Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit (2026)

VERSCHWURBELTE BEGEGNUNG DER DRITTEN ART

4/10


Colman Domingo, Emily Blunt und Josh O'Connor in Steven Spielbergs Disclosure Day
© 2026 Universal Pictures. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: STEVEN SPIELBERG

DREHBUCH: DAVID KOEPP (NACH EINER STORY VON STEVEN SPIELBERG)

KAMERA: JANUSZ KAMIŃSKI

CAST: EMILY BLUNT, JOSH O’CONNOR, COLIN FIRTH, EVE HEWSON, COLMAN DOMINGO, WYATT RUSSELL, HENRY LLOYD-HUGHES, ELIZABETH MARVEL U. A.

LÄNGE: 2 STD 25 MIN



Noch weihnachtet es nicht. Noch nicht. In drei Monaten aber beginnt wieder das Keksebacken, zwei Wochen später stehen die auf Nikolo getrimmten Osterhasen wieder im Diskonter, wartend auf rechtzeitige Abnahme. Wer aber jetzt schon in Stimmung kommen will, kann sich an Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit von Steven Spielberg heranwagen. Dort spaziert ein Mädel im Nachthemd, erinnernd an Hans Christian Andersens Mädchen mit den Schwefelhölzern, durch den, wie es sagt, ganz warmen Schnee, begleitet von miserabel animierten Tieren, auf ein von innen heraus leuchtendes Knusperhaus im Walde zu. Wer da nicht bereits an das erste Türchen im Adventkalender denkt, denkt vielleicht darüber nach, im falschen Film zu sitzen.

Tiere sehen dich an

Was einen dazumal wohl kongenialen Filmemacher dazu getrieben hat, neu zusammengewürfelte Bremer Stadtmusikanten aus Hirsch, Fuchs, Waschbär und Rotem Kardinal in seinem brandneuen Alien-Film aufmarschieren zu lassen, als wären sie Outtakes aus der letzten Disney-Realverfilmung, wird genauso ein Rätsel bleiben wie so manches in dieser Variation eines weitaus besseren Werks, das Ende der Siebziger für Furore gesorgt hat – und das zurecht: Die Unheimliche Begegnung der dritten Art, ein Kind seiner Zeit. Atmosphärisch, geheimnisvoll, mitunter spooky. Jene Szenen, in denen Richard Dreyfus ganz verbissen immer wieder diesen Devils Tower aus Wyoming modelliert, der später als Ankunftsstelle weit Gereister herhalten soll – die waren schon großes Kino.

Ein paar Säcke Reis im Kornfeld

Jetzt hat Spielberg aber das Akte X-Fieber gepackt. Er heftet sich „I want to believe“ an die Fahnen, und los geht’s mit den wirklich relevanten Offenbarungen aus den letzten 80 Jahren, gegen die Trumps UFO-Ablenkungsmanöver anmutet wie ein umgefallener Sack Reis. In Spielbergs Erkenntnis-Evangelium spielt natürlich Roswell eine große Rolle, und natürlich auch die Kornkreise, die Spielberg einfach so einstreut, aus Spaß an der Freude oder vielleicht, um M. Night Shyamalan, der mit seiner UFO-Mystery Signs für Unwohlsein gesorgt hat, grüßen zu lassen.

Der UFO-Hype im Smartphone-Test

Erklären kann er dazu nichts. Genau so wenig interessiert ihn, worum es bei den Fremdweltlern wirklich geht, was sie antreibt, was sie erreichen wollen. Gut, das muss man nicht. Alleine die Beweisführung hinsichtlich der Frage , ob wir alleine in diesem Universum sind, sollte reichen, um einen Film daraus zu machen. Die Sache ist: Das hat er schon getan, ich verweise auf das Jahr 1977. Was Spielberg jetzt probiert hat, ist, den Stoff von früher ins Social Media-Zeitalter zu hieven, wo alle Welt nur am Smartphone hängt.

Umso mehr verwundert, dass die visuellen Beweismittel überhaupt irgendjemanden noch vom Hocker reißen, kann doch KI mittlerweile alles simulieren. Beinhalten solche Footages dann auch noch klassische Aliens mit großen Köpfen und obsidianschwarzen Mandelaugen, kostet das die Menschheit einen Lacher. Denn: Auch wenn der Beweis letztlich geliefert wird, dass Außerirdische auf unserem Planeten gelandet sind – keiner wird es glauben.

Perry Rhodan hatte eine ähnliche Idee

Doch Spielberg glaubt fest daran, dass die Menschheit vereint werden kann, wenn eine dritte Macht auftaucht. Das wiederum erinnert mich an die Science-Fiction-Heftreihe Perry Rhodan, die ähnlich beginnt, die sich während des Kalten Krieges abspielt, der bald zum dritten heißen geworden wäre, wäre es da nicht zu einer Begegnung des besagten Weltraumhelden mit der hinter dem Mond lebenden Zivilisation der Arkoniden gekommen.

Tatsächlich folgt Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit einer ähnlichen Prämisse, und es wäre ein recht routinierter Verschwörungs- und Mysterythriller geworden, in der bewährten Optik eines Janusz Kaminski. Um dem entgegenzusteuern, lassen Spielberg und Autor David Koepp (Jurassic Park) den Esoterik-Drachen von der Leine, buttern dort hinein sämtliche Narrative aus der Lebenshilfe-Abteilung vom nächstbesten Buchladen und krönen dieses unausgegorene Konstrukt mit Diskussionsstoff aus der katholischen Jungschar, die nach der Legitimität Gottes fragt, wenn die Menschheit plötzlich nicht mehr dessen krönende Schöpfung bleibt.

Was unterscheidet Telepathie und Empathie?

Man nehme diesen Aspekt, man nehme die Bremer Stadtmusikanten, die Vorweihnachtszeit und Akte X. Man nehme viele schwarze Autos und einige Actionszenen, um das im Kern repetitive Drama rund um einen Whistleblower auch für jene aufzupeppen, die wegen der Action hier sind. Mit all dieser Ambition aber scheint Spielberg mehr als überfordert.

Er schafft es nicht, seine auf mehreren Ebenen abgehende, dem Humanismus und der inneren Resilienz anbiedernde Alien-Wellness halbwegs plausibel zu verankern. Er verwechselt Gedankenlesen mit Empathie und versucht gemeinsam mit Koepp, schnell mal eingestreute Erklärungen zu deponieren, die wie unschlüssige Vermutungen dastehen. Logisches Denken dringt da nicht durch, auch die Tücke des Objekts hält sich fern – ich sage nur: Stromausfall.

Die Wahrheit unter fahlem Deckenlicht

Geglückt sind Spielberg neben seinem Star Colin Firth, der zwischen Pflicht, Sorge und Resignation absolut glaubhaft einen Antagonisten in der Grauzone gibt, die letzten zehn Minuten des Films, wenn der Disclosure Day endlich am Abrisskalender steht. Ungefähr so könnte das Szenario aussehen, wenn in den Nachrichten statt Trump, Hormus, Ukraine und Co plötzlich ein ganz anderer Knüller die Erde stillstehen lässt. Diese Momente sorgen für Gänsehaut – die dann wieder verpufft. Schließlich dürfen wir nie erfahren, was des Aliens Weisheit letzter Schluss ist. Spielberg weiß es womöglich selbst nicht. Colman Domingo meint an einer Stelle: „Irgendwann wird alles klar sein“. Darauf warten wir vergeblich.

Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit (2026)

The Negotiator (2024)

ROBIN HOOD DER WHISTLEBLOWER

7/10


© 2025 Constantin Film


ORIGINALTITEL: RELAY

LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: DAVID MACKENZIE

DREHBUCH: DAVID MACKENZIE, JUSTIN PIASECKI

KAMERA: GILES NUTTGENS

CAST: RIZ AHMED, LILY JAMES, WILLA FITZGERALD, SAM WORTHINGTON, MATTHEW MAHER, AARON ROMAN WEINER U. A.

LÄNGE: 1 STD 52 MIN


„Ich werde ihm ein Angebot machen, das er nicht ablehnen kann.“ Klar, wenn Marlon Brando so etwas sagt, wissen wir, dass, wenn wir die Freiheit wählen, das Angebot auszuschlagen, wir nächste Weihnachten wohl nicht mehr erleben würden. Fiese Methoden sind das, mafiös natürlich und letztlich ausweglos. Aber: Nicht nur das organisierte Verbrechen nutzt die galante Phrase, um andere gegen die Wand zu drängen – auch der schweigsame Riz Ahmed hat seinen Workflow dahingehend perfektioniert, indem er mächtige Konzerne, die Dreck am Stecken haben, sprichwörtlich an den Eiern packt.

Um die Ecke telefoniert

Ahmed, bekannt aus Rogue One: A Star Wars Story und Sound of Metal, wofür er eine Oscar-Nominierung erhielt, gibt hier den taktisch versierten Ash, der Whistleblowern und von Betrieben unter Druck gesetzten Normalsterblichen als Vermittler dient, wenn hochbrisantes Material, das Konzernen in den Hintern treten könnte, nicht an die Öffentlichkeit dringen soll. Die Macht, Mächtige zu Fall zu bringen, mag eine gewisse Sucht erzeugen – es ist ein Spiel mit dem Feuer, das nur dann für keine Verbrennungen sorgt, wenn die heissen Eisen richtig angepackt werden und Ash’s Klienten alle Regeln befolgen. Um das zu bewerkstelligen, bedient sich Ash spezieller Telefonvermittlern, deren Aufgabe es ist, Hör- und Sprachbehinderten eine Stimme zu leihen. Eine Vorsichtsmaßnahme, die Ash bislang in Deckung hält.

Wie zu erwarten in einem Thriller wie diesen, läuft bei der nächsten Klientin alles ganz anders. Lily James mischt sich diesmal ein, hat brisantes Zeug in der Hand, welches sie ihrem Auftraggeber, einem Biotech-Unternehmen, zurückgeben und sich dabei schadlos halten möchte. Klingt nach Routine – ist es aber nicht. Denn diesmal schickt der König Soldaten aus, darunter Sam Worthington, um den Vermittler zu identifizieren und auszuhebeln.

Wie Hase und Igel

Der Brite David Mackenzie – man kennt ihn dank seiner Arbeiten wie Hell or High Water oder Outlaw King – ist manchesmal wirklich jemand, der den Hang hat, zur düsteren Mieselsucht zu neigen. Richtig unbequem ist sein 2003 erschienener Psychothriller Young Adam, superbritisch und wolkenverhangen. Auch The Negotiator ist stahlgrau und präzise, kantig und fokussiert. Eine Zeit lang nimmt man als Zuseher gar an, Ahmeds Figur ist tatsächlich sensorisch beeinträchtigt, weil er lange Zeit nicht spricht und alles über dieses Relay läuft (so der Originaltitel des Films). Am anderen Ende hängt die verzweifelte Lily James, dazwischen die Fixer des Konzerns, die das Problem beseitigen sollen. Alles fühlt sich an, als wäre Tony Gilroy der Urheber des Drehbuchs. Es gibt keine Action (nur ganz am Ende), keine trivial gesetzten Bedrohlichkeitsszenarien, es gibt das Telefon, jede Menge Anweisungen, die Teil eines oft erprobten Prozederes sind, von welchem wir natürlich noch nichts wissen, und es gibt die Telefonisten, die sehr wohl spitzkriegen, dass hier nichts Legales abgeht und die dennoch nichts unternehmen, als stünden sie wie Geistliche unter dem Verschwiegenheitsgelübde der katholischen Kirche.

Darüber mag man hinwegsehen, denn der akkurate, straff gezogene Prozessablauf, optimiert und effizient wie ein Einsatz der freiwilligen Feuerwehr, gewährleistet ein gewisses verblüfftes Erstaunen. Ja, Filme auch ohne den üblichen Kram an Versatzstücken in diesem Genre können funktionieren, wenn die Hebel an allen Ecken und Enden richtig angezogen sind. Wer wen wann und wie aufs Kreuz legt oder an der Nase herumführt, das ergibt respektables, gar nobel zugerichtetes Businessthrillerkino, geschickt, widerspenstig, mitunter auch richtig schadenfroh, wenn die Schergen des Konzerns auf der Seife stehen.

Auf diesen stilsicheren Modus verlässt sich Mackenzie allerdings nicht bis zum Schluss, denn da verpulvert ein radikaler Twist, den wirklich niemand kommen sieht, zugunsten des Faktors der Überrumpelung fast die ganze Glaubwürdigkeit.

The Negotiator (2024)

Official Secrets

DER STAAT BIN AUCH ICH

7/10

 

oficcialsecrets© 2019 Constantin Film

 

LAND: USA, GROSSBRITANNIEN 2019

REGIE: GAVIN HOOD

CAST: KEIRA KNIGHTLEY, MATTHEW GOODE, RHYS IFANS, RALPH FIENNES, MATT SMITH, MARTIN BRIGHT, INDIRA VARMA, ADAM BAKRI U. A.

 

Was würde man bloß tun, wenn plötzlich klar wird, dass die Mächtigen nichts anderes im Schilde führen als uns Bürger zum Narren zu halten? Womöglich würden wir die Füße still halten, aus Angst, uns mit etwas zu Großem anzulegen. Wegsehen wäre hier das kleinere Übel, zumindest für die Person im Einzelnen, nicht aber für einen ganzen Teil der Weltbevölkerung. Würde man die Konsequenzen abwägen, hätten die Mächtigen also freie Bahn für welche Tricks auch immer. Und die Medien, die hecheln wie pawlowsche Hunde nebenher. Manchen aber war das Ausmaß des Frevels zu groß, und die Konsequenzen einer Gegenwirkung vielleicht nicht ganz so bewusst. Wie zum Beispiel bei Übersetzerin Katherine Gun, einer Whistleblowerin wider Willen.

Dass die us-amerikanische Irak-Offensive auf erstunkenen und erlogenen Beweismitteln beruht, das wissen wir längst. Womöglich auch aufgrund der Aktivitäten von Katharine Gun, die tatsächlich nur (so sagt der Film) ihrem Gewissen so manches schuldig war und dabei so ganz nebenbei Freunden von der investigativen Presse brandheißes Material zugesteckt hat. Das Memo: ein Aufruf zur Manipulation einer UN-Resolution zum Angriff auf Saddam Hussein. Wenn das bekannt werden würde, wäre das ein Stachel im Fleisch der Kriegstreiber. Wahrheiten wie diese aber müssen ans Licht. Und so kam es dann auch. Hätte Katharine Gun doch nur still gehalten; wären ihr die ständigen Verhöre Unschuldiger nicht ganz so sehr an die Substanz gegangen und wären ihre Ideale einfach militanter gewesen, wäre Katharine Gun inkognito geblieben und hätte ihr Leben als kluge, wertebewusste Bürgerin weiterhin bewahrt. Keira Knightley gibt sich im Film dann auch genau so: als junge, unbescholtene und engagierte Frau in einer liberalen Beziehung, die gut mit Sprachen kanAnecken mit den Mächtigen war wohl nicht das, was Whistleblowerin Keira Knightley eigentlich wollte – dennoch macht sie in diesem packenden True-Story-Drama eine kämpferisch gute Figur.n und dann so etwas wie dieses tückische Mail in die Finger bekommt.

Dieser Official Secrets-Act ist alleine schon eine Zumutung und läuft dem Bestreben, transparent zu regieren, völlig zuwider. Klauseln gibt’s da nämlich keine, und Aufdeckern von Machtmissbrauch sind da die Hände gebunden. Tsotsi-Regisseur Gavin Hood lässt in der Klarheit britischer News angesichts dieses Beispiels wütend machender Ohnmacht Keira Knightley wiedermal großartig aufspielen. Kein Film, indem die aparte Britin nicht ihren Rollen völlig gerecht wird. Auch hier bangt und kämpft sie, behält aber stets ihre Selbstachtung, den Kopf hoch erhoben und hat zum Glück jenen ritterlichen Trotz, der notwendig ist, diese Art von Ächtung durchzustehen. Ihr zur Seite: Jurist Ralph Fiennes, der fast ein bisschen wirkt wie Bonds M, nur spürbar sozialer. Hat sich diese True Story tatsächlich so zugetragen, dann grenzt das fast an ein Wunder, wie die Sache ausging. Bei Snowden und Assange lief die Sache anders. Knightleys Kampf für ihre Existenz ist in diesem akkurat inszenierten Aufklärungskino fesselnd dokumentiert, spannend und emotional obendrein. Irgendwann geht es nicht mehr um das Wohl der Welt, sondern darum, seinen eigenen Hintern zu retten. Official Secrets ist ein höchst sehenswertes Filmbeispiel um Selbstlosigkeit, Mut aus Angst und der Freiheit des Gewissens. Und nicht zuletzt um die Fragwürdigkeit von Staatsgeheimnissen, die uns alle angehen sollten.

Official Secrets