Fast Color

NUR DIE SUMME SEINER TEILE

4/10


fast-color© 2021 Lighthouse Home Entertainment


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: JULIA HART

CAST: GUGU MBATHA-RAW, LORRAINE TOUSSAINT, SANIYYA SIDNEY, DAVID STRATHAIRN, CHRISTOPHER DENHAM U. A. 

LÄNGE: 1 STD 41 MIN


Erst kürzlich feierte auf amazon prime der Retro-Krimi I’m Your Woman seine „Premiere“. Regie führte in diesem recht ansehnlichen Emanzipationstrip einer Gangsterbraut eine Dame namens Julia Hart. Ich habe dann natürlich nachgegoogelt und bin auf das eben frisch veröffentlichte Mysterydrama Fast Color gestoßen, mit der aparten Gugu Mbatha-Raw in der Hauptrolle (sehr sehenswert übrigens in Die Misswahl – Der Beginn einer Revolution und nicht nur wegen ihres Aussehens). Der Trailer sah ja recht vielversprechend aus. Doch wie das bei Trailern manchmal so ist – können sie ihre Versprechen letzten Endes nicht halten. Julia Harts bereits 2018 abgedrehter Film ist einer jener Produktionen, bei denen man bereits in der ersten Minute weiß, wie es enden wird. Nimmt das dem Film die entsprechende Spannung? Oh ja, das tut es. Leider Gottes.

Gott hat in diesem Drama allerdings wenig mitzureden. Denn die übersinnlich begabte Mutantin hat’s ganz alleine drauf. Ruth, wie sich Mbatha-Raw nennt, bekommt ab und an Anfälle, bei denen sie zu zittern und zu scheppern beginnt wie ein Kluppensack, muss sich dann aber selbst am Bettgestell (falls eines vorhanden) festbinden, um nicht Schaden zu nehmen, und vergisst auch nicht, allen anderen in Hörweite zurufen: verkriecht euch unter den Tisch oder klemmt euch in den Türstock. Ruth bringt nämlich die Plattentektonik ins Wanken. Das ist mal eine Leistung, die gab’s bei den X-Men noch nicht (Magneto hätte das vielleicht geschafft, mit all dem Eisen im Boden). Dabei ist das nicht Ruths einziges Problem. Julia Hart stößt uns Zuseher nämlich direkt mitten ins Geschehen hinein, wir hängen uns also an den Kühler von Mbatha-Raws Fluchtauto, denn Polizei und Wissenschaft ist hinter ihr her. Wo sie selbst hinwill, wird bald klar: zurück zu ihrer Mum, denn dort lebt auch ihre Tochter. Und ja, bevor ich’s vergesse: Fast Color ist nicht nur ein „Superhelden“-Streifen, wenn man so will (wobei Superhelden stets das Image des anzuhimmelnden Weltenretters mit sich herumtragen), sondern auch eine düstere Zukunftsvision, in der das Grundwasser auf unserem Planeten so gut wie versiegt ist und Wasser so viel kostet wie ein Manhattan-Cocktail.

Na, kommt schon der erste Verdacht auf, wie das Ganze vielleicht enden könnte? Mit Fast Color hat Julia Hart nicht nur aufgrund ihres sehr locker gestrickten Scripts allzu stark durchscheinen lassen, was ihre Ambitionen sind. Auch sonst wirkt das Drama streckenweise sehr behäbig und hat zwischen dieser Behäbigkeit noch allerlei Längen drin, die ein namhafter Nebendarsteller wie David Strathairn (u. a. The Expanse) nur noch verschlimmert, weil dieser sich mehr als Statist genügt. Schön sind vielleicht die eingestreuten CGI-Effekte von Gegenständen, die sich in ihre Einzelteile auflösen, als hätte man sie durch die Kaffeemühle gedreht – das sind by the way die Skills der übrigen Family, denn Mutationen sind schließlich vererbbar.

Fast Color

I’m Your Woman

DIE FRAU IM HINTERGRUND

6,5/10


imyourwoman© 2020 Amazon Studios

LAND: USA 2020

REGIE: JULIA HART

CAST: RACHEL BROSNAHAN, ARINZÉ KENE, MARSHA STEPHANIE BLAKE, BILL HECK, FRANKIE FASON U. A. 

LÄNGE: 2 STD


Wir kennen ja alle diese urbanen Gangsterdramen, in denen unheilbare Kleinganoven versuchen, auf illegale Weise das große Ding zu drehen und dabei von anderen Leuten, die das nicht gerne sehen, auf gut wienerisch „aufgeblattelt“ werden. Meist verorten wir da eine Bezugsperson in der storytechnischen Peripherie, eine Ehefrau zum Beispiel, wenn geht mit Kind, die ihren Gatten anfleht, endlich mit diesem Unfug aufzuhören. Oder aber ihn dabei unterstützt, weil sie selbst so einen moralfreien Freiheitsdrang in sich verspürt. Die Frau, die ist da aber meist die Figur am Rande, im Hintergrund, wird vielleicht auch entführt und als Druckmittel eingesetzt. Im Mittelpunkt steht aber der männliche Kriminelle mit Sympathiewerten.

Nicht so in Julia Harts Krimidrama. In I’m Your Woman wird das betrachtende Auge auf die andere Seite gelenkt, auf die, die so aussieht, als wäre sie nur die kleine zweite Erzählebene, um das Skript dichter zu machen. Siehe da: man kann auch mit einem Schauplatzwechsel wie diesem das Unwesentliche zum Wesentlichen deklarieren und die daheim ausharrende Ehefrau kurzerhand in ein Auto setzen, um den nachsetzenden Finsterlingen zu entkommen. Das passiert mit Golden Globe-Gewinnerin Rachel Brosnahan, die als Marvelous Mrs. Maisel bereits Fernsehgeschichte geschrieben hat. So marvelous scheint sie in diesem eher sachten und zögerlichen Selbstbehauptungs-Roadmovie vorerst gar nicht zu sein. Denn sie hinterfragt auch nichts, als der kriminelle Ehemann eines Tages ein Baby mit nachhause bringt. Das ist jetzt ihres, sagt dieser, und er hätte alles schon geregelt. Wie erfreulich für Filmgattin Jean, die ja selbst keine solchen bekommen kann, ihren Kinderwunsch nun aber endlich gestillt sieht. Kurze Zeit später verschwindet ihr Mann – sie bleibt als Hausfrau und Mutter zurück. Bis sie und das Baby flüchten müssen, mit einem Unbekannten namens Cal, der ihren Mann aber gut kennt.

Was sich dann anlässt, ist das Psychogramm einer erstarkenden Frau, der letzten Endes nichts anderes übrig bleibt, als die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Die „Supporting Role“ rückt ins Rampenlicht, das Drama rund um den Gatten wird irrelevant. Auch erfahren wir nicht, was es mit den kriminellen Machenschaften auf sich hat. Das liefern, wie eingangs schon erwähnt, bereits zahlreiche andere Filme. Diese Story jedoch variiert den klassischen Aufbau durchwegs neu und verknüpft lakonische Alltagsmomente einer Mutter mit erdigem Gangsterthrill im 70er-Couleur. Die junge Gena Rowlands wäre für diese Rolle prädestiniert gewesen. Brosnahan erfüllt die Ansprüche aber ebenfalls gut, und auch wenn hier zwischendurch ein paar zu elegische Bestandsaufnahmen die Story nur schleppend voranbringen – die Ambition dahinter, den Alltag schmeißende Mütter mit prickelnden kriminalistischen Abenteuern auf einen Nenner zu bringen, bleibt klar erkennbar.

I’m Your Woman