Army of Thieves

BLONDIE DREHT AM RAD

5/10


armyofthieves© 2021 Netflix


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, USA 2021

REGIE: MATTHIAS SCHWEIGHÖFER

CAST: MATTHIAS SCHWEIGHÖFER, NATHALIE EMMANUEL, RUBY O. FEE, STUART MARTIN, GUZ KHAN, JONATHAN COHEN, CHRISTIAN STEYER U. A.

LÄNGE: 2 STD 9 MIN


So jemanden hätten die Panzerknacker wohl gern in ihrer Runde gehabt – einen wie Ludwig Dieter. Doch womöglich hätten Sie diesen nach dem ersten erfolgreichen Coup wieder über Bord geworfen. Denn dieser Hans Dieter, eigentlich Sebastian Schlencht-Wöhnert, ist ein gerne mal peinlich berührender Exzentriker, mit dem man offenkundig eigentlich nichts zu tun haben will. Einzig: er kann Tresore knacken. Und um Tresore zu knacken, ist jedes Mittel, und auch jeder Menschentypus, ganz recht. Das war Dave Bautista in Zack Snyders Army of the Dead schon klar. Da zeigt sich wieder, dass es sich lohnt, wenn man eine Sache wirklich gut kann. Da kann man sonst sein wie man will. Auch Matthias Schweighöfer. Der ist ja nicht nur oftmals Frauenversteher und RomCom-Experte mit Schmähs unter der Gürtellinie, sondern mittlerweile auch einer, der schon mal das Gewehr in die Hand nimmt und laut schreiend Untote abknallt. In Snyders Zombie-Action hat der blonde Deutsche ganz gut bewiesen, dass er erdige Filme wie diesen mit exaltierten Spleens ganz gut dekorieren kann. Die Späße saßen, war also alles kein Problem. Im eben auf Netflix erschienenen Prequel, das die Zombie-Apokalypse nur in Visionen und TV-Nachrichten vorwegnimmt, fehlt etwas die raue Gegenkomponente einer anarchischen Endzeit wie das zur Hölle auf Erden mutierte Las Vegas. Aber dennoch – auch wenn Army of Thieves vielerorts gnadenlos verrissen wurde: so zum Fremdschämen ist das Heist-Movie letztendlich nicht geworden. Kein Must-See zwar, aber auch nichts, was man nach zehn Minuten aufgrund von Augenkrebs abdrehen muss.

Dieser Ludwig Dieter (nennen wir ihn mal so) wird also im Zuge einer inoffiziellen Safeknacker-Castingshow von der attraktiven Meisterdiebin Gwendoline (Game of Thrones-Star Nathalie Emmanuel) für einen im wahrsten Sinne des Wortes sagenhaften Coup rekrutiert. Objekte der Begierde sind Tresore, die nach den vier Teilen von Richard Wagners Ring-Zyklus benannt sind: Rheingold, Walküre, Siegfried und Götterdämmerung. Letzterer befindet sich, wie bereits aus Army of the Dead bekannt, in Übersee. Die anderen drei verstecken sich gut erreichbar in Europas Bankenkellern. Doch öffnen kann sie nur Ludwig Dieter, auf den Gwendoline trotz seiner seltsamen Verhaltensweisen ein Auge geworfen hat, zum Leidwesen ihres Lovers, der auch zur Diebesgang gehört und irgendwann plant, den Drehknopfvirtuosen loszuwerden.

Schweighöfer lässt in seiner von Zack Snyder koproduzierten Regiearbeit technisch gesehen nichts anbrennen. Das Setting wirkt nicht billig, die Tresore sind ein sorgfältig ausgestalteter Hingucker und auch der aufschlussreiche Blick in die klickende und klackende Mechanik der sagenumwobenen Schlösser eine schmucke Idee, um den Nervenkitzel beim Zahlenrätsel noch zu unterstreichen. Doch der will nicht so recht hochfahren. Woran das liegt? Längst ist klar, dass Ludwig Dieter trotz seiner schusseligen, aufgedrehten und nervigen Art seinem Ruf gerecht werden wird – das Musterbeispiels eines Lucky Losers. Dass er während seiner kniffligen Aufgaben Wagner spielen lässt und dennoch das leise Einrasten der richtigen Zahlen hören kann, ist dabei nur eine verwundernde Anomalie.

Army of Thieves orientiert sich selbstredend an bekannten Vorbildern, stellt dabei aber den Coup an sich nicht in den Vordergrund, sondern die sozialen Befindlichkeiten der zusammengewürfelten Truppe, in der sich jeder fein säuberlich und je nach Stereotyp vom anderen abhebt. Überraschungen birgt das keine. Und: es ist das Zuviel an exaltierter Laune, die das aalglatte Gaunerstück an vielen Stellen den Dietrich daheim lässt, das Zuviel an Schweighöfers erlerntem Handling anderer Genres, in denen er noch etwas strauchelt. Den Umstand überspielt er mit gefälliger, vermeintlich publikumswirksamer Komik und weichgespülter Dramaturgie. Das tut nicht weh, erzeugt aber auch keinerlei Kribbeln.

Army of Thieves

Titan

MENSCH 2.0 IM BETA-TEST

3/10

 

titan© 2018 EuroVideo Medien

 

LAND: USA 2018

REGIE: LENNART RUFF

CAST: SAM WORTHINGTON, TOM WILKINSON, TAYLOR SCHILLING, NATHALIE EMMANUEL U. A.

 

Lange wird Sam Worthington nicht überlegt haben, in vorliegendem Science-Fiction-Film mitzuwirken. Mit physischen Upgrades kennt sich der durchaus smarte Australier schließlich aus, wir erinnern uns gut und gerne an James Cameron´s furioser Sternenreise Avatar – Aufbruch nach Pandora aus dem Kinojahr 2009. Worthington schlüpfte da in den Körper eines Na’vi – eines dieser übergroßen, blauhäutigen, glupschäugigen Elfenwesen, die ihren sagenhaft bezaubernden Planeten Pandora vor der Gier des Menschen verteidigen mussten. Wenn ich meinen Körper dafür behalten dürfte, würde ich das auch tun. Im Rahmen dieser Avatar-Technologie ist man immer noch sein eigener Mensch, das ist ja gar nicht so wild, genau betrachtet. Im Film Titan hingegen kann Sam Worthington nicht mehr auf Reboot schalten. Da heißt es mit der Zeit zu gehen oder eben mit der Zeit zu gehen. Und die Zeit, die lässt sich kaum schlimmer vorstellen. Unser Heimatplanet liegt im Argen, ist heillos überbevölkert und die letzten Ressourcen schmelzen dahin wie Butter in der Sonne. Hätten wir Pandora in der Nähe, würden wir alle nicht zweimal überlegen. Doch ein Blick quer durchs Sonnensystem genügt um festzustellen: Da ist nichts. Maximal ein, zwei Monde, die halbwegs was taugen, die aber die Tristesse mit Handkuss willkommen heißen. Vielleicht für den Moment hochinteressant sind – aber für ein ganzes Leben? Einer dieser Kandidaten wäre eben der Saturnmond Titan. Nur – Homo sapiens hat da nichts verloren, nicht so, nicht mit seinen physischen Referenzen, die sich nur nach gähnend langer Makroevolution ändern lassen würden.

In Titan sind aber schon Technologien am Werken, die die Spritztour in die schöne neue Welt des Übermenschen in Windeseile vollziehen können. Worthington ist also einer dieser Kandidaten, die sich jene Evolutionsanabolika einwerfen, um mondkonforme Ausmaße zu erreichen. Ein spannender Ansatz, das muss an dieser Stelle gesagt sein. Auch weil Tom Wilkinson als Mastermind hinter all den Dingen steht, und der integre Brite ist da in solchen Dingen sicher sehr kompetent. Doch trotz all dieser Leute vom Fach gibt es einen, der das faszinierende Thema nicht wirklich ganz verstanden hat – und zwar Lennart Ruff, deutscher Werbefilmer und Spielfilmdebütant, der aus einem guten Stoff zielsicher im stereotypen B-Movie-Sektor landet und mit Klischees und abgenützten Schablonen um sich wirft, dass es richtig weh tut. Warum bei allen 62 Saturnmonden muss Titan als platter Mutantenhorror enden, wäre doch ein populärwissenschaftlicher Exkurs in Sachen Expansion in den Weltraum endlich mal etwas, das sich von all dem trivialen Gut-Böse-Mumpitz abheben hätte können. Weit weg von Splice– und Species-Plagiaten, mehr hin in Richtung Der Marsianer von Ridley Scott. Ehrlich gesagt hätte ich mir genau so einen Draft erwartet, und die Erwartungen wurden so richtig enttäuscht. Dabei hätte mich die Story ja wirklich abgeholt, denn einzelne Details erklären zwar simpel, aber effektiv die einen oder anderen physikalischen Grenzgänge.

Ohne irgendeinen kausalen Zusammenhang legen die Neo-Titanen plötzlich ein relativ ungesundes Verhalten an den Tag. Spannender wäre gewesen, die spektakulären Erschwernisse für den Aufenthalt auf Titan als Trumpf auszuspielen. Die Nummer Sicher mit ausgeleierten Strickmustern und Figuren, die ihre Integrität auf Kosten eines schlampig finalisierten Drehbuchs verraten müssen, setzt das vielversprechende, utopisch-technische Abenteuer, das es hätte werden können, in den Sand des Mondtrabanten – völlig ohne Atemschutz. Denn die Luft, die wird in Titan sehr schnell knapp.

Titan