Men & Chicken

ICH WOLLT‘ ICH WÄR EIN HUHN

7/10


menchicken© 2015 DCM Film Distributions


LAND / JAHR: DÄNEMARK 2015

BUCH / REGIE: ANDERS THOMAS JENSEN

CAST: MAD MIKKELSEN, DAVID DENCIK, SØREN MALLING, NIKOLAJ LIE KAAS, NICOLAS BRO, OLE THESTRUP U. A. 

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Der Däne Anders Thomas Jensen ist wohl der Mann, der uns Männer am besten versteht. Seine Filme sind die einzig wahren Männerfilme, und dabei ist es ein falscher Weg, anzunehmen, Männerfilme seien solche mit ordentlich Wumms und Jason Statham und die hübsche Dame am Ende, die dem Dreitagebart-Solokämpfer schmachtend um den Hals fällt. Nein, sowas sind keine Männerfilme. Da braucht es schon mehr Gefühl. Wie Anders Thomas Jensen es eben hat. Würden wir Männer all den Schnickschnack und die ganze Fassade endlich weglassen, würde zum Vorschein kommen, was sich in seinen Filmen stets beobachten lässt: Verschrobenene, komplexbeladenene Sonderlinge mit nerdigen Skills und wenig Chancen beim weiblichen Geschlecht. Erziehungsgestört, aber liebesbedürftig und nicht wissend wohin mit der Libido. Das sind Szenarien, die lassen sich mit nichts vergleichen. Adams Äpfel zum Beispiel: Männer im Miteinander. Was da für eine Eigendynamik entsteht, muss man entdecken. Zuletzt im Kino: Helden der Wahrscheinlichkeit. Auch hier maskuline Handschlagsqualitäten und XY-Freundschaften, die das Universum in seiner Logik ad absurdum führen. Mit Men & Chicken schießt Jensen in Sachen Groteske aber wirklich den flugunfähigen Vogel ab. Hier finden Brüder zueinander, denen man, würde man sie nicht näher kennen, tunlichst aus dem Weg gehen würde. Auf dem zweiten Blick aber ist die Freakshow eine sensible Angelegenheit, über die unangebracht wäre, sich lustig zu machen. Das geht vielleicht nur, weg man wegsieht. Was wiederum nicht gelingt, bei all den verqueren Ideen, die Anders Thomas Jensen hier Stück für Stück aneinanderreiht. Men & Chicken ist ein irres Panoptikum über Verwandtschaft, Gene und das Tier im Manne.

Es ist schon eigenartig, wie alles anfängt. Da sind die Brüder Gabriel und Elias (Mads Mikkelsen in seiner wirklich schrägsten Rolle – ein Beweis mehr, was der Mann alles spielen kann), die eines Tages vom Tod ihres Vaters erfahren, der wiederum eine Videobotschaft hinterlassen hat, die besagt, dass beide im Grunde adoptiert sind und ihr richtiger Vater auf der Insel Ork (!) lebt. Die beiden machen sich auf die Reise und stoßen dort auf eine Bruchbude von Herrenhaus, in dem drei weitere Brüder hausen, gemeinsam mit unzähligen Nutztieren aller Art, alle mit einer Hasenscharte, alle verwahrlost, verpeilt und unheilbar exzentrisch. Und auch so ziemlich pervers, gelinde gesagt. Der Vater selbst lässt sich nicht blicken, und so richtig willkommen sind Gabriel und Elias auch nicht. Die Hartnäckigkeit der beiden macht sich aber bezahlt, und nach und nach ändert sich so einiges im Leben außerhalb der Norm.

Über Geschmack lässt sich streiten. Über das Ziehen der Grenze vom guten zum schlechten ebenso. Anders Thomas Jensen weiß das, will aber mit seiner kuriosen Familiendramödie sicherlich nicht provozieren. Dieses Entrümpeln männlicher Stereotypien gelingt ihm ausgezeichnet, dieses Durcheinanderwirbeln seltsamer Weltbilder ebenso. Dabei beruht der schlechte Geschmack von Men & Chicken bis zum letzten Schimmelfleck an der Wand des vor Schmutz und gammeligen Zeugs vollgestopften Hauses auf keinerlei Zufall. Selten haben Verwahrlosung und Vergänglichkeit eine so opulente Bühne wie diese ergeben. Schäbigkeit hat Stil – gibt’s das? In diesem Film schon. Die Ideale des Schönen lassen sich dann doch noch in der Sanftheit brüderlichen Füreinanders entdecken, während der Rest dem Abnormen seinen Platz in der Gesellschaft gibt. Am Ende kippt der skurrile Reigen in monströse Phantastik und betritt eine Metaebene, die unter anderem bei David Cronenberg oder Guillermo del Toro zu finden gewesen wäre, hätte Thomas Anders Jensen nicht seine Brüderpartie ihre eigene Bestimmung finden lassen, jenseits aller Ordnung.

Men & Chicken

Phantastische Tierwesen: Dumbledores Geheimnisse

WELTFRIEDEN MIT DEM HÜTCHENTRICK

7,5/10


dumbledoresgeheimnisse© 2021 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved


LAND / JAHR: USA, GROSSBRITANNIEN 2022

REGIE: DAVID YATES

SCRIPT: JOANNE K. ROWLING, STEVE KLOVES

CAST: EDDIE REDMAYNE, JUDE LAW, DAN FOGLER, MADS MIKKELSEN, EZRA MILLER, CALLUM TURNER, ALISON SUDOL, JESSICA WILLIAMS, OLIVER MASUCCI, RICHARD COYLE, VALERIE PACHNER, PETER SIMONISCHEK, KATHERINE WATERSTON U. A. 

LÄNGE: 2 STD 23 MIN


Was genau ist eigentlich mit dem guten Gellert Grindelwald passiert? Wo ist die wasserstoffblonde Billy Idol-Gedächtnisfrisur? Wo die kecke, ebenfalls wasserstoffblonde Rotzbremse und die unterschiedliche Augenpartie? Ist das womöglich wieder einer dieser ekelerregenden Vielsafttränke, die aus Johnny Depp damals Colin Farrell gemacht hatten? Vielleicht liegt der Grund in einem dieser Paralleluniversen, die sich bald mit dem MCU kreuzen werden. Hier, in dieser Welt, versucht ein fast schon distinguierter, auffallend aufgeräumter Mads Mikkelsen, der sich mit Bösewichten auskennt (Casino Royal, Hannibal), die Herrschaft über alle Zauberer und Hexen an sich zu reißen. Zwei Grindelwalds also – welcher ist besser? Auf diese visuelle Diskrepanz geht die Wizarding World überhaupt nicht ein – über die Sache mit Johnny Depp und seiner Amber Heard, die ihm seinen ganzen Erfolg gekostet hat, will niemand mehr reden, und auch die Erklärungsnot ob der Neuerfindung eines Antagonisten ist fast schon eine Tugend.

Da Mads Mikkelsen (hat man Men & Chicken gesehen, weiß man, welche Bandbreite an Figuren er bedienen kann) aktuell als einer der verlässlichsten Profis in der Welt des Kinos erscheint, fügt er sich trotz Quereinsteiger-Handicap nahtlos in ein Geschehen ein, dass in der letzten Episode – Grindelwalds Verbrechen – für heillose Verwirrung gesorgt hat. Selbst nach wiederholter Sichtung gerät der Streifen aus dem Jahr 2018 zu einem überlangen, konfusen Budenzauber, dem bis auf einigen Fan Service (u. a. Nicholas Flamell und der Stein der Weisen) überhaupt nichts abzugewinnen war. Das zeigte sich auch an den Kinokassen. Hat das Potterverse die Kontrolle über seinen Besen verloren? Zumindest bis jetzt. Mit Phantastische Tierwesen: Dumbledores Geheimnisse, dem dritten und je nach kommendem Einspiel vielleicht letzten Teil der Reihe, erhält die Welt der Magier und Muggel wieder enormen Auftrieb, ähnlich wie in einem Windkanal, wo all die Versatzstücke eines durchaus reizvollen Universums wieder in höhere Höhen zurückgeschleudert werden. Dumbledores Geheimnisse bekommt tatsächlich die Kurve, und macht gut, was schiefgegangen war. Womöglich, und ich lehne mich da gerne aus dem Fenster, ist diese Episode die beste der ganzen Trilogie.

Das liegt zuallererst an einer entfransten, auf geradlinig gebürsteten und weniger reminiszierenden Story, die sich problemlos nachvollziehen lässt und der man auch gerne folgen möchte. Wir erinnern uns: Grindelwald hat sich mit so einigen magischen Seitenwechslern, darunter Kowalskis großer Liebe Queenie Goldstein, nach einem CGI-Overkill auf seine Burg verabschiedet, wo er neue Pläne schmiedet, um die Muggelwelt zu vernichten. Wir wissen: Dumbledore und Grindelwald können sich nicht in die Haare kriegen, da ein Blutschwur dies verhindert. Neu hinzu kommt: Der oberste Führer der magischen Nation wird neu gewählt, entscheiden soll das ein besonderes Wesen, das in der chinesischen Mythologie tatsächlich inhärente Qilin, auch bekannt als chinesisches Einhorn. Es beherrscht den Seelenblick und verneigt sich vor dem, der reinen Herzens ist. Grindelwald schickt seine Häscher aus, um ein solches Kitz zu fangen und für seine Zwecke zu manipulieren. Das Vorhaben gelingt, nur weiß er nicht, dass das Qilin einen Zwilling hat. Derweil versucht Dumbledore mit seinem handverlesenen Team, darunter Newt Scamander und Jacob Kowalski, den in die Zukunft sehenden Grindelwald zu verwirren, und das zweite Qilin zu beschützen.

Das also sind Dumbledores Geheimnisse, die nicht mal seine eigenen Leute kennen. Und das ist gut so, denn sonst würde die Rechnung vielleicht gar nicht aufgehen. Das Publikum kann dem Hakenschlagen der Magier aber ganz gut folgen, und auch wenn diesmal weniger phantastische Tierwesen das Licht der Leinwand erblicken, ruht in den wenigen, die wir sehen, ein ganz besonderer Zauber. David Yates verbindet den Schrecken eines erstarkenden Faschismus mit der herzerwärmenden Ritterlichkeit aufrichtiger Idealisten, die nur im Team funktionieren und sich gegenseitig wunderbar ergänzen. Jude Law als Albus Dumbledore erreicht die Weitsicht eines alternden Obi Wan Kenobi, Eddie Redmayne ist nach wie vor wunderbar skurril und Dan Fogler als einer, der einfach nur er selbst ist, dafür aber unglaublich mutig, schießt sowieso den Phoenix ab, der wiederum stets elegant durchs Bild schwebt und irgendwie die Verbindung zum Potterverse errichtet.

Dumbledores Geheimnisse ist kreativ und kurzweilig, in manchen emotionalen Momenten schafft es der Film, tief in das Universum einzudringen und die Essenz des Erfolgs von Harry Potter neu zu fassen. Das hat viel mit dem alten Magier zu tun, dem wir in Harry Potter und der Halbblutprinz nachweinen werden. Das hat viel mit dem Endkampf in der späteren Gegenwart zu tun und einem nachhaltigen Bewusstsein, dass stets geschult werden muss, will man so etwas Zerbrechliches wie ein Qilin, das stellvertretend für den humanistischen Geist der Wizarding World steht, bewahren.

Phantastische Tierwesen: Dumbledores Geheimnisse

Helden der Wahrscheinlichkeit

WIE ES DER ZUFALL WILL

7/10


heldenderwahrscheinlichkeit© 2021 Filmladen Filmverleih

LAND / JAHR: DÄNEMARK 2020

BUCH / REGIE: ANDERS THOMAS JENSEN

CAST: MADS MIKKELSEN, NIKOLAJ LIE KAAS, LARS BRYGMANN, NICOLAS BRO, ANDREA HEICK GADEBERG, ROLAND MØLLER, GUSTAV LINDH U. A.

LÄNGE: 1 STD 56 MIN


Was Männer wollen? Beileibe nicht nur Sex. Für Anders Thomas Jensen wäre diese Antwort auch viel zu banal. Männer bewegt schon viel mehr als nur die Libido. Es bewegt sie Wut, Gerechtigkeit, das eigene Ego. Mitunter auch Rache und das impulsgesteuerte Verlangen, Gewalt auszuüben. Wann ist ein Mann ein Mann, hat sich Herbert Grönemeyer schon längste Zeit gefragt. Helden der Wahrscheinlichkeit gibt darauf erfrischende Antworten, die im Zeitalter des Gender-Ausgleichs womöglich wunde Punkte treffen. Das Ziel ist es jedoch, dabei einer Wahrheit ins Gesicht zu sehen, die erklärt, dass Männer seit jeher alles andere als das starke Geschlecht sind. Stark ist ein Mann dann, wenn er seine Defizite nicht mehr hinter Macht, Gewalt und Dominanz verbergen muss.

Anders Thomas Jensen ist, wie er längst bewiesen hat, der Spezialist dafür, Männern und ihren Bedürfnissen auf den Zahn zu fühlen und sie im Rahmen einer nicht klar deklarierten Gruppentherapie miteinander interagieren zu lassen. Männerfreundschaften könnte man dazu sagen, aber jene der zweckmäßigen Sorte, denn in Helden der Wahrscheinlichkeit verbindet ein heftiges Unglück die Schicksale von vier Kerlen, die erstens unterschiedlicher nicht sein könnten, und zweitens in einer gewissen sozialen Isolation ihre Ticks hegen und pflegen. Einer davon, der Statistiker Otto (Nikolaj Lie Kaas, Stammschauspieler Jensens und derzeit in der Serie Britannia als genial schräger Druide zu sehen) weiß, was sich gehört und bietet im Zug einer Frau den Sitzplatz an. Sekunden später geschieht das Undenkbare. Die Hälfte des Waggons detoniert, die Frau stirbt, deren Tochter überlebt. Witwer und Soldat Mads Mikkelsen kommt aus dem Nahen Osten retour, und es dauert auch nicht lange, da kreuzt Otto auf, um den grimmigen Brutalo die Theorie eines geplanten Anschlags zu unterbreiten. Nichts, so meint er, kann hier zufällig gewesen sein. Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich bei diesem Unfall um einen Anschlag gehandelt hat, sei auffallend hoch. Mit Otto tauchen dann noch zwei andere schräge Vögel auf – der eine ein Computernerd, der andere Ottos neurotischer Arbeitskollege. Gemeinsam wollen sie Rache nehmen.

Wir Menschen setzen das, was geschieht, stets in einen kausalen Zusammenhang. Sei es nun ein Schmetterling, ein Mehlsack oder ein blaues Fahrrad. Zufälle sind uns manchmal zu wenig. Die vier Helden, die dabei ins Feld ziehen, eignen sich bestens dafür, angesichts dieser Verhaltenstheorie die Probe aufs Exempel zu machen. Mit viel Sympathie für seine Figuren entsteht bei Jensen eine bitterkomische Tragikomödie, die diesem Genre seit langem wieder mal frisches Leben einhaucht. Stets begegnet Jensen seinen alles andere als perfekten Gestalten mit Respekt, zieht das Drama niemals ins Lächerliche und verortet Humor genau dort, wo er den Kloß im Hals lösen kann. Manchmal kurvt das skurrile Drama wenig zimperlich um die Ecke, und die Radikalität aus Adams Äpfel bricht durch. Manchmal scheint es auch, als wären die Zufälle in Jensens Film gar welche, die ihn selbst überrascht haben. Als wäre die Geschichte eine, die sich im Laufe des Drehs ihre eigenen unglaublichen Zufälle erst suchen musste.

Helden der Wahrscheinlichkeit

Der Rausch

ALKOHOL IST AUCH (K)EINE LÖSUNG

6,5/10


derrausch© 2020 Weltkino Filmverleih


LAND / JAHR: DÄNEMARK, SCHWEDEN, NIEDERLANDE 2020

REGIE: THOMAS VINTERBERG

CAST: MADS MIKKELSEN, THOMAS BO LARSEN, MAGNUS MILLANG, LARS RANTHE, MARIA BONNEVIE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 56 MIN


A Kriagerl, A Glaserl, A Stamperl, A Tröpferl, då wer’n unsre Eigerln glei feicht. Då warmt si‘ des Herzerl, då draht si mei‘ Köpferl, die Fußerln wer’n luftig und leicht.

Tja, da wussten die beiden österreichischen Weltkünstler Andre Heller und Helmut Qualtinger in ihrem Trinklied bereits, wie gut es nicht sein kann, mit der richtigen Menge Alkohol das Leben zu optimieren. Fehlt die richtige Motivation, der eloquente Zungenschlag, das selbstbewusste Auftreten: 0,5 Promille hinter die Binde gegossen – schon ist man wer. Paracelsus aber sagt: Allein die Dosis macht’s, dass ein Gift kein Gift sei. Recht hat er, denn genau darauf kommt es an. Alkohol per se kann durchaus eine Lösung sein, und angesichts einer Studie des Psychiaters Finn Skårderud pumpen unsere Herzen mal generell viel zu wenig Blutalkohol durch unsere Venen. Genau genommen wären das eben 0,5 Promille zu wenig. Würde man das Level halten, hätte man erst dann die richtige Pole Position für geistige, kognitive und repräsentative Leistungen. Obs im Sport was bringt, wird nicht erwähnt.

Anhand dieser Annahme tun sich die vier Gymnasiallehrer Martin, Nikolaj, Peter und Tommy zusammen, um die Probe aufs Exempel zu machen, klarerweise motiviert durch aufkeimende Erschwernisse des Alltags, die vielleicht ohne hochprozentige Beikost nicht mehr zu schaffen wären. Sie wollen also testen, wie es ist, mit einem konstanten Spiegel von besagtem Promillewert dieselben Pflichten zu erledigen, die vorher schon angefallen waren. Was dabei herauskommt? Kommt drauf an, ob die vier Querdenker bereit sind, ihre Studie auszuweiten oder mit Skårderuds Annahmen abzuschließen. Im Grunde kann sich aber jeder denken, der  bislang auch nur irgendwie mit Alkohol in Berührung gekommen war, wie das Ergebnis ausfallen wird.

Thomas Vinterberg ist seit Dogma95 ein ganz großer seines Fachs. Filme wie Das Fest oder Die Jagd blieben mir bis heute nachhaltig in Erinnerung. Alles keine leichte Kost, dafür aber so energiegeladen inszeniert, dass seine Dramen wirken wie Thriller. Für Der Rausch schraubt der Däne einen Gang runter – und lässt es gemächlicher und humorvoller angehen. Auch sehr überlegt, konzentriert und frei von artifiziellem Beiwerk. Das Schauspielensemble steht im Mittelpunkt, die Regie bleibt gekonntes Handwerk. Was Allrounder Mads Mikkelsen hier wieder leistet, ist beeindruckend. Und natürlich nicht nur er. Alle vier, die da mit dem Alkohol recht selbstvergessen herumexperimentieren, tappen auf ihre ganz individuelle Art von einem Level der Trunkenheit ins andere, bis hin zur totalen Selbsterniedrigung. Paracelsus meldet sich wieder. Doch probieren geht über Studieren, meinen unsere Alltagshelden. So findet das Publikum die eingeschränkte Motorik lallender Supermarktkunden ganz lustig und schämt sich fremd, wenn Papa ins Bett uriniert. Symptome von Alkoholkonsum, wie wir sie alle kennen. Größere Probleme löst dieser trotzdem nicht.

Daher ist Der Rausch (im Original: Druk, was so viel heißt wie Komasaufen), diesjährig mit dem Oscar für den Besten Fremdsprachigen Film ausgezeichnet, in erster Linie kein Film, der neue Erkenntnisse über die Hassliebe zwischen Mensch und Alkohol bereithält. Allerdings deklariert Vinterberg den Alkohol nicht als etwas, das, wie es in mittelalterlichen Liedern so schön heißt, im Sinne des Teufels ist. Bier, Wein, Schnaps – alles nichts Böses. Die Symbiose zwischen Mensch und Gesöff: fast schon etwas Notwendiges. Ein Verbot: beinahe gegen unsere Natur. Ist da doch was dran an Skåkerunds Annahme? Ganz offensichtlich sympathisiert Vinterberg mit dieser Hypothese. Es gilt also die Unschuldsvermutung für Rebsaft und Co. Entlassen werden diese als neutrales Werkzeug wie jedes andere, das unter Missbrauch selbst und anderen klarerweise schadet, während der kluge Einsatz dessen tatsächlich weiterbringen mag. Medizin ohne Beipack? Von Brummschädel, gesteigerten Aggressionen und sträflich überwundenen Hemmschwellen verliert Der Rausch kein einziges Wort. Auch die Leber schweigt. Das fühlt sich fast schon wieder verharmlosend an.

Der Rausch

Chaos Walking

SAG MIR, WAS DU DENKST…

5,5/10


chaoswalking© 2021 Studiocanal


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: DOUG LIMAN

CAST: TOM HOLLAND, DAISY RIDLEY, MADS MIKKELSEN, DEMIÁN BICHIR, CYNTHIA ERIVO, NICK JONAS, DAVID OYELOWO U. A. 

LÄNGE: 1 STD 49 MIN


Wer im deutschsprachigen Raum kennt diesen Klassiker nicht, in welchem Connie & Peter, mit dem Tretboot auf welchem See auch immer kreisend, dieses charmante Duett schmettern. Da fordert doch glatt der liebe Peter sein Herzblatt dazu auf, zu sagen, was sie denkt. Darauf das Mädel: Möchtest du das wissen? Darauf er: Du, ich weiß es längst. Sie: Meinst du etwa küssen…? und so weiter und so fort. In Chaos Walking geht’s genauso zu, nur wird dort der Spies umgedreht, und Daisy Ridley könnte dem erschreckend naiven Jungmann glatt seine Gedanken entlocken. Allerdings: das muss sie gar nicht. Denn auf diesem, der Erde fernen Planeten namens New World herrscht eine ganz eigenwillige biologisch-neurologische Anomalie vor: die Gedanken aller Männer sind hörbar. Allerdings nur die unkontrollierten, wild ausufernden Fetzen stiller Überlegungen. Manchmal sogar manifestieren sich diese gleich eines Hologramms. Mit so einer Besonderheit kann man aber leben, dachten sich die ersten menschlichen Siedler. Blöd nur, dass im Gegensatz dazu weibliche Gedanken zollfrei blieben. Blamieren mussten sich folglich nur die Männer. Bis zu jenem Tag, als die Siedlung, in der Tom Holland aka Todd Hewitt (dieser Name fällt durchaus des Öfteren) aufwuchs, ihres Frauenanteils beraubt wurde, und zwar durch die Hand der hundsgemeinen indigenen Bevölkerung. Wie durch Zufall aber fällt eines Tages die Raumkapsel mit Daisy Ridley vom Himmel. Sie nun die einzige weibliche Protagonistin, die allerdings bald auf der Flucht ist, weil der despotische Bürgermeister (routiniert: Mads Mikkelsen) sie als Köder für das im Orbit kreisende Mutterschiff benutzen will. Die kann von Glück sagen, dass Todd Hewitt nur ihr Bestes will (und noch viel mehr). Da nimmt man die enervierenden, recht banalen und klarerweise jugendfreien Gedanken des fahrigen Mittzwanziger als Dauerbeschallung gerne in Kauf.

Bei diesem Science-Fiction-Abenteuer hat sich das Beraterteam der beteiligten Produktionsfirmen wohl anfangs die entscheidende Frage gestellt: soll aus diesem wirklich innovativen Stoff ein Film- oder eine Serie werden? Die Daumen mal Pi-Regel, die sich bereits seit geraumer Zeit bewährt hat, lautet: da dieser Streifen natürlich auf einer Romantrilogie von Patrick Ness (u. a. Sieben Minuten nach Mitternacht) beruht, wäre eine Serie wohl der gerechtere Weg, die Sache mit ihrer gebührenden Sorgfalt und entsprechend der Vorlage auszugestalten. Ein Kinofilm hat da stets zu wenig Spiel- und Zeitraum zur Verfügung. Romane lassen sich also eher schlecht in einen Kinofilm quetschen – Kurzgeschichten hingegen schon. Die Romanregel bestätigt sich auch in Chaos Walking. Die Idee ist auffallend originell – tatsächlich gibt es immer noch genügend Ansätze im Kino des Phantastischen, die im Grunde komplett neu sind. Der adaptierte Plot allerdings gerät viel zu durchgetaktet und gehetzt, um auch nur irgendwie ein Gefühl für seine Materie zu bekommen.

Das mit den Gedankenwolken, auch als Lärm bezeichnet, gibt dem ganzen Szenario als Bonus einen speziellen augenzwinkernden Kick im ironischen Spiel mit den Geschlechterrollen. Stereotypische Klischees – wie zum Beispiel: der Mann denkt nur an das eine, und aus einer Frau wird man nicht schlau – werden hier mitunter augenzwinkernd und ganz dezent karikiert. Was hier Vorrang hat, ist aber das im Stile eines Western konzipierte Abenteuer um einen mehr oder minder missglückten interstellaren Kolonialversuch. Von der Gedankenwelt mal abgesehen, bietet Doug Limans Science-Fiction allerdings wenig Überraschendes oder gar Unvorhersehbares. Daisy Ridley hat in ihrem rollenbedingten Stress kaum Zeit, sich schauspielerisch zu entfalten. Tom Holland gibt gar etwas übertrieben den blauäugigen Helden – obwohl – angesichts der Umstände scheint sein Verhalten plausibler als wäre er der toughe Einzelkämpfer.  

Da es sich um eine Trilogie handelt, könnte es sein, dass, wenn die Kassa stimmt, es eine Fortsetzung geben könnte. Dann lässt sich hoffen, dass die fremdartigen indigenen Wesen, Spackles genannt, folglich nicht mehr so sträflich vernachlässigt werden wie hier.

Chaos Walking

Arctic

HILF DIR SELBST, SONST HILFT DIR KEINER

7/10

 

arctic© 2018 Koch Films

 

LAND: ISLAND 2018

REGIE: JOE PENNA

CAST: MADS MIKKELSEN, MARIA THELMA SMÁRADÓTTIR, TINTRINAI THIKHASUK U. A.

 

Da sieht man mal wieder, wie unausgewogen Planet Erde besiedelt ist. In der arktischen Tundra hält sich keine Menschenseele auf. Bis man endlich auf ein anderes Individuum trifft, trifft man eher noch auf einen Eisbären. Und sonst? Sonst ist es saukalt, Stürme sorgen für Schneeverwehungen, die die Landschaft bis zur Orientierungslosigkeit verändern. Inmitten dieser kargen, lebensfeindlichen Wildnis: Der Pilot Mads Mikkelsen, ebenfalls relativ unkenntlich gemacht durch einen dichten Vollbart. Und auch sonst steckt der Rest des Dänen in einem dicken Anorak. Was ist passiert? Nun – zu Beginn des Filmes sehen wir Mikkelsen schaufeln, was das Zeug hält. Doch er schaufelt nicht sein eigenes Grab, denn aufgeben tut der Mann maximal einen Brief. Eigentlich schaufelt er, um zu überleben. denn irgendwo in den Weiten des Nordens, da ist seine Maschine, mit der der Wissenschaftler unterwegs war, abgestürzt. Den Absturz sieht man nicht, es ist nicht so wie in Castaway von Robert Zemeckis, wo das Grauen einer Notlandung auf Wasser detailgetrau geschildert wird. In Arctic ist das Gröbste schon passiert. Doch das Schlimmste soll noch kommen. Nach tage- oder gar wochenlangem Unterfangen, mit einem Sender Kontakt zum Stützpunkt aufzunehmen, wagt ein Hubschrauber während wirklich miesem Wetter eine Such und Rettungsaktion, nur um vor den Augen des zu rettenden abzustürzen. Gerade so weit im Norden ist es unerlässlich, meteorologisch was am Kasten zu haben. Daher seltsam weltfremd, dass der Hubschrauber bei so einem Wetter überhaupt startet. Ein Tag mehr wäre auch schon egal gewesen, aber nein – sonst gäbe es keinen Film wie diesen, den der Brasilianer Joe Penna, eigentlich Musiker, hier selbst verfasst und inszeniert hat.

Um nochmal auf Zemeckis zurückzukommen: Ja, Arctic ist ein bisschen wie Castaway, nur anstatt tropischer Hitze haben wir es hier mit polaren Verhältnissen zu tun. Und statt des Volleyballs Wilson nimmt Überlebender Mads Mikkelsen die einzige Überlebende seiner Rettungscrew unter seine Obhut. Die Retter müssen also gerettet werden oder: Hilf dir selbst, sonst hilft dir keiner mehr. Das bisschen, was Absturzopfer 1 zum Überleben hat, muss nun auch für Opfer Nr. 2 reichen – und die junge Dame, die ganze Zeit über kaum bei Bewusstsein, ist so gut wie keine Hilfe, um dieser kalten Ödnis effizienter als zuvor zu entfliehen. Was zu erwarten ist: Mikkelsen macht sich auf den Weg, quer durch unwegsames Terrain, die Schwerverletzte im Schlepptau.

Mehr Plot gibt es nicht. Ist aber bei Genrefilmen wie diesen auch nicht erforderlich. Da reicht es, spärlich bis gar nicht ausgerüstete Personen irgendwo in der Wildnis abzusetzen. Zuzusehen, wie sie sich durchkämpfen, das ist die ganze Geschichte. Und es ist jedes Mal anders, weil die Natur unberechenbar ist. Weil manchmal nur ein kleines, im zivilisierten Alltag völlig nichtiges Detail zu einer unbezwingbaren Hürde werden kann. Nirgendwo fühlt sich der Mensch kleiner als in einer von terranen Kräften geformten Weite. Da der Mensch aber fähig ist, seine Unzulänglichkeiten mit Intelligenz auszugleichen, sind Filme wie Arctic fast eine Art Vexierspiel, dessen Lösung das Überleben sichert. Da der Mensch aber auch fühlt, und die Psyche auch nicht unendlich belastbar ist, kann Verzweiflung schon mal überhandnehmen. Oder der Wille übermenschliche Kräfte verleihen. Wobei Penna vor allem eines wichtig war: die Pflicht, trotz aller Not kein Menschenleben zurückzulassen. Dieser aufopfernde Altruismus, diese Selbstverständlichkeit des Rettens, obwohl man selbst Rettung benötigt, verleiht dem Film durch genau diese intensive Auseinandersetzung mit dem Füreinander unter extremsten Bedingungen eine enorm humanistische Note fernab jeglicher Egozentrik und kopfloser Panik. Das macht Arctic zu einer bemerkenswerten, klar strukturierten und kämpferischen Leistungsschau der menschlichen Vernunft.

Arctic