Official Secrets

DER STAAT BIN AUCH ICH

7/10

 

oficcialsecrets© 2019 Constantin Film

 

LAND: USA, GROSSBRITANNIEN 2019

REGIE: GAVIN HOOD

CAST: KEIRA KNIGHTLEY, MATTHEW GOODE, RHYS IFANS, RALPH FIENNES, MATT SMITH, MARTIN BRIGHT, INDIRA VARMA, ADAM BAKRI U. A.

 

Was würde man bloß tun, wenn plötzlich klar wird, dass die Mächtigen nichts anderes im Schilde führen als uns Bürger zum Narren zu halten? Womöglich würden wir die Füße still halten, aus Angst, uns mit etwas zu Großem anzulegen. Wegsehen wäre hier das kleinere Übel, zumindest für die Person im Einzelnen, nicht aber für einen ganzen Teil der Weltbevölkerung. Würde man die Konsequenzen abwägen, hätten die Mächtigen also freie Bahn für welche Tricks auch immer. Und die Medien, die hecheln wie pawlowsche Hunde nebenher. Manchen aber war das Ausmaß des Frevels zu groß, und die Konsequenzen einer Gegenwirkung vielleicht nicht ganz so bewusst. Wie zum Beispiel bei Übersetzerin Katherine Gun, einer Whistleblowerin wider Willen.

Dass die us-amerikanische Irak-Offensive auf erstunkenen und erlogenen Beweismitteln beruht, das wissen wir längst. Womöglich auch aufgrund der Aktivitäten von Katharine Gun, die tatsächlich nur (so sagt der Film) ihrem Gewissen so manches schuldig war und dabei so ganz nebenbei Freunden von der investigativen Presse brandheißes Material zugesteckt hat. Das Memo: ein Aufruf zur Manipulation einer UN-Resolution zum Angriff auf Saddam Hussein. Wenn das bekannt werden würde, wäre das ein Stachel im Fleisch der Kriegstreiber. Wahrheiten wie diese aber müssen ans Licht. Und so kam es dann auch. Hätte Katharine Gun doch nur still gehalten; wären ihr die ständigen Verhöre Unschuldiger nicht ganz so sehr an die Substanz gegangen und wären ihre Ideale einfach militanter gewesen, wäre Katharine Gun inkognito geblieben und hätte ihr Leben als kluge, wertebewusste Bürgerin weiterhin bewahrt. Keira Knightley gibt sich im Film dann auch genau so: als junge, unbescholtene und engagierte Frau in einer liberalen Beziehung, die gut mit Sprachen kanAnecken mit den Mächtigen war wohl nicht das, was Whistleblowerin Keira Knightley eigentlich wollte – dennoch macht sie in diesem packenden True-Story-Drama eine kämpferisch gute Figur.n und dann so etwas wie dieses tückische Mail in die Finger bekommt.

Dieser Official Secrets-Act ist alleine schon eine Zumutung und läuft dem Bestreben, transparent zu regieren, völlig zuwider. Klauseln gibt’s da nämlich keine, und Aufdeckern von Machtmissbrauch sind da die Hände gebunden. Tsotsi-Regisseur Gavin Hood lässt in der Klarheit britischer News angesichts dieses Beispiels wütend machender Ohnmacht Keira Knightley wiedermal großartig aufspielen. Kein Film, indem die aparte Britin nicht ihren Rollen völlig gerecht wird. Auch hier bangt und kämpft sie, behält aber stets ihre Selbstachtung, den Kopf hoch erhoben und hat zum Glück jenen ritterlichen Trotz, der notwendig ist, diese Art von Ächtung durchzustehen. Ihr zur Seite: Jurist Ralph Fiennes, der fast ein bisschen wirkt wie Bonds M, nur spürbar sozialer. Hat sich diese True Story tatsächlich so zugetragen, dann grenzt das fast an ein Wunder, wie die Sache ausging. Bei Snowden und Assange lief die Sache anders. Knightleys Kampf für ihre Existenz ist in diesem akkurat inszenierten Aufklärungskino fesselnd dokumentiert, spannend und emotional obendrein. Irgendwann geht es nicht mehr um das Wohl der Welt, sondern darum, seinen eigenen Hintern zu retten. Official Secrets ist ein höchst sehenswertes Filmbeispiel um Selbstlosigkeit, Mut aus Angst und der Freiheit des Gewissens. Und nicht zuletzt um die Fragwürdigkeit von Staatsgeheimnissen, die uns alle angehen sollten.

Official Secrets

Kubo – Der tapfere Samurai

DER KLANG VON ORIGAMI

6,5/10

 

kubo© 2016 Universal Pictures

 

LAND: USA 2016

REGIE: TRAVIS KNIGHT

MIT DEN STIMMEN VON ART PARKINSON, CHARLIZE THERON, RALPH FIENNES, ROONEY MARA U. A.

 

Wer tut sich nur so etwas an? Über eine Million Produktionsstunden, womöglich die kreative Vorarbeit und das Erstellen aller Puppen nicht mit einbezogen. Das Trickfilm-Eldorado Laika hat es wieder einmal wissen wollen. Und in mühsamster Kleinarbeit ein phantastisches Märchen zum Leben erweckt, das in seiner Opulenz bisher alles übertrifft, was die Stop-Motion-Trickser so vom Stapel gelassen haben. Während Nick Park mit seinen Aardman Animations nach wie vor das gute alte Plastilin knetet, setzt Laika auf die Vollendung des Puppentheaters für die Leinwand. Mit Corpse Bride durfte seinerzeit schon Tim Burton bleiche Knochen klappern lassen. Henry Selick, Macher von Nightmare before Christmas und Laika-Mastermind bis 2009, hat mit Coraline den analogen Trickfilm endgültig zur staunenswerten Kunstform erhoben. Wobei sich Gothic-Horror, schräger Grusel und düstere Settings für diese modellierte Welt mit all seinem überbordenden Detailreichtum am besten eignet. Mit Kubo – Der tapfere Samurai liebäugelt Laika mit den Mythen des Fernen Ostens. Und setzt gleich in der Anfangssequenz alles auf eine Karte. Da haben wir es, ehe wir uns überhaupt auf den Film einstellen können, mit haushohen Wellenbergen im Stil japanischer Holzschnitte zu tun, die ein kleines Boot stets am Rande des Untergangs hin und herschaukeln. Natürlich kann das nicht alles Stop-Motion sein. Genau dort, wo das analoge Bewegen der Puppen aufhört, ist Platz für episches Kino. Für Effekte digitaler Natur, die den Charme der einzigartigen Technik nicht schmälern, sondern perfekt mit dem künstlerischen Handwerk harmonieren lassen. Wer da nicht konzentriert bei der Sache ist, oder sich verführen lässt zum Klotzen, kann sehr schnell sehr viel kaputtmachen. Ausgewogenheit ist die Devise. Bis zur Notwendigkeit, das Erzählte effizient zu bebildern. Und nicht weiter.

Kubo – Der tapfere Samurai gelingt das erstaunlich gut, sein Handwerk bis zur Sprachlosigkeit zu vollenden. Wieder einmal mehr ein Grund, mein Bekenntnis der Leidenschaft für Laika– und Trickfilme zu erneuern. Was mich aber nicht davon abhält, die phantastische Geschichte selbst kritisch zu betrachten. Da gibt es in Kubo einen Halbwaisen, der mit seiner Mutter – einer Zauberin – vor dem scheinbar bösen Mondkönig übers Meer geflohen ist und sich seitdem in einer Höhle versteckt hält. Untertags kann er diese verlassen. Nur sobald die Sonne untergeht, streckt der üble Großvater des Jungen mitsamt dessen Tanten die Fühler aus – um dem verhassten Enkel das Auge zu entwenden – was sich zugegebenermaßen ziemlich grotesk anhört. Und natürlich folgt Kubo nicht immer den Anweisungen seiner manchmal in Apathie abgleitenden Mutter, wenn er im nahegelegenen Dorf seine magischen Geschichten mit den Klängen auf seiner verzauberten Shamisen – einer Langhalslaute – untermalt und so sämtliches Origami-Papier zum Leben erweckt. Der eingefärbte Zellstoff faltet sich zu atemberaubenden Kunststücken zusammen, passend zur Ballade, die aber nie zu Ende geht, weil das Erzählen immer länger dauert als der Tag lang ist. Irgendwann aber ist das dem kleinen, einäugigen Jungen egal (ein Auge hat Opa schon) – und das Verhängnis nimmt seinen Lauf. Auf der Suche nach der wiederum magischen Rüstung seines Vaters begleitet ihn ein lebendig gewordener Makake – vormals ein holzgeschnitzter Talisman – und ein menschlicher Hirschkäfer, der den beiden scheinbar zufällig über den Weg läuft. Alle sind auf der Flucht vor dem sinisteren Ahnen und seinem töchterlichen Geschmeiß, das in Gestalt dreier Hexen in maskenhafter Arroganz vom nächtlichen Himmel schwebt und an Anonymus aus dem Comic V wie Vendetta erinnert.

Kubo – Der tapfere Samurai ist eines dieser One-Boy-Challenges, wie sie das Jungseher-Fantasykino gerne hervorbringt. Damals, in den Tiefen der Achtziger, war der Fantasien-Junge Atreju noch mehr Identifikationsfigur als der buchlesende Bastian. Und erst kürzlich hat ein animierter Junge namens Miguel in Coco – Lebendiger als das Leben das Reich der Toten betreten, um sich von einem verstorbenen mexikanischen Meistersänger die Absolution fürs Musizieren zu holen. Das Jahr zuvor war es allerdings Kubo gewesen – Gunst gewinnende Bezugsperson allemal, mit frecher Schmunzelschnute und lässig fallenden Stirnfransen. Die pädagogisch wertvolle Botschaft, einer allein kann die Welt verändern, und das schon in den Kinderschuhen, berührt die Herzen verträumter, eigensinniger Querdenker schulischen Alters auf jeden Fall. Ein eigenes junges Helden-Genre, das noch nicht so viel können muss wie ein Avenger, sondern anfangs an den Gestaden der eigenen Schwächen auf Grund läuft, um diese dann mutig zu bewältigen. Genauso ist Kubo – Der tapfere Samurai. Und erfüllt erzählerisch alle Erwartungen, birgt jedoch kaum Überraschendes. Es ist ein Märchen, das in all seiner herrlichen Ausschmückung ein konservatives, hausbackenes Abenteuer erzählt, welches zwar visuell von der Schneehölle bis zu einem Terry Gilliam´schen Riesenskelett enorm besticht, emotional aber längst nicht so abzuholen weiß wie Coco. Vielleicht liegt es an den schablonenhaften Charakteren und vor allem am Antagonisten, der sich so sehr nach gewohntem Muster gebärdet. Das ist das letztendliche Problem an dem Film, der sehr viel charakterliche Tiefe verspricht, sehr weise sein will – und meist aber nur Versatzstücke rezitiert, die anderswo konterkariert und neu aufgemischt, in Kubo aber wie fertiger Pizzateig die Echtheit spiegelt, ohne originär zu sein.

Kubo – Der tapfere Samurai