The House

DER ALBTRAUM VOM EIGENHEIM

8,5/10


thehouse_02© 2022 Netflix


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN 2022

REGIE: EMMA DE SWAEF & MARC ROELS, NIKI LINDROTH VON BAHR, PALOMA BAEZA

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): MIA GOTH, CLAUDIE BLAKLEY, MATTHEW GOODE, MARK HEAP, MIRANDA RICHARDSON, STEPHANIE COLE, JARVIS COCKER, HELENA BONHAM CARTER U. A.

LÄNGE: 1 STD 37 MIN


Dieses Jahr ist nicht nur im Kino bereits reichlich beeindruckend. Netflix zieht mit, und hat einen Animationsfilm im Sortiment, der einem die Sprache verschlägt. Der Episodenreigen mit dem schlichten Titel The House feiert die gute alte Methode der Stop-Motion mit Puppen aus Filz und Fell, deren feine Fasern sich bei jeder Bewegung anders positionieren und der ganzen geschmeidigen Animation das gewisse rustikale Etwas aus den frühen Tagen des DDR-Sandmännchens verleihen. Mit The House bekommt Perfektionist Wes Anderson, der mit Isle of Dogs die Akkuratesse einer solchen Methode auf die Spitze getrieben hat, ernsthafte Konkurrenz. Und wenn man glaubt, mit diesem Trickfilm vergnügliche Familienunterhaltung zu verorten, irrt gewaltig. The House ist düster, beängstigend und so surreal wie seit David Lynch’s Traumgespinste selten ein Film. Dabei ist Dreh- und Angelpunkt dieser absurden Szenarien lediglich ein stattliches, neoklassizistisches Gebäude mit einem kleinen Türmchen in der Mitte, das einmal Menschen, einmal Mäuse und dann wieder Katzen beherbergt, die als klassische Tierfabelfiguren mit ihren eigenen vier Wänden in Clinch gehen.

In Geschichte Nummer 1, inszeniert vom belgischen Animationsduo Emma de Swaef & Marc Roels, schaut eine aus ärmlichen Verhältnissen stammende Familie einem geschenkten Gaul sicherlich nicht ins Maul, als sie in besagtes Haus einzieht. Doch besser, sie hätten es angesichts diverser obskurer Begebenheiten lieber doch gemacht. Geschichte Nr. 2, inszeniert vom Schweden Niki Lindroth von Bahr, lässt im selben Haus einen Mäuserich als Grundstücksmakler, der die Immobilie an die Maus bringen will, an seine Grenzen gehen. Denn die, die sich als einzige für dieses von Ungeziefern heimgesuchte Gemäuer interessieren, sind auch nicht das, was sie scheinen. Zu guter Letzt dann die wohl zuversichtlichste Anekdote von Paloma Baeza, die womöglich ihrer Liebe zu Katzen Tribut zollt. Denn da versucht eine miezende Hausherrin inmitten stetig steigenden Hochwassers all ihre Räumlichkeiten zu renovieren, um doch noch Mieter anzulocken. Womöglich vergeblich – oder doch nicht?

Häuser, die ein Eigenleben führen oder ihre Bewohner zur Verzweiflung treiben, gibt es viele in der Filmwelt. Erst kürzlich klapperten Giebel und Fensterläden in Disneys Encanto fröhlich vor sich hin. Doch Gotte behüte, wenn die Villa mal einen schlechten Tag hat wie zum Beispiel in Roman Polanskis Der Mieter. In Hinterholz 8 oder Geschenkt ist noch zu teuer sind Häuser der Granit, an dem sich motivierte Selfmen die Zähne ausbeißen. In diesen Gutenachtgeschichten hier führt es den Bewohner noch tiefer in die metaphysischen Eingeweide seltsam verwunschener Bauten und scheinbar eleganter Räumlichkeiten. In The House findet nichts eine Erklärung, verschwinden Räume und Treppen, krabbeln Käfer aus allen Ritzen, ist das Ende der Sesshaftigkeit nur bedingt ein neuer Anfang. In detailverliebter Ausstattung Marke Puppenküche und mit auf den ersten Blick zwar herzigen, aber letzten Endes befremdlichen Filzköpfen geraten die Gutgläubigen in einen Sog unheilbringender, höherer Mächte und erinnern an die bis zum großen Knall ausgearbeiteten Visionen eines Eugene Ionesco oder Gert Jonke, die die Sehnsucht nach dem bürgerlichen Wohlstand und heimeliger Glückseligkeit hinters Licht führen – dorthin, wo es finster genug ist, um sich auszumalen, was gar nicht sein kann.

Vor allem aufgrund dieser Rätselhaftigkeit der punktgenau ausformulierten Kurzgeschichten ist The House ein zauberhaft unbequemes Faszinosum, das gegen den Strom gefälliger Feelgood-Plots schwimmt und die Begrifflichkeit des Wohnens, gerade zur Zeiten der Pandemie wieder wichtig geworden, in schwarzgezeichnetem Wohlwollen für den Bewohner und seiner Psyche hinterfragt.

The House

Hexen hexen (2020)

ZEIGT HER EURE FÜSSE!

6/10


hexenhexen© 2020 Warner Bros. Pictures Germany


LAND: USA 2020

REGIE: ROBERT ZEMECKIS

CAST: ANNE HATHAWAY, OCTAVIA SPENCER, STANLEY TUCCI, JAHZIR BRUNO, CODIE LEI-EASTICK, CHRIS ROCK U. A. 

LÄNGE: 1 STD 45 MIN


Wie ekelhaft! Um eine Hexe zu erkennen, braucht es nicht viel. Sie müssen lediglich ihr Schuhwerk ausziehen. Denn Hexen, die haben gar keine Zehen. Wenn überhaupt, dann nur eine, und die ragt wie ein ausgestreckter Mittelfinger aus einem zehenlosen Fußballen hervor. Dieses noble Körperteil bleibt allerdings nur der Oberhexe vorbehalten. Und wer könnte diese sinistere, ekelhafte Matriarchin wohl am Besten spielen? Ann…jelica Huston. Kaum jemand, der Nicholas Roegs Klassiker nicht gesehen hat. Anjelica Huston, die sonst auch Morticia Addams treffend zu farbenfrohem Leben erweckt hat, ist als kinderhassende Antithese auf die nette Dame von nebenan schwer bis gar nicht zu toppen. Langes, schwarzes Haar, ein Charisma, das alle Anwesenden einen oder gar mehrere Schritte zurücktreten lässt. Mit sensenartiger Nase und massivem Kinn, dabei barhäuptig und von Krätze gezeichnet, schwört die Oberhexe all ihr Gefolge im Rahmen einer Konferenz zum Schutz gegen Kindesmisshandlung (wer’s glaubt) zur vollständigen Vernichtung aller Kinder dieser Welt ein. Blöd nur, dass dieses Treffen genau dort stattfindet, wo der namenlose junge Titelheld dieser Geschichte nach Roald Dahl mit seiner Oma Urlaub macht. Gier und Neugier machen allerdings diesem bösartigen Vorhaben einen Strich durch die Rechnung, auch wenn dann so manch einer auf die Maus gekommen sein könnte.

Der Rest von Hexen hexen ist längst Kult. Und Robert Zemeckis, Regielegende, für dessen Zurück in die Zukunft-Trilogie ich dem Mann ewig dankbar bin, weiß das auch. Dementsprechend bemüht sich der Filmemacher auch gar nicht sonderlich, sich von Nicholas Roegs Klassiker weit zu entfernen. Kleine verändernde Kniffe, die gibt´s schon. Zum Beispiel was Schauplatz, Diversität und das Ende der Geschichte betrifft. Diese neuen Extras rollen den Teppich aus für die größte Veränderung in dieser vergnüglichen, wenn auch selbstverständlich vorhersehbaren Fantasykomödie: Anne Hathaway. Ich denke nicht, dass die Gute auch nur eine Sekunde dabei gezögert hat, diese Rolle zu unterschreiben. In den Fußstapfen von Anjelica Huston treten, überhaupt endlich mal etwas ganz anders spielen. Etwas, das nicht gut, nicht schön, nicht politisch korrekt sein muss. Eine Hexe heben. Herrlich, dieser Spaß. Dementsprechend spiellaunig betritt sie als aufgedonnertes Make-Up-Schreckgespenst das Foyer des Hotel Imperial, Stanley Tucci mit John Waters-Gedächtnisschnauzer zeigt, was es heißt, gleichzeitig devot zu sein und die Gastgesellschaft hinter den Mond zu wünschen. Spätestens dann, wenn Hathaway ihre Hüllen, Handschuhe und sonstiges fallen lässt, kommt sogar ein bisschen grotesker Grusel auf, wenn das Grinsen der fiesen Tanten zwischen Joker und rabenschwarzer Nacht bis über beide Ohren geht. Kleine Kinder sollten sich das skurril-hämische Treiben lieber entgehen lassen. Alle anderen werden erschaudern. Wir Älteren klatschen diesem Mut zur Hässlichkeit, den Anne Hathaway an den Tag legt, gerne Beifall. Und staunen, was dieses dargestellte Wesen mit seinen Gelenken alles anstellen kann.

Mit der Oberhexe hat der Film seinen einzigen Trumpf aber längst ausgespielt. Alles andere huldigt mit mittelmäßigem Mäuse-CGI dem Abenteuer aus 1990. Sogar die dahinflitzende Kamera auf Augenhöhe, um sich an den Fersen der hetzenden Nager zu heften, hatte Roeg bereits ausprobiert. Aber immerhin schön, das Ganze nochmal auf großer Kinoleinwand zu sehen. Schön auch, dass Octavia Spencer als liebenswerte Oma das Herz aber sowas von am rechten Fleck hat. Sonst allerdings hat Zemeckis mit dem von Guillermo del Toro (der ursprünglich daraus ein Stop-Motion-Abenteuer machen wollte) und Alfonso Cuáron mitproduziertem Hexeneinmaleins tatsächlich nur solide Routinearbeit abgeliefert, die es nicht unbedingt gebraucht hätte, die als vollständige Animation womöglich besser dran und vielleicht auch etwas origineller gewesen wäre. Aber immerhin: wer zuletzt grinst, grinst am Besten.

Hexen hexen (2020)