Hustlers

ALL DIE REICHEN WEISSEN MÄNNER

5/10

 

hustlers© 2019 Universum

 

LAND: USA 2019

REGIE: LORENE SCAFARIA

CAST: CONSTANCE WU, JENNIFER LOPEZ, JULIA STILES, LILI REINHARDT, KEKE PALMER, LIZZO, CARDI B U. A.

 

Jennifer…wer? Na Jenny from the Block. Auch schon wieder eine Weile her. So wirklich präsent war die mittlerweile 50jährige Schauspielerin und Sängerin mit puerto-ricanischen Wurzeln in der letzten Zeit eher weniger. Dafür ist ihre Rolle in Hustlers so etwas wie ein Comeback. Und sie macht in diesem True-Story-Streifen tatsächlich eine wahnsinnig gute Figur. Niemals hätte ich gedacht, dass J.Lo schon ein halbes Jahrhundert zählt, es sieht nämlich überhaupt nicht danach aus. Keine Ahnung was die Dame alles an Fitnessstunden absolviert hat, keine Ahnung welchen gesundheitsbezogenen Lebenswandel sie hat, ich lese ja kaum Boulevardblätter welcher Sorte auch immer. Aber irgend etwas muss sie schon getan haben, um mit so einer überraschenden Eleganz an der Stange zu tanzen. Hustlers ist also ihr Film, ganz und gar ihre Kragenweite, wenngleich sie sich neben dem übrigen Cast gar nicht so sehr in den Vordergrund drängt. Ihrem Co-Ensemble begegnet sie auf Augenhöhe. Das hätte ich bei ihrem ersten Auftritt – rauchend, im schicken Pelz auf dem Dach eines Hochhauses in New York, quasi Glamour pur, gar nicht vermutet. In Wahrheit aber spielt J.Lo eine alleinerziehende Mutter, die relativ viel Erfahrung gesammelt hat in der Rotlicht-Polebar-Branche und dabei eine junge Einsteigerin unter ihre Fittiche nimmt, die noch viel lernen muss: Wie Frau sich bewegt, die Do´s und Don´ts und dergleichen mehr. Die beiden – Constanze Wu und J.Lo – freunden sich als ihre Film-Alter Egos schnell an und mischen die zerstreuungswütige, notgeile und reiche weiße Männerwelt auf, solange es eben geht, und solange sie nicht ihr hübsches Gesicht verlieren. Bis die Finanzkrise kommt.

Wir schreiben das Jahr 2008, und ja, die Geschichte dieses Films hat sich ungefähr so, und ich vermute mal natürlich weniger dramatisiert, aufgemotzt und eloquent, aber immerhin ungefähr so zugetragen. Nach besagter Krise sind die reichen, notgeilen Mannsbilder den farbenfrohen Etablissements ferngeblieben. Keiner, der mit Dollars um sich wirft. Und alleinerziehende Mütter wie Lopez und Co müssen sehen, wo sie bleiben. Wechseln den Job und arbeiten im Einzelhandel oder tun, was sie tun müssen, um sich über Wasser zu halten. Der Film wäre ein bitteres Sozialdrama geworden, würden J.Lo und Freundinnen da nicht perfide Pläne schmieden, um nicht doch an das Geld der Kunden ranzukommen. Und diese Methode ist natürlich wenig legal. Zur Kassa wird gebeten, wer große Kassa macht – und sich obendrein vom femininen Reizen einlullen lässt. Nachgeholfen wird mit Drogen. Tags darauf sorgt ein Hangover dafür, dass sich keiner der ausgenommenen Weihnachtsgänse mehr an das feuchtfröhliche Feiern erinnern kann.

Regisseurin Lorene Scafaria macht einen auf Frauenpower. Ihre Damen dürfen alles, der reiche weiße Mann ist die Kuh, die man moralisch vertretbar melken kann. Denn alle, die reich sind, haben es verdient. Die haben ja auch alle die Finanzkrise verursacht. Wie sich die 4 Engel gegen Charlie ihre kriminellen Methoden schönreden, lässt sich auf einen überemotionalisierten Trotz zurückführen. Dieser Trotz brachte dann auch eine wenig differenzierte Offensive mit auf den Weg, für welchen sich meinerseits wenig Verständnis aufbringen lässt. Die Finanzkrise traf doch nicht nur die Nachtclub-Branche, die traf im Grunde alle, die irgendwo in den USA Hypotheken hatten. Die traf durchaus auch manche derreichen, notgeilen Männer. Hustlers zeichnet zwischen rotviolett getönten Lichtern, Poledance und regnenden Geldscheinen mit seiner Chronik der Ereignisse ein wenig nuanciertes und dadurch umso euphemistisch gefärbtes Bild eines Haudrauf-Feminismus, der nicht die Antwort auf sexistische Weltbilder sein kann. Auch wenn Scafaria das vorgehabt hätte. Oder hatte sie gar vor, die Handlungsweise ihrer bühnenpräsenten Heldinnen kritisch zu hinterfragen? Das lässt sich vermuten, aber mehr auch nicht, denn so wirklich verurteilt wird die Robin-Hoodiade in die eigene Tasche nicht. Da liebäugelt man schon sehr mit diesem Trotz, mit dieser plakativen Kraft einer Weiblichkeit, die sich ihres Impacts mehr als bewusst ist. Durch dieses Moraldilemma entgleitet Scafaria vor allem in der zweiten Hälfte der dramaturgische Aufbau und hat so seine Probleme, mit erzählerischer Relevanz umzugehen. Was aber in Erinnerung bleibt, zwischen all der notgedrungenen Geldgier, das ist J.Lo und die Ergebnisse für ihr straffes Training in einem Film, der ganz gut zeigt, wie Stangentanz für Hollywoodstars eigentlich aussehen soll.

Hustlers

Gold

IN GOLD WE TRUST!

7,5/10

 

gold

REGIE: STEPHEN GAGHAN
MIT: MATTHEW MCCONAUGHEY, EDGAR RAMIREZ, BRYCE DALLAS HOWARD

 

Ich erinnere mich noch gut an Matthew McConaughey´s Auftritt als schmierige Koksnase in Martin Scorcese´s phänomenal gutem Finanzdrama Wolf of Wall Street. Völlig gestört, aalglatt und mit unorthodoxen Ratschlägen für den aufstrebenden Leo DiCaprio. Im Grunde scheint es, als würde diese Figur auch in seinem neuesten Film weiterleben dürfen, nur irgendwie sympathischer.

In Stephen Gaghan´s biografischer Realsatire Gold hat der Oscarpreisträger für Dallas Buyers Club wieder einmal einen Charakter für sich entdeckt, dem er mit Elan, Leidenschaft und sogar mit ein bisschen Schadenfreude begegnet. Und zwar handelt es sich um den windigen Wirtschafter Kenny Wells, der das Bergbauunternehmen seines Vaters in den Abgrund geführt hat, völlig planlos in Schulden versinkt – und nun hofft, mit einer an den Haaren herbeigezogenen Idee nochmal die Kurve zu kratzen. Diese Idee ist dann tatsächlich Gold wert. Was er und sein Kompagnon im unwirtlichen Gelände Indonesiens alles finden, scheint förmlich die Börse zu sprengen. Und das, obwohl Malaria und streikende Arbeiter den Traum vom industriellen Jackpot zu vereiteln scheinen. Aber nichts da – die Geschichte ist fast schon zu kurios, um wahr zu sein.

Ist sie aber. Wie dieser süffisante, hartnäckige Kenny Wells später versucht, an der Wallstreet Fuß zu fassen und dabei sämtliche Finanziers und Kooperationspartner vor den Kopf stößt, ist sehenswertes, augenzwinkerndes Schauspielkino. Und auch für ein Publikum, dass mit dem Finanzjargon nicht ganz so firm ist, auf beruhigende Weise nachvollziehbar. Dabei geht das Verwirrspiel noch weiter – es wird intrigiert und geschmiert. Gefälligkeiten versprochen und Mutproben geleistet. Die Szene, in der McConaughey in die sprichwörtliche Höhle des Löwen eindringt, steht symbolträchtig für den ganzen Film. Der Mann weiß nicht, womit er sich anlegt, und angelegt hat. Am Schluss platzt der vermeintlich größte Goldfund der Geschichte wie eine Seifenblase. Und alle Neider und Geizhälse, die vor lauter geifernder Profitgier den Wald nicht vor lauter Bäumen sehen, sei Mores gelehrt. Das Offensichtliche will niemand gesehen haben. Die Wahrheit richtet man sich selbst – oder muss erst gar nicht verifizierbar sein, solange der Esel die Dukaten furzt.

Gold ist zwar nicht so hochkomplex wie The Big Short, menschelt aber mehr und macht es leichter, die Handlungen seiner Figuren nachzuvollziehen. Die Moral von der Geschichte ist die Geschichte selber – ein „Wie gewonnen so zerronnen“ als Spiegel für einen skrupellosen Ist-Zustand der Anleger, Zocker und Investoren – kurz: ein Anti-Märchen für Geldmacher, Finanzmagier und Superreiche. Wenn es nicht wahr wäre, wäre die schräge One-Man-Show eines unschuldig Schuldigen immerhin gut erfunden.

Gold