Mid90s

DAS LEBEN – EINE HALFPIPE

7/10

 

mid90s© 2018 Polyfilm

 

LAND: USA 2018

REGIE: JONAH HILL

CAST: SUNNY SULJIC, LUCAS HEDGES, OLAN PRENATT, NA-KEL SMITH, KATHERINE WATERSTON U. A.

 

Der Schauspieler Jonah Hill, der hat was. Erstens ist der Mittdreißiger aus Los Angeles ein wandlungsreicher Charakterkopf, bekannt vorwiegend für Komödien, war aber des Weiteren auch schon in viel facettenreicheren Rollen zu sehen als in Actionklamauk Marke 21 Jump Street. Jonah Hill, der hätte Leonardo Di Caprio in The Wolf of Wall Street fast die Show gestohlen. In War Dogs lieferte er Schießeisen in den Nahen Osten, und erst kürzlich wurde er so richtig nachdenklich in Gus van Sants Comiczeichner-Biopic Don´t worry, weglaufen geht nicht. Mit der Vielfalt seines Könnens changiert auch sein Aussehen. Einmal pummelig rund und kahlgeschoren, dann wieder gertenschlank, mit Hippie-Mähne und seriös. Sein Regiedebüt Mid90s, das ist nicht weniger ernstgemeint. Denn von den 90ern in Kalifornien, da kann Jonah Hill sicher einiges erzählen. Die 90er, die waren wohl auch seine Teenie-Ära, und ob er selbst Skateboard fuhr oder nicht, kann ich nicht sagen. Womöglich trägt sein Coming of Age-Film durchaus autobiographische Züge, doch so genau muss ich das nicht wissen. Vom eigenen Leben beeinflusst war auch Greta Gerwigs Debüt Lady Bird, und womöglich war Hill von der Idee, das Kolorit der eigenen Jugendzeit auf die Leinwand zu bringen, ähnlich angetan. Stoff aus dem sozialen Milieu zwischen Palmenstrand, Peripherie und Frittenbude gibt es ja jede Menge. Soweit ich mich selbst noch gut erinnern kann, war die beginnende Neunzigerdekade sogar hier in Österreich geprägt von einem ganz gewissen Passantenbild an schulfreien Nachmittagen – dem der Skateboarder. Wer eines dieser Bretter sein Eigen nennen konnte, der hatte schon Coolness-Faktor irgendwo über dem Durchschnitt. Ich selbst hatte nie so ein Teil, meine Freunde hingegen schon. Also weiß ich so ungefähr, dass das Skateboard nicht nur ein urbaner Sport-Hype war, sondern auch eine Art Lebenseinstellung. Wie bei Ray, Fuckshit und Fourth Grade – Mitglieder einer Jugendgang, die sich den vier Plastikrädern verschrieben haben, und damit Kunststücke anstellen, denen das freie Auge kaum folgen kann. Das war, bevor Parcourlaufen in diversen Videos die Mediaplattformen erobert hat. Das war, bevor überhaupt noch allerlei soziale Medienplattformen unser zwischenmenschliches Verhalten von Grund auf geändert haben. Ohne all diesen Reizen blieb dieser sträflich vernachlässigten Jugend nichts anderes übrig, als abzuhängen, Partys zu feiern und alberne Reden zu schwingen. Einfach cool zu sein ohne produktiv sein zu müssen. Den großen Chill-Faktor raushängen zu lassen, mit Zuckerwasser, Joint und Gelegenheits-Sex, der nichts bedeutet.

In diesen versifften Mikrokosmos aus einsamen Alltagsphilosophen gerät der 13jährige Stevie, der ohne Vater aufwächst und seiner Mutter zusehen muss, wie sie gefühlt täglich andere Männer nachhause bringt. Jonah Hill nähert sich den fast schon verstoßenen Müßiggängern mit sehr viel Verständnis, Sympathie und Zurückhaltung. Da er selbst nicht mitspielt, kann er sich ganz auf seine Arbeit als Regisseur konzentrieren – was eine kluge Entscheidung war. Überhaupt ist Mid90s ein intelligenter, konsequenter Film, weil er die Dinge neutral betrachtet, nichts schönt oder verheimlicht. Weil er den Mut hat und es auch aushalten möchte, mit dem Portrait einer fragwürdigen Subkultur auf Ablehnung zu stoßen. Seine Jungs, die hier am Fahrbahnmittelstreifen entlangrollen und ihr Heil in der Flucht vor dem Zuhause suchen, bleiben erhobenen Hauptes, fast trotzig und in autosuggestivem Pushen des eigenen Selbstwerts unermüdlich – bis irgendwann auch dieses Maß voll ist. Und den Freunden klar wird, dass diese Einbahnstraße auf Dauer auch keine Lösung ist. Denn die Macht, die Lage ihrer Existenz zu ändern, gehört ihnen dann doch nicht. Wem gehört sie dann?

Wir haben einzig einen Einblick in die familiären Verhältnisse von Stevie (eine vielversprechende Entdeckung: Sunny Suljic), dessen einfältiger, aggressiver Rapper-Bruder (unsympathisch: Lucas Hedges) den Haustyrann spielt. Das sind soziale Verhältnisse, die finden sich in jeder Großstadt, das sind ernüchternde Einblicke in eine vernachlässigte Kindheit und einer verbarrikadierten Zukunft. Ein erster Blick auf diese Jugend verleitet sehr schnell zu Vorurteilen. Dieses Abhängen und Herumvagabundieren nervt die andere, vielbeschäftigte Seite der Gesellschaft, denn, so meint diese, sind sie ja ihres Glückes eigener Schmied. Jonah Hill blickt näher hin – und entdeckt Träume, Pläne und ein völlig autark errichtetes Weltgewissen, das sich wie ein aus dem Nest geworfenes Kücken selbst auf die Beine hilft. Unter den Füßen, da rollen vier Räder. Sie sind einen Weg aus dem Mief familiärer Fahrlässigkeit. Schneller als die anderen ist man sowieso – und vielleicht früher dort, beim Ergreifen zufälliger Möglichkeiten, die sich auftun könnten. Mid90s ist also ein unverstelltes Bild einer jungen Generation, denen eigentlich nichts in die Wiege gelegt wurde. Die aber irgendwie durchkommt, vorwärtskommt – und eine Ideologie entwickelt, die wie die Zunft der Wellenreiter und Surfer eine Kommune für sich entdeckt, die innere Stärke zulässt, unabhängig davon, wie sie ausfällt. Statt Gewalt ist Geschick diese Lösung, Improvisation und Mut zur Repräsentanz. Jonah Hill huldigt dieser Welt, be- und verurteilt sie nicht, versteht sie aber voll und ganz. Ob wir Zuseher das auch tun? Vielleicht nicht ganz so schnell, vielleicht auch gar nicht. Denn Vorurteile abzubauen ist nicht immer so einfach.

Mid90s

Once upon a Time in Venice

DER SCHNÜFFLER OHNE MODEL

5/10

 

DSC_6912.NEF@ 2017 KSM

 

LAND: USA 2017

REGIE: MARK CULLEN

MIT BRUCE WILLIS, JOHN GOODMAN, JASON MOMOA, FAMKE JANSSEN U. A.

 

Bruce Willis ist zurück. Oder ist das nur ein kurzes Gastspiel? Alt ist er geworden. Immer noch kahl, dafür aber mit Fell am Rücken. Und ohne Feinripp fehlt ihm was. Auch wenn der über 60jährige immer noch vorgibt, voller Elan den bösen Buben am Skateboard zu entkommen – ich kann mich dem Eindruck nicht erwehren, dass es in Sachen Filmbiz für den auf ewig im Actionzenit einzementierten John McClane gewesen sein könnte. Sein verschlafenes kleines Comeback, das ausschließlich in Venice, Kalifornien, seinen episodenhaften Verlauf nimmt, könnte man als bequemes Intermezzo seines verfrühten Ruhestands betrachten. Von seinem Domizil bis nach Venice Beach ist es womöglich nur ein Katzensprung. Und wenn John Goodman mitmacht – warum eigentlich nicht. Dieses Warum eigentlich nicht steht ihm ins gelassen dreinblickende Gesicht geschrieben. Vielleicht hat er damals schon gewusst, dass er in die Fußstapfen von Charles Bronson steigen wird – Eli Roth steht mit seinem Remake der Selbstjustiz-Action Death Wish in den Kino-Startlöchern. Von überallher an den Kinowänden erstrahlt die neben Telly Savalas berühmteste Glatze Hollywoods im Licht der Erwartung. Eine Aufwärmrunde kann nicht schaden, wird sich der Busenfreund von Arnie und Sly wohl gedacht haben. Somit gibt es jetzt für alle, die nicht warten können, einen Ausflug in das Genre des Schnüffler-Krimis.

Mit Schnüfflern hat Bruce Willis ja schon so seine Erfahrungen. Begonnen hat seine Karriere ja mit Romantic Investigation. Gemeinsam mit Cybill Shepherd hatte er in Das Model und der Schnüffler so manchen Screwball-Charme versprüht. Seit damals sind Jahrzehnte vergangen, und der Schnüffler ist ohne Model im wahrsten Sinne des Wortes auf den Hund gekommen. Der kleine Köter kommt dem genussfreudigen Möchtegern-Detektiv irgendwann abhanden, und daran ist über den Daumen gerechnet die gesamte Unterwelt von Venice Schuld. Irgendwie jedenfalls. Das kann einer wie Bruce, so sehr er auch nach Ruhestand aussieht, nicht auf sich sitzen lassen und streunt kreuz und quer durch den wohlvertrauten Bade- und Erholungsort an der Westküste, um die Sache ins reine zu bringen. Dabei hat Bruce seinen Elan-Faktor nicht gerade bis in den roten Bereich hin angeworfen. Wie jemand, der zu lange in der Sonne gelegen hat, oder eben erst völlig verdattert aus dem Mittagsschlaf erwacht ist, ohne genau zu wissen, was eigentlich los ist. Und Bruce ist nicht der einzige, der so verschlafen wirkt. Das sind die Gangster auch. Und Buddy John Goodman in Hawaii-Hemd und mit seltsam steifen Schritten wirkt noch mehr neben der Spur wie unser alter Actionhero selbst. Wobei die Flitzerszene am Skateboard schon eine Nummer für sich ist, keine Frage!

Doch dieses Versonnen-Versponnene in Once upon a Time in Venice entbehrt nicht eines gewissen gefälligen Gewöhnungseffekts. Dieser schwüle Dauersommer, die seltsamen Typen mit der Phlegmatik eines Sonntagnachmittags und das zerstreute Hin und Her, von dem keiner weiß, wohin die ganze Hundeliebe, das Geldleihen, Geld beschaffen und Observieren führen soll, wäre gerne so schräg wie die kauzig-schwarzhumorigen Komödien der Coen-Brüder, ist aber maximal nur ein erwähnenswertes Bruce Willis-Vehikel, das den Glatzkopf nicht nur in einer verschwindenden Nebenrolle zeigt, sondern prominent in Szene setzt. Ein Film ganz eindeutig für Fans und Leute, die das On Demand-Programm gerne nebenbei laufen lassen. Ideal beim Kiffen, Zocken oder Hundekraulen.

Once upon a Time in Venice