Don´t worry, weglaufen geht nicht

CARTOONS GEGEN DEN SUFF

5/10

 

DON'T WORRY HE WON'T GET FAR ON FOOT© 2018 Polyfilm

 

LAND: USA 2018

REGIE: GUS VAN SANT

CAST: JOAQUIN PHOENIX, JONAH HILL, ROONEY MARA, UDO KIER U. A.

 

Drei Cowboys in der Prärie, zwei davon Sheriffs. Sie blicken auf einen leeren Rollstuhl, darauf gibt einer dieser grob skizzierten Figuren den titelgebenden Kommentar zum Besten, das man sich eben keine Sorgen zu machen braucht, denn der Flüchtige wird zu Fuß ohnehin nicht weit kommen. Schwarzer Humor, so ziemlich autobiographisch, pointiert und erfasst mit wenigen Strichen, die sehr an den Stil der österreichischen Cartoonisten Tex Rubinowitz oder an Gustav Peichl aka Ironimus erinnern. Und natürlich mit ganz viel Understatement, den andere verstehen oder auch nicht, da liest man zwischen den Strichen bei so einer Kunstsprache, das ist vielen nicht klar, und genau jene fühlen sich dann meist kompromittiert. Aber das macht, kann und soll doch Satire, und so hat auch John Callahan seinen Weg gefunden, seinen Frust, seinen Unmut oder seine ironische Sicht auf die Welt zu Papier zu bringen. Denn nur mit Ironie, mit Sarkasmus und Galgenhumor lässt sich die Lage ertragen, in der Callahan nach einem Autounfall steckt. Trunkenheit am Steuer nach mehreren durchzechten Nächten ist natürlich ein Fall von selber schuld, doch im Nachhinein ist man immer klüger, und dumm nur, dass die Konsequenzen ein Leben lang nicht mehr abrücken möchten. Also sitzt der Alkoholiker im Rollstuhl, querschnittgelähmt bis unter die Brust, verfolgt vom vagen Bild seiner Mutter, die ihn nicht mochte und von den Dämonen der Sucht. Verfolgt von der Unmöglichkeit, sich selbst und anderen verzeihen zu können.

Das ist natürlich ein Stoff, aus dem emotionale Selbstfindungsdramen entstehen können. Von der Sucht über körperliche Handicaps bis hin zur Einsamkeit, Elternlosigkeit und kontroverser Zeitungskunst. Gus van Sant, seines Zeichens schon Experte, was heikle Themen wie Strichertum, Drogensucht und Amoklauf an Schulen angeht, lässt auch in seinem Zeichnerportrait nichts anbrennen, was nicht irgendwie tragisch ist. Dieser Don Quixote des verkorksten Lebens, dargestellt von einem phlegmatischen Joaquin Phoenix, hat wirklich nichts mehr zu verlieren, außer den Rest seiner assistenzabhängigen Existenz. Nach diesem Tabula Rasa des Schicksals klingt ein Vorwärtskommen in die andere Richtung dem Licht entgegen zumindest im Kopf nach lukrativen Babyschritten. Ob John Callahan also zu Fuß nicht weit kommt, ist nur die eine Seite des Trostpreises. Die andere ist weiterzukommen, ohne sich zwingend bewegen zu müssen. Und da kommt die Sache mit den Cartoons ins Spiel.

Erstaunlich, wie Callahan das Ruder herumgerissen hat. Weniger erstaunlich, was Gus van Sant aus dem Stoff gemacht hat. Natürlich, schauspielerisch hat Don´t Worry, weglaufen geht nicht einiges zu bieten. Phoenix ist stets ein Garant für Glaubwürdigkeit, auch Rooney Mara als Callahans Partnerin und Jonah Hill als Selbsthilfe-Gruppenleiter sowieso. Der zieht wieder einmal alle Register seines Könnens, ist kaum wiederzukennen und legt ungewohnte, manchmal aber zu selbstgefällige Ernsthaftigkeit an den Tag. Darüber hinaus aber gibt es in dieser Chronik des Durch- und Auftauchens Probleme mit der Sympathie. Es ist, als hätte van Sant Mühe, eine solche für seine Figuren aufzubringen. Bis auf Rooney Mara als engelsgleiches Wesen haben diese Probleme nicht nur van Sant, sondern auch alle anderen, die hier auftreten. Vieles hat eine resignierende Beiläufigkeit, ich will nicht sagen arrogant, aber etwas egozentrisch, als wäre das Problem der Akzeptanz anderen gegenüber davon abhängig, ob man sich selbst akzeptiert hat. Dass dies in diesem Film das Endziel der Challenge ist, verwundert mich die Geisteshaltung natürlich nicht wirklich – andererseits hält das den Zuschauer, in dem Fall mich, seltsam auf Distanz.

Don´t worry, weglaufen geht nicht

Kubo – Der tapfere Samurai

DER KLANG VON ORIGAMI

6,5/10

 

kubo© 2016 Universal Pictures

 

LAND: USA 2016

REGIE: TRAVIS KNIGHT

MIT DEN STIMMEN VON ART PARKINSON, CHARLIZE THERON, RALPH FIENNES, ROONEY MARA U. A.

 

Wer tut sich nur so etwas an? Über eine Million Produktionsstunden, womöglich die kreative Vorarbeit und das Erstellen aller Puppen nicht mit einbezogen. Das Trickfilm-Eldorado Laika hat es wieder einmal wissen wollen. Und in mühsamster Kleinarbeit ein phantastisches Märchen zum Leben erweckt, das in seiner Opulenz bisher alles übertrifft, was die Stop-Motion-Trickser so vom Stapel gelassen haben. Während Nick Park mit seinen Aardman Animations nach wie vor das gute alte Plastilin knetet, setzt Laika auf die Vollendung des Puppentheaters für die Leinwand. Mit Corpse Bride durfte seinerzeit schon Tim Burton bleiche Knochen klappern lassen. Henry Selick, Macher von Nightmare before Christmas und Laika-Mastermind bis 2009, hat mit Coraline den analogen Trickfilm endgültig zur staunenswerten Kunstform erhoben. Wobei sich Gothic-Horror, schräger Grusel und düstere Settings für diese modellierte Welt mit all seinem überbordenden Detailreichtum am besten eignet. Mit Kubo – Der tapfere Samurai liebäugelt Laika mit den Mythen des Fernen Ostens. Und setzt gleich in der Anfangssequenz alles auf eine Karte. Da haben wir es, ehe wir uns überhaupt auf den Film einstellen können, mit haushohen Wellenbergen im Stil japanischer Holzschnitte zu tun, die ein kleines Boot stets am Rande des Untergangs hin und herschaukeln. Natürlich kann das nicht alles Stop-Motion sein. Genau dort, wo das analoge Bewegen der Puppen aufhört, ist Platz für episches Kino. Für Effekte digitaler Natur, die den Charme der einzigartigen Technik nicht schmälern, sondern perfekt mit dem künstlerischen Handwerk harmonieren lassen. Wer da nicht konzentriert bei der Sache ist, oder sich verführen lässt zum Klotzen, kann sehr schnell sehr viel kaputtmachen. Ausgewogenheit ist die Devise. Bis zur Notwendigkeit, das Erzählte effizient zu bebildern. Und nicht weiter.

Kubo – Der tapfere Samurai gelingt das erstaunlich gut, sein Handwerk bis zur Sprachlosigkeit zu vollenden. Wieder einmal mehr ein Grund, mein Bekenntnis der Leidenschaft für Laika– und Trickfilme zu erneuern. Was mich aber nicht davon abhält, die phantastische Geschichte selbst kritisch zu betrachten. Da gibt es in Kubo einen Halbwaisen, der mit seiner Mutter – einer Zauberin – vor dem scheinbar bösen Mondkönig übers Meer geflohen ist und sich seitdem in einer Höhle versteckt hält. Untertags kann er diese verlassen. Nur sobald die Sonne untergeht, streckt der üble Großvater des Jungen mitsamt dessen Tanten die Fühler aus – um dem verhassten Enkel das Auge zu entwenden – was sich zugegebenermaßen ziemlich grotesk anhört. Und natürlich folgt Kubo nicht immer den Anweisungen seiner manchmal in Apathie abgleitenden Mutter, wenn er im nahegelegenen Dorf seine magischen Geschichten mit den Klängen auf seiner verzauberten Shamisen – einer Langhalslaute – untermalt und so sämtliches Origami-Papier zum Leben erweckt. Der eingefärbte Zellstoff faltet sich zu atemberaubenden Kunststücken zusammen, passend zur Ballade, die aber nie zu Ende geht, weil das Erzählen immer länger dauert als der Tag lang ist. Irgendwann aber ist das dem kleinen, einäugigen Jungen egal (ein Auge hat Opa schon) – und das Verhängnis nimmt seinen Lauf. Auf der Suche nach der wiederum magischen Rüstung seines Vaters begleitet ihn ein lebendig gewordener Makake – vormals ein holzgeschnitzter Talisman – und ein menschlicher Hirschkäfer, der den beiden scheinbar zufällig über den Weg läuft. Alle sind auf der Flucht vor dem sinisteren Ahnen und seinem töchterlichen Geschmeiß, das in Gestalt dreier Hexen in maskenhafter Arroganz vom nächtlichen Himmel schwebt und an Anonymus aus dem Comic V wie Vendetta erinnert.

Kubo – Der tapfere Samurai ist eines dieser One-Boy-Challenges, wie sie das Jungseher-Fantasykino gerne hervorbringt. Damals, in den Tiefen der Achtziger, war der Fantasien-Junge Atreju noch mehr Identifikationsfigur als der buchlesende Bastian. Und erst kürzlich hat ein animierter Junge namens Miguel in Coco – Lebendiger als das Leben das Reich der Toten betreten, um sich von einem verstorbenen mexikanischen Meistersänger die Absolution fürs Musizieren zu holen. Das Jahr zuvor war es allerdings Kubo gewesen – Gunst gewinnende Bezugsperson allemal, mit frecher Schmunzelschnute und lässig fallenden Stirnfransen. Die pädagogisch wertvolle Botschaft, einer allein kann die Welt verändern, und das schon in den Kinderschuhen, berührt die Herzen verträumter, eigensinniger Querdenker schulischen Alters auf jeden Fall. Ein eigenes junges Helden-Genre, das noch nicht so viel können muss wie ein Avenger, sondern anfangs an den Gestaden der eigenen Schwächen auf Grund läuft, um diese dann mutig zu bewältigen. Genauso ist Kubo – Der tapfere Samurai. Und erfüllt erzählerisch alle Erwartungen, birgt jedoch kaum Überraschendes. Es ist ein Märchen, das in all seiner herrlichen Ausschmückung ein konservatives, hausbackenes Abenteuer erzählt, welches zwar visuell von der Schneehölle bis zu einem Terry Gilliam´schen Riesenskelett enorm besticht, emotional aber längst nicht so abzuholen weiß wie Coco. Vielleicht liegt es an den schablonenhaften Charakteren und vor allem am Antagonisten, der sich so sehr nach gewohntem Muster gebärdet. Das ist das letztendliche Problem an dem Film, der sehr viel charakterliche Tiefe verspricht, sehr weise sein will – und meist aber nur Versatzstücke rezitiert, die anderswo konterkariert und neu aufgemischt, in Kubo aber wie fertiger Pizzateig die Echtheit spiegelt, ohne originär zu sein.

Kubo – Der tapfere Samurai

Maria Magdalena

JESUS UND DIE FRAUEN

7/10

 

MariaMagdalena© 2018 Universal Pictures

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2018

REGIE: GARTH DAVIS

MIT ROONEY MARA, JOAQUIN PHOENIX, TAHAR RAHIM, CHIWETEL EIJOFOR U. A.

 

Blickt man dieser Tage ganz genau ins Kinoprogramm, wird klar, dass Ostern vor der Tür steht. Da feiert das verschwindende Genre des ökumenischen Films meist eine kleine Auferstehung. Die aber kaum ins Gewicht fällt, lässt sich die Anzahl thematisch verwandter Filme auf Eins hochrechnen. Was mich kaum wundert, denn die christliche Religion ist kurz davor, sich aus hausgemachter Ursache in einer gewissen Bedeutungslosigkeit zu verlieren. Kaum jemand, mit dem ich über das Christentum spreche, kann dieser Religion noch etwas abgewinnen. Vom Einfluss, den das patriarchalische Glaubenskartell mal hatte, gefestigt durch Kreuzzüge, einer unumstößlichen Hierarchie und gestopft voll mit Geld, ist kaum mehr etwas übrig. Der religiöse Film ist meist einer, der sich entweder mit der Abkehrung vom Glauben beschäftigt – oder versucht, zeitrelevante Aspekte aus der Heilsbotschaft zu bergen. Erfolgreich sind diese Filme alle nicht. Da muss schon gehörig viel Blut fließen, um die Kassen klingeln zu lassen. Die Passion Christi, einer der erfolgreichsten Religionsfilme überhaupt, ist mittlerweile in der TV-Landschaft der Karwoche genauso garantiert wie das wiederholte Jour fixe für Ben Hur. Ist man die Wiederholung der peinvollen Passionsgeschichte und Charlton Heston schon ziemlich leid, lockt aktuell eine ganz andere Randfigur des Neuen Testaments vielleicht sogar Agnostiker und Querdenker ins Kino, die anderswo vielleicht gerne Bibelrunden aufmischen und dort Reibung suchen, wo sie längst fällig ist.

Die Rede ist von Maria Magdalena. Und all die Agnostiker und Bibelrundenaufmischer werden einerseits fasziniert sein von Rooney Mara´s so pathetischer wie hochemotionaler Interpretation der einzigen Apostelin unter den Aposteln, andererseits aber auch enttäuscht sein, weil Regisseur Garth Davis sichtlich notwendige Kontroversen scheut. Der Macher von Lion entspricht mit seiner Traumbesetzung der ersten Zeugin von Jesu Auferstehung wohl dem am meisten verbreiteten Bild, den Bibelkundige von Maria Magdalena haben. Langes, schwarzes Haar, ein zartes Gesicht, sanftes Lächeln, die Güte schlechthin. Was dazu kommt, ist der Intellekt, das Begreifen und der Mut, den alten Dogmen zu trotzen. Diese Aufgabe erfüllt Rooney Mara ausgesprochen gut. Und der Klerus wird zufrieden sein. Womit er vielleicht nicht zufrieden sein wird, ist die bedeutende Rolle, welche nicht nur Maria Magdalena, sondern die Frauen überhaupt in Jesus´ unmittelbarer Nähe einnehmen. Dabei war mir bislang nicht bekannt, dass die „Hure“ aus Magdala erstens womöglich gar keine war, und zweitens im Jahre 2016 als erste Apostelin unter den Aposteln rehabilitiert wurde. Eigentlich nur eine Frage der Zeit, dieser Reform einen gebührenden Widerhall in der Kunst zu verschaffen, ging doch dieses Zugeständnis selbst bei mir als interessierten Freizeitexeget so ziemlich spurlos vorüber. Dass Maria von Magdala den wenig durchblickenden Aposteln die Welt erklären muss, mag dem Patriarchat noch saurer aufstoßen.

Aspekte also, die Reformen anregen könnten. Käme es einem nicht so vor, als wäre Garth Davis die Passionsgeschichte eigentlich wichtiger. Im Grunde ist alles bestens, wir erfahren Marias fiktiven, aber möglichen Ursprung, wir zeigen uns mitfühlend ob ihrer inneren Zerrissenheit. Doch dann kommt der Messias. Maria folgt ihm, ganz klar. Und wird zur Statistin degradiert, die Davis laufend aus den Augen verliert. Gegen die Heilsgeschichte hat die empathische Fischerstochter mit sozialer Ader kaum eine Chance. Zu sehr ist Garth Davis von Joaquin Phoenix ungestümer Performance eines derben Jesus mit verlorenem Blick fasziniert. Und dann fällt ihm wieder Maria Magdalena ein. Kehrt zurück zu ihr, sucht sie in der Menge. Lässt sie erst wieder gegen Ende zu Wort kommen. Lässt sie Judas (großartig: Tahar Rahim) erfolglos therapieren und mit Petrus diskutieren. Das sind dann die spärlichen, aber besten Momente. Jene, in denen die Botschaft des Nazareners für Kontroversen sorgt.

Die mögliche Biografie einer Heiligen umschifft großräumig jeglichen Kitsch, taucht seine durchaus berührende Erzählung in Bilder voller Morgenlicht und blaue Stunden. Setzt einer Ikone gleich Rooney Mara´s erwartungsvoll blickendes Konterfei unter leinenem Tuch ins weiche Licht des Tages. In der Reduktion auf das levantinische Karst und den schmucklosen, rauen Gewändern der Protagonisten liegt puristisches Pathos, das aber kein Fehler ist, sondern eine angenehm entreizte Bühne. Im Widerspruch dazu weiß der Soundtrack nicht so recht zu passen – stilistisch völlig verwirrt, folgen auf penetrant klassischen Geigen A capella-Chöre und später besinnlichere Klänge. Die Geräusche des Windes, der Regen, das Wasser wäre Soundtrack genug gewesen, vor allem für einen Film, der in seiner spartanischen Aufmachung und Aussage ebendies auch akustisch verlangt hätte.

Ein leider nur zaghafter, aber immerhin feministischer Ansatz, mit dem Garth Davis die Relevanz seines Films rechtfertigt. Das muss ich zugestehen, lässt Maria Magdalena letzten Endes dennoch befreit durchatmen. An den Glanz der Erkenntnis in den Augen einer bislang verkannten Apostelin wird man sich gerne erinnern. Und vielleicht auch wieder etwas mehr an die unorthodoxe Botschaft eines Mannes, der seiner Zeit weit voraus war.

Maria Magdalena

Lion

EINER VON 800 MILLIONEN

* * * * * * * * * *

Lion

Die diesjährigen Oscar-Anwärter für den besten Film des Jahres 2017 sind, soweit von mir bereits gesichtet, durch die Bank sehenswerte Werke. Das wohl thematisch riskanteste und am schwierigsten umzusetzende Projekt ist allerdings mit einigem Abstand die True Story rund um den fünfjährigen indischen Jungen Soree, der in den 80er Jahren im unendlich scheinenden Nirwana indischer Großstädte verloren gegangen war. An so einem Stoff kann man sich die Finger verbrennen. Mit einer derart emotional aufgeladenen Real Life-Story muss ein Filmemacher erst mal umgehen können. Leicht kann es passieren, dass der kleine verzweifelte Junge zum Oliver Twist-Abziehbild mutiert oder die Wiederkehr nach Indien geschlagene 25 Jahre später zum kalkulierten Reality Soap Rührstück verkommt. Das alles kann passieren. Und sehr schnell und sehr leicht sogar. Doch nicht umsonst durfte der Australier Garth Davis mit seinem unmittelbar distanzlosen und grundehrlichen Drama vor der Academy und eben auch beim Publikum und der Presse punkten.

Seine Regieführung ist getrost als großer Wurf zu bezeichnen. Die Art und Weise, wie Davis seine Schauspieler führt, ist zwischen distanziertem Blick auf die Chronik der Geschehnisse und aufrichtigen Emotionen ein gelungener Balanceakt auf dünnem Eis. Angefangen vom fünfjährigen Sunny Pawar, der für sein Alter wirklich Erstaunliches leistet, bis zu Nicole Kidman, die auch mal wieder zeigt, was sie eigentlich kann, ist der Cast von Lion nicht nur ein aufeinander eingespieltes Ensemble – die Interpretation der Figuren ist, und das macht den Film wirklich sehenswert, von angenehm unpathetischer Art. Das Spektrum des Empfindens und Erfahrens auf der Leinwand hat keinerlei Schwierigkeiten, das Publikum für sich einzunehmen. Das Schöne dabei ist – der Film macht dies nicht unter Aufgebot von reißerischer Klastchspalten-Plakativität, sondern schenkt seinen Zusehern Empfindungen, die man derart problemlos nachvollziehen kann, als hätte man all das irgendwo und irgendwann tatsächlich schon mal selbst erlebt. Man versteht, wie sich der kleine Soree gefühlt haben muss. Und man scheint zu wissen, mit welchem Gefühlschaos der nunmehr selbstbewusste Adoptivaustralier mehr als zweieinhalb Dekade später zu kämpfen hatte. So unmittelbar, als wäre man es selbst gewesen.

Dass solche Filme auch ohne Kitsch funktionieren und erzählt werden können, liegt vielleicht auch daran, dass Lion ein zutiefst unamerikanischer Film geworden ist, obwohl von den Weinstein-Brothers finanziert. Geschickt gliedert Garth Davis seine dramatische Reportage in zwei Teile. Den Anfang macht die Chronik des Verschwindens inmitten der Wirrnis des indischen Subkontinents. In seiner semidokumentarischen Art erinnert der Film an Mira Nair´s 1988 entstandenen Kinderdrama Salaam Bombay!. Die exotischen, aber auch ungeschminkt realistischen Bilder prägen bei einigen vielleicht ein ganz neues Bild Indiens. Oder geben verblassten Assoziationen wieder neue Farbe. Inmitten der ohnmachtseinflössenden urbanen Wildnis dieser dritten Welt läuft der kleine Sunny Pawar – leider nicht oscarnominiert – wie seinerzeit der Waisenjunge Oliver Twist – vor Kindesentführern um sein Leben. Der etwas in die Länge gezogene zweite Teil des Filmes erzählt mehr von der Psychologie seiner Hauptfigur Dev Patel und seiner Beziehung zu seiner „unechten“ Familie und ist längst nicht so packend wie die erste Stunde. Dafür ruhiger und getragener, dafür aber manchmal auch gefährlich nah am Pathos. Das kann schon mal den einen oder anderen Geduldsfaden kosten, doch bevor es zu spät ist, versöhnt uns das australische Kino mit einem aufregend bebilderten und famos geschnittenen Finale, das weitaus wirksamer ist als all die grellbunten Bilder, die Danny Boyles filmisches Holi-Fest Slumdog Millionaire verziert haben.

Lion ist eine dieser unglaublichen wahren Geschichten, denen man gerne und mit heruntergeklappter Kinnlade zuhört. Umso mehr, wenn man dem, der erzählt, das Ganze noch dazu abkaufen kann. Der Inder Soree war damals einer von knapp 800 Millionen, heute wäre er einer von 1,3 Milliarden. Das bewegende Einzelschicksal spricht für tausende verlorene Kinder, die dieses unerwartete Glück, wie es dem Löwen widerfahren ist, nie haben werden. Dennoch – Good News sind auch manchmal einfach nur Good News.

 

Lion