Die fantastische Reise des Dr. Dolittle

TIERE REDEN DICH AN

3,5/10

 

null© 2020 Universal Pictures

 

LAND: USA 2020

REGIE: STEPHEN GAGHAN

CAST: ROBERT DOWNEY JR., MICHAEL SHEEN, JIM BROADBENT, HARRY COLLETT, JESSIE BUCKLEY, ANTONIO BANDERAS U. A. 

MIT DEN STIMMEN VON: TOM HOLLAND, EMMA THOMPSON, RAMI MALEK U. A.

 

Eben noch den Heldentod gestorben (na gut, das Endgame der Avengers ist auch schon wieder ein Zeiterl her), schon schlüpft Robert Downey Jr. in die nächste Kultfigur. Und damit meine ich nicht den nächsten Auftritt von Sherlock Holmes, der ja sowieso kommen wird, sondern das angetretene Erbe von Rex Harrison und – ja, tatsächlich – Eddie Murphy. Obwohl Quasselstrippe Murphy mit den literarischen Vorlagen von Hugh Lofting maximal die sprechenden Tiere gemeinsam hat. Stephen Gaghans Film indes besinnt sich wieder auf die gute alte Zeit, in der Dr. Dolittle eigentlich sein veterinärmedizinisches Knowhow wirken lässt – in einer alternativen Vergangenheit, in der Englands Königin mit einer rätselhaften Krankheit darniederliegt und nur der verschrobene Arzt Abhilfe schaffen kann. Dumm nur, dass er sieben Jahre nach dem Tod seiner Geliebten Lily immer noch dem verwahrlosten Müßiggang frönt und mit seinen Lieblingstieren wie ein asozialer Hausbesetzer, der den Zoo geplündert hat, ziellos abhängt. Letzten Endes aber folgt Dolittle natürlich der angelegentlichen Bitte des Hofes, in den Gemächern der jungen Königin nach dem Rechten zu sehen. Im Schlepptau nicht nur ein neurotischer Gorilla, ein Problembär und ein Strauß mit gestreiften Beinen, sondern auch ein Bursche, der seltsamerweise nicht mehr von Dolittles Pelle rückt – und der aber sonst auch nicht viel zu sagen hat. Klar ist: allesamt machen sich auf den Weg, um ein Heilmittel zu finden. Was nun nach einem verspielt-witzigen, phantastischen Abenteuer klingt, irgendwo zwischen Dschungelbuch und Fluch der Karibik. Wie ernüchternd, dass die Schinakelfahrt kurz davor ist, durch den Mahlstrom unausgegorener CGI an den Riffen seichter Schauspielkunst zu kentern.

Manche Filmemacher wissen immer noch nicht, wieviel CGI für einen Film wirklich gut ist. Peter Jacksons In meinem Himmel war schon zu viel des Guten, in James Bobins Fortsetzung von Alice im Wunderland scheinen nur noch die Mimik der Gesichter echt. Stephen Gaghan will natürlich die technischen Möglichkeiten nutzen, stolpert aber womöglich über seinen Zeitplan. Von den Tierchen sind manche besser, manche weniger gut gelungen. Die Wale wirken überhaupt wie Badespielzeug. Doch die Optik, die ist bei Dr. Dolittle womöglich das geringste Problem. Viel mehr Sorgen bereitet der Zustand Robert Downeys, der mit einer einzigen Mimik, und zwar jener des etwas irritiert aufgesetzten Staunens, alles abzudecken versucht. Spielfreude ist das keine. Downey tut, wofür er bezahlt wird. Ist die Regie zufrieden, ist er zufrieden. Den Ehrgeiz finden wir anderswo. Nur wo weiß ich nicht. Newcomer Harry Collett allerdings weiß noch weniger mit seiner Rolle anzufangen, nicht zu glauben, dass der junge Mann beim Casting alle anderen Kandidaten ausgestochen hat. Aber vielleicht liegt das auch daran, dass alle physischen Darsteller im Grunde zu einer erschreckend uninspirierten Staffage verkommen, die teilweise nur sehr wenig Text in den Mund gelegt bekommen. Meist stehen sie nur rum und blicken in die Runde, als hätte die Regie auf sie vergessen. Was hat Stephen Gaghan, den wir aus starken Filmen wie Syriana oder Traffic (Oscar fürs Drehbuch) eigentlich gut kennen, da angestellt? Irgendetwas muss hinter den Kulissen wenig geschmeidig abgelaufen sein, genaues weiß man leider nicht. Einzig Papagei Jip, der die ganze Geschichte erzählt, hält allein durch seine Stimme aus dem Off den grob geschnittenen und flügellahmen Familienfilm irgendwie zusammen. Vielleicht sind Loftings Kinderbücher über den Fauna-Therapeuten einfach unverfilmbar – oder sie werden ganz einfach unterschätzt. Leicht ist es jedenfalls nicht, sich da ranzuwagen. Rex Harrison würde sich freuen – sein Dr. Dolittle bleibt nach wie vor an der Spitze.

Die fantastische Reise des Dr. Dolittle

Im Zweifel glücklich

WARS DAS?

7/10

 

BradsStatus#2052.ARW© 2018 Weltkino

 

LAND: USA 2017

REGIE: MIKE WHITE

CAST: BEN STILLER, AUSTIN ABRAMS, JENNA FISCHER, MICHAEL SHEEN, LUKE WILSON U. A.

 

Da bedarf es schon eines ausgeprägten Fokus auf die eigene innere Mitte, wenn es darum geht, sich nicht mit anderen zu vergleichen. Wenn dann noch die eigenen Schulkollegen mit deutlich mehr PS auf der Überholspur gen Erfolgshorizont des Lebens davonbrausen, ist der Selbstwert auf Kleinkindgröße dahingeschmolzen. Der Wettbewerb ist allgegenwärtig, vor allem in so selbstverliebten Zeiten wie diesen, wo Fleiß und Idealismus nur noch bedingt zu wünschenswerten Ergebnissen führen. Allerdings übersehen hierbei die gebeugten Häupter der vermeintlichen Loser sehr gerne, dass der vielfach kolportierte Erfolg der Mitmenschen reichlich Fassade ist, und Vergleiche oft mit zweierlei Maß gemessen werden. Die einen, die haben dann meist das Kapitalglück, dass in ausreichender Werbewirksamkeit die Gesellschaft fasziniert. Und die anderen, die haben das Basisiglück, und können sich, wenn alle Stricke reissen, auf wahre Werte zurückbesinnen, auf die es letzten Endes wirklich ankommt. Die Erfolgsformel ist also eine Unbekannte. Sich daran zu reiben wie Ben Stiller es tut, kann zu einem ernüchternden, aber undurchdachten Status Quo führen, der längst nicht alle Indizien, die für ein besseres Leben sprächen, abgeklopft hat.

Im Zweifel gücklich, im Original schlicht und ergreifend als Brad´s Status betitelt, treibt einen innerlich strauchelnden Ben Stiller vor sich her, der überhaupt nichts mehr mit den klamaukigen Peinlichkeiten aus früheren Filme zu tun hat, der geradezu ernüchternd unmöbliert und verkatert auftritt, als würde er tatsächlich in das tiefe Loch einer sinnlos erscheinenden Existenz geworfen worden sein. Diesen Zustand könnte jetzt ein anderer Filmemacher kabarettistisch ausschlachten, sich darüber lustig machen, die Midlife crisis durch den Kakao ziehen. So wie es der Österreicher Harald Sicheritz Anfang der 90er getan hat. Freispiel mit Alfred Dorfer zählt bis heute zu den besten Kabarettfilmen überhaupt, lässt dabei aber seinen Antihelden Robert Brenneis als ausgebrannten Musiklehrer über das eigene Leben und das der anderen sinnieren, bevorzugt über das seines ehemaligen besten Freundes, des Schlagerstars Pokorny, süffisant verkörpert von Wuchtelgranate Lukas Resetarits. Der Neid könnte einen fressen, angesichts dieses Glamours, den manche umgibt, vor allem jene, die das gleiche Startkapital für die Zukunft hatten, und plötzlich hinten anstehen müssen. Sich klarzuwerden, worauf es im Leben wirklich ankommt, dafür braucht Alfred Dorfer einen ganzen Film voller Zynismus und kluger Kommentare. Ben Stiller tut Ähnliches, wenn auch nicht im Bierzelt schunkeln oder in Italien urlauben. Er begleitet seinen Sohn an die Ostküste Amerikas, um Universitäten abzuklappern und den richtigen Studienplatz zu ergattern. Dabei stößt Brad zwangsläufig auf die Karrieren seiner Kommilitonen von damals, um sich selbst ganz klein vorzukommen. Bis er die Dinge vor seinem geistigen Auge wieder in die richtige Ordnung bringt, auf Reboot Prioritäten setzt und seinem Filius den Rücken freihält.

Dieser Status, den Brad abruft, der könnte der Status von jedem von uns sein, mal mehr mal weniger. Den großen Vogel, den haben die wenigsten abgeschossen, dabei ist die Frage nach einem zweifelhaften Lebensglück gerade bei jenen womöglich ungleich größer als bei den sogenannten Niemanden, die trotz fehlenden Reichtums und Scheinwerfern die Erfüllung in sich selbst und ihrer Familie finden. Regisseur Mark White lässt Ben Stiller tatsächlich immer stiller werden, immer nachdenklicher, und gibt ihm Raum für Gedanken, die aus dem Off auch für das interessierte Publikum zu hören sind. Im Zweifel glücklich ist ein langsames, gedankenverlorenes, aber alltagsrelevantes Drama, leichtfüßig und nicht verkopft. Nachvollziehbar und durchaus bereichernd, wenn mal wieder das eigene Leben unzureichend erscheint.

Im Zweifel glücklich

Passengers

GEMEINSAM STATT EINSAM

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passengers

Lesung aus dem Buch Avalon: Am Anfang war der Mechaniker Jim Preston, der neue Adam für Homestead II, einem bewohnbaren erdähnlichen Planeten, rund 120 Jahre unter halber Lichtgeschwindigkeit von der guten alten Erde entfernt. Dieser erweckt nach einjähriger Isolation Aurora, die neue Eva. So oder ähnlich könnte die neue Entstehungsgeschichte des Exodus einer neuen Menschheit beginnen. Und jede neue Welt braucht einen Mythos, oder einen Anfang, der einer blutjungen Gemeinschaft eine eigene Identität verleihen kann.

Der Norweger Morten Tyldum, der mit dem grandios-gnadenlosen Reißer Headhunters erstmals auf sich aufmerksam machte und sich mit der Enigma-Biografie The Imitation Game mit frischem Wind unter die Exportgrößen Hollywoods einreihen durfte, hat ein romantisches, reduziertes Weltraum-Kammerspiel geschaffen, das nicht mit enormen visuellen Reizen geizt und die Schöpfungsgeschichte der westlichen Erdenwelt in einem Zwei-Personen-Kammerspiel um Vertrauen und Abhängigkeit gehörig abstrahiert. Wobei man diese Analogien zu Beginn erst mal kaum bis gar nicht wahrnimmt. Viel mehr steht die interstellare Robinsonade im Mittelpunkt – und die muss Chris Pratt anfangs leider ziemlich alleine stemmen. Wobei wir spätestens seit Jurassic World wissen, dass der schmerbäuchige Otto Normalverbraucher mit dem Allerweltsgesicht schauspielerisch nicht gerade die besten Karten in der Hand hat. Seine einjährige Wartezeit an Bord des innen wie außen atemberaubend gestalteten Raumschiffes namens Avalon bekommt eine unfreiwillige Komik, die fast schon an John Carpenters Dark Star erinnert, vor allem, wenn Pratt nackt mit unechtem Rauschebart durch die sterilen Gänge des Schiffs torkelt.

Zum Glück steht ihm Roboter Arthur zur Seite – ein aufs Wesentliche reduzierter Android mit der Illusion eines humanoiden Zuhörers, punktgenau dargestellt von Michael Sheen. Zum Glück reizt Tyldum Pratt´s Solo-Performance nicht bis zur Nervigkeit aus und stellt ihm rechtzeitig Jennifer Lawrence zur Seite. Die attraktive Blondine aus Die Tribute von Panem hat weitaus mehr Talent, wobei sie auch diesmal wieder, ähnlich wie in ihrer Paraderolle als Katniss Everdeen, zur Hysterie neigt. Wobei ihr Gefühlsausbruch nur logisch ist. Wie würde man selbst reagieren, wenn jemand anderer, vor allen Dingen ein Wildfremder, den Rest deines Lebens bestimmt. oder deine Zukunft determiniert. Alles nur aufgrund der Tatsache, nicht allein bleiben zu wollen. Einsamkeit und die Sehnsucht nach Nähe sind die Motoren, die die Handlung dieses „Roadmovies“ vorantreiben. Gemeinsam statt einsam oder Partnersuche im All – man kann die Romanze für abgedroschen oder oberflächlich betrachten. In Wahrheit aber ist sie das nicht. Während der Zeit an Bord der Avalon durchleben die beiden Gestrandeten die unterschiedlichsten zwischenmenschlichen Emotionen. Um sich letzten Endes ihrer Abhängigkeit voneinander bewusst zu werden. Und der zwangsläufig auferlegten Verantwortung, die Gründung einer neuen Welt zu garantieren. Aus diesem Blickwinkel heraus ist die Odyssee dann doch noch mehr als die Summe ihrer Teile. Nämlich die Geburt eines neuen Mythos, der an das Finale der neu aufgelegten Battlestar Galactica erinnert.

Gegen Ende des Filmes entsteht dann tatsächlich noch sowas wie fesselnde Spannung, wenn es um Alles oder Nichts geht. Sei es um die Verdammnis zur Isolation oder dem Fortbestand einer neuen Menschheit. Exzellent bebildert, wird aus dem utopischen Beziehungsdrama ein knallhartes Space-Abenteuer im Fahrwasser von Gravity, und Lawrence Fishburnes Gastauftritt als todkranker Deckoffizier bereichert die Szenerie noch zusätzlich mit dem Bewusstsein der allgegenwärtigen Vergänglichkeit. Wäre Tyldum noch nach dem spannend-feurigen Höhepunkt des Films weiterhin konsequent geblieben, wäre uns der Dornröschen-Twist erspart geblieben. So aber kippt sein sonst dichtes Kammerspiel doch noch in Richtung Schnulze – was er mit Leichtigkeit vermeiden hätte können. Vielleicht gibt es aber auch hier noch einen Directors Cut mit anderem Ende? Selten hat ein Film so dermaßen zu Spekulationen über alternative Storylines eingeladen wie Passengers. Ob das ein gutes Zeichen ist? Selbst die Überlegung, in einer Fortsetzung die Ankunft der erwählten 4998 Passagiere zu erzählen, macht mich neugierig.

Morten Tyldum ist eine durchaus faszinierende, wenn nicht ganz logische Science-Fiction gelungen, die weitaus tiefer in den Kosmos vordringt als in die menschliche Seele und sich zu plakativem, märchenhaften Romantizismus hinreißen lässt. Die Schönheit der unendlichen Weiten zelebriert der Film aber dennoch – mitsamt einem Hauch von Ewigkeit.

 

Passengers