Hard Powder

RACHE, AM BESTEN KALT SERVIERT

3/10

 

HARD POWDER© 2019 Constantin Film

 

LAND: GROSSBRITANNIEN, NORWEGEN, USA, KANADA 2019

REGIE: HANS PETTER MOLAND

CAST: LIAM NEESON, LAURA DERN, TOM BATEMAN, TOM JACKSON U. A.

 

Winter is coming. Zumindest in Hans Petter Molards Zweitverfilmung eines Thrillers, der im Original Kraftidioten heißt und mit Stellan Skarsgard damals einen Schauspieler gefunden hat, der in scheinbar stoischer Wut Rache übt. Einer nach dem anderen, so in der deutschsprachigen Übersetzung, ist ein Film nicht zwingend für kalte Wintertage. Vielleicht sogar mehr für den Sommer, um sich zumindest filmtechnisch abzukühlen. Was da an Schneemassen gepflügt werden, geht auf keine Skipiste. Gut, dass es eben Männer wie Filmvater Nils gibt, der sich durch die Unpassierbarkeiten des hohen Nordens kämpft. Und der von einem Tag auf den anderen seinen ermordeten Sohn beerdigen muss, der wiederum von Handlangern eines Drogenkartells aufgeknüpft wurde. Wer diese Killer waren, und was das Ganze mit dem toten Filius zu tun hat, das sind Fragen, die Nils nicht lösen kann. Also plant er den Suizid – bis sich fünf vor zwölf das Schicksal plötzlich wendet. Und der trauernde Papa zu den Waffen greifen kann.

Diese skandinavische Krimifarce konnte 2014 sogar noch den großen Bruno Ganz dafür gewinnen. Ein grimmiger Auszählreim voller Sarkasmus, ein blutiger Reigen sich aneinanderreihender Todesfälle, die allesamt nicht zufällig passieren, sondern im Strudel einer Vergeltungsspirale nach dem Domino-Prinzip einfach passieren. Keine Ahnung allerdings, warum Hans Petter Moland 5 Jahre später seinen recht gelungenen Film nochmal verfilmen muss. Womöglich, weil Übersee vom Original wenig weiß. Filme aus Europa sind dort nicht so der Bringer. Nicht, weil sie vielleicht nicht gerne gesehen werden wollen, sondern weil dort keiner Untertitel mag. Synchro-Studios gibt es auch keine, auf die Idee würde die USA niemals kommen, Fremdfilme zu übersetzen. Das britische Kino hat es da besser, die knapp 7000km Luftlinie über den Atlantik fällt da kaum ins Gewicht. Englisch ist Englisch, das wird in einen Topf geworfen. Das ist schon ein gewisser Kulturpatriotismus, eine Arroganz gegenüber einer vielfältigen Filmwelt, die mehr zu bieten hat als gewohnten Lokalkolorit. Die einzige Lösung: Zweitfilme. Mit selbem Inhalt, aber mit anderen Schauspielern, und an anderem Ort. Vorzugsweise gleich in Amerika. Und in amerikanischem Englisch. Weil um den Plot, um den ist es viel zu schade, war doch der Film hierzulande ein Erfolg.

Cold Pursuit heißt also die Kopie, und aus völlig unerfindlichen Gründen musste der Titel hierzulande in Hard Powder umgetextet werden. Wie jetzt? Vom Englischen ins Englische? Das ergibt keinen Sinn. Von solchen fragwürdigen Beispielen gibt es einige. ich sage nur: 96 Hours statt Taken. Womit wir schon bei Liam Neeson wären. Der kämpft sich in diesem Convenience-Aufguss mehr schlecht als recht, und vor allem schauspielerisch, durch eine scheinbar unüberwindbare Witterung. Neeson hat schon genug Rache geübt, das sieht man ihm an. So, wie er sich hier bis in die Chefetage durchmordet, hätte das Steven Seagal auch getan. So weit sind wir also schon gekommen. Schauspielerischen Ehrgeiz gibt es hier keinen mehr. Verheizt wird aber nicht nur Neeson, auch Laura Dern weiß in keiner Szene, was sie in diesem Film eigentlich macht – und zieht recht früh von dannen. Überzeugt also schon nicht das Staraufgebot in diesem Film, bleibt der Rest auch hinter den Erwartungen zurück. Hard Powder ist ein liebloses Thrillervehikel, fahrig inszeniert, grob abgespult, bleibt überhaupt nicht im Fluss. Chancen auf Neuverwertung eines Erfolges lässt man natürlich nicht ungenutzt, schon gar nicht als geschäftstüchtiger Filmemacher wie Molard einer ist. Aber sich selbst zu rebooten, wie es seinerzeit schon Ole Bornedal mit Nachtwache getan hat, um den Erfolg zu vermehren, hat für mich stets den Beigeschmack eines Ausverkaufs. Da ist das skandinavische Kino mit all seinen einzigartigen Ideen quer durch alle Genres ganz vorne mit dabei. Klar, aus diesem kreativen Füllhorn will jeder einen Becher voll. Wobei sich hier die Frage stellt: wer wen dazu genötigt hat, meist dem Original hinterherhinkende Kopien zu erstellen: der Künstler selbst, so wie unlängst Til Schweiger mit Honig im Kopf – oder das Studio? Eigentlich egal, wer Profit riecht und das Geld hat, schafft an.

Hard Powder

Wilson

MEIN PATSCHERTES LEBEN

5/10

 

wilson© 2017 Twentieth Century Fox Home Entertainment / ®Hinweis: WILSON – Als Download erhältlich!

 

LAND: USA 2017

REGIE: CRAIG JOHNSON

MIT WOODY HARRELSON, LAURA DERN, JUDY GREER, CHERYL HAINES U. A.

 

Erst auf der letzten Comic Con im November habe ich die Graphic Novel von Daniel Clowes in Händen gehalten – die Charaktersatire Wilson erzählt die eigentümliche Geschichte eines verhaltensauffälligen Sonderlings, dessen Nachbarschaft man vor allem in öffentlichen Verkehrsmitteln so ziemlich sicher meiden würde. Doch selbst im Schanigarten oder unterwegs bleibt niemand vor der unverblümt anmaßenden Direktheit des arroganten Weltverstehers verschont. Anders als Jack Nicholson in Besser geht’s nicht sucht der kauzige Brillenträger im Second-Hand-Anzug die Konfrontation. Der Lebensfrust macht sich breit, Anpassung an die Gesellschaft gleich Null. Wilson ist kein Weltverbesserer. Wilson ist ein Provokateur. Ein unsympathischer, zynischer noch dazu. Niemand, mit dem man gerne allein wäre. Da Nicholson schon seine Rolle als Misanthrop ausleben konnte und sich somit außer Obligo befindet, gibt es eigentlich nur einen weiteren Schauspieler, dem man diesen peinlichen Ungustl abnehmen könnte – Woody Harrelson. 

Der Mann mit der Zahnlücke zählt momentan zu den besten seines Fachs. Seine Rolleninterpretationen sind ausdrucksstark, intensiv und einnehmend. Woody Harrelson kann so gut wie alles spielen. Vom schießwütigen Psychopathen aus Natural Born Killers bis eben zu Figuren wie Wilson, die ihr Leben nicht auf die Reihe bekommen und nach dem gewissen Etwas suchen, dass der ganzen Existenz wieder einen Reiz geben kann. Und dieses gewisse Etwas kommt – in Gestalt einer eigenen Tochter, von dessen Existenz Wilson nichts gewusst hat. Das hat seine Ex Laura Dern versemmelt. Die David Lynch-Ikone und Jurassic Park-Pionierin, die momentan auch im neuen Star Wars zu sehen ist, ergänzt Harrelson´s Schauspiel mit der Darstellung einer herrlich sarkastischen, proletoiden Unterschicht-Existenz, die nach Drogen und Suff mehr schlecht als recht versucht, innerhalb normaler Bahnen zu leben. Beide ergänzen sich prächtig – auch wenn das Suchen und Finden der zur Adoption freigegebenen Tochter relativ halbherzig inszeniert ist.

Obwohl Wilson als menschelnde Sozialsatire im melancholischen Grundtonus eines Rückblickes auf ein „patschertes“ Leben erzählt wird, stören hysterische Spitzen die Homogenität der Inszenierung. Wenn sich Laura Dern bei einem Familienbesuch mit ihrer verhassten Filmschwester keilt, mag das vielleicht in der Comicvorlage stimmig sein – in Craig Johnson´s Verfilmung leider nicht. Wenig später findet sich der Zuseher im leicht verwirrten Trott der Erzählung wieder, die als Tragikomödie im Knast-Milieu endet. Man muss Wilson nicht mögen, um den Film zu mögen. Aber besser wär’s – obwohl das Anfreunden mit dem sperrigen Charakter sicher schwierig wird.

Wilson

Star Wars VIII: Die letzten Jedi

EINE NEUE ORDNUNG

8,5/10

 

nullPhoto: Industrial Light & Magic / Lucasfilm ©2017 Lucasfilm Ltd. All Rights Reserved.

 

LAND: USA 2017

REGIE: RIAN JOHNSON

MIT MARK HAMILL, CARRIE FISHER, PETER MAYHEW, DAISY RIDLEY, ADAM DRIVER, JOHN BOYEGA U. A.

 

Ein guter Freund und bekennender Star Wars-Fan hat mir erst vor kurzem einmal gesagt: „Entweder dir gefällt Star Wars in seiner Gesamtheit, oder es gefällt dir eben nicht.“ Nun, da ist was dran. Denn hat man sich mal mit der schier endlos scheinenden Lucas-Galaxie angefreundet, und kennt man die Geschichte von Anfang an, gibt es meistens kein Zurück mehr. Solange die Gesetze in diesem exotischen Universum immer die selben sind, und all die Welten, Sterne und Planeten Gemeinsamkeiten aufweisen, die klar als diese eine Galaxie erkennbar sind, ist man als Star Wars-Fan auf der sicheren Seite. Da kommt der Nerd selbst von handgeschnitzten Fanfilmen nicht mehr los, vibriert in den heimischen Wäldern irgendwo ein Lichtschwert. Der Star Wars-Fan ist eine treue Seele, die Leidenschaft brennt, übertrieben gesagt, konstant wie die Zwillingssonnen auf Tatooine, und gibt erst in gefühlten Jahrmilliarden ihren Geist auf. Da kann selbst der wie ein Gummiball herumspringende Yoda oder das Liebesgeplänkel zwischen Anakin und Padme, beides aus der zweiten Trilogie, nichts daran ändern. Wenn diese Ausrutscher das Gemüt eines Freizeit-Jedi nicht zu erschüttern wissen, dann ist dieser mit dem Kino-Jour-fixe eines zweiten Weihnachten bis in die nächste Dekade hinein mehr als glücklich.

Glücklich war ich als Fan auch mit dem Start der neuen, aktuellen Trilogie 2015. Mit Star Wars VII: Das Erwachen der Macht hat der „neue“ Spielberg J. J. Abrams mit dem Wissen, worauf es bei Star Wars ankommt, gleichzeitig eine Retrospektive und einen Neuanfang kreiert. Eine Weltraumoper mit Wiedererkennungswert, einen „Gentle Reminder“ an eine phantastische Kindheit und an ein mögliches Weiterleben nach dem Tod Darth Vaders. Was aber sofort auffiel, mehr noch als die sichtlich vom Alter gezeichnete Urbesetzung von Krieg der Sterne, war die Wahl der Schauspieler und den Fokus auf die neuen Figuren, die das Fortleben des Universums von nun an leiten sollen. Mit Daisy Ridley, Oscar Isaac, Adam Driver und John Boyega war ein Ensemble entdeckt worden, welches das Gelingen der neuen Trilogie garantieren soll – und garantieren wird. Das war schon bei Episode IV – Eine neue Hoffnung so. Wären die smarten Charaktere nicht gewesen, hätte es weniger Identifikationsfiguren gegeben und hätte George Lucas nicht so viel Wert auf das Gefühlsleben seiner Figuren gelegt, wäre womöglich alles ganz anders gekommen. Der Wert von Star Wars liegt im Fühlen seiner Helden. Und dieses Empfinden, dieses Zweifeln und Wüten – das weiß auch Rian Johnson in Episode VIII: Die letzten Jedi zu transportieren.

Von Produzentin Kathleen Kennedy bis über das grüne Lichtschwert hinweg gelobt, hat das neue Lucasfilm-Wunderkind Johnson den bislang wohl ungewöhnlichsten Film der Franchise abgedreht. Und das, weil auch die Star Wars-Schmiede die neue Rezeptur für einen Erfolg wie Game of Thrones erkannt hat. Diese beiden Welten haben im gegenwärtigen Zustand zumindest in ihrem Aufbau mehr gemeinsam als man vermuten würde. Die Saga rund um Westeros folgt sowohl in den Büchern als auch in der Serie einer unorthodoxen Erzählweise. Sie bleibt stets unberechenbar, skizziert seine Helden wie Antihelden gleichermaßen in einem chargierenden Grau, es gibt kein reines Gut und kein reines Böse mehr. Und die Tragödien und sich zuspitzenden Höhepunkte bleiben längst nicht mehr an den Eckpunkten einer Storyline aus dem Lehrbuch sitzen. Mit Game of Thrones war es an der Zeit, das Publikum neu herauszufordern. Und Kennedy wie Johnson haben verstanden. Episode VIII: Die letzten Jedi ist unter der neuen Rezeptur genau das geworden – ein unberechenbares, galaktisches Stakkato voller Emotionen und einer inneren Zerrissenheit, die alle Menschen und Wesen der weit weit entfernten Galaxis zu durchdringen scheint. Ganz so wie die Macht, die alles zusammenhält. Scheinbar alles zusammenhält. Doch die Macht, das Credo, das Zeitalter der Jedi – sie scheint so, wie sie gewesen und fast bis auf den letzten Ritter vernichtet worden ist – vorbei zu sein. Da hat der einsame Grieskram Luke Skywalker, der sich in den Ruinen des ersten Jedi-Tempels verkrochen hat, fischen geht und die Milch von bizarren Seekühen melkt, gar nicht mal so Unrecht. So kann es nicht mehr weitergehen. Wenn, dann müssen die Parameter des Universums anders angelegt werden. Nicht die erste Ordnung, sondern eine neue Ordnung muss her.

Und so krempelt Episode VIII: Die letzten Jedi vieles um. Die scheinbare Endzeit des Guten wird zu einem Kräftemessen, einer Reise nach Rom, bei der immer wieder ein Stuhl weniger zur Verfügung steht. Kaum ein Star Wars-Film hat so viele Überraschungen parat. Kaum ein Star Wars-Film teilt so viele Finten aus. Stets passiert, womit man doch nicht rechnet. Die letzten Jedi ist eine atemlose Symphonie in galaktischem Zwielicht, ruhelos und wendungsreich wie ein Indiana Jones-Abenteuer. Knapp an der Tragödie und bühnenreif wie ein Shakespeare-Drama. Alleine schon der Thronsaal des obersten Führers Snoke ist Burgtheater pur. Johnson umgibt sich mit den Besten ihres Fachs. Die Vielfalt der Lebensformen macht den Phantastischen Tierwesen aus dem Harry Potter-Universum ernsthafte Konkurrenz und erweitert den Artenreichtum um eine weitere Potenz. Tatsächlich gibt es Szenen, die aus der Welt von J. K. Rowling hätten sein können. Hat man sie womöglich Hand anlegen lassen? Möglich wärs. Doch Harry Potter ist Warner Brothers. Also ist es reiner Zufall.

 

nullIndustrial Light & Magic / Lucasfilm ©2017 Lucasfilm Ltd. All Rights Reserved.

 

Die Handlung des wuchtigen, atemberaubend schön fotografierten und trick- wie ausstattungstechnisch höchst anspruchsvoll komponierten Intermezzos findet ihre Perfektion in der Verflechtung mehrerer Handlungsebenen, die anderswo vielleicht für Verwirrung sorgen würden – in Episode VIII: Die letzten Jedi gerät das parallel laufende Miteinander und zeitgleiches Geschehen zur erlesenen Perfektion. Auch hier finden wir das Know-How gelungener Fernsehserien wieder, die oftmals vieles gleichzeitig erzählen müssen. Niemals zuvor war die Helix-Spirale des Narrativen dichter, durchdrungener, spannender. Und ja – Episode VIII ist tatsächlich, so, als würde man Episode V: Das Imperium schlägt zurück spoilerfrei und zum ersten Mal sehen – spannend, intensiv und ungemein aufwühlend. Wer jetzt noch möchte, kann sich von Star Wars, so, wie wir es kennen, langsam aber doch verabschieden. War Das Erwachen der Macht noch die Übergabe des olympischen Feuers, so sehen wir nun dem Farewell einer Epoche entgegen. Doch keine Sorge, das Zeitalter von Leia, Luke und Han Solo ist eine Basis aus unverwüstlichem Granit, auf welcher die Next Generation in neue, unbekannte und unerwartbare Richtungen blickt. Wir befinden uns also immer noch – der Nostalgiker sei getröstet – tief in der Fandom-Galaxie, die ihre Strahlen immer weiter in den leeren Raum schickt. Die alten Jedi sind obsolet – die neuen werden neu erwachen, in der besagten neuen Ordnung, unter neuen Regeln.

Episode VIII: Die letzten Jedi ist die Erinnerung an das Vergangene und Vergängliche von Star Wars, die Seelenschau der Starken und Schwachen und die Erneuerung eines Bekenntnisses. Man darf lachen, man darf bangen, man darf den Kloß im Hals spüren. Auch wenn Episode VIII: Die letzten Jedi nicht unbedingt der beste Teil der Saga geworden ist – und das aufgrund des Charakters eines ruhelosen Zwischenspiels und der nun folgenden langen Wartezeit bis zu Episode IX – so ist das Vorspiel zum Phoenix aus der Asche der Macht zumindest der am meisten unangepasste Teil der Saga geworden. Ein unerwarteter und gleichzeitig erhoffter Paradigmenwechsel, der sich erfüllt hat und wie ein Funken das Feuer neu entfacht. Das ist nicht von mir, das hat Rey gesagt.

Und ja, es stimmt.

Star Wars VIII: Die letzten Jedi