Luca

DIE FARBEN DES SOMMERS

7,5/10


luca© 2021 The Walt Disney Company / Pixar


LAND / JAHR: USA, ITALIEN 2021

REGIE: ENRICO CASAROSA

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): JACOB TREMBLAY, JACK DYLAN GRAZER, EMMA BERMAN, MAYA RUDOLPH, MARCO BARRICELLI, JIM GAFFIGAN U. A. 

LÄNGE: 1 STD 35 MIN


Mit dem Licht kommen die Farben. Welche das sind, kommt nur auf die Brechung an. Geht die Sonne auf, wird’s so richtig bunt. Wenn der Helium-Wasserstoff-Ball vom fetzblauen Himmel strahlt, und sich nur weit am Horizont harmlose, weiße Wölkchen sammeln, lohnt es sich, ein Hawaiihemd überzuziehen, dazu knallige Badeshorts und grelle Flip-Flops. Es würde aber auch genügen, das brandneue Werk von Pixar zu streamen, das selbst dann für einen Farbenrausch sorgt, wenn sich draußen mal die Wolken ballen. Luca, so nennt sich der neue Saisonknüller, zelebriert nicht nur den Sommer, sondern auch und gerade den Urlaub am Meer. Vorzugsweise im von den Römern so treffend bezeichneten Mare Nostrum. Und welches Land darf wohl – nebst Griechenland – als Inbegriff des zweiwöchigen Familienurlaubs gelten, am Liebsten per Anreise mit dem hauseigenen Vehikel? Natürlich – Italien. Azurblaues Wasser, ein mildes Lüftchen, eine salzige Brise von weit draußen. Sonnenuntergänge und -aufgänge en masse. Vicco Torriani könnte da mit den Capri-Fischern auf den Lippen als animierter Revival-Star um die nächste Ecke biegen und den rustikalen Dorfplatz eines kleinen, beschaulichen Fischerstädtchens überqueren. Das alles fühlt sich nach leichtem Leben an, lockt zum Aussteigen, wie seinerzeit Erwin Steinhauer, Heinz Petters und Co, die mit adrettem Schinakel der Sonne entgegen plätscherten.

In dieser herrlich anmutenden, knallfarbigen Welt darf das Geheimnisvolle aber ebenfalls nicht fehlen. Der Knabe Luca, dessen Abenteuer wir hier sehen, ist schließlich kein gewöhnlicher Junge. Er ist ein Wasserwesen. Auch seine Eltern sind das, und natürlich die Omi. Als Fischhirte auf submarinen Wiesen träumt er allerdings, seiner Neugier nachzugeben und das mysteriöse Land jenseits des Meeresspiegels zu entern. Erlaubnis hat er dafür keine. Aber was soll’s – Kinder sind Entdeckernaturen. Unter dieser intrinsischen Motivation zufolge findet sich Luca plötzlich am Strand wieder – verliert seine fischige Physiognomie und sieht plötzlich aus wie ein ganz normaler Bursche. Dabei lernt er seinen besten Freund kennen – Alberto. Beide wiederum treffen auf Giulia, eine rothaarige Außenseiterin, die alles gibt, um beim diesjährigen lokalen Triathlon so richtig abzuräumen. Der besteht aus Schwimmen, Spaghetti futtern und radeln. Luca und Alberto sind mit dabei – wollen sie sich doch mit dem Preisgeld eine Vespa erstehen.

Enrico Casarosa, kreatives Mastermind hinter Filmen wie Robots, Ice Age oder Oben, verneigt sich bis zu den sandigen Zehenspitzen vor der Blütezeit des italienischen Kinos. Es sind Werke wie jene mit Marcello Mastroianni und Sophia Loren. Es sind die so tragikomischen wie üppigen Märchen eines Federico Fellini. Es ist das melancholische Lebensgefühl eines entschleunigten, analogen 20. Jahrhunderts, mitsamt aufbrausendem Temperament. Dabei sind all die Figuren und das Drumherum wiedermal, wie für Pixar üblich, in ihren Charakterzügen durchdefiniert und bis ins kleinste Detail ausgearbeitet. Die Rolle von Giulias Vater sticht dabei ganz besonders ins Auge – ein brummiger, aber gutherziger, einarmiger Fischer mit den dichtesten Augenbrauen der Filmgeschichte. Nicht zu übersehen auch die Figur des kecken Widersachers Visconti. Vom Scheitel bis zur Sohle, inklusive Gesten, Haltung und Mimik – so karikiert man auf augenzwinkernde Weise überhebliches Nationalgefühl.

Das ist aber längst nicht alles, was Casarosa mit seiner Gezeitenkomödie ausdrücken will. Hinter den „bedrohlichen“ Fremden, die aus dem Wasser kommen, lässt sich unschwer jene sozialpolitische Krise erkennen, die in den letzten Jahren unter anderem eben auch die Küsten und Inseln Italiens betroffen hat. Dabei wird der in Luca aus der Luft gegriffene Umstand der Xenophobie auf volkstümliche Weise hinterfragt und im Sinne eines gewaltfreien Miteinanders auf lässige Weise für nichtig erklärt. Das Andere kann bereichernd sein, verliert aber dadurch, dass es sich anpassen kann, nichts an seiner Identität. Luca entwickelt somit aus dem auch für heiße Kopfwehtage geeigneten, simplen Plot farbenfrohe, lebensbejahende Botschaften.

Luca

Sunburned

SANDBURGEN UND LUFTSCHLÖSSER

6/10


Sunburned© 2020 Camino Filmverleih GmbH


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, NIEDERLANDE, POLEN 2019

REGIE: CAROLINA HELLSGÅRD

CAST: ZITA GAIER, GEDION ODUOR WEKESA, SABINE TIMOTEO, NICOLAIS BORGER, FLORA THIEMANN, ANIMA SCHWINN U. A.

LÄNGE: 1 STD 34 MIN


Der nächste Sommer kommt bestimmt. Und mit ihm auch der geplante Urlaub. Wohin soll es diesmal gehen – von Covid-Hürden mal abgesehen? Vielleicht an die spanische Mittelmeerküste, speziell nach Andalusien, ganz im Süden? Dorthin, wo man an klaren Tagen hinübersehen kann aufs afrikanische Festland, um genau zu sein nach Marokko. Dort ist es schön, da ist es heiß, da gibt’s All Inclusive-Bettenburgen mit Animationsprogramm, reservierten Strandliegen und jede Menge Flüchtlinge, die sich unters badende Volk mischen, um Waren aller Art zu verscherbeln. Billigsdorferketten und Fake-Markenbrillen, darunter vielleicht auch das eine oder andere Handgeschnitzte. Und vielleicht auch den eigenen Körper. Dieses tagelange Herumschlendern und Verkaufen, das hat sich längst ins Urlaubsbild integriert. Die unabsichtlich vermittelte Exotik vom anderen Kontinent ist da durchaus willkommen. Eben all inclusive. 

Teenager Claire verbringt mit ihrer dysfunktionalen Restfamilie einen relativ langweiligen und auch sehr wortkargen Urlaub, was Mama und beide Töchter zusammenhält, ist praktisch nicht vorhanden, denn jede zieht sein eigenes Ding durch. Der Papa dürfte auf und davon sein, womöglich ein Scheidungsfall. Aus diesem lieblosen Vakuum heraus sucht Claire nach Abwechslung und freundet sich mit dem Flüchtlingsjungen Amram an, der am Strand auf und ab hausiert. Dabei passiert´s, dass Claire falsche Hoffnungen weckt, wobei die Träume, die dieser Junge hat, kaum mit der Wirklichkeit zu vereinbaren sind. Doch in einer Not wie dieser klammert man sich an alles. Auch an eine deutsche Touristin, die Amram plötzlich überallhin mitnimmt. Lange kann die Sache nicht gutgehen. Auch deswegen, weil Claire die Folgen ihres Handelns nicht absehen oder kaum erahnen kann, wie einer wie Amram die Welt sieht.

Die junge Schauspielerin Zita Gaier, bekannt geworden durch die Nöstlinger-Verfilmung Maikäfer flieg!, fasst in diesem auf den ersten Blick sommerleichten Müßiggangdrama ein heißes Eisen an: dass der Flüchtlingskrise. Den sozial etablierten Erwachsenen scheint das Thema generell wenig zu tangieren, viel weniger noch im Urlaub. Die Next Generation sieht das anders. Gaier alias Claire nimmt den umherirrenden Jungen ganz anders wahr, sieht Handlungsbedarf und versucht sogar, für sich selbst oder für beide eine erschreckend naive, aber zumindest eine Lösung zu finden. Irgendwo, so mag sie denken, muss man ansetzen.

Carolina Hellsgårds Film schlendert zwischen der Stimmungschronik einer Sofia Coppola (z.B. Somewhere) und bleiernem Betroffenheitsrealismus, der einzelne Figuren, vor allem jene von Mutter Sabine Timoteo, wie phlegmatische Traumgestalten durchs Bild traben lässt. Keiner scheint mehr zu sehen als die eigene Wunschwelt, nur Claire drängt sich dazwischen hindurch, will nichts wahrhaben und gleichzeitig klar erkennen. Urlaub als Auszeit zwischen Verantwortung und Verdrängung? Ein Lokalaugenschein als Kickoff für jugendliche Proteste a la Thunberg? Wie im Hochseedrama Styx ist auch Zita Gaier mit einem gordischen Knoten konfrontiert, der nur, um ihn zu lösen, zerstört werden muss. Filme wie Atlantique und Atlantic, beides völlig unterschiedliche Zugänge zum Flüchtlingsproblem, annektieren Sunburned als einen möglichen, gut gewählten dritten Ansatz im Bunde, obwohl sich anfangs eine direkt formelhafte Tristesse eröffnet, die in gekünstelter Langeweile sein Stranderlebnis hinbiegt. Sunburned eine Chance zu geben hat sich aber letzten Endes gelohnt, da Hellsgård erst spät, aber doch, allerdings viel zu verzögert und von der südspanischen Hitze scheinbar ermattet, in die Gänge kommt. Letzten Endes ist die Willkommenskultur an der Pforte nach Europa eine Kultur der Duldung. Vor allem aber etwas, das bei den Jungen kaum erwähnenswerte Aufklärung erfahren hat.

Sunburned

Black Water

OH WIE SO TRÜGERISCH

7/10

 

blackwater© 2007 The Australian Film Commission

 

LAND: AUSTRALIEN 2007

REGIE: ANDREW TRAUCKI, DAVID NERLICH

CAST: DIANA GLENN, MAEVE DERMODY, ANDY RODOREDA, BEN OXENBOULD U. A. 

 

Der Urlaub, die Tour, alles fällt ins Wasser. Balkonien liegt heuer zwangsläufig wieder im Trend. Gut, wenn man unlängst vor dem Lockdown noch die eine oder andere Fernreise hinter sich gebracht hat, da lässt sich natürlich noch ein Zeiterl über die Runden kommen. Es gibt aber auch Leute, die erinnern sich nur ungern an ihre Erlebnisse, die, egal wie lange sie womöglich schon zurückliegen, nur noch schlimmer werden. Ich selbst weiß noch nur zu gut, wie mir damals, vor knapp 20 Jahren, ordentlich die Muffe ging, als ich vor der Küste Sansibars fast ertrunken wäre. Andere haben Erlebnisse in petto, die sind so schrecklich, dass sie verfilmt werden müssen. Zum Beispiel jenes Erlebnis junger Urlauber im Norden Australiens, die während einer Boots- und Angeltour in die Sümpfe der Northern Territories Bekanntschaft mit einem Salzwasserkrokodil schließen mussten. Das war garantiert kein freundschaftliches Händeschütteln. Das war ein Fressen- und Gefressen werden, allerdings eher einseitig.

Salzwasserkrokodile, die sind schon ordentliche Kaliber. Da reichen Alligatoren und Kaimane maximal als Mundschenk, obwohl auch die durchaus stattliche Ausmaße erreichen können. Aber so ein Salzwasserkrokodil, sowieso gefährdet und meist auf irgendwelchen Krokfarmen zur Schau gestellt, weiß zumindest in diesem australischen Abenteuer-Slasher nur zu gut, wer es eigentlich auf seine Spezies abgesehen hat. Und beschließt, nicht nur ordentlich zu frühstücken, sondern auch mal ein bisschen den Racheengel zu spielen. Black Water nennt sich dieser knapp 85minütige, bereits schon 13 Jahre alte Reißer aus Down Under. Faustdick hinter den Ohren hat er´s aber immer noch. Drei Urlauber – ein Ehepaar und die Schwägerin – finden sich alsbald auf einer Mangrove wieder, können weder vor noch zurück, unter ihnen Wasser, soweit das Auge reicht, und das Boot, kieloben treibend. Was also tun in so einer Situation, wenn erstens mal kein Trinkwasser vorhanden ist, die Moskitos quälen und Handys zu lange gebadet haben? Beten wäre eine Lösung. Was auch getan wird. Oder einfach allen Mut zusammennehmen und dem Untier trotzen. Was auch getan wird, wobei das Reptil deutlich im Vorteil sein wird – im Heimvorteil sozusagen, weil: My swamp is my castle.

Vergesst Alexandro Ajas Crawl, der vor nicht allzu langer Zeit bei uns im Kino lief. Gegen Black Water ist der Streifen rund um einen Hurrikan in Florida und wild gewordenen Alligatoren, die sich durch Kellerluken zwängen, ein zwar solider, aber vorhersehbarer Versuch, die Bestie bedrohlich genug ins Bild zu rücken. In Black Water, im Gegensatz zu Crawl natürlich ein astreines Low Budget-Movie, geht das Duo Andrew Traucki und David Neulich die Sache etwas anders an: sie verlassen sich auf die allseits bekannte Prämisse mit dem Teufel: einfach mal annehmen, es gäbe ihn gar nicht. Was aber noch sein könnte, wäre filmen nach Vorbild: nämlich Ridley Scott und sein Alien-Original. Das Wesen aus dem All ist nur am Ende des Films so richtig zu sehen. Die Spannung resultiert daraus, eben nicht zu wissen, wo das Monster anfängt und wo es aufhört, und überhaupt, ob und wo es sich befindet. Im Film der beiden Australier haben wir es mit ähnlichen Finten zu tun – die Bedrohung ist gleichzeitig überall und nirgends. Das schwarze, trübe, sich sanft kräuselnde, ungemein lebendige Gewässer lässt die Bestie auf abstrakte Weise jeden Winkel der Botanik einnehmen. Black Water macht auf raffinierte Weise jedes kleine Luftbläschen auf der Wasserfläche zum Feind, das Spiel mit den Lichtreflexen auf den plätschernden Wellen ist besser als jedes CGI. Wie ein Survivalthriller eben alle Stückchen spielen kann, ohne groß budgetiert zu sein, das zeigt diese kleine, garstige Version des Kinderliedes „Affen auf dem Baum“ zwischen Blut, Schlamm, Hitze und trügerischer Ruhe. Wenn einer eine Reise tut, und das noch überlebt, dann hat er was zu erzählen – in diesem Fall am liebsten dem Therapeuten.

Black Water

47 Meters Down

FISCHE VON UNTEN

7/10

 

47metersdown© 2017 Universum Film

 

LAND: GROSSBRITANNIEN, USA, DOMINIKANISCHE REPUBLIK 2017

REGIE: JOHANNES ROBERTS

CAST: CLAIRE HOLT, MANDY MOORE, MATTHEW MODINE, YANI GELLMAN, CHRIS J. JOHNSON U. A.

 

Im Urlaub, da sind die Pflichten des Alltags kein Thema mehr, da ist Frau und Mann schon ein bisschen wer anderer. Außerdem wagemutiger als sonst, Möchtegern-Abenteurer schlechthin, die auch gerne mal über den Durst trinken, dabei leicht zu überreden sind und Dinge wagen, die sie sonst nicht mal im Traum tun würden. Zum Beispiel Käfigtauchen mit Weißen Haien. Ich kenne jemanden, der hat das getan – seiner Meinung nach ein tolles Erlebnis, mit Sicherheit – wenn alles klappt. Dabei werden die zahlenden Gäste ohnehin nur ein paar Meter tief ins Wasser gelassen. Haben die Knorpler dann das Interesse verloren oder neigt sich die Atemluft dem Ende zu, geht’s wieder hoch. Bestanden ist das Abenteuer. Im Rahmen lukrativer Urlaubsflirts will Mann Frau aber unbedingt beeindrucken, also chartert Mann fernab des Mainstream-Tourismus einen unterdurchschnittlich frequentierten Kahn mit zwei Mann Besatzung, davon einer ein zauseliger Ex-Vietnamveteran Marke Matthew Modine (schon lange nicht mehr irgendwo in einem Film gesehen), der mal so zwischen Reling und Steg die salopp formulierte Frage stellt, ob sowieso alle Beteiligten den tauchsport beherrschen. Das wird natürlich bejaht, denn die Damen und Herren Mittzwanziger sind schon voller Tatendrang, obwohl sich dennoch manchmal ein gewisses ungutes Gefühl einschleicht, zumindest bei einer der Ladys. Der Film würde nicht 47 Meters Down heißen, würde sich dieses ungute Gefühl später nicht auch bewahrheiten. Denn der Kahn, mit dem an den Tauchplatz geschippert wird, hat auch schon mal bessere Tage gesehen. Und es ist diesmal nicht die Tücke eines sinisteren Psychopathen, der den Naivlingen ans Leder will, sondern die des Objekts. Und wenn das Käfigseil reißt, geht’s non-stop Richtung Meeresgrund.

Dieses Worst-Case-Szenario passiert dann auch, und erstaunlich ist dabei, welch belastbares Trommelfell die beiden Mädels haben, die ohne Druckausgleich Dutzende Meter tief in die Finsternis stürzen. Allerdings ist dieser Umstand interessanterweise der einzige, der nicht ganz den körperphysikalischen Gesetzen entspricht. Johannes Roberts hat ansonsten nämlich einen Survivalthriller unter Wasser gesetzt, der überraschenderweise ordentlich für Spannung sorgt und Szenen findet, die, vor allem wenn man selbst Taucher ist und Momente wie diese ungefähr nachvollziehen kann, panikmachende Beklemmung erzeugt. Der wirkliche Witz an der Sache ist – der Haikäfig lässt sich öffnen, gefangen sind die beiden Taucherinnen, wie man vermuten würde, also nicht. Der räumliche Hemmschuh liegt in der Unmöglichkeit, jenseits eines Nullzeittauchgangs (also 20 Meter) schnurstracks aufzutauchen, ohne sich die Taucherkrankheit einzutreten. Mit anderen Worten: ein Zwischenstopp wäre nötig, von mehreren Minuten sogar. Wie denn aber, angesichts der gefräßigen Tiere, denen das Blut, welches den beiden Verunglückten aus allen möglichen Wunden sickert, ordentlich in der Nase juckt? Fast schon ein brillanter Umstand, den 47 Meters Down sich da geschaffen hat. Und der Film spielt nicht nur mit Wasserdruck, Luftressourcen und der Trägheit schwerer Dinge, sondern auch mit der Wahrnehmung. Das ist fast schon perfid, mit der zielsicheren Suspense eines Psychothrillers und um Haifischlängen aufregender als Blake Lively in The Shallows oder unlängst Crawl, der leider seiner Vorhersehbarkeit zum Opfer fiel. 47 Meters Down lässt sich viel weniger einschätzen, Erwartungen werden durchaus unterwandert, und wer in Bälde mal vorhat, Sharkwatching zu betreiben, der sollte diesen Film tunlichst, oder zumindest nur fürs erste, lieber meiden. Es sei denn, sie oder er liebt den Nervenkitzel. So wie die beiden Mädels in einem Reißer, der dem Genre des Wildlife-Thrillers frischen Sauerstoff in die Venen pumpt.

47 Meters Down

303

LIEBE GEHT DURCH DEN WAGEN

5,5/10

 

303© 2018 Alamode

 

LAND: DEUTSCHLAND 2018

REGIE: HANS WEINGARTNER

CAST: MALA EMDE, ANTON SPIEKER, MARTIN NEUHAUS U. A.

 

Ab in den Süden! – Ich kann es kaum erwarten, bis Buddy vs. DJ the Wave wieder aus dem Radio scheppert, bis die Uhren endlich umgestellt sind und es langsam wieder nach Sommer riecht. Mit Ab in den Süden ist das Urlaubsfeeling in der Zielgeraden, da freut man sich, endlich ausbrechen und den ganzen Alltag hinter sich lassen zu dürfen. So wie die 24jährige Biologiestudentin Jule, die gerade ihre letzte Prüfung vor der große Pause versemmelt hat und sich nun mit einem Wohnmobil der Marke Mercedes Homer 303 aufmacht, ihren Freund zu besuchen, der in Portugal weilt und noch gar keine Ahnung davon hat, dass er womöglich Vater wird. Doch ganz sicher ist sich Jule da nicht – ob sie die Schwangerschaft nicht abbrechen soll? Kurz nach Berlin gabelt die junge Frau an einer Tankstelle den Tramper  Jan auf – ebenfalls Student, ebenfalls mit einem Projekt gescheitert, und eigentlich vaterlos. Sein unbekannter, biologischer Erzeuger, der weilt auch im Süden, und zwar in Spanien. Sommerferien sind also da, um das zu tun, was man irgendwie tun muss − wobei der Weg als Ziel eigentlich viel schöner ist als das, was wartet, wenn man ankommt.

Fatih Akin hat schon Anfang der 90er mit der Sommerkomödie Im Juli so ein launiges, verliebtes Roadmovie inszeniert, mit einer traumhaft quirligen Besetzung, und mit einer kurzweiligen Story, die nah an der hollywoodtauglichen Krimikomödie entlangflaniert. 25km/h, die Reise auf zwei Mofas Richtung Nordsee, war auch so ein Selbst- und Wiederfindungstrip. Und 303 – der liegt auch irgendwo auf dieser Schiene, nähert sich aber thematisch fast schon mehr den Dialogkomödien eines Richard Linklater an, insbesondere der Before-Trilogie, bestehend aus Sunrise, Sunset und Midnight. Ethan Hawke und Julie Delpy trafen sich da in Wien, Paris oder letztendlich in Griechenland, um einfach miteinander zu reden, Diskussionen vom Zaun zu brechen und an den Erkenntnissen zu wachsen. Das ist auch der Punkt, warum Linklaters Dialog-Trilogie in allen Teilen so gut funktioniert. Weil einfach die Chemie zwischen den beiden gestimmt hat – und beide auch bereit waren, ihren Standpunkt zu verändern, aus einem anderen Licht zu betrachten, sich selbst zu hinterfragen.

Die Chemie zwischen Mala Emde und Anton Spieker scheint erstmal auch zu stimmen. Beide Schauspieler lassen sich gut aufeinander ein, und sehr wahrscheinlich lief das Casting für diesen Film nicht getrennt voneinander ab, wie vielleicht bei Herzblatt. Die beiden mögen sich, das ist klar, zumindest nach dem zweiten Anlauf, denn beim ersten Mal hat Jan noch den Beifahrersitz räumen müssen, weil er bei Jule einen wunden Punkt getroffen hat. Gut aber, dass der Zufall es so wollte und beide wieder zusammengeführt hat. Und so tingeln sie quer durch Deutschland, Belgien, Frankreich und Spanien. Wir sehen, wie sie die offenen EU-Grenzen passieren, wenn der Kölner Dom oder rustikale französische Dörfer vorbeirauschen und das Meer zum Greifen nah ist. Während sie so von einer Landschaft in die nächste reisen, rund eine Woche lang, wird viel geredet, diskutiert und sinniert. Und genau darin liegt das Problem in diesem deutlich überlangen und auch viel zu langen Reisefilm vom Österreicher Hans Weingartner (Das weiße Rauschen, Die fetten Jahre sind vorbei). Sein mobiler Liebesfilm nimmt sich einerseits und vollkommen nachvollziehbar genügend Zeit, die Zuneigung der beiden füreinander langsam, aber stetig und glaubhaft wachsen zu lassen. Das ist das Kernstück, das tatsächlich auch so gemeinte Herzstück des Films – denn das Herz, das spielt hier eine große Rolle. Und was das Herz will, das, so wünscht man sich, soll es bei Jule und Jan auch bekommen. Andererseits aber sind die Dialoge nicht das, was sie sein sollten, da hätte Weingartner von Linklater mehr lernen sollen. Insbesondere bei den Gesprächen, die so aussehen sollen wie jene über Gott und die Welt. Wenn es um Suizid, Sexualität und Massenkonsum geht, wirken die Diskussionen so klischeehaft, vorbereitet und in den Mund gelegt wie durchkonzipiertes Schulfernsehen. Kann sein, dass Mala Emde und Anton Spieker hier aus dem Stegreif plaudern, aber wie Stegreif mutet das ganze nicht an. Eher wie eine Umfrage zu trendigen Jugendthemen. Da fehlt das Unmittelbare, das Aufgreifen des Gesprächs aus der Situation heraus. So hat man das Gefühl, einem Schulprojekt aus der Oberstufe beizuwohnen, das gerade mal ein Wochenende Zeit gehabt hat, sich stichwortartig die Fragen zu überlegen.

Liebens- und sehenswert sind die beiden ja trotzdem, und es sei ihnen das Glück in ihrem jungen Leben vergönnt, aber vielleicht bin ich diese Art der Twentysomething-Diskussionskultur schon durch und muss niemandem mehr meinen Standpunkt klarmachen. Weingartners Verliebte müssen das, und so ist sein Film auch durch den Eifer seiner populären, recht aufgepappten Topics ein reiner Jugendfilm, der weder überrascht, erstaunt oder Reibungsflächen bietet, der einfach nur  – und das kann er aber –- vom Gefühl einer Sommerliebe erzählt, und vom Alltag, den man gerne zurücklassen würde. Was aber nicht ganz klappt, denn die Hürden des Lebens sind mit dabei, wobei diese in 303 aber kleiner werden, sich anders verlagern oder von selbst lösen. Das ist wohl das, was das Reisen ausmacht – Distanz hinter sich und dem Status Quo zu bringen, während man sich neuen Horizonten auf der Landkarte und im Kopf zuwendet.

303