Luca

DIE FARBEN DES SOMMERS

7,5/10


luca© 2021 The Walt Disney Company / Pixar


LAND / JAHR: USA, ITALIEN 2021

REGIE: ENRICO CASAROSA

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): JACOB TREMBLAY, JACK DYLAN GRAZER, EMMA BERMAN, MAYA RUDOLPH, MARCO BARRICELLI, JIM GAFFIGAN U. A. 

LÄNGE: 1 STD 35 MIN


Mit dem Licht kommen die Farben. Welche das sind, kommt nur auf die Brechung an. Geht die Sonne auf, wird’s so richtig bunt. Wenn der Helium-Wasserstoff-Ball vom fetzblauen Himmel strahlt, und sich nur weit am Horizont harmlose, weiße Wölkchen sammeln, lohnt es sich, ein Hawaiihemd überzuziehen, dazu knallige Badeshorts und grelle Flip-Flops. Es würde aber auch genügen, das brandneue Werk von Pixar zu streamen, das selbst dann für einen Farbenrausch sorgt, wenn sich draußen mal die Wolken ballen. Luca, so nennt sich der neue Saisonknüller, zelebriert nicht nur den Sommer, sondern auch und gerade den Urlaub am Meer. Vorzugsweise im von den Römern so treffend bezeichneten Mare Nostrum. Und welches Land darf wohl – nebst Griechenland – als Inbegriff des zweiwöchigen Familienurlaubs gelten, am Liebsten per Anreise mit dem hauseigenen Vehikel? Natürlich – Italien. Azurblaues Wasser, ein mildes Lüftchen, eine salzige Brise von weit draußen. Sonnenuntergänge und -aufgänge en masse. Vicco Torriani könnte da mit den Capri-Fischern auf den Lippen als animierter Revival-Star um die nächste Ecke biegen und den rustikalen Dorfplatz eines kleinen, beschaulichen Fischerstädtchens überqueren. Das alles fühlt sich nach leichtem Leben an, lockt zum Aussteigen, wie seinerzeit Erwin Steinhauer, Heinz Petters und Co, die mit adrettem Schinakel der Sonne entgegen plätscherten.

In dieser herrlich anmutenden, knallfarbigen Welt darf das Geheimnisvolle aber ebenfalls nicht fehlen. Der Knabe Luca, dessen Abenteuer wir hier sehen, ist schließlich kein gewöhnlicher Junge. Er ist ein Wasserwesen. Auch seine Eltern sind das, und natürlich die Omi. Als Fischhirte auf submarinen Wiesen träumt er allerdings, seiner Neugier nachzugeben und das mysteriöse Land jenseits des Meeresspiegels zu entern. Erlaubnis hat er dafür keine. Aber was soll’s – Kinder sind Entdeckernaturen. Unter dieser intrinsischen Motivation zufolge findet sich Luca plötzlich am Strand wieder – verliert seine fischige Physiognomie und sieht plötzlich aus wie ein ganz normaler Bursche. Dabei lernt er seinen besten Freund kennen – Alberto. Beide wiederum treffen auf Giulia, eine rothaarige Außenseiterin, die alles gibt, um beim diesjährigen lokalen Triathlon so richtig abzuräumen. Der besteht aus Schwimmen, Spaghetti futtern und radeln. Luca und Alberto sind mit dabei – wollen sie sich doch mit dem Preisgeld eine Vespa erstehen.

Enrico Casarosa, kreatives Mastermind hinter Filmen wie Robots, Ice Age oder Oben, verneigt sich bis zu den sandigen Zehenspitzen vor der Blütezeit des italienischen Kinos. Es sind Werke wie jene mit Marcello Mastroianni und Sophia Loren. Es sind die so tragikomischen wie üppigen Märchen eines Federico Fellini. Es ist das melancholische Lebensgefühl eines entschleunigten, analogen 20. Jahrhunderts, mitsamt aufbrausendem Temperament. Dabei sind all die Figuren und das Drumherum wiedermal, wie für Pixar üblich, in ihren Charakterzügen durchdefiniert und bis ins kleinste Detail ausgearbeitet. Die Rolle von Giulias Vater sticht dabei ganz besonders ins Auge – ein brummiger, aber gutherziger, einarmiger Fischer mit den dichtesten Augenbrauen der Filmgeschichte. Nicht zu übersehen auch die Figur des kecken Widersachers Visconti. Vom Scheitel bis zur Sohle, inklusive Gesten, Haltung und Mimik – so karikiert man auf augenzwinkernde Weise überhebliches Nationalgefühl.

Das ist aber längst nicht alles, was Casarosa mit seiner Gezeitenkomödie ausdrücken will. Hinter den „bedrohlichen“ Fremden, die aus dem Wasser kommen, lässt sich unschwer jene sozialpolitische Krise erkennen, die in den letzten Jahren unter anderem eben auch die Küsten und Inseln Italiens betroffen hat. Dabei wird der in Luca aus der Luft gegriffene Umstand der Xenophobie auf volkstümliche Weise hinterfragt und im Sinne eines gewaltfreien Miteinanders auf lässige Weise für nichtig erklärt. Das Andere kann bereichernd sein, verliert aber dadurch, dass es sich anpassen kann, nichts an seiner Identität. Luca entwickelt somit aus dem auch für heiße Kopfwehtage geeigneten, simplen Plot farbenfrohe, lebensbejahende Botschaften.

Luca

Master Cheng in Pohjanjoki

DIE HARMONIE DES NEUANFANGS

6/10

 

mastercheng                    © 2020 MFA+

 

LAND: FINNLAND, CHINA 2020

REGIE: MIKA KAURISMÄKI

CAST: PAK HON CHU, ANNA-MAIJA TUOKKO, LUCAS HSUAN, KARI VÄÄNÄNEN, VESA-MATTI LOIRI U. A. 

 

Wie hoch sind denn eigentlich die Covid19-Fallzahlen in Finnland? In den Städten werden diese sicherlich relevant sein – dazwischen, im Umland, wohl eher weniger. Denn so, wie Finnlands Bevölkerung in den unendlichen Waldgegenden des Landes verteilt ist, wird das Virus wohl sehen, wo es bleibt und in dieser unbesiedelten Weite wohl eher havarieren als andocken. In so einem (virusfreien) Nirgendwo aus Nadelbäumen, sanften Hügeln und Rentierherden, die sich durch die Botanik schieben, strandet ein chinesischer Vater mit seinem Sohn – genauer gesagt: er strandet im Kaff Pohjanjoki, denn anders als ein solches lässt sich die Ansammlung weniger Holzbuden kaum bezeichnen. In Pohjanjoki allerdings gibt es zumindest so eine Art Tankstellen-Diner, das von den Bewohnern des Ortes regelmäßig frequentiert wird. Klar, dass Chinese Cheng zuerst mal hier Wurzeln schlägt. Was er will, ist nicht ganz klar – klar ist nur, er sucht jemanden. Jemanden namens Fongtron. Von dem natürlich niemand je etwas gehört hat. Und bevor Chinese Cheng mit seinem Sohn auf der Straße sitzt, gewährt Kellnerin Sirkka den beiden Unterschlupf. Wie sich herausstellt, ist Chen professioneller Koch, und abgesehen davon, dass es zwischen den beiden – Cheng und der Kellnerin –ordentlich funkt, hat das Diner eine Variation des Speiseplans dringend nötig.

Aki Kaurismäkis Bruder Mika hat mit Master Cheng in Pohjanjoki eine Liebeserklärung an sein Heimatland gedreht. Schrullige Typen voller Lakonie, Landschaft bis zum Abwinken und taghelle Nächte. Stille Seen im Nirgendwo, der Schnaps geht reihum, und die Sauna darf auch nicht fehlen. Alles Dinge, die Cheng erstmal kennenlernen muss – und wir mit ihm, obwohl uns aus Finnland diese Specials reichlich bekannt sind. Was Finnland noch so hat: Gesundes chinesische Essen, dass Cheng den Leuten bald auftischen wird. Und einige davon, vor allem die älteren Semester, merken, wie sie durch richtige Ernährung wieder aufblühen. Es ist ratsam, Master Cheng in Pohjanjoki kulinarisch einzurahmen – vor oder nach dem Filmgenuss, das ist ganz gleich. Appetit macht der Film in jedem Fall, sogar auf einen zweiten Teller, falls man schon gegessen haben sollte.

Allerdings: Kaurismäki lässt seinen Culture Clash bei weitem nicht so skurril ausfallen wie es womöglich sein Bruder getan hätte. Bei weitem auch nicht so lakonisch. Sondern einfach wohltuend freundlich. Klar, solche Geschichten wie diese sind schon des Öfteren erzählt worden, und es ist von Szene zu Szene klar, was passieren oder wie es enden wird. Das Mysterium rund um den großen Unbekannten, den Cheng finden will, hätte fast schon zum legendären McGuffin gereicht, wäre Kaurismäki nicht dem Drang anheimgefallen, diese Sache viel zu schnell aufzulösen. Mitfiebern wird man also nicht, mitschmunzeln allerdings schon, vor allem bei den beiden alten Herren, die sowieso dem ganzen Ensemble die Show stehlen und sich so richtig eingefleischt finnisch geben, mit dem Herzen am rechten Fleck. Es ist die so harmlose wie harmonische Erzählung eines Neuanfangs – völlig unaufgeregt, melancholisch, manchmal gar rührend, zum Beispiel dann, wenn der alte Finne Kari Väänänen in Cheng fast schon ein Wunder sieht, da dieser an dessen Essenskunst zu gesunden scheint.

Wer also noch nie mit Finnland als entschleunigungsförderndes Reiseland geliebäugelt hat, wird das spätestens nach Kaurismäkis Film für die Post-Corona-Zeit vielleicht in Betracht ziehen. Und überdies vermehrt chinesisch essen gehen.

Master Cheng in Pohjanjoki