Dust Bunny (2025)

DAS ÜBER-ICH UNTER DEM BETT

8/10


© 2025 Lionsgate


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE / DREHBUCH: BRYAN FULLER

KAMERA: NICOLE HIRSCH WHITAKER

CAST: MADS MIKKELSEN, SOPHIE SLOAN, SIGOURNEY WEAVER, SHEILA ATIM, DAVID DASTMALCHIAN, REBECCA HENDERSON, LINA KRUSE U. A.

LÄNGE: 1 STD 46 MIN



Jede Woche aufs Neue. Denn spätestens am Freitag heisst es wieder: Staubsaugen. So schnell kann man gar nicht die Woche umbiegen, sammeln sich diese kleinen, wolligen, filzigen, dunkel- bis hellgrauen Tierchen, die man im englischen Sprachraum als Dust Bunnies bezeichnet, von Neuem. Hierzulande im gemütlichen Österreich nennt man dieses Gewölle, das nicht aus einer Katze kommt, eben Lurch, weil es so dahinkriecht wie diese Amphibien. Und dabei nicht verwechselt werden will mit den herzigen Silberfischchen, die als Art schon Jahrmillionen existieren und immer noch nicht erwünscht sind. Diese Bunnies sammeln sich gerne unter dem Bett, da kommt selbst der Staubsauger nicht ganz hin. Dann passiert es, und die entsprechend Zugluft, vereint mit fein gehobelter Materie von Mensch und Gegenstand, formt ein richtiges Monster. Eines, vor dem die kleine Aurora panische Angst hat. Weil sie weiß, es hat ihre Eltern gefressen.

Der Killer und das Mädchen

Dabei muss man wissen: Aurora passiert das nicht zum ersten Mal, ist sie doch ein Waisenkind und nirgendwo wirklich zuhause. Dieses Mal aber, da kann sie nicht umhin, den eigenbrötlerischen Nachbarn um Hilfe zu bitten. Schließlich kennt sich der aus mit Monsterjagd. Was sie nicht weiß: Der schweigsame Däne aus Appartement 5B ist eigentlich Auftragskiller, natürlich mit einem Herz für Kinder, die die Schräglage ihrer Existenz allein nicht fassen können. Wer dabei nicht an Jean Reno denkt, der in Leon – Der Profi das Mädchen Mathilda beschützt, kennt wohl Luc Bessons Meisterwerk nicht. In Dust Bunny gibt es eine ähnliche Situation. Nur statt einem superfiesen Gary Oldman mischt ein scheinbar imaginäres Monster die Karten neu, und Aurora wird alsbald von einer illustren Riege verhaltensauffälliger Beseitigungsexperten heimgesucht, die sie ausschalten wollen. Auch Mads Mikkelsen gerät ins Fadenkreuz, nimmt der sich doch Jean Reno als Vorbild. Nicht zu vergessen: Wir haben noch jede Menge Lurch, der unter dem Bett wohnt.

Opulenz zwischen Laufsteg und Grottenbahn 

Wie sehr vermisse ich die frühen Filme eines Jean-Pierre Jeunet (BigBug aus 2022 kann man getrost ignorieren). Wieso hat er keine Lust mehr, Filme wie Delicatessen oder Die Stadt der verlorenen Kinder zu drehen, die mir sogar lieber waren als Die fabelhafte Welt der Amelie, keine Frage ein beachtenswertes Kunstwerk, nur ohne diese Dunkelheit, die Jeunet sogar beim dritten Sequel von Alien so prachtvoll zum Leben erweckt hat. Warum ich hier diesen Franzosen erwähne? Weil mich Bryan Fullers (u. a. Hannibal) erster Spielfilm frappant an dessen Stil erinnert. Ich erinnere mich auch, wo gelesen zu haben, dass Fuller Jeunets Werke wohl als Inspiration gesehen hat, um dieses pittoreske Prachtstück an Großstadt- und Coming of Age-Märchen zu erzählen. Das lässt sich nämlich am Deutlichsten in Ausgestaltung eines lebendig gewordenen Bilderbuchs voller markanter Tapeten, musterbetonter Outfits und einer Wohnraumarchitektur erkennen, durch die ein bronzenes Nilpferd schippert.

Das empathische Monströse

Als hätte Maurice Sendaks Wo die wilden Kerle wohnen zu viel Roald Dahl eingeatmet. Beides hat dann besagter Franzose Jean-Pierre Jeunet erträumt, um Bryan Fuller die notwendigen Ezzes zu geben, damit der etwas gekonnt Eigenständiges schafft. Dust Bunny ist eine besonderes, funkelnde Fantasterei, die nicht nur dank ihrer enthemmten Optik so sehr punktet, sondern auch dank der farbenfrohen Chemie zwischen dem universell einsetzbaren Mads Mikkelsen und Sophie Sloan als eine sowohl neugierige, dem magischen Denken folgende wie clevere Alice im Wunderland, die ihr ganz eigenes Psychodrama erzählt – von Selbstbewusstsein, Identität und Verletzlichkeit. Nicht zuletzt von einem Platz in einer noch jungen Existenz, die Kinder oft lange und auf abenteuerlichen Wegen suchen müssen. Dabei ist nicht der Platz gemeint, den man findet, wenn man erwachsen wird. Es ist jener, an dem man nie hätte allein bleiben sollen.

Dust Bunny (2025)

The Woman King

ES WAR EINMAL IN AFRIKA

7/10


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LAND / JAHR: USA, KANADA 2022

BUCH / REGIE: GINA PRINCE-BYTHEWOOD

CAST: VIOLA DAVIS, THUSO MBEDU, LASHANA LYNCH, SHEILA ATIM, JOHN BOYEGA, JORDAN BOLGER, JAYME LAWSON, ZOZIBINI TUNZI, HERO FIENNES TIFFIN, ANGÉLIQUE KIDJO U. A. 

LÄNGE: 2 STD 15 MIN


Wie denn, es zeigt sich kaum jemand echauffiert, dass eine amerikanisch-salvadorianische Filmemacherin einen US-amerikanisch-kanadischen Film über historische afrikanische Ethnien dreht? Ja darf die denn das? Und wie sehr kann der afrikanische Spirit denn da überhaupt nachempfunden werden, wenn niemand, weder die Regie noch alle am Skript Beteiligten, keinen entsprechenden Background vorweisen können? Aber gut, ich will hier keine schlafenden Hunde wecken. Von mir aus kann sich jede und jeder jedem Thema annehmen, es braucht nur gut gemachte Hausaufgaben. Denn was natürlich niemand will, ist eine kolportierte Folklore, die jenes geklittete Bild von Afrika vermittelt, dass exotische Wilde zeigt, die man begaffen kann.

Gina Prince-Bythewood (The Old Guard) wäre nahezu lebensmüde gewesen, hätte sie bei ihrem Film nicht gewissenhaft recherchiert oder sich selbst einige Experten auf dem Gebiet der Völkerkunde zur Seite gestellt. Wir wissen, wie leicht man sich in dieser Thematik in die Nesseln setzen kann. Was sich aber kulturhistorisch bestätigen lässt: Das resolute Volk der Dahomey zeichnete sich aus durch etwas ganz Besonderes: den Agojie – ein Regiment an Kriegerinnen, die den Feinden das Fürchten lehrten. Martialische Heldinnen, bis zu den Haarwurzeln gestählt, trainiert und schlau; taktisch versiert und trotz der im Vergleich zu Männern geringeren Stärke kampftechnisch um Nasenlängen voraus.

Im Zentrum dieser Episode aus dem Jahr 1823 steht die Kriegerin und Kommandantin Nanisca, die unter der weitestgehend besonnenen Führung von König Gezo immer wieder nach neuen Rekrutinnen sucht, um ihre Einheit zu erweitern und zu stärken. Darunter findet sich die gerade mal volljährig gewordene Nawi, die, anstatt an einen reichen Miesepeter verheiratet zu werden, lieber den Weg der Kriegsnonne geht. Und ja, sie macht sich – trotz aufmüpfigen Verhaltens und eigenem Kopf. Wie das eben so ist, bei zukünftigen Heldinnen, die aus der Masse herausstechen werden, weil sie selbst denken, statt nur Befehle zu befolgen. Dass es hier Spielraum geben muss, beweist der Erfolg. Oder das Retten so mancher Gefährtin aus misslichen Lebenslagen. Während an der Küste des heutigen Benin die Portugiesen ihre Sklaven kaufen, droht die Gefahr des Gegners in Gestalt der berittenen Oyo. Dafür muss trainiert, dafür muss alles gegeben werden. Während wir also zusehen, wie Nawi zur toughen Frau heranreift und Nanisca mit ihrer erschütternden Vergangenheit konfrontiert wird, offenbart sich ein ungewöhnliches und pittoreskes Stück afrikanischer Geschichte. Einer Geschichte, die in den Schulen wohl kaum unterrichtet wird, und die wir proaktiv womöglich auch nie nachgelesen hätten, die aber so richtig Aufschluss gibt über ein Afrika, das abgesehen von Hungersnöten, islamischem Terrorismus, Armut und Genozide ausnahmsweise mal stolz erhobenen Hauptes auf Ahnen wie diese zurückblicken kann.

Natürlich ist The Woman King kein afrikanischer Film. Wäre er dies, hätte er ein ganz anderes Vokabular verwendet, wäre auch tiefer in Glauben und Gebräuche lokaler Völker eingedrungen. Wäre metaphysisch geworden, während dieser Film hier jene kulturellen Eigenheiten herausfiltert, die profan genug sind, damit sie überall vertraut erscheinen. The Woman King wird dadurch etwas generisch, steht aber mit beiden Beinen fest am Boden eines repräsentativen Afrikas früher Reisender. The Woman King ist ein amerikanischer Film und folgt einem ganz klassischen, hollywood‘schen Erzählduktus, bei dem ich manchmal nicht weiß, ob mir dieser nicht manchmal zu gefällig wird. Es fällt aber schwer, trotz einiger weniger Längen, die sich aus einem bemühten Plot-Konstrukt ergeben oder John Boyegas schwachbrüstigen Auftritt Bythewoods Film nicht trotzdem als schauspierisches Schwergewicht zu betrachten und als einen Historienfilm, der diesmal nicht die epische Polfilter-Handschrift eines Ridley Scott trägt, sondern lieber seine Heldinnengeschichte ohne kinematographische Extras in den blutbesudelten Staub zeichnet. Viola Davis, Lashana Lynch (der ich stundenlang zusehen könnte) und allen voran Thuso Mbedu als Nawi rauben einem den Atem. Kraftstrotzend, vital und sinnlich sind sie. Intelligent und faszinierend. Von Mbedu (The Underground Railroad) wird man zukünftig noch mehr sehen, ich hoffe es inständig. Sie lässt ihre Rolle in stetigem Fluss, entwickelt sich und reift heran. Hier ist nichts, was nicht in ihre Biografie passt. Ein starkes Stück, das sie hier abliefert. Und ein starkes Stück von allen hier Beteiligten, die sich mit flippernden Zungen ins Gefecht stürzen, mit geölten Körpern und geschliffenen Macheten. Unterstützt von den Trommeln im Score, schmettert der Film mit resonanter Wucht eine Performance auf die Leinwand, die erkennen lässt, wo die Marvel-KriegerInnen aus Wakanda ihren Ursprung haben. Dort, im Königreich Dahomey, liegt der eigentliche Quell des Black Panther.

The Woman King