. Und das meine nicht nur ich, sondern auch Buchautorin Martina Wildner, die mit ihrem Provinzgrusler Das schaurige Haus den Leseplan an den gymnasialen Unterstufen beeinflusst. Anders als bei den 3 Fragezeichen sind diese Satzzeichen immerhin zu viert und noch dazu tatsächlich mit etwas Übernatürlichem konfrontiert, was bei Justus, Peter und Bob letzten Endes leider niemals der Fall war. Nobel, den Nachwuchs dazu zu bringen, sich auf die Wirklichkeit zu verlassen – doch ein bisschen Faktor X schadet nie. So auch hier nicht. Und es hat auch nicht lange gedauert, bis Das schaurige Haus auf die Leinwand kam. Dank Corona war eine Kino-Auswertung fast nicht möglich – folglich hat sich Netflix (wer sonst?) die Vertriebsrechte geholt, mit dem Wermutstropfen, dass diese für Minderjährige adäquate Dosis des Schaurigen im dunklen Kino wohl weitaus besser zur Geltung gekommen wäre als daheim in vertrauter Umgebung des Wohnzimmers. Doch vielleicht ist das besser so. Dann muss die Elternschaft des Nächtens nicht mit dem Nachwuchs aufs Klo.

Dabei fühlt sich anfangs wirklich alles an wie ein klassisches Jugendabenteuer zwischen Enid Blyton und den Goonies. Schauplatz ist – anders als im Roman – das österreichische Bundesland Kärnten, und im beschaulichen Dorf Bad Eisenkappel bezieht der Halbwaise Hendrik mit Mutter und Bruder ein wenig einladendes Gemäuer – als Zwischenlösung wohlgemerkt. In diesem Gemäuer ist, wie der Titel schon sagt, gar nichts auch nur irgendwie koscher – und folglich legt der kleine Bruder schon bald seltsame Anwandlungen an den Tag. Es dauert nicht lange, da sind die neugierigen Nasen einem düsteren Geheimnis auf der Spur, der die verblichenen Vermieter des Hauses einfach nicht ruhen lässt.

Regisseur Daniel Prohaska, bislang vorwiegend im TV vertreten, und da wiederum vorrangig als Filmeditor, hat für diesen durchaus zum Gruselthriller ausbaubaren Stoff einen entsprechenden Kompromiss geschlossen. Auch hier heisst es: gebt den Horror mit Kindern den Kindern selbst. Klarerweise sind da nicht die Jüngsten gemeint, sondern angehende Teenies, die nicht unbedingt die große Herausforderung suchen, die vielleicht Stephen Kings Es bieten würde. Prohaska streut bewusst nur wenige zarte Schocks (eigentlich gar keine) und setzt vermehrt auf Schauermomente, die anstatt Jumspscares einfach eine stimmige Atmosphäre erzeugen. Das gelingt durchwegs – weniger prickelnd und viel mehr in sperriger Phlegmatik versunken sind die Jungdarsteller. Selbst Julia Koschitz bleibt enttäuschend blass, so, als wären Geister das Alltäglichste auf der Welt. Skurriles Sahnehäubchen des Films ist Lars Bitterlich mit Brille und Howard Wolowitz-Gedächtnisfrisur, der stellvertretend für alle den Spirit einer motivierten Clique atmet, die das Abenteuer ihres Lebens besteht. Vielleicht hat sich Prohaska zu sehr darauf konzentriert, eben diese gefundene Balance tunlichst zu halten, damit der Grusel nicht zu sehr in Richtung Horror kippt. Nebelschwaden, schwarze Augen und obskures Gekrakel an den Wänden sind da die Hauptattraktionen des paranormalen Jugendkrimis, das Übrige gerät zum Üblichen aus dem serienstilistischen Fernsehfundus für das routinierte Nachmittagsprogramm.

Das schaurige Haus

Things Heard & Seen

GEISTER, DIE ZUR HAND GEHEN

4/10


thingsheardandseen© 2021 Netflix

LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: SHARI SPRINGER BERMAN & ROBERT PULCINI, NACH DEM ROMAN VON ELIZABETH BRUNDAGE

CAST: AMANDA SEYFRIED, JAMES NORTON, NATALIA DYER, F. MURRAY ABRAHAM, RHEA SEEHORN, KAREN ALLEN, MICHAEL O’KEEFE, ALEX NEUSTAEDTER U. A. 

LÄNGE: 1 STD 59 MIN


Ich bin zwar keiner, der das Horrorgenre zu seinem liebsten zählt, aber zumindest jemand, der Filme wie Das Waisenhaus oder The Others sehr zu schätzen weiß. Weil sie das Parapsychologische ernst nehmen, und nicht nur auf Angst setzen, wie es gefühlt 99 Prozent all dieser anderen Filme tun. Das wäre für mich zu platt – viel interessanter ist stattdessen der relativ wertfreie Zugang in ein längst nicht wissenschaftlich untermauertes Mysterium an interdimensionalen Interaktionen, deren Ursachen und vielleicht auch deren Heilung. Die eingangs erwähnten beiden Filme sind aus meiner Sicht schwer zu erreichende Meisterwerke, in sich stimmig und wunderbar auserzählt. Das kribbelnde Unwohlsein, dass in diesen Werken entsteht, ist auf den Zustand des Nichtwissens zurückzuführen, die damit einhergehende sprichwörtliche Gänsehaut geradezu etwas Schönes, Bereicherndes, weil sie so eng mit kindlicher Neugierde verbunden ist. Ich will vor diesem Mysterium nicht davonlaufen müssen, sondern die Möglichkeit haben, den Mut dafür aufzubringen, diesem zwischenweltlichen Intermezzo entgegengehen zu dürfen.

Diesen Mut muss man allerdings bei Things Heard & Seen nicht aufbringen. Dies wäre vielleicht zu vermuten, doch am Ende der Nacht mit all seinen Spukgestalten ernüchtert die Erkenntnis, dass dieser Film ganze Dimensionen weit davon entfernt ist, die Klasse von Das Waisenhaus oder The Others zu erreichen – obwohl das Potenzial zumindest anfangs gegeben wäre. Denn wir haben, was das Setting betrifft, den für einen Gruselfilm wohl besten Ort gefunden: ein altes Gebäude, am besten im Nirgendwo und abseits von urbanem Geschehen. In so ein Gemäuer zieht Künstlerin Catherine (mit staunenden Augen, aber sehr souverän: Amanda Seyfried) gemeinsam mit ihrer Familie, weil Gatte George in der naheliegenden Uni eine vielversprechende Professur als Kunsthistoriker ergattert hat. Es scheint alles eitel Wonne zu sein, das Haus wird renoviert und geputzt – allerdings nicht gründlich genug, denn einige Zeit später findet Catherine das völlig staubfreie (wie das?) Exemplar einer alten Bibel, in denen die Namen der verstorbenen Bewohner aufgelistet sind. Einige davon sind durchgestrichen, mit dem Vermerk: Verdammt! Jetzt wird’s paranormal. Denn Catherine beginnt, die titelgebenden Dinge zu sehen, zu riechen und zu hören. Gediegene Geistererlebnisse mit allen Sinnen. Wie gesagt: vielversprechend, wenn es nun tatsächlich darum geht, steinalte Flüche zu bannen oder Seancen abzuhalten. Gothic-Grusel für retroaffine Neuzeitler.   

Doch sobald sich das Gefühl Bahn bricht, es nicht mit rechten Dingen zu tun zu haben, ist das Feeling auch schon wieder verschwunden. Was ist passiert? Ehrlich gestanden: je länger der Film dauert, umso weniger hat man eine Ahnung, wohin das ganze Szenario hinstrebt. Dem nicht zwingend böswilligen Vier-Wände-Horror schenkt das Regieduo Shari Springer Berman und Robert Pulcini viel zu wenig Beachtung, dafür aber schlagen sie sehr bald die Richtung hin zu einem an den Nackenhaaren herbeikonstruierten, relativ altbackenen Home-Terror-Thrillers ein, in dessen Mittelpunkt James Norton als Vater, Ehemann und ehrgeiziger Kunstkenner eine punktgenau unsympathische Filmfigur abgibt. Das große Problem an Things Heard & Seen ist aber nicht er, sondern die Plausibilität menschlichen Verhaltens. Die ist nicht gegeben. Es entsteht zwar während der Sichtung eine gewisse Kurzweil, und ja: man wartet von Minute zu Minute immer dringender auf die Auflösung des ganzen. Die hintereinander einfallenden, platten (und szenenweise ernüchternd vorhersehbaren) Wendungen jedoch verwirren das Gruselstelldichein, das eigentlich gar keines sein will, zusehends. Das Flüstern des Geistes, dessen Inhalt zur Klärung des Sachverhaltes vielleicht beitragen würde, ist so gut wie nicht zu verstehen, das nebulöse Durcheinander an Normalem und Paranormalem und Abnormalem verknotet sich zu einem hilflosen Ringen um Stil und Atmosphäre. Die metaphysische Allegorie als Schlusspunkt frohlockt dann nur noch mit hausierender Geheimniskulisse. Einzig Amanda Seyfried kämpft sich aus der verschwurbelten Tragödie und bleibt in guter Erinnerung, während der ganze unbefriedigende Rest am Ende dieser Nacht nur noch auf den Geist geht.

Things Heard & Seen

Scary Stories to Tell in the Dark

AUF DEN GEIST GEGANGEN

6,5/10

 

scarystories© 2019 Twentieth Century Fox

 

LAND: USA 2019

REGIE: ANDRÈ ØVREDAL

CAST: ZOE MARGARET COLLETTI, MICHAEL GARZA, AUSTIN ZAJUR, AUSTIN AMBERS, GABRIEL RUSH, DEAN NORRIS U. A.

LÄNGE: 1 STD 47 MIN

 

Horror ist ja nicht so meins. Vor allem jener, der durch die Hintertür kommt und sich auf die Amygdala setzt. Gar nicht gut. Allerdings muss ich in diesem sehr facettenreichen Genre manches nachjustieren und durchaus auch Ausnahmen machen. Horror, der kann auch recht ansprechend sein. Und Horror ist dann, wenn er sich vermehrt im Subgenre des Grusels verirrt, etwas, das mich neugierig macht. Die Gespensterperle Das Waisenhaus hat mir wieder mal gezeigt: Horror verortet sich sehr subjektiv in der eigenen Lebenserfahrung, macht aber auch gleichermaßen Mut, dem eigenen Ich mal ein paar unbequeme Fragen zu stellen.

Wenn sich das furchteinflößend Monströse sehr nah an das kreative Schaffen eines Künstlers heranwagt, wenn die Liebe zu diesem Schrecklichen, das sich in Form von Untoten, Geistern und Dämonen manifestiert, in phantastischem Realismus übergeht und alptraumhafte Kreaturen, die bislang nur auf Papier existierten, plötzlich durchs Filmbild schlendern, reizt das meine Vorliebe für allerhand Kreatürliches. Guillermo del Toro tickt da ganz genauso. Auch der für seinen produzierten Film engagierte Regisseur André Øvredal, der mit Trollhunter ein so launiges wie nerdiges Stück Found Footage-Mythologie aus dem waldreichen Norden Skandinaviens in Film gepackt hat, scheint das manifestierte Schreckliche sehr ins Herz geschlossen zu haben. Ganz so wie Illustrator Stephen Gammel, der die Kinderbuchreihe Scary Stories to Tell in the Dark von Alvin Schwartz mit vorwiegend in Bleistift hingeschummerten Horrorbildern ergänzt hat. Ergoogelt man den Künstler, wird schnell klar, dass sich in Øvredals Verfilmung der Scary Stories dessen Spukgestalten aus der Zweidimensionalität verabschiedet haben und sich gemächlichen Schrittes den von Albträumen geplagten Teenies nähern, die, so schnell sie auch laufen mögen, ihrer Nemesis niemals entkommen können.

Schuld daran ist ein ruheloser Geist in einem verlassenen Anwesen, der in der Halloweennacht von einer Handvoll Jugendlicher aufgescheucht wird. Ruhestörung geht gar nicht, und das Entwenden bibliophiler Kostbarkeiten aus dem spukhauseigenen Fundus genauso wenig. Doch davon ahnen die  Freunde erstmal überhaupt nichts. Bis das entwendete Buch beginnt, blutrote neue Gruselgeschichten zu verfassen. Dreimal darf man raten, wer von nun an die Hauptrollen spielt. Und wer mit seinen eigenen Dämonen zu kämpfen hat, manchmal mit etwas mehr, manchmal mit etwas weniger Erfolg.

Ursprünglich als Horror-Abenteuer für die ganze Familie konzipiert, das eher in Richtung Gänsehaut nach R.L. Stine hätte gehen sollen, entpuppt sich das überraschend blutleere „Haschmich“ allerdings als ein schwarzhumorig-verfluchtes Escape Room-Spiel in einem Gruselkabinett, dessen Hausregeln keiner kennt. Da sucht ein Zombie nach seiner verlorenen Zehe, wollen Vogelscheuchen nicht mehr verprügelt werden und setzt ein hämisch grinsender Baukasten aus menschlichen Extremitäten armen unschuldigen Teenies nach. Am Irrsten allerdings ist das schwarzhaarige schlurfende Dickerchen, das gerne Free Hugs verteilt. Bizarre Figuren, die einem erstmal einfallen müssen. So sehr aber am Setting und an den Monstern herumgefeilt wurde, so geradlinig bleibt die Scary Story, die hier mehr Tiefenschärfe gut vertragen hätte. Die das Schicksal des unheilstiftenden Geistes eine Spur früher hätte ins Spiel bringen können. Doch das sind nur Bemerkungen am Rande der Schatten. Für kreativen Grusel in der Nacht zu Halloween eignet sich der Bilderbuchfilm Scary Stories to Tell in the Dark eigentlich ganz formidabel. Also: falls noch nicht gesehen – gleich vormerken fürs nächste Jahr!

Scary Stories to Tell in the Dark