Babylon – Rausch der Ekstase (2022)

GOOD OLD HOLLYWOOD IS DYING

7,5/10


babylon© 2022 Paramount Pictures


LAND / JAHR: USA 2022

BUCH / REGIE: DAMIEN CHAZELLE

CAST: MARGOT ROBBIE, DIEGO CALVA, BRAD PITT, TOBEY MAGUIRE, MAX MINGHELLA, JEAN SMART, JOVAN ADEPO, SAMARA WEAVING, KATHERINE WATERSTON, ERIC ROBERTS, LI JUN LI, OLIVIA WILDE U. A.

LÄNGE: 3 STD 8 MIN


Hier züngelt das Feuer der Leidenschaft: Damien Chazelle, wohl einer der besten Regisseure der Gegenwart (wenn nicht der beste, würde man die Statistik des Filmgenuss berücksichtigen) will, dass es lichterloh brennt, und zwar ganze drei Stunden lang. Die Leidenschaft darf nie vergehen und sich selbst stets von Neuem entfachen. Da braucht es kein Zutun von außen, denn einer Sonne gleich sollen die szenischen Kernfusionen seines Films neue Energie freisetzen, um die Dichte und die Opulenz seines Inszenierungsdrangs mit langem Atem zu Ende bringen, und sich erst ganz am Ende erlauben dürfen, nach Atem zu ringen. Genau dann, wenn Chazelle das Wunder des Filmemachens als ein eigenes, fremdes, vielleicht extraterrestrisches Element einführt, gleich dem Monolithen aus Stanley Kubricks 2001, und seinen Protagonisten auf eine Reise schickt wie den Astronauten Dave in selbigem Film.

Dieser Protagonist, das ist Manny Torres. Mit diesem gebürtigen Mexikaner, der im Kalifornien der Zwanzigerjahre sein Glück versucht, findet auch das Publikum eine Identifikationsfigur, die vom Tellerwäscher zur großen Nummer werden kann. Wir wünschen es ihm, denn die von Diego Calva gespielte Figur ist sympathisch, klug und integer. Anfangs ist er bei den Reichen und Einflussreichen der Stummfilmbranche noch Mädchen für alles, doch dann entdeckt ihn der gefeierte Hollywoodstar Jack Conrad, Alter Ego eines Clark Gable oder Douglas Fairbanks, als einen, dem er vieles anvertrauen kann. Er wird sein persönlicher Assistent und arbeitet sich von da an immer weiter die Treppe der Filmgeschichte hinauf, dessen höchste Stufe wohl jene vom Stumm- zum Tonfilm darstellt und die kaum einer von den alteingesessenen Stars und Sternchens wird erklimmen können. Zur Zeit dieses großen Paradigmenwechsels ist das Aufsteigen, Absteigen und Einsteigen diverser künstlerischer Existenzen wie eine sich im Kreise drehende Achterbahnfahrt, die sich selbst immer wieder neu anstößt. Während Jack Conrad am Zenit seines Ruhms ankommt und von da an bergab rattert, schnuppert Shootingstar Nelly LaRoy, die der Zufall ans Set gebracht hat, alsbald Höhenluft, und das nur, weil sie die seltene Gabe besitzt, auf Befehl loszuheulen. Mit dieser Fertigkeit und ihrer Scheißdirnix-Attitüde wird sie zum Gossip- und Glamour-Girl mit schlechten Manieren, doch das Publikum liebt sie. Bis der Ton eine neue Musik macht – und niemand mehr, nicht mal die kesse LaRoy, werden das sein, was sie einmal waren. In dieser aufwühlenden Dreiecksparade bleibt Manny Torres das beobachtende Element, der Nellie LaRoy heimlich liebt und der jedoch bald mittendrin als nur dabei sein wird, wenn die Pforten der Unterwelt Hollywoods den Mexikaner versuchen, hinabzuziehen.

Damien Chazelle zeigt in seinem wummernden und eben brennend leidenschaftlichen Epos eine kleine Ewigkeit lang, wo sich Hollywoods Olymp der frühen Geschichte des amerikanischen Films manifestiert, und wo man in den Orkus abtauchen kann. Er zeigt das Schillern, und er zeigt das Grauen. Es wird geschissen, gekotzt und geblutet. Geheult, wie ein Rohrspatz geschimpft und den Hitzetod gestorben. Babylon ist kein Kindergeburtstag, nicht mal eine Jugendparty, und zumindest anfangs feiert Chazelle eine fast schon römische Orgie im üppigen Stil eines Federico Fellini, wenn Elefanten durchs Bild tröten und Sex in aller Öffentlichkeit salonfähig wird. Babylon – Rausch der Ekstase rüstet sich für eine Party, die im Tanz- und Drehmarathon seine Opfer findet.

Vor allem anfangs gelingen Chazelle so einige goldene Momente – kleine szenische Sternstunden, die episodenhaft wirken. Leicht wäre es gewesen, Chazelles Film in ebendiese zu gliedern, um wie bei Quentin Tarantino mehr Struktur in ein Sittenbild wie dieses hineinzubringen. Doch braucht es das, kann sich diese impulsive Kunst- und Filmekstase unter solchem Zaumzeug auch entsprechen entfalten? Nein, denn allein die rund 30 Minuten Erlebnis-Parkour in Sachen Stummfilmdreh mitten in der Wüste ist einfach nicht zu bändigen. Da geht es Schlag auf Schlag, da gibt es Details noch und nöcher, und der ganze geschäftige Irrwitz steigert sich bis zum Crescendo, um dann, in einem sich erschöpfenden letzten Take den Triumph des Schaffens zu feiern. Wir haben also die Party, und wir haben das Pionierabenteuer Film, und dann haben wir Margot Robbie, die sich ihre Seele aus dem Leib spielt und Brad Pitt, der immer stets Brad Pitt bleibt und selten aus sich herauskann. Irgendwann in der dem Zeitgefühl entrückten Mitte des Films ist dieser wie aus der Zirkuskanone geschossenen Leidenschaft der Zunder abgebrannt, und Chazelle sucht dringend nach dem Perpetuum Mobile, das den immer gleichen Schwung des Films gewährleisten hätte sollen.

Vielleicht hätte er Pitt und Robbie in ihrer jeweils eigenen Geschichte mehr Berührungspunkte geben sollen. Im Grunde erzählt der Filmemacher Ähnliches wie in seinem famosen Musical La La Land, der des Meisters vollkommene Kunstfertigkeit ausreichend bewiesen hat. Nur dort hatten Emma Stone und Ryan Gosling eben eine gemeinsame Geschichte, während der alternde Star und das junge Starlet in Babylon nur zufällig aneinandergeraten. Vielleicht sind drei Stunden für eine im Grunde recht banale Geschichte über Aufstieg und Fall einfach zu lange, um diese Hymne an den Film im Stakkato-Stil beizubehalten. Bei aller Liebe: Damien Chazelle hat sich mit seinem aktuellen Werk erstmals übernommen. Sowohl Whiplash als auch sein eben erwähntes Musical La La Land wie auch die hypnotische Astronautensaga Aufbruch zum Mond sind in meinen Hochrechnungen ganz weit oben, alle drei sind makellose Meisterwerke. Babylon indes hat hier viel mehr Schönheitsfehler, und ich muss zugeben, es ist nicht so, als hätte ich das nicht vermutet, schon allein deshalb, weil das, was man über den Film bereits wusste, nach wahllosem, vielleicht sogar gierigem Hineingreifen in eine Epoche klang.

Immerhin schillert Babylon – Rausch der Ekstase als bittersüßes Requiem des ganz alten Hollywoods in bemerkenswert eigenem Licht. Die Toten gehen mit ihren Filmen in die Ewigkeit, wird irgendwann zu Brad Pitt gesagt – warum also über die Vergänglichkeit des Ruhmes klagen? Kluge Gedanken, radikale Konsequenzen und das Verlieren in der Illusion tanzen ums goldene Kalb. Chazelle entfesselt Bilder und Szenen voller Anmutung und Abscheu, er dirigiert seinen Film bewusst ambivalent und verpasst ihm die Maske eines Harlekins – eine Seite lacht, die andere weint. In dieser Zerrissenheit ergeht er sich in einem wehmütigen Liebeslied auf das allen tragischen Possen und glücksritterlichen Eskapaden übergeordnetem großen Ganzen, nämlich des Mediums Film, wofür Chazelle selbst unendlich glücklich zu sein scheint, darin vorzukommen. So gnadenlos, unberechenbar und affektiert diese Welt auch sein mag.

Babylon – Rausch der Ekstase (2022)

Horns

DEN TEUFEL AN DEN MANN GEBRACHT

5,5/10


horns© 2015 Universal Pictures Germany


LAND: USA 2013

REGIE: ALEXANDRE AJA

CAST: DANIEL RADCLIFFE, MAX MINGHELLA, JUNO TEMPLE, KATHLEEN QUINLAN, HEATHER GRAHAM, DAVID MORSE U. A. 

LÄNGE: 2 STD


Harry Potter war gestern. Daniel Radcliffe muss mittlerweile eine Freude daran haben, einfach Rollen zu verkörpern, die quer durch alle möglichen Genres zumindest eines gemeinsam haben: dass sie nichts mit Rowlings Held verbindet. Auch sein in aller Hinsicht strauchelnder Antiheld im Fantasythriller Horns ist so eine losgelöste Figur, die allein auf weiter Flur sehen muss, wo sie bleibt. Denn nichts und niemand ist dem augenscheinlichen Loser gewogen. Wie denn auch – er wird des Mordes beschuldigt – des Mordes an seiner Geliebten. Anfangs erfährt der Zuseher so gut wie nichts darüber. Einzig wilde Horden an Reportern belagern das Anwesen des Mittdreißigers, der boulevardstudierte Pöbel wünscht den jungen Mann zur Hölle. Manch ein Schundblatt fragt sich gar, ob nicht der Teufel in Menschengestalt unter ihresgleichen weilt. Nichts, was sich gut anfühlt. Kann ja auch sein, dass, je mehr die breite Masse wettert, umso mehr der Beschuldigte zu dem wird, den diese an die Wand malt: eben zum Teufel.

So passiert es ganz plötzlich, und Daniel Radcliffe wachsen eines Morgens geschwungene Hörnchen aus der Stirn. Mit dieser seltsamen anatomischen Begebenheit ändert sich auch das Verhalten der Leute ihm gegenüber. Abgesehen davon, dass das Wunder des Hornwuchses niemanden sonderlich irritiert, scheint der gebrochene Einzelgänger die dunklen Gedanken eines jeden, der ihm begegnet, hervorzukehren. Nicht selten passiert es, und aus der Theorie wird Praxis.

Alexandre Aja, der letztjährig mit dem eher mittelmäßigen Alligatorenschocker Crawl im Kino für reptilophobe Anwandlungen gesorgt hat, nahm sich vor rund 7 Jahren Joe Hills gleichnamigen Roman zur Brust. Ein komplexes Stück Gesellschaftssatire muss das sein, ein ätzender Spiegel vor den Gesichtern bigotter Bürger. Aja fährt allerdings im Slalom, und so sehr sein Film auch szenenweise auf gerader Strecke auf Turbo stellt, bremst er sich selbst wieder ab, um auch jedem Detail der Vorlage gerecht zu werden. Was er besser nicht hätte tun sollen. Klüger wäre es gewesen, sich zumindest an Hills Vorlage zu orientieren, nicht aber den ganzen Stoff zu illustrieren, was vor allem im letzten Drittel etwas für prätentiöse Konfusion sorgt. Das beste Stück ist der Mittelteil des Films, wenn „Teufel“ Radcliffe das Volk gegeneinander aufhetzt und die Verkommenheit so manchen Individuums für alle sichtbar macht. Das ist zynisch und grotesk, das ist mitunter gar absurdes Theater, vor allem im Aspekt der jener Selbstverständlichkeit, in der Radcliffes Hornwuchs hingenommen wird. Der Mensch, der sich in seinem barschen Egoismus so sehr um sich selbst dreht, bekommt den Wandel gar nicht mit. Das erinnert auch wieder an die Serie Lucifer, in der Tom Ellis ebenfalls die Fähigkeit besitzt, die unzensierten Wünsche des Einzelnen herauszukitzeln.

Interessanterweise spielt der christliche Glauben trotz all der Satire eine konterkarierte fromme Rolle, und so sehr das auch gut gemeint ist, so sehr bringt es den erfrischend radikalen Drive aus dem Rhythmus. Am Ende bleibt von diesem auf- und überladenen Mix aus phantastischem Thriller und durchaus humorbefreiter Love-Story ein recht trivialer Showdown mit Blut und Budenzauber. Verschenkt hat Horns sein Potenzial aber auch nicht zur Gänze. Denn die Sache mit der selbsterfüllenden Prophezeiung durfte sich selten zumindest szenenweise zu ungehemmt austoben wie hier. Der gut gesampelte Soundtrack wirkt da löblich unterstützend.

Horns