Über die Unendlichkeit

WO DER MENSCH NICHT WEITER WEISS

6,5/10


unendlichkeit© 2019 Neue Visionen


LAND: SCHWEDEN 2019

REGIE: ROY ANDERSSON

CAST: MARTIN SERNER, JAN-EJE FERLING, TATIANA DELAUNAY, LESLEY LEICHTWEIS BERNARDI, ANIA NOVA U. A. 

LÄNGE: 1 STD 16 MIN


Wer einmal schon einen Film vom Schweden Roy Andersson gesehen hat, wird wissen, was auf ihn zukommt. Alle anderen hingegen werden feststellen – zum eigenen Leidwesen oder in staunender Verzückung – dass Filmemachen auch komplett anders funktionieren kann. Über die Unendlichkeit lässt sich mit nichts vergleichen, was außerhalb des Roy Andersson-Universum sonst noch im Kino oder Stream läuft. Roy Andersson muss man mögen, andererseits aber auch nicht zwingend ablehnen. Einlassen muss man sich drauf, sonst wird das nichts. Denn einen roten Faden hat das Ganze nur sekundär.

Dabei hat Andersson in seinen Filmen immer nur eins zum Thema: die Irrfahrten einer ratlosen Menschheit durch den Alltag. Die verlorenen, ausgezehrten, blassen Gestalten in ebenso blassen Kleidern, eingebettet in einer grauen, bis in alle Ferne detailverliebten Umgebung, hadern mit dem Glauben, mit der Liebe, mit rosigen Aussichten auf die Zukunft. Andersson gibt sie aber nicht auf. Er lässt sie zu Miniaturen werden, zu kleinen Häufleins der Gattung Homo sapiens, die er in Pop-Up-Bilder bettet, die wie Guckkastenbühnen statisch verharren und alle Auftritte ins Bild stolpern lassen. Doch nicht nur das – manchmal sind sie auch längt da, sind genauso statisch wie das akkurat arrangierte Bild und sind Teil des Interieurs oder der Straßenszene. Anderssons Film Songs from the Second Floor ist ein Meisterwerk – später war der Alltagsphilosph nie mehr so radikal. Im Gegenteil. Seine Filme werden immer kleiner, nüchterner, verlieren ihre eigentliche Pointe. Manchmal mag das ein unglücklicher Schachzug sein. Dann verweilt man als Zuseher vor tristen Gemälden, in denen sich ganz plötzlich ganz wenige Komponenten in Bewegung setzen. Eine Stimme aus dem Off, die eines Mädchens, sagt, was sie sieht. So, als wäre sie ein Engel, eine Entität über dem Geschehen. Dadurch wird die Verzweiflung des Einzelnen noch kleiner, und das angesichts völlig banaler Situationen, die uns selbst immer wieder schon passiert sind. Am Bahnhof nicht abgeholt zu werden, weinend im Bus zu sitzen. Am Grab eines geliebten Menschen stehend. Zwischendurch dann ganz andere Probleme: der Ehrenmord an die eigene Tochter, Hitlers letzte Momente im Bunker, eine Karawane Kriegsgefangener durch die Ödnis Sibiriens. Was genau, so fragt Andersson, ist des Menschen Problem? Und ist er in der Lage, sich und sein Leben entsprechend zu differenzieren? Sein Glück in Relation zu setzen zu dem, was sonst noch passiert auf diesem Planeten?

Ein Priester, der seinen Glauben verloren hat, der geistert immer wieder mal durch die scheinbar wahllos arrangierten, oft nur minutenlangen Szenen. Hinter jeder steckt ein enormer inszenatorischer Aufwand. Es ist eine Kunst, Schauspiel und Film dermaßen formelhaft wiederzugeben, wie eine Spieluhr, deren Szenen immer wieder ablaufen, bis der volle Tag vorüber ist und die Vögel weiterziehen. Über die Unendlichkeit ist zwar längst nicht so stark und akzentuiert wie Anderssons Vorgänger, es bleibt aber immer noch genug Restgedanke über, um einen Prolog zu seinem bisherigen Schaffen zu kollektivieren, der ähnliches zu sagen hat wie alles Bisherige. Ein Bewegtbilderbuch auf großer Leinwand, karg und gleichzeitig opulent – jedenfalls eines: die absolute Kehrseite des Mainstreams.

Über die Unendlichkeit

Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden

NÄCHSTER HALT: IRRENANSTALT

5/10

 

obskur_zugreisender© 2020 Neue Visionen

 

LAND: SPANIEN 2020

REGIE: ARITZ MORENO

CAST: LUIS TOSAR, PILAR CASTRO, ERNESTO ALTERIO, QUIM GUTIÉRREZ, BELÉN CUESTA, MACARENA GARĆIA U. A.

LÄNGE: 1 STD 43 MIN

 

Vorsicht ist die Mutter der Eintrittskarten für diesen Film. Dessen Titel führt nämlich in die Irre, denn Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden könnten natürlich so etwas sein wie all die verschroben-phantasievollen Begebenheiten, die einer Amelie passiert sind. Oder er erinnert vielleicht an die poetischen Filme eines Veit Helmer, wie zum Beispiel an den Lokführer, der die liebe suchte. Dem Trailer nach ja, dem Trailer nach könnte der Film eine etwas deftigere Version, aber eine Version von so etwas sein, wenn schrullige Anekdoten von der Skurrilität des Lebens erzählen.

Dem ist nicht so. Regisseur Aritz Moreno führt sein Publikum in seinem spanischen Episodenfilm schlichtweg in menschliche Abgründe. Wer da nicht drauf vorbereitet ist, könnte schon in der ersten Episode, die da heißt „Eine trügerische Hochzeit“ (warum, weiß keiner) leicht verstört mit dem Gedanken spielen, das Kino zu verlassen.

Alles beginnt mit einer wie der Titel schon sagt Zugfahrt, während jener ein Psychiater seinem Vis a vis von unglaublichen Geschichten aus den Erinnerungen seiner Patienten berichtet. Die sind entweder schizophren oder paranoid oder haben sonst irgendeine schwerwiegende Psychose. Erzählt wird zum Beispiel von einem Soldaten im Kosovo (voller Spielfreude: Luis Tosar), der kriegsversehrt vom Einsatz heimkehrt, sichtlich gezeichnet, und wiederum von einem dubiosen Handel mit Waisenkindern beichtet, die für Schreckliches missbraucht werden. Das will natürlich niemand sehen, ich jedenfalls nicht, doch sobald einem klar wird, dass es die Treppen abwärts geht in die Finsternis, kommt man irgendwie nicht mehr aus. Zum Glück ist das nicht die einzige Geschichte. Da gibt’s noch die mit dem Hundebesitzer, dessen Freundin immer mehr zum Vierbeiner werden muss. Perverse sexuelle Abgründe? Jawohl – und um nichts bequemer! Und wie ist das mit der Müll-Verschwörung? Zeitgemäßer geht´s kaum. Angesichts dieser Geschichten ist der Mensch selbst die Wurzel allen Übels, dessen Überforderung den Geisteskranken ins Gesicht geschrieben steht.

Angekündigt und kommentiert wurden Die obskuren Geschichten des Zugreisenden damit, den Surrealismus im Kino wiederentdeckt zu haben. Luis Bunuel wurde erwähnt. Allerdings auch nur, weil der Meister des Surrealen selbst das Wort „obskur“ in einem seiner Filme hatte. Sonst ist an Morenos Reigen des Irrsinns nichts surreal, und das ist eigentlich das Erschreckende daran. Dem Menschen wäre all dies zuzutrauen, und tatsächlich passieren womöglich Dinge, die den Film geradezu alt aussehen lassen, obwohl mir das schon reicht. Den Inhalt aus Ulrich Seidls Hundstage wollte ich auch nicht kennenlernen, und tatsächlich haben beide Episodenfilme gewisse ähnliche Eigenschaften. Seidls wie auch Morenos Film schildern auf zynische Weise den Dreck unter den Fingernägeln menschlichen Überschnappens, und beide entwickeln eine Faszination für das Abnormale. Dabei sind Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden immerhin von einer farbsatten, üppigen Ästhetik, wie man es aus Filmen eines Jean-Pierre Jeunet gewohnt war, wie zum Beispiel aus Delicatessen oder Micmacs. Trotz dieser erlesenen Bildsprache ist dieser Film nichts für angenehme Kinostunden. Im Gegenteil: auch bei all dieser überzeichneten Lust am puppentheatralischen Wahnsinn einer Freakshow bleibt ein ganz mieses Gefühl.

Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden

Adú

JUNGE, KOMM NIE WIEDER NACH HAUS

5,5/10

 

Adu© 2020 Netflix

 

LAND: SPANIEN 2019

REGIE: SALVADOR CALVO

CAST: MOUSTAPHA OUMAROU, LUIS TOSAR, ANNA CASTILLO, ÁLVARO CERVANTES, JESÚS CARROZA U. A. 

 

Im Gegensatz zu Oliver Twist aus Charles Dickens´ Fortsetzungsroman weiß der kleine Adú immerhin, woher er kommt: aus einer Holzhütte über den Wassern irgendwo in Kamerun. Dort lebt er mit seiner Mutter und seiner älteren Schwester, und oft führt der Weg nach Hause auf dem familieneigenen Fahrrad quer durch den Dschungel des Ebo Reservats. Wie es in Afrika nun mal so zum Alltag gehört, liegen Verbrechen und ein argloses Leben in Armut eng beieinander. Eines Tages werden die beiden Kinder Zeuge, wie Wilderer einen Elefanten zerlegen – und werden prompt entdeckt. Kein gutes Timing. Was folgt, ist ähnlich ernüchternd wie das Schicksal des Dickhäuters. Die Zeugen sind bald eruiert. Was bleibt, ist die Flucht durch Nacht und Nebel. Mutterlos, obdachlos. Eine Odyssee in den Norden beginnt, während der sich Adú bald im Alleingang durchkämpfen muss – bis ans Nordufer des afrikanischen Kontinents.

Das klingt natürlich nach einer spannenden, immens aufwühlenden und auch erschütternden Überlebens- und Leidensgeschichte. Nach einem Flüchtlingsdrama, das betroffen macht. Vielleicht klingt das auch ein bisschen nach Abenteuer. Aber Flucht ist niemals so heldenromantisch wie sich Abenteuer nicht selten outen. Diese Flucht ist eine Notwendigkeit – und der Drang, der Druck nach vorne, diesen Willen, sich durchzuarbeiten und sich notgedrungen mit anderen zusammenzuschließen, die ein ähnliches Schicksal teilen, das weiß Regisseur Salvador Calvo in staubgetunkten Afrikabildern vom Dschungel bis in die Berge Marokkos ganz gut einzufangen. Wobei er allerdings gut daran getan hätte, auf den Fersen des kleinen Adú zu bleiben. Stattdessen fächert er das Thema auf zwei weitere Episoden auf, die nur lose mit dem Schicksal des Waisenjungen verknüpft sind. Ziemlich lose sogar.

Zum einen ist das die Geschichte rund um den NGO-Wildtierschützer Gonzalo, der nicht nur seine Position im Kampf gegen Elfenbein vor den Einheimischen verteidigen, sondern nebenbei noch seine Rolle als Vater einer Tochter wahrnehmen muss, die ihre Drogensucht am Äquator auszukurieren gedenkt. Zum anderen ist das ein tödlicher Zwischenfall am Grenzzaun zur spanischen Enklave Mallila nahe Marokko, für welchen sich einige Grenzschutzbeamte verantworten müssen. Adú tangieren diese scheinbar willkürlich gestreuten Zusatzepisoden überhaupt nicht. Den Zuseher genausowenig. In Alejandro Gonzáles Iñárritus Film Babel haben erstens alle Episoden einen gemeinsamen Nenner, und zweitens sind diese in ähnlicher ausgewogener Relevanz zu sehen. In Adú schenkt Calvo natürlich der Geschichte des Jungen die meiste Aufmerksamkeit und auch Spielzeit. Die zwei anderen Episoden sind schale Anhängsel und erfüllen nicht wirklich ihren Zweck. Dafür sind sie zu wenig definiert, fast schon beliebig, was die Wahl verwandter Themen betrifft, die rund um den gordischen Knoten namens Flüchtlingskrise treiben. Was nicht heißt, dass diese beliebigen Themen auch miteinander verknüpft werden können. Man wartet also, während man Adú zusieht, wie er ums Überleben strampelt, inwiefern die Stories sowohl des Tier- als auch des Grenzschützers wohl zur Entwicklung von Adús Story beitragen können. Nun ja – nichts.

Adú ist sicher ambitioniert. Letzten Endes aber erinnert Adú an das ereifernde Aufzeigen eines heimgekehrten Globetrotters, der seinen Good Will aktiv umsetzen möchte und daher bei der Suche nach freiwilligen Helfern enthusiastisch den Arm in die Höhe reckt. Natürlich eine feine Sache, doch sobald es ernst wird, bleibt die lähmende Ohnmacht, kaum etwas verändern zu können, da die Politik den erfahrungsreichen Globetrotter von links nicht erhört. Womit wir vielleicht doch bei einem gemeinsamen Nenner wären. Unterm Strich nämlich, da schlägt die Skala zur Veränderung der Gesamtsituation nur dann aus, wenn der, den es betrifft, sein Leben selbst in die Hand nimmt. Die Zukunft bleibt dabei selbstverständlich ungewiss. Und die Flucht nach Europa unabdingbar.

Adú

The Kindness of Strangers

VERLOREN UND WIEDERGEFUNDEN

7,5/10

 

kindnessofstrangers© 2019 Alamode Film

 

LAND: USA, DÄNEMARK 2018

REGIE: LONE SCHERFIG

CAST: ZOE KAZAN, ANDREA RISEBOROUGH, TAHAR RAHIM, BILL NIGHY, JAY BARUCHEL, CALEB LANDRY JONES U. A.

 

An alle, denen soziale Nähe nicht nur in Corona-Zeiten suspekt vorkommt und die mit Free-Hugs-Aktivisten nicht viel anfangen können: in Lone Scherfigs feinfühligem Sozialdrama menschelt es gewaltig. Aber es menschelt auf eine gute Art, um nicht zu sagen: auf enorm gute Art. Das ist Nähe, die man zulassen kann. Nächstenliebe würden manche dazu sagen, Altruismus die Studierten. Vorweihnachtliche Umsicht diejenigen, die, von wärmenden Geschichten wie die von Charles Dickens inspiriert, gerne alle Menschen in Geborgenheit wissen wollen. Natürlich, niemanden soll es schlecht ergehen. Der sichere Hafen eines guten Zuhauses ist allerdings subjektiv. Für Machtmenschen wie den Ehemann von Clara (berührend unbeholfen: Zoe Kazan) gilt die harte Hand als Maß aller guten Dinge. Für den Rest der Familie nicht. Also flieht dieser Rest in einer Nacht- und Nebelaktion vor der Aggression des Vaters ins winterliche New York – mit nichts außer einem Auto als Heimstätte, und ihrer Liebe zueinander. Dabei kann Clara durchaus ahnen, dass es nicht nur ihr so geht. Ein anderer junger Mann wiederum scheint zu keiner Arbeit fähig zu sein, weil das Pech ihn verfolgt. Wieder einer findet durch Glück Arbeit in einem russischen Restaurant – sonst aber plagt ihn die Einsamkeit. Und wieder eine arbeitet sich als Krankenpflegerin und Leiterin einer Selbsthilfegruppe zum buckligen Igor für andere.

Von den Unsichtbaren inmitten von Vielen erzählt dieser Film. Was anfangs scheint, als wären in The Kindness of Strangers thematisch verwandte Episoden der gemeinsame Nenner, verwebt sich zusehends und in keiner Weise verzettelnd zu einem großen, erkenntnisreichen Ganzen. Die Dänin Lone Scherfig (u. a. An Education) zeigt hier ganz viel Gespür für ihre strauchelnden Seelen, die niemals auch nur ansatzweise dem Sozialvoyeurismus die Hand aufhalten. Es sind die Zutaten für eine Art des Ensemblefilms, die scheinbar nur Script-Genie Richard Curtis so fein verweben kann. Sein Drehbuch zu Vier Hochzeiten und ein Todesfall ist längst Kult, Tatsächlich Liebe… und Alles eine Frage der Zeit, beides unter seiner Regie, sind bemerkenswert ausformulierte Filme zu leicht verbraucht wirkenden Themen wie Beziehung, Intimität und Herz. Vor allem letzterer ist pure Inspiration. Scherfig kann das genauso gut. The Kindness of Strangers schlägt aber deutlich düsterere Töne an, der soziale Abstieg der Familie rund um Clara lässt andere womöglich verzweifeln. Der von überall verbannte Taugenichts Jeff erweckt nur Mitleid. Und Krankenschwester Alice will man am liebsten gestern unter die Arme greifen. Andrea Riseborough sticht hier hervor wie eine wärmende Lichtgestalt an trüben Tagen. So selbstlose Menschen sind erstaunlich. Aber auch der Mut der anderen und der Trost von Fremden ist nichts, was alltäglich ist, aber durchaus sein könnte. Diese Erkenntnis ist letzten Endes unglaublich positiv und weckt Zuversicht in einem Zeitalter des Eigennutzes, in welchem viele sich selbst inszenieren und kaum mehr etwas geben, ohne zu nehmen. Interessanterweise erwarten all die Figuren in diesem Film für ihre Nächstenliebe gar nichts und erhalten viel mehr als jemals gedacht. Ein schönes, überlegtes und liebevoll inszeniertes Werk, indem die Gutmenschen jene sind, die sich niemals selbst dafür halten würden.

The Kindness of Strangers

Das Wachsfigurenkabinett

AUF DEN LEIB GESCHRIEBEN

6/10

 

wachsfigurenkabinett© 2020 berlinale.de

 

LAND: DEUTSCHLAND 1924

REGIE: PAUL LENI

CAST: EMIL JANNINGS, CONRAD VEIDT, WILHELM DIETERLE, WERNER KRAUSS, OLGA BELAJEFF U. A.

 

Vier Jahre noch, dann feiert vorliegender Stummfilm aus dem Jahr 1924 sein 100-Jahre-Jubiläum. Da könnte man gleich auf die nächste Hektode das Glas erheben. Weil Stummfilme, die werden niemals aus der Mode kommen, zumindest die wirklich alten Werke nicht. Denn sowas, das sieht man nicht mehr alle Tage, weckt aber die Tage genug Neugier. Es ist etwas Museales, etwas Historisches, es ist längst nicht mehr nur Unterhaltung – es ist Bildung. Es ist Kulturerbe. Es ist der Rückblick auf eine Zeit, in der noch niemand zuhause vor dem Fernseher saß und Bingewatching betrieben hat, sondern für einen Abend ins Kino ging, egal was lief. Kino war eine Attraktion, ein eigenes kleines Festival, nicht weniger exponiert wie Theater oder irgendeine Revue im Varieté. Als wäre man auf einem Jahrmarkt, und würde seine paar Groschen ausgeben für Geschichtenerzähler, Jongleure, Gaukler und Freakshows. Nebenbei war Anfang des 20. Jahrhunderts eine Zeit des künstlerischen Um- und Aufbruchs, einer revolutionären, avantgardistischen Sichtweise vor allem in den bildenden Künsten: Der Expressionismus hatte in der zweiten Dekade seine Blütezeit, und fand in den laufenden Bildern ein weiteres Medium, um sich zu entfalten. Robert Wiene entwarf mit seinem irren Cabinet des Dr. Caligari ein Paradebeispiel für Expressionismus im Film, Paul Wegener setzte seinen Golem in die Welt und Paul Leni, ja der war ebenfalls einer der Vertreter dieses unverkennbaren Stils aus bizarren Kulissen, Überblendungen und exaltierten schauspielerischen Gebärden. Eines seiner wichtigsten Werke, das eben auch komplett restauriert zur diesjährigen Berlinale wiederaufgeführt wurde, mit der Free-Jazz-Livemusik des Ensembles Musikfabrik, das ist Das Wachsfigurenkabinett.

Dieser 80-Minüter erstrahlt nun in den unterschiedlichsten Farben, so wie Fritz Langs überarbeitete Version von Metropolis. Wäre meiner Meinung gar nicht nötig gewesen. Schwarzweiß ist sowieso ziemlich selten geworden, es ist angenehm fürs Auge und künstlerisch gesehen ohnehin eine gemähte Wiese für allerlei Kontraste. Aber gut, koloriert ist koloriert. Die Musik selbst, die unterstreicht die bizarren Geschehnisse in solidem, teils schrillem Gedöns. Wirklich sehenswert sind Paul Lenis spektakuläre Kulissen. Wie schon bei Caligari und Co definiert sich hier der expressionistische Stil in der Ausstattung. Schiefe Winkel, verbogene Türen und Fenster. Ganz Bagdad erscheint wie das Innere eines Termitenbaus. Wovon das Wachsfigurenkabinett handelt? Nun, es ist kein Gruselfilm, wie man vermuten würde. Es sind drei Episoden, die von jeweils einer Wachsfigur erzählen, über die ein namensloser junger Dichter berichten soll. Der erste ist Harun al Raschid, der zweite Iwan der Schreckliche, der dritte Jack the Ripper. Ursprünglich hätten es vier sein sollen, man sieht sogar die letzte Figur des Räubers Rinaldo Rinaldini, doch leider gab’s kein Budget mehr, und so musste Leni den Film entsprechend kürzen. Mit dem Timing, da hapert’s natürlich ganz gewaltig. Die erste Episode ist noch detailverliebt auserzählt, die zweite ist schon etwas kürzer. Zu Jack the Ripper fällt Leni überhaupt nichts mehr ein, da bleibt das Ganze ein Tagtraum. Beeindruckend ist neben den Bühnenbildern aber auch noch das Aufgebot vieler großer Namen, die damals das Kino beherrschten. Emil Jannings, der erste Oscarpreisträger überhaupt, gibt den Sultan Rashid als aufdringliche, groteske Karikatur mit verzerrter Mimik. So spielt heutzutage kein Schauspieler mehr. Conrad Veith – nicht weniger expressiv – ist Iwan der Schreckliche, der dem Wahnsinn verfällt. Und Werner Krauß? Der hat als Messermörder kaum noch Spielzeit.

Das Wachsfigurenkabinett wirkt wie unvollendet, am Ende hingehudelt, als gäbe es neben dem Geld auch noch keine Zeit mehr. Jannings wird später dem Blauen Engel zum Opfer fallen. Und nach Krauß Schauspielschulen benannt werden. Veith wird man gar in Casablanca widerfinden. So gesehen ist Lenis Budenzauber ein kleines Who is Who aus frühen Tagen, dass so seine bemüht kaschierten Macken hat, aber im Grunde für einen Filmband der anderen Art sorgt, vor allem, wenn man von aktuellen Kino-Trends mal Pause braucht.

Das Wachsfigurenkabinett

Vom Gießen des Zitronenbaums

FÜHL´ DICH WIE ZUHAUSE

7,5/10

 

VomGiessenDesZitronenbaums© 2019 Neue Visionen

 

ORIGINALTITEl: IT MUST BE HEAVEN

LAND: KATAR, DEUTSCHLAND, KANADA, TÜRKEI, PALÄSTINA 2019

REGIE: ELIA SULEIMAN

CAST: ELIA SULEIMAN, ALI SULIMAN, TARIK KOPTY, KAREEM GHNEIM, GAEL GARCIA BERNAL U. A.

 

Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, heißt es im Volksmund. Wenn aber keiner singt, bleibt die Frage, wo es am besten zu verbleiben wäre, eine, der man nachgehen sollte. Diese Frage wird umso dringlicher, umso weniger jemand einen Boden unter seinen Füßen hat, den er als sein Heimatland bezeichnen kann. Elia Suleiman, um den es hier geht und der sich auch selber spielt, der hat das nicht. Boden unter den Füßen ja, aber kein Heimatland. Wo er wohnt und lebt, das ist Israel, und um es genau zu nehmen kommt der Filmemacher aus Nazareth. Noch nie was von Elia Suleiman gehört? Ich bis vor Kurzem jedenfalls nicht, und es verwundert auch nicht so sehr, wenn klar wird, das dessen letzter Film schon zehn Jahre zurückliegt. Für sein Werk Göttliche Intervention hat er 2001 sogar den großen Preis der Jury in Cannes gewonnen. Suleiman ist also, was das Kino Arabiens betrifft, längst kein unbeschriebenes Blatt, sondern vielmehr ein Sprachrohr, ein so künstlerisches wie politisches, und alles für sein Volk aus Palästina.

Mit Vom Gießen des Zirtronenbaums, der ja im Original völlig anders heisst, nämlich It must be Heaven, ist sicherlich nicht die Sorte von Kino, die unsereins mitsamt der Masse gewohnt ist. Umso besser, würde ich sagen. Neue Denkweisen, Blickwinkel und Narrative sind hochwillkommen, noch dazu, wenn es in eine Richtung geht, die der legendäre Franzose und Situationskomiker Jacques Tati schon mal an den Tag gelegt hat. Wer seine Filme kennt, der weiß: Tati, der als Monsieur Hulot die Tücken der Moderne oder das seltsame Verhalten der urlaubmachenden Bourgeoise genau beobachtet hat, war niemals ein Mann großer Worte. Das ist Suleiman auch nicht. Denn Suleiman, der schweigt. Und beobachtet. Blickt sich um – und wundert sich. Während Tati aber noch selbst, durch seine fast schon absichtliche Unerfahrenheit diverse Slapstickkatastrophen heraufbeschworen hat, bleibt der wortabgewandte Denker und Flaneur stets auf Distanz zu dem, was passiert. Und es passiert von ganz alleine. Worum es in Vom Gießen des Zitronenbaums überhaupt geht? Das ist schwer zu sagen, so ganz genau weiß man das nicht. Nur, dass der einsame Eigenbrötler irgendwann Witwer wurde, den Nachbarn beim Pflücken der hauseigenen Zitronen ertappt und daraufhin seine Koffer packt, um davonzureisen, Richtung Paris. Und von dort Richtung New York. Was er dort macht? Im Grunde das, was er auch daheim in Nazareth getan hat. Schweigen und beobachten, dabei versuchend, hinter den Absurditäten menschlichen Verhaltens einen Zusammenhang zu erkennen. Die kleinen alltäglichen Miniaturen, die Suleiman beschreibt, passieren ohne sein Zutun, es ist eine absonderliche, etwas hilflose Welt, die er sieht. Eine seltsam spielerische, sich stets widersprechende, gedankenverlorene Welt, die nichts von ihren eigenen existenziellen Zusammenhängen versteht. Es ist humoristisch, das schon. Und manchmal tragikomisch. Und manchmal erstarrt das Schmunzeln.

Wovon genau will Vom Gießen des Zitronenbaums eigentlich berichten? Wohin will Suleiman? In einer Szene gibt der Filmemacher angeblich ein Interview zu seinem Film, den wir uns gerade ansehen, irgendwo in einem kleinen Stadttheater, dessen Publikum animalische Kostüme trägt. Dort stellt ein Moderator fest, das Suleiman eigentlich der perfekte Fremde ist. Einer, der überall fremd ist. Der nirgendwo hingehört, und theoretisch aber überall zuhause sein kann. Will er das? Ist das die bessere Wahl, überall gleichsam fremd zu sein? Es ist ein für diese Erkenntnis leichtfüßiges Statement, das Elia Suleiman hier abgibt, für das fiktive Land Palästina, das sich als eine Art Utopia sogar von einem Kartenleger für die ferne Zukunft weissagen lässt. So irrt die rat- und rastlose Figur mit Hut durch die Grottenbahn einer modernen Gesellschaft, die den Bezug zu wesentlichen Dingen verliert. Suleiman versucht, diesen Bezug allerdings nicht zu verlieren, bleibt ein Skizzierender und Suchender, der seinen Zitronenbaum gießt, damit ein anderer schamlos dessen Früchte pflückt. Das ist politisches Statement, oder nicht? Nicht ganz. Besser ein politisches Understatement, aber das vom Feinsten.

Vom Gießen des Zitronenbaums

Empire Me

GALLISCHE DÖRFER

6,5/10

 

empireme

 

LAND: ÖSTERREICH, DEUTSCHLAND, LUXEMBURG 2011

REGIE: PAUL POET

MIT DEN BEWOHNERN VON SEALAND, HUTT RIVER, DAMANHUR, ZEGG, FREESTATE CHRISTIANIA UND DEN SWIMMING CITIES OF SERENISSIMA

 

Sie leisten keinen Widerstand. Oder, sagen wir, nicht mehr. Sie bleiben für sich, haben nichts am Hut mit den Regelungen der anderen da draußen. Diese Grenzen rundherum sind oft sehr eng gesteckt. Die gallischen Dörfer, egal wie groß sie sind, sind sich aber selbst genug. Wie das möglich ist, dass Mikrostaaten in anerkannten Staatsgebilden existieren dürfen, ohne zertreten zu werden – das ist ein Aspekt, den ich gerne näher erläutert bekommen hätte, dem der österreichische Dokufilmer Paul Poet aber nicht vorrangig nachgeht. Diese autarken Gebiete, von der Größe eines Floßes bis über mehrere Quadratkilometer hinweg, sind die bunte Auswahl eines Streifzuges durch die Absonderlichkeiten menschlicher Verwirklichung. Eine gesellschaftliche Freakshow, ein Lampenstrahl auf groteske Nischen von Selbstbestimmung, Trotz und Traumerfüllung um jeden Preis. Da reicht manch einem schon ein versiffter Flakturm, der im Niemandsland vor der Küste Großbritanniens nicht wirklich zum Urlaubmachen einlädt. Sealand nennt sich dieses Territorium, Bewohner: gerade mal 2, einer davon ein König. Papierkram zur Ein- und Ausreise gibt es genauso wie anderswo. Nur ist Anderswo eben nicht dort. Dort ist ein seltsamer Ort, un- und nicht anerkannt, vielleicht geduldet. Akzeptiert wird das bisschen Anarchie als Ausgleich zu den fugenlosen Gebilden der Nationen vielleicht genau deshalb. Die Narretei, die scheinbar über den Dingen steht, ist an Spinnerei kaum zu überbieten.

Die seltsamsten Orte der Welt, so heißt ein Buch von Alastair Bonnett. Ergänzend dazu ist Paul Poet´s Reise in die Absurdität ein Sammelsurium unnützen Wissens, aber bewusstseinserweiternd, wie das ZeGG – der kommunale Hort der freien Liebe, oder Damanhur, der Nabel aller esoterischen Durcheinandertäler im Norden Italiens. Ein Hereinspaziert für Journalisten, für Besucher, die gefälligst staunen sollen. Ich staune tatsächlich, und muss dort nicht mal hin. Raten würde ich es mir auch nicht, zu sehr wäre ich gezwungen, mich über den naiven Schmarrn der transzendenten Welten lustig zu machen. Metaphysik ist eine Sache, Lebensberatung auch – die krasse Kaltpressung aus kulturellem Erbe, Versatzstücken aus diversen Epochen und wüster Fabulierungskunst kann niemals von mir verlangen, sie ernst nehmen zu müssen. Den Respekt bewahre ich mir als Zuseher vor dem Bildschirm. Pofessionisten wie Poet sind demnach zu bewundern, müssen sie doch als neutrale Beobachter die eigene Meinung zu den Dingen außen vorlassen. Müssen Objektivität bewahren und dokumentieren, statt beurteilen.

Empire Me ist Information aus erster Hand, ein abendfüllendes Am Schauplatz, mitten im Herz aller Seltsamkeiten. Es kommen Menschen zu Wort, die dem Mainstream längst Lebewohl gesagt haben. Die sich einer vorgeschriebenen Ordnung nicht unterwerfen wollen, sondern selbst neue Ordnungen festlegen. Dazu braucht es Beharrlichkeit, eine Vision. Manche dieser Mikrokosmen scheinen allerdings einfach passiert zu sein – auch sie sind einer Wandlung unterworfen, ständig im Begriff, Upgrades zu verarbeiten und vielleicht mal den selben Mustern zu folgen, denen sie eigentlich entkommen wollen.

Wie so oft bei solchen Episoden-Dokus erzeugt nicht jeder Beitrag für die entsprechende Verblüffung. Die Freistadt Christiania, ein Nowhere inmitten von Kopenhagen ist gesetzloses Pflaster, dahinter kein Konzept. Das geringere Übel ist hier die Duldung. Womöglich wie bei allen dieser Enklaven. Visionen verschwinden rasch, meist bleibt als Erkenntnis die Existenzberechtigung einer Seifenblase wie die Löcher im Käse. Heiße Luft, die sich ausbreitet, wie eine Ego-Flatulenz. Unterm Strich zeigt Empire Me drei Aspekte dieser gallischen Dörfer – jenen einer Monokratie, jenen einer Anarchie und jenen der sozialen Utopien, die eine Vision verfolgen, Zielort ungewiss.

Was in Empire Me fehlt, ist, wie schon eingangs erwähnt, die Frage der Duldung, die Reaktion von außen, das Feedback der Staaten auf den Appendix neopatriotischer Laborversuche. Alle sechs Modelle sind grundverschieden, funktionieren anders. Die Auswahl ist gut, Empire Me ist hochinteressant, wenngleich auch jede Menge Fragen offenbleiben. Dennoch – der Aspekt einer Alles-ist-möglich-Welt und die Freiheit, sich seine eigene Freiheit zu machen, macht unseren Planeten der Menschen wieder um eine Spur größer – und transzendenter.

Empire Me

Oh Boy

MEIN LEBEN IST MEIN KAFFEE

7/10

 

ohboy© 2012 Filmladen

 

LAND: DEUTSCHLAND 2012

REGIE: JAN-OLE GERSTER

CAST: TOM SCHILLING, MARC HOSEMANN, FRIEDERIKE KEMPTER, JUSTUS VON DOHNÁNY, MICHAEL GWISDEK, ULRICH NOETHEN, FREDERICK LAU U. A.

 

Ich bin süchtig. Und zwar nach Kaffee. Das gebe ich offen und ehrlich zu, und wenn ich frühmorgens keinen Kaffee bekomme, kann ich mich gleich wieder niederlegen. Das ist eine Gesetzmäßigkeit, der ich wohl  jeden Tag für den Rest meines Lebens folgen werde. Dass Leute morgens lieber Tee statt Kaffee trinken, das kann ich nicht verstehen. Muss ich auch nicht. Jeder hat so sein Ding, und auch der Endzwanziger Niko, mit dem wir in Jan-Ole Gersters Stimmungsfilm viel zu spät aus den Federn kommen. Da bleibt nicht mal mehr Zeit für die Freundin, die daneben im Bett liegt. Und Kaffee geht sich auch keiner mehr aus. Was für ein ungnädiger Anfang eines Tages, der noch allerhand Seltsamkeiten mit sich bringt. In einzelnen Episoden, die untereinander eigentlich nichts miteinander zu tun haben, und nur Taugenichts Tom Schilling gemächlich wirbelnden Strömungen  gleich als roten Faden dahintreiben lassen. Beginnend mit einem Termin beim Psychologen, der Nikos Zurechnungsfähigkeit attestieren und folglich den abgenommenen Führerschein wieder aushändigen soll, begegnet der junge Tagträumer sich selbst überschätzenden Freunden, unglücklichen Nachbarn, nahen Verwandten und Schulkolleginnen, die auf den ersten Blick viel zu fremd sind. Was aber das Unbequemste des ganzen lieben langen Tages aber darstellt, und sich wie ein Steinchen im Schuh je nach Lage unangenehm bemerkbar macht, ist die Unmöglichkeit, einen Kaffee zu bekommen. Dieses Genuss-Vakuum ist wie ein Fluch für den Orientierungslosen. Der sich selbst keine Ziele setzt, sich zu nichts entschließt und es niemanden wirklich recht machen kann.

Tom Schilling hat in dem perspektivlosen Jüngling seine Paraderolle gefunden. Und Jan-Ole Gerster im frühen Jim Jarmusch womöglich sein Vorbild. Nicht von ungefähr ist Oh Boy in teils grobkörnigem, teils dem Stil urbaner Reportagefotografie nachempfundenen Schwarzweiß gehalten, ganz so wie Jarmuschs Werke Down by Law oder auch Coffee & Cigarettes. In letzterem treffen sich unter anderem Bill Murray und Steve Buscemi zum Schwatzen, während literweise das schwarze Gold fließt und geraucht wird, als gäbe es kein Morgen mehr. Und eigentlich sonst auch kaum mehr Handlung. Oh, Boy verlässt sich aber nicht nur auf seine Stimmung. Die Figur des Niko ist wie ein Freeze Frame der Generation What, eine Momentaufnahme, ein Verharren vor der freien Wahl der Möglichkeiten, ein Zögern vor der Gefahr, das Falsche aus dem Leben zu machen. Seit es in unserer westlichen Welt alles gibt, und wir machen können was wir wollen, ist die Vielfalt der Selbstverwirklichung der eigentliche Hemmschuh für manche, die sich zu nichts entschließen können. Und die vor einer Vielzahl offener Türen innehalten, um noch schnell mal am Glimmstängel zu ziehen, unverfängliche Gelegenheiten am Schopf packen oder sich vom Freundeskreis einfach mittragen lassen. Wenn das Geld dann auch noch durch die Finger rinnt, so wie die Zeit und der Tag, dann hilft nur noch Improvisation, oder die Reduktion des Willens auf das Einfachste – auf Kaffee, Zwiesprache mit sich selbst, und Gedanken, die genauso zollfrei und schrankenlos sind wie das Streben nach Erfolg in einem erfolgsbestimmten gesellschaftlichen Kontext, der gar nichts mehr anderes duldet. Schilling setzt sich diesem Selbstbeweisen noch nicht aus – oder vielleicht sogar niemals. Wie es wird, weiß weder er noch all die anderen. Dabei blickt der Junge nur um sich und sieht, was die anderen bewegt. Er selbst aber bleibt wie das Zentrum eines Karussells an Ort und Stelle – und wundert sich, wer alles seinen Weg kreuzt. Dabei hat er selbst keinen bestimmten.

Diese Leichtigkeit, dieser Flow ins Unbestimmte, ist, wie bei Jim Jarmusch, der Reiz dieses Großstadtmosaiks, dieser Liebeserklärung an Berlin, voller Melancholie und manchmal auch Mitleid. Voller Lässigkeit und irgendwie über den Dingen hängend, wie Wim Wenders´ Engel Damiel. Dabei sind die einzelnen Begegnungen in ihrem Dialog und ihrer Wechselwirkung verdichtet genug und entbehren nicht einer gewissen Faszination für das scheinbar Improvisierte und Unmittelbare. Vielleicht ist diese Unmöglichkeit des Steuerns durch den Tag genau das, was auch Niko fasziniert. Mich erfüllt das mit Sympathie und Verständnis für einen Loser, der eigentlich noch gar nichts verloren hat. Und sich womöglich nur Zeit nimmt. Zeit für einen Kaffee. Irgendwann, am Ende des Tages.

Oh Boy

The Ballad of Buster Scruggs

SPIEL MIR DAS LIED VOM SCHICKSAL

8/10

 

THE BALLAD OF BUSTER SCRUGGS© 2018 Netflix

 

LAND: USA 2018

DREHBUCH UND REGIE: JOEL & ETHAN COEN

CAST: TIM BLAKE NELSON, JAMES FRANCO, LIAM NEESON, TOM WAITS, ZOE KAZAN, BRANDON GLEESON. SAUL RUBINEK U. A.

 

Also ehrlich, das wäre doch was. Eine Neuverfilmung des Comics Lucky Luke unter der Regie von Joel und Ethan Coen. Das könnte ich mir durchaus vorstellen, womöglich aber kaum unter FSK 16 – das wäre ein Lucky Luke von der zwar schrägen, aber durchaus blutigeren Sorte. Ganz im Stile der ersten Erzählung im Rahmen eines vielgestaltigen Westerns, der da endlich wieder unter den Fittichen der beiden gelockten Masterminds über den Bildschirm stiefelt. Leider nicht über die große Leinwand, denn das war nur den Besuchern der Filmfestspiele von Venedig vorbehalten. Wir Endverbraucher können nur mit einem Stream via Netflix in den Genuss dieses bemerkenswerten Episodenfilmes kommen, und zwar exklusiv via Netflix. Da gibt es keine anderen Möglichkeiten. Das ist schon ziemlich raffgierig, dann sollte Netflix zumindest eine Kinokette eröffnen oder sich in anderen Ketten einkaufen, damit nicht nur das alternativlose Abo der einzige Weg nach Westen bleibt. Denn mit The Ballad of Buster Scruggs sind die Coens wieder ganz dick im Geschäft. Da bin ich ohne viel Überredungskunst sehr schnell bereit, den letzten Film aus 2016, nämlich Hail, Cäsar!, wieder ganz schnell zu vergessen. Überzeugt hat mich diese dünnsuppige Hollywood-Hommage nämlich überhaupt nicht. Die so eigenwillige wie genüssliche Anthologie aus dem Wilden Westen hingegen schon. Und ich wage sogar zu behaupten, diese ganz lässig im Sattel sitzende Fingerübung mit selbstverständlich einem Originaldrehbuch ist das Beste seit A Serious Man. Ganz die unverkennbare Handschrift, ganz der zynische, schwarze Humor. Und ganz die melancholische Lakonie, die in ihren Filmen stets ihre künstlerische Raffinesse am deutlichsten feiert.

Worin Joel und Ethan Coen für uns geschmackvoll blättern, das ist ein altes Buch gesammelter Kurzgeschichten, um die Jahrhundertwende verlegt. Für Bibliophile womöglich interessant, wäre es im Antiquariat erhältlich. Einzelne kolorierte Farbtableaus, geschützt mit Reißpapier. The Ballad of Buster Scruggs ist dabei nur die erste von insgesamt sechs Episoden, die unterschiedlicher nicht sein können, sich untereinander auch kein Crossover bescheren und aus den unterschiedlichsten Himmelsrichtungen quer durch ein unwirtliches und gleichzeitig idyllisches Amerika wandern. Hineingepfeffert in dieses endlose Nirgendwo: der versprengte Mensch. Gemeinsam haben sie neben des Umherziehens, Vagabundierens und Irrens vor allem eines mit im Gepäck: die Ironie des Schicksals. Zu einer Zeit, in der Leben und Tod fast schon zur Grauzone einer unsicheren Existenz verschmolzen sind, kann das Glück sehr kurzlebig sein. Zukunft war womöglich etwas, worauf man sich nicht verlassen durfte. Ein gemachter Pionier war sehr schnell ein toter Pionier. Und die, die gut mit dem Schießeisen umgehen konnten, die trafen dann irgendwann auf jene, die das noch besser konnten. Ein Leben und Sterben lassen, vereint in einer messerscharfen filmischen Anthologie über den Westen. Und zwar so, wie er selten zu sehen ist. Manchmal hat The Ballad of Buster Scruggs etwas von den sarkastischen Stelldicheins eines raubeinigen Italowesterns, manchmal etwas von den redseligen Eskapaden eines Tarantino. Doch meist finden die Coens wieder zu ihrem Stil zurück, ohne Hommage an irgendwen sonst sein zu wollen. Dieser mehr als zweistündige Reigen des Willens, Unwillens und einer Art Schicksalsergebenheit stellt seine traurigen, verblendeten und idealistischen Gestalten, die allesamt wundervoll gecastet und gegen den Typ besetzt sind, vom Regen in die Traufe. Dieses weite, feindselige, unnahbare Land, in das die Sehnsuchtsvollen aufbrechen, scheint leere Versprechungen zu bergen und nur den wenigsten Gnade zu gewähren. Das ist ein Amerika des Wilden Westens, das völlige andere Randgeschichten erzählt, im sozialen Abseits, eingebettet in Bildern, durch die John Wayne und seine hemdsärmeligen Cowboykollegen bereits in bestem Cinemascope vorbeigeritten sind. Die Regiearbeit ändert Blickwinkel und behält sie dennoch bei. Als wäre der Focus längst nicht mehr der auf die der großen Helden, sondern auf begleitende Zaungäste, die auch so gamblen wollen wie jene, die als Ikonen des Westens längst verherrlicht wurden.

Was daraus wird, ist ein bizarres Panoptikum zwischen knarzenden Salontüren, staubigen Ebenen und dem Recht des Stärkeren. Zwischen Goldrausch, Armut und einem Herz für Hunde. Dazwischen kauzige Country-Balladen in verklärender Romantik, die sich selbst persifliert. In den besten Momenten hat Buster Scruggs dieses märchenhaft Entrückte wie in O Brother where art thou?. Dann ist dieser Film wie ein stockdunkler Song von Johnny Cash, der aber so klingt wie ein tänzelnder Salon-Gig auf dem verstimmten Pianino in irgendeiner Spelunke, und der dann endet, wenn irgendeiner auf den staubigen Brettern liegt.

The Ballad of Buster Scruggs

Liebe möglicherweise

DIE (UN)MÖGLICHKEIT DER NÄHE

5/10

 

liebemoeglicherweise10© WEGA-Film

 

LAND: Österreich 2016

Regie: Michael Kreihsl

Mit Devid Striesow, Silke Bodenbender, Edita Malovčić, Gerti Drassl, Otto Schenk u. a.

 

Ich kann mich noch ganz genau an meine Volksschulzeit erinnern – da bin ich in der hintersten Reihe neben Edita Malovčić gesessen. Tatsächlich haben wir sogar gemeinsam im Rahmen einer Weihnachtsveranstaltung ein Theaterstück gespielt. Sie und ich, wir waren Indianer. Und ja, es gibt Fotos. Und jetzt – jetzt sehe ich meine ehemalige Klassenkollegin auf großer Leinwand oder auf dem Bildschirm. Auf Du und Du mit namhaften Stars. Schauspielerisch in Topform und wahrlich nicht mit Reizen geizend. Edita Malovčić hat im neuen Film von Michael Kreihsl allerdings nur eine verschwindende Nebenrolle. Eine auffällige zwar, aber eine von vielen kleinen Rollen, die mit Gerti Drassl, Devid Striesow und – haltet euch fest – Otto Schenk besetzt sind. Entstehen hätte dann so etwas wie ein episodenhafter Beziehungsreigen mit dem für Episodenfilme üblichen Handlungs-Crossover entstehen sollen. Der Episodenfilm an sich – und zwar der Beziehungs-Episodenfilm – hat in der österreichischen Filmwelt doch irgendwie eine lange Tradition. Das beginnt ja eigentlich schon bei Arthur Schnitzler´s Reigen, dem frivolen Bühnenstück aus dem frühen 20ten Jahrhundert, der nur zu gut und zu gerne in skandalheischender Inszenierung dem entrüsteten Publikum vor den Latz geknallt wird. Wobei – Reigen war schon länger nicht mehr auf der Bühne zu sehen. Dafür aber im Kino – der Film hieß 360°, wurde teilweise in Wien gedreht und hatte neben internationalen Schauspielern wie Jude Law auch solche wie Alexander Krisch im Repertoire. Viel früher noch hat Petra Morze für das stimmig-düstere Liebeskarussell Antares die Hüllen fallen lassen. 

In Liebe möglicherweise fallen zwar nicht wirklich die Hüllen – zu wahren Erkenntnissen kommt man aber in dem ausschließlich in der Wienerstadt gedrehten Ensemblefilm aber auch nicht. Schon klar – Beziehungen sind nicht immer leicht, sei es nun die Beziehung zum Nachwuchs, zu den eigenen Eltern oder zum Lebenspartner. Ja, vielleicht auch die Beziehung zum platonischen Freund oder Freundin. Oftmals ist Nähe da ein Ding der Unmöglichkeit. Es ist ein immerwährendes Scheitern, Entfremden und Versöhnen, was uns Regisseur Kreihsl da auftischt. Konstellationen, die uns allen nur allzu bekannt vorkommen – und daher für vorhersehbare Langeweile sorgen. Um wirklich mitzufühlen – dafür werden die einzelnen Protagonisten nur allzu sehr von außen betrachtet. Gefühlswelten bleiben auf augenscheinliche Symptome reduziert. Einzig die Problembehandlung Striesow-Bodenbender hat mehr Gewicht, obwohl sich auch hier neue Erkenntnisse rarmachen. Ich frage mich, wieso sich Liebe möglicherweise nicht nur auf die eine Geschichte konzentriert hat. Alle anderen Nebenschauplätze sind so grob skizziert und daher so entbehrlich, dass keiner sie vermisst hätte. Na gut, Otto Schenk vielleicht schon, den sieht man immer wieder gerne. Aber das legendäre Bühnen-Urgestein wäre drehbuchtechnisch auch anders unterzubringen gewesen. 

Ein Episodenfilm also – möglicherweise. Doch um diese dramaturgische Mechanik zu rechtfertigen, dazu mangelt es einfach an psychologischen Details.

Liebe möglicherweise