Horns

DEN TEUFEL AN DEN MANN GEBRACHT

5,5/10


horns© 2015 Universal Pictures Germany


LAND: USA 2013

REGIE: ALEXANDRE AJA

CAST: DANIEL RADCLIFFE, MAX MINGHELLA, JUNO TEMPLE, KATHLEEN QUINLAN, HEATHER GRAHAM, DAVID MORSE U. A. 

LÄNGE: 2 STD


Harry Potter war gestern. Daniel Radcliffe muss mittlerweile eine Freude daran haben, einfach Rollen zu verkörpern, die quer durch alle möglichen Genres zumindest eines gemeinsam haben: dass sie nichts mit Rowlings Held verbindet. Auch sein in aller Hinsicht strauchelnder Antiheld im Fantasythriller Horns ist so eine losgelöste Figur, die allein auf weiter Flur sehen muss, wo sie bleibt. Denn nichts und niemand ist dem augenscheinlichen Loser gewogen. Wie denn auch – er wird des Mordes beschuldigt – des Mordes an seiner Geliebten. Anfangs erfährt der Zuseher so gut wie nichts darüber. Einzig wilde Horden an Reportern belagern das Anwesen des Mittdreißigers, der boulevardstudierte Pöbel wünscht den jungen Mann zur Hölle. Manch ein Schundblatt fragt sich gar, ob nicht der Teufel in Menschengestalt unter ihresgleichen weilt. Nichts, was sich gut anfühlt. Kann ja auch sein, dass, je mehr die breite Masse wettert, umso mehr der Beschuldigte zu dem wird, den diese an die Wand malt: eben zum Teufel.

So passiert es ganz plötzlich, und Daniel Radcliffe wachsen eines Morgens geschwungene Hörnchen aus der Stirn. Mit dieser seltsamen anatomischen Begebenheit ändert sich auch das Verhalten der Leute ihm gegenüber. Abgesehen davon, dass das Wunder des Hornwuchses niemanden sonderlich irritiert, scheint der gebrochene Einzelgänger die dunklen Gedanken eines jeden, der ihm begegnet, hervorzukehren. Nicht selten passiert es, und aus der Theorie wird Praxis.

Alexandre Aja, der letztjährig mit dem eher mittelmäßigen Alligatorenschocker Crawl im Kino für reptilophobe Anwandlungen gesorgt hat, nahm sich vor rund 7 Jahren Joe Hills gleichnamigen Roman zur Brust. Ein komplexes Stück Gesellschaftssatire muss das sein, ein ätzender Spiegel vor den Gesichtern bigotter Bürger. Aja fährt allerdings im Slalom, und so sehr sein Film auch szenenweise auf gerader Strecke auf Turbo stellt, bremst er sich selbst wieder ab, um auch jedem Detail der Vorlage gerecht zu werden. Was er besser nicht hätte tun sollen. Klüger wäre es gewesen, sich zumindest an Hills Vorlage zu orientieren, nicht aber den ganzen Stoff zu illustrieren, was vor allem im letzten Drittel etwas für prätentiöse Konfusion sorgt. Das beste Stück ist der Mittelteil des Films, wenn „Teufel“ Radcliffe das Volk gegeneinander aufhetzt und die Verkommenheit so manchen Individuums für alle sichtbar macht. Das ist zynisch und grotesk, das ist mitunter gar absurdes Theater, vor allem im Aspekt der jener Selbstverständlichkeit, in der Radcliffes Hornwuchs hingenommen wird. Der Mensch, der sich in seinem barschen Egoismus so sehr um sich selbst dreht, bekommt den Wandel gar nicht mit. Das erinnert auch wieder an die Serie Lucifer, in der Tom Ellis ebenfalls die Fähigkeit besitzt, die unzensierten Wünsche des Einzelnen herauszukitzeln.

Interessanterweise spielt der christliche Glauben trotz all der Satire eine konterkarierte fromme Rolle, und so sehr das auch gut gemeint ist, so sehr bringt es den erfrischend radikalen Drive aus dem Rhythmus. Am Ende bleibt von diesem auf- und überladenen Mix aus phantastischem Thriller und durchaus humorbefreiter Love-Story ein recht trivialer Showdown mit Blut und Budenzauber. Verschenkt hat Horns sein Potenzial aber auch nicht zur Gänze. Denn die Sache mit der selbsterfüllenden Prophezeiung durfte sich selten zumindest szenenweise zu ungehemmt austoben wie hier. Der gut gesampelte Soundtrack wirkt da löblich unterstützend.

Horns

Photograph

ICH MÖCHT´ VON MIR EIN FOTO

4/10

 

photograph02© 2018 Joe D’Souza, Tiwari’s Ghost, LLC

 

LAND: INDIEN, DEUTSCHLAND, USA 2018

REGIE: RITESH BATRA

CAST: NAWAZUDDIN SIDDIQUI, SANYA MALHOTRA, FARRUKH JAFFAR, ABDUL QUADIR AMIN U. A.

 

Wie es wohl in Zeiten wie diesen dem indischen Tourismus geht? Vor dem Taj Mahal oder dem indischen Tor in Mumbai werden sich womöglich nicht ganz so viele Touristen tummeln als sonst. Auch die Hausierer und Souvenir-Verkäufer werden an den Mauern lehnen und auf Kundschaft warten. Auch die ganzen EPU-Fotografen, die mit ihrer Polaroid-Kamera im Normalfall Sofortbilder der Besucher anfertigen, werden wohl zusehen müssen, dass ihre Filmemulsion nicht die Haltbarkeitsdauer überschreitet. Als Lunchbox-Regisseur Ritesh Batra seinen Liebesfilm Photograph inszeniert hat, war noch alles im Guten und Corona samt sozialem Stillstand weit entfernt. Da lief der Vorplatz vor dem antiken Bauwerk noch auf Hochbetrieb, war chaotisches Wuseln von Alt und Jung ein Garant für Umsatz. Oder ein Garant dafür, neue Beziehungen zu knüpfen.

Das hat Single Rafi aber nicht im Sinn. Der bleibt lieber solo, wohnt in einer Wellblech-WG mit ein paar weiteren Jungs und hat nur Draht zu seiner hochverehrten Oma, die endlich will, dass ihr Enkel unter die Haube kommt. Nach einigen hoffnungslosen Versuchen, ihn umzustimmen, droht die Alte sogar, ihre lebensnotwendigen Medikamente abzusetzen – was für ein Ultimatum! Rafi aber ist Fotograf, und hat unlängst erst eine junge Dame abgelichtet. Warum nicht einfach dieses Foto schicken, mehr muss Oma ja nicht wissen. Falsch gedacht: Rafi bleibt nicht viel Zeit, denn Oma hat sich angekündigt. Und will ihre Schwiegerenkelin in spe mal unter die Lupe nehmen.

Was muss das für ein origineller Film sein. Humorvoll, situationskomisch, berührend. Inklusive indischer Lebensfreude made for cinema. So dachte ich mir. Schwer zu glauben, wenn es anders wäre. Aber wir sind mit Photograph nicht in Bollywood. Ritesh Batra distanziert sich davon völlig. Weder ist sein Film üppig, noch allzu exotisch, noch übertrieben farbenfroh. Batra strebt etwas völlig anderes an: eine Art filmischen Realismus. Dafür ist die prinzipiell kuriose Romanze kaum die richtige Wahl. Photograph ist unerwartet lakonisch und völlig humorbefreit. Weder Hauptdarsteller Nawazuddin Siddiqui noch seine Partnerin Sanya Malhotra haben schauspielerischen Esprit. Siddiqui wirkt geradezu stoisch, enorm introvertiert, geradezu lustlos. Malhotra scheint auch keine großen Gefühle zu empfinden. Dass beide sich füreinander interessieren werden, lässt sich lediglich aus der Inhaltsangabe erahnen, aus dem Film lässt es sich schwer ableiten. Wenn bei einer Lovestory wie dieser beide Parts nicht wissen, was sie miteinander anstellen sollen, dann geht die Rechnung einfach nicht auf – und der Streifen frönt der Langeweile, die sich durch die Straßen Mumbais schleppt. Als hätten wir Monsun mitsamt depressiver Schwüle,und alle harren in ausgesuchtem Phlegmatismus auf ein Ende dessen, um sich wieder befreiter bewegen zu können. Für die Zeitspanne des Films jedoch war ein Ende des Wartens nicht absehbar.

Photograph

Brooklyn

ICH WAR NOCH NIEMALS IN NEW YORK

6,5/10

 

brooklyn© 2016 20th Century Fox Deutschland

 

LAND: IRLAND, GROSSBRITANNIEN, KANADA 2016

REGIE: JOHN CROWLEY

CAST: SAOIRSE RONAN, DOMHNALL GLEESON, EMORY COHEN, JIM BROADBENT, JULIE WALTERS, BRID BRENNAN U. A.

 

Am Schönsten ist es doch zuhause – oder nicht? Ich würde dem zustimmen. Die junge Irin Eilis Lacey, die in den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts aufgewachsen ist, wohl eher weniger. Zuhause ist nämlich nichts los. Nichts, worauf es für eine junge Frau wie Eilis ankommt: Keine Arbeit, kein Entwicklungspotenzial, keine strahlende Zukunft. Stattdessen eine Art Bigotterie, strenge Konventionen und die Augen und Ohren der lästigen Nachbarschaft sozusagen überall. Da will Frau eigentlich nur weg, am besten nach Übersee, wohin sowieso schon halb Irland ausgewandert ist. Wie es der Zufall so will, legt ihr ein ebenfalls ausgewanderter, befreundeter Pastor die notwendigen Schienen, unterstützt sie sogar finanziell. Nur den Abschiedsschmerz kann er ihr nicht nehmen, da muss Eilis ganz alleine durch. Die Familie zu verlassen ist eine Sache, in Übersee Fuß zu fassen eine andere. Und wie sie feststellen wird: Die amerikanische Gesellschaft ist eine ganz andere, da haben die Wände keine Ohren und es kennt nicht jeder jeden. Was für ein Freiheitsgefühl das sein muss, anonym zu sein. Sich für jeden Handgriff nicht rechtfertigen zu müssen. Zu lieben, wenn man will, und nicht, wen die Nachbarn wollen.

Regisseur John Crowley, der aktuell mit seiner Buchverfilmung Der Distelfink in unseren Kinos startet, hat vier Jahre zuvor mit Brooklyn ein ganz anderes, weniger voluminöses Buch verfilmt, nämlich eines des irischen Autors Colm Tóibín – für alle, die ihn kennen. Zugegeben, die Erzählung über einen Neuanfang im Land der unbegrenzten Möglichkeiten (zumindest war das damals vielleicht so) ist wie ein Film aus den Fünfzigern, der über die Fünfzigerjahre erzählt. Schön ausgestattet, Lokalkolorit pur, allerdings wahnsinnig hausbacken. Wäre da nicht die wunderbare, verletzliche Saoirse Ronan, die wiedermal sehr überzeugend und völlig nachvollziehbar die illustre Entwicklung vom duckmäuserischen, sozial gegängelten Mädchens zur selbstbewussten Frau vollzieht. Ronan passt in die damalige Zeit wie der Nierentisch ins trendige Nachkriegswohnzimmer. Es ist, als hätte die junge Schauspielerin zu gar keiner anderen Zeit gelebt als in den 50ern, und das ist schon eine erstaunliche Konsistenz, was die Erarbeitung einer Rolle betrifft. Mit dieser darstellerischen Dichte ist sie aber nicht allein. An ihrer Seite ein völlig unbekanntes Konterfei, nämlich das von Emory Cohen als italoamerikanischer, unsterblich verliebter Klempner, der das Herz der jungen Irin zwar nicht im Sturm, aber in konsequenter, teils liebevoll ungeschickter Romeo-Manier erobert. Allerdings völlig frei von Arroganz, direkt etwas devot, bescheiden und unsicher lächelnd. Ein einnehmender Charakter, der gemeinsam mit Ronan die besten Momente des Filmes für sich verbuchen kann.

Sonst ist Brooklyn arg konventionell und sehr methodisch erzählt, was nicht heisst, dass das Drama die Zerrissenheit von Ronans Figur nicht ordentlich aufs Tablett bringt. Dafür wiederum hat niemand geringerer als Nick Hornby sein vor allem eben für Drehbücher bewährtes Talent bemüht und die Love- and Life-Story elegant und harmonisch in seine Zeit gebettet. Das verlangt keine Neuinterpretationen oder Ansätze aus anderen Richtungen. Tóibíns Roman verlangt genau das, was Brooklyn letzten Endes als Filmprosa auf die Reihe bekommt. Und das kann eben nur in dafür erforderlichem Konservatismus und in nostalgischem Postkarten-Beige erfolgen, wobei der Streifen von der Empathie Crowleys dem historischen Zeitgeist gegenüber am meisten profitiert. Brooklyn ist ein gutes Beispiel dafür, wie sehr sich ein Regiekonzept auf beiden Seiten der Kamera seiner gewählten Epoche unterordnen kann. Und das ist wiederum kein Fehler. Vor allem dann nicht, wenn ein Zeitbild aus vergangenen Tagen über den Um-, Auf- und Abbruch diverser Zelte in einer sich aufraffenden Nachkriegswelt ausnehmend gut Bescheid wissen will, ohne dabei prahlen zu wollen.

Brooklyn

Beale Street

AMERIKAS VERKAPPTE APARTHEID

6/10

 

IBSCT_13452_R© 2018 Annapurna Pictures

 

ORIGINALTITEL: IF BEALE STREET COULD TALK

LAND: USA 2018

REGIE: BARRY JENKINS

CAST: STEPHEN JAMES, KIKI LAYNE, REGINA KING, COLMAN DOMINGO, BRIAN TYREE HENRY, DIEGO LUNA, PEDRO PASCAL U. A.

 

„Jeder in Amerika geborene Schwarze ist in der Beale Street geboren. Die Beale Street ist unser Erbe. Dieser Roman handelt von der Unmöglichkeit und von der Möglichkeit, von der absoluten Notwendigkeit, diesem Erbe Ausdruck zu geben. Die Beale Street ist eine laute Straße. Es bleibt dem Leser überlassen, aus dem Schlagen der Trommeln den Sinn herauszuhören.“ Mit diesen Textzeilen beginnt Barry Jenkins neuer Film nach dem Roman des 1987 verstorbenen Romanciers James Baldwin. Und erklärt auch, warum Beale Street, obwohl es die Straße in New Orleans tatsächlich gibt und als Wiege des Jazz gilt, weniger ein tatsächlicher, zu besuchender Ort ist als viel mehr ein Synonym für einen allumfassenden gemeinsamen Nenner, der die schwarze Bevölkerung Nordamerikas vereint. Wenn die Beale Street also reden könnte, so wie der Filmtitel im Original konjunktiviert, so könnte sie einiges erzählen. Über Verschleppung, Sklaverei, Menschenrechtsverletzungen, Diskriminierung, Rassismus. Und über die Ohnmacht gegenüber der Machtwillkür einer Justiz, die eine eigene Form Apartheid schafft, nämlich die der gesetzlichen Versklavung fahrlässig Verurteilter.

Zwischen die Mahlsteine einer solchen Justiz gerät das Liebespaar Tish und Fonny. Der Holzkünstler Fonny nämlich, der wird beschuldigt, eine Puerto-Ricanerin vergewaltigt zu haben. Das Opfer scheint ihn identifiziert zu haben, doch klare Indizien sprechen dagegen. Die will aber keiner hören, und auch das mittlerweile in die Heimat verschwundene Opfer lässt nicht mit sich reden. Es sieht nicht gut aus für die beiden. Zum Glück hat die schwangere Tish einen Engel von Mutter, die alles daransetzt, ihren Schwiegersohn in spe freizubekommen. Diese stolze Matriarchin verkörpert Regina King, die auch prompt für Ihren Auftritt sowohl den Golden Globe als auch den Oscar abstauben konnte. Nun, ich muss sagen: Das sehr wohl zurecht. King stattet ihren Charakter der Sharon Rivers mit jeder Menge kämpferischem Gerechtigkeitssinn aus, wobei sie natürlich immer mal wieder an ihre Grenzen stößt, und so ihre Figur glaubhaft zweifeln, resignieren und erneut an die Sache glauben lässt. Das macht sie mit leisen Tönen, mit der zehrenden Liebe einer Mutter. KiKi Layne und Stephen James sind schauspielerisch aber auch nicht zu verachten, wobei KiKi Layne in erster Linie für die bezauberndsten, schönsten und malerischsten Takes verantwortlich ist, die Beale Street teilweise wie eine akkurat kolorierte Graphic Novel erscheinen lassen. Laynes Blicke sind tief, erzählen von Sehnsucht, innerer Kraft und Ohnmacht gleichermaßen. Ein Gesicht, dass die unruhigen Züge einer (un)beugsamen Gesellschaft trägt. Barry Jenkins, dessen oszillierendes, brillantes Meisterwerk Moonlight den Oscar als besten Film 2017 gewonnen hat, gibt sich auch diesmal wieder einer narrativen Melancholie hin, die wie ein wohlformulierter Roman in erlesenen Bildern zu erfassen ist. Das ist durchwegs wirklich schön anzusehen, mitsamt all der Ausstattung und der vorwiegend in Grüntönen gehaltenen, geschmackvollen Mode der konservativen 70er.

Was aus Beale Street aber letztendlich geworden ist, lässt sich als Lovestory in Rückblenden bezeichnen. Wie James Baldwin seinen Roman angelegt hat, kann ich mangels Lektüre leider nicht beurteilen, allerdings scheint es mir, dass der Justizskandal rund um Fonny dort wohl eher im Vordergrund steht als die Geschichte einer bedingungslosen Beziehung. Im Film ist es genau umgekehrt. Da ist die Liebe alles, sie wird auch des Öfteren bekundet, und zwar so richtig im sentimentalen Weichzeichner-Stil. Da entgleitet Barry Jenkins sein Film ab und an ins Schwülstige, ins schön anzusehende Schwülstige, und vom Justizdrama selbst bleiben die peripheren Bemühungen von Übermama Regina King. Das Thema „Grundlos hinter Gittern“ lässt sich aber auch mit viel mehr Schmerz, mit viel mehr Klage hinausschreien, wie 1994 in Jim Sheridans IRA-Drama Im Namen des Vaters. In Beale Street, der längst nicht so energisch menschliche Grundrechte verfechtet, weicht die Verzweiflung sehr schnell einer hingenommenen Ohnmacht, einer resignierenden Kleinheit, die aber vielleicht deswegen diese Ungerechtigkeit so aushalten kann, weil die Liebe so ungefähr über allem steht. Und auch all die Jahrzehnte hinter Gitter anscheinend aussitzen kann.

Beale Street

Hampstead Park

HÜTTENZAUBER MIT IRISCHEM EISBÄR

4/10

 

hampsteadpark© 2017 Splendid Film

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2017

REGIE: JOEL HOPKINS

MIT DIANE KEATON, BRENDAN GLEESON, LESLEY MANVILLE U. A.

 

Hätte sich Bud Spencer einmal dazu durchgerungen, einen Ausflug ins Genre des romantischen Films zu wagen, hätte man ihm die Rolle des unangepassten Parkbesetzers Donald Horner an den stämmigen Leib schneidern können. Allerdings wäre der Neapolitaner wohl nicht als Ire durchgegangen, was aber mit einer kleinen Drehbuchadaption sofort kein Problem mehr gewesen wäre. Anstelle des bärtigen Riesen tritt ein anderer seiner Art – Brendan Gleeson. Dem breiteren Publikum bekannt als Mad Eye Moody aus dem Harry Potter-Universum. Cineasten wohl auch aus Calvary oder Brügge sehen… und sterben? ein Begriff. Der wuchtige Brummbär mit rotem Haar und weißem Eisbärbart macht in dem bis zur Arthritis ungelenken Liebesfilm für ausgesucht ältere Semester als einziger eine annehmend gute Figur. Gleeson ist es auch gewesen, der mich dazu bewogen hat, nach rund einer halben Stunde periodisch auftretender Selbstreflexion aus dem Film nicht auszusteigen, ließ er mich doch in jeder Szene wissen, dass Kinogeher unter 60 in Hampstead Park im Grunde nichts verloren haben. Und das ist schon etwas eigenartig. Natürlich sehe ich selbst sehr gerne Filme, die vom Leben, Lieben und Leiden der älteren Generation erzählen. Da gibt es Kinoperlen wie Nebraska, About Schmidt oder Die Brücken am Fluss. In ihrer Erzählweise sind es aber so außergewöhnlich konzipierte Geschichten, die dem jungen Publikum niemals das Gefühl geben, unerwünscht zu sein. Das liegt vielleicht am Beweggrund, warum man den einen oder anderen Film überhaupt macht. Oft sieht man Werken dieser Art an, wozu und für wen sie realisiert wurden. Will die Produktion marketingtechnisch tatsächlich nur eine Zielgruppe ansprechen anstatt ein vielfältiges Zuschauerspektrums, so lässt sich das kaum verbergen. Das passiert zum Beispiel bei Joel Hopkins´ Parkspaziergang.

Wobei dem Streifen im Grunde eine reizvolle Geschichte innewohnt: Eine hochverschuldete Witwe aus dem gehobenen Mittelstand stößt durch Zufall auf einen durchaus gesitteten Eigenbrötler und Aussteiger, der sich prompt in die Dame verguckt und des Weiteren um seine unrechtmäßige häusliche Existenz im Hampstead Park fürchten muss. Mit Diane Keaton und eingangs erwähntem Brendan Gleeson kann das reife Alltagsmärchen durchaus für kauzig-emotionale Stimmung sorgen. Sowas wie Zoff in Beverly Hills, muss aber längst nicht so grotesk und satirisch sein. Da kann auch ein Jack Nicholson-Gehabe durchaus reichen. Doch nichts davon entsprach letzten Endes den Erwartungen. Hampstead Park ist wie ein Döblinger Kaffeekränzchen mit gesellschaftskritisch fundiertem Small Talk. Und es ist gut vorstellbar, wie sehr gesellschaftskritischer Smalltalk in nachbarschaftlicher Noblesse aneckt. Nämlich gar nicht. Dass Diane Keaton sich für den zerfledderten Mittsechziger interessiert, lässt sich schwer nachvollziehen. Überhaupt gelingt der in Würde ergrauten Filmlegende nur mühsam, der Figur der noblen Witwe glaubhafte Gefühlswelten anzudichten. Sichtlich unterfordert stakst sie zwischen Rhododendronbüschen und angepflanzten Karotten durch den verwilderten Hain von Hampstead Heath, um sich erst für die Ambitionen des fischenden, autarken Freigeistes einzusetzen, um ihn dann und ganz plötzlich nach ihren Gutdünken zu manipulieren. Das geht storytechnisch gar nicht. Im letzten Drittel schmeißt der Drehbuchautor wohl die Nerven, weil er das Gesülze wohl selbst nicht mehr erträgt. Aber statt der Romanze hier wirklich mehr Kernigkeit und Körnigkeit zu verleihen, bekämpft man womöglich lieber hausbackenen Kitsch mit ebensolchem.

Leider ist Hampstead Park wirklich und offensichtlich nur Programm für zerstreuendes Seniorenkino. Aber selbst bei Oma und Opa könnte sich Langeweile einschleichen. Vom Niederbiedern potenzieller Utta Danella-Fans könnte man zumindest im Kino absehen, aber dafür ist es leider zu spät für den zweiten Frühling. Der geht ganz anders, und den hätte uns Brendan Gleeson gerne gezeigt – hätte er sich nur nicht barfuß im Park den größten Schiefer seines bisherigen Filmreportoires eingezogen. Ein mauer und stocksteifer Möchtegern-Wohlfühlfilm, der zeigen will, dass auch noch im Alter alles möglich sein kann. Wie wahr – dazu gehören auch leider solche Filme.

Hampstead Park

Baby Driver

MIT MUSIK GEHT ALLES BESSER

7,5/10

 

babydriver© 2017 Sony Pictures / Quelle: filmstarts.de

 

LAND: Grossbritannien, USA 2017

REGIE: EDGAR WRIGHT

MIT ANSEL ELGORT, LILY JAMES, KEVIN SPACEY, JAMIE FOXX, JON HAMM U. A.

 

James Dean hat, bevor ihn das Schicksal ereilte, nur drei Filme gedreht. Das weiß mittlerweile nicht nur jeder Filmfan, das ist längst Allgemeinbildung. Der lakonische Lonely Boy wurde über Nacht zum Star und zur Ikone – zum Mythos wurde er nach seinem Tod. Seine Leidenschaft für den fahrbaren Untersatz wurde ihm letzten Endes zum Verhängnis. Ganz so wie in Denn sie wissen nicht, was sie tun. Ein Rebell ohne Grund. Und wäre dieser Rebell nicht so schnell so unsterblich geworden, hätte es womöglich noch viele Filme mit ihm gegeben. Zum Beispiel Baby Driver. Dean in dem gewieften Fluchtwagenthriller  besetzt zu sehen erfordert meinerseits nicht viel Fantasie. Für den jungen Eigenbrötler aus Indiana wäre Baby Driver vielleicht sogar zur Herzensangelegenheit geworden. Dabei hätte er eigentlich nur sich selbst spielen müssen. Wortkarg bis zur Arroganz, stets mit Sonnenbrille, und permanent Kopfhörer in den Ohren. Denn mit Musik geht für den kindlichen Autonarr und Boliden-Klarmacher einfach alles besser. Das hat natürlich seinen Grund, den ich hier nicht verraten werde. Ansel Elgort verkörpert diesen Baby, wie er sich selbst nennt, auf eine überhebliche, ignorante, aber auch pragmatische und fürsorgliche Art und Weise. Ob das reine Coolness ist, oder reine Berechnung, oder ob etwas ganz anderes dahinter steckt, wagt man anfangs nicht so genau zu wissen. Baby ist jedenfalls jemand, so scheint es, den nichts erschüttern kann. Weder gehässige Bankräuber, noch einen fordernden und kompromisslosen Unterweltler, dem Baby noch einiges schuldig zu sein scheint. Also fährt er für ihn. Und macht die Drecksarbeit. Dieser Unterweltler ist übrigens Kevin Spacey, herrlich schmierig, profitorientiert und oberlehrerhaft. Und diese Bankräuber, das sind Typen wie „Motherfucker“ Jamie Foxx, der nach seiner Rolle in Kill the Boss wieder mal den anlassigen Oberstrizzi mit lockerer Lippe geben darf.

Hot Fuzz-Regisseur Edgar Wright, Co-Schöpfer der Cornetto-Trilogie mit Nick Frost & Simon Pegg, erzählt in seinem rasanten, aufgeweckten Actionfilm eine locker-flockige Romanze zwischen American Graffiti und Drive. Und ja, sowohl Gosling als auch Elgort sind beide von der Sorte, die eher andere reden lassen. Was anhand des Trailers im Kino längst nicht so verführerisch ausgesehen hat, und man vermuten hätte können, dass es sich bei Baby Driver doch eher um ein Need for Speed aus der Schema F-Schublade handelt, ist in Wahrheit tatsächlich einer der sehenswertesten Genrebeiträge dieses Jahres. Elgort ist eine Entdeckung, allerdings erst auf dem zweiten Blick. Und diese reizvolle, mit fetzigen Vibes unterlegte Mixtur aus Natürlichkeit und augenzwinkernder, leicht märchenhafter Spannung lässt Langeweile außen vor. Baby Driver hat sogar mehr Drive als Drive, weil es keinen affektierten Ego-Stil eines Nicolas Winding Refn vor sich herträgt, sondern die groovige Räuberpistole nicht mehr sein lässt, als sie ist – cooles Gaunerkino mit dem gewissen Etwas eines James Dean, rasant und kurzweilig bis zum Gehtnichtmehr und extraordinär besetzt. True Romance für die Generation What!

Baby Driver