Magic Farm (2025)

WIE IST DAS NACHTLEBEN IN DER PAMPA?

6/10


Chloë Sevigny und ihr Team, darunter Alex Wolff, im Film Magic Farm
© 2025 Mubi


LAND / JAHR: USA, ARGENTINIEN 2025

REGIE / DREHBUCH: AMALIA ULMAN

KAMERA: CARLOS RIGO BELLIVER

CAST: CHLOË SEVIGNY, ALEX WOLFF, SIMON REX, JOE APOLLONIO, CAMILA DEL CAMPO, VALERIA LOIS, AMALIA ULMAN U. A.

LÄNGE: 1 STD 33 MIN



San Cristobal heisst das Kaff irgendwo in der argentinischen Pampa, in welchem Edna und ihr Team aufschlagen – als gäbe es dort den Jackpot zu holen. Es hat den Anschein, als wären Fuchs und Hase die einzigen, die allabendlich gerne ins Gespräch kommen – doch andererseits soll es in San Cristobal einen Musiker geben, der im Hasenkostüm schmucke Beats schmettert und damit auf Social Media für Furore sorgt. Wo ist nur dieser Kerl?

Zum Aufgeben sind Briefe da

Die Dame, die sie hierher gelotst hat, ist unauffindbar. Zu Beginn des Films erfährt man, was genau sie dazu bewogen hat, abzureisen. Jedenfalls nicht, um die fünf New Yorker ihrem Schicksal zu überlassen. Was man auch wissen sollte: Dieses schräge Team, das in dieser Gegend wohl als Touristengruppe durchgeht, hat sich ebenso schrägem Content verschrieben, welches es filmisch zu dokumentieren gilt.

Eine besondere Begegnung mit dem tanzenden Hasen soll nun hier stattfinden. Doch weder der Musiker ist auffindbar, noch kennt ihn jemand hier. Könnte sein, dass es noch ein anderes San Cristobal gibt? Und was also tun, wenn das ganze zur Nullnummer wird? Improvisieren ist die Devise. Und das Beste daraus machen. Vielleicht auch etwas erfinden? Sowas wie Fake News?

Alles so schön bunt hier

Amalia Ulman, selbst eine der fünf Charaktere, die hier ihr Glück suchen, sieht in Magic Farm eine ungezwungene Experimentierfläche. Schön, wenn einem ein Studio nichts vorschreiben kann. Da gibt es nichts erquickenderes. Ulman hat ihr Ensemble, sie hat einen roten Faden, und rundherum passiert so einiges, vor allem visuell Ungewöhnliches.

Die Welt betrachtet Ulman zu Beginn aus einem Fischauge, im Zentrum der gekrümmten kleinen Welt ein Mopedfahrer. Ein anderes Mal darf die Kamera auf dem Rücken eines Hundes mitreiten. Grelles Licht lässt die Farben neonhell erstrahlen. Ulman will, dass sich auch filmtechnisch einiges bewegt, dass nichts nur aus einer Perspektive betrachtet werden will.

Fake News als Feel Good-Pflaster

Dann aber begegnet sie den Menschen, oder besser gesagt: Das Team begegnet einer Dorfgemeinschaft, die ihre unverwechselbaren Individuen hat. Im Zaubern von Fake News in dieser einem Zirkus ähnlichen Community-Blase hat niemand wirklich Eile, doch was eigentlich wichtig scheint, und auch real existiert, hat gegenüber hippem Culture Clash keine Chance.

Glyphosat ist das böse Wort, und Glyphosat vergiftet hier Geist und Körper. Ulman lässt ihre ach so intellektuellen New Yorker am eigentlichen Thema vorbeihantieren; lässt sie entrückt und der akuten Realität den Rücken kehren – so magisch, und seltsam, und exotisch ist es hier. Da will sich niemand die Laune verderben lassen, doch es reicht lediglich die immer wieder mal eingestreute Erwähnung eines Umweltskandals, um die Dissonanz in der Wahrnehmung sichtbar zu machen.

Ganz dezent, fast schon flüchtig wie eine Erscheinung, lässt Ulman das Gefühl seltsamen Unbehagens an der Türschwelle zurück, ohne die Dunkelheit dabei in ihren Film zu bitten. Da ist sie wieder, dieses zielsichere Konzept in einem fast improvisiert scheinenden Film, der bunt und skurril wirkt und aus der Herkömmlichkeit herausfällt.

Magic Farm (2025)

Kazakh Scary Tales (2025)

KRABBELSPUREN IM STEPPENSAND

5/10


© 2025 Short Brothers


LAND / JAHR: KASACHSTAN 2025

REGIE / DREHBUCH: ADILKHAN YERZHANOV

KAMERA: YERKINBEK PTYRALIYEV

CAST: KUANTAI ABDIMADI, ANNA STARCHENKO, DINARA BAKTYBAYEVA, AZIZ BEISHENALIEV, SHAKH MURAT ORDABAYEV U. A.

LÄNGE: 1 STD 54 MIN


Man könnte ja meinen, man stehe in der kasachischen Steppenlandschaft, weit und breit kein Berg, und würde, sofern man den Rundumblick innehält, nichts auch nur annähernd übersehen, was vielleicht auf einen zukommen oder das monotone Landschaftsbild stören könnte. In dieser Steppe, in der mangelnder Regen das Gras verdorren lässt und der graue Staub zwischen den Zähnen knirscht, auch dann, wenn kein Wind weht; in dieser Steppe fühlt sich Filmemacher Adilkhan Yerzhanov wie zuhause. Schließlich ist es sein Land und es sind seine Bedingungen. Als Verfasser eines Manifests zum kasachischen Partisanenkino liegt dem Künstler wohl sehr daran, dem gängigen staatlichen Mainstreamfernsehen und auch dem ähnlich gelagerten, unverfänglichen und einlullenden Themenkino zu entsagen und stattdessen lieber, ohne jegliche staatliche Förderung, seine eigenen Visionen umzusetzen. Das mögen welche sein, die nicht allen schmecken, doch noch ist es nicht so weit wie im Iran, in dem Filmemacher eben längst nicht mehr mitteilen können, was auf deren Zunge brennt.

Dale Cooper und der Schamanismus

Yerzhanov, längst in der Branche bekannt, kann sich’s leisten. Er pfeift aufs Geld und auf den Einfluss von Behörden, die ausschließlich politisch, aber nicht künstlerisch und schon gar nicht progressiv denken. Er macht Filme wie zum Beispiel Steppenwolf – einen knallharten, dystopischen Actionthriller über eine Mutter auf der Suche nach ihrem Sohn. Begleitet wird sie dabei von einem Ex-Polizisten, der keine halben Sachen macht und gerne den Hammer schwingt. Yerzhanov macht aber auch Fernsehen, und dabei ist der Entwurf einer mehrteiligen, paranormalen Kriminalgeschichte entstanden, deren erste drei Folgen zu einem spielfilmlangen Triple-Feature zusammenmontiert wurden. Verschmolzen und neu geschnitten für die Leinwand, trägt das Konstrukt nun den Titel Kazakh Scary Tales – was ein bisschen nach Arbeitstitel klingt, allerdings aber auch ein gewisses Versprechen für Grusel und Horror gibt. Vor allem dann, wenn man weiß, womit der fantastische Reigen eigentlich beginnt. Denn dem Erscheinen des abgehalfterten Klischee-Kommissars aus der Stadt, der wie eine Mischung als FBI-Agent Dale Cooper aus Twin Peaks und Inspektor Columbo wirkt, gehen schockierende Todesfälle in einer Geburtsklinik voraus. Birzhan, so der Name des Polizisten, der samt Familie in die öde Provinz Kataras versetzt wurde, muss sich mit den lokalen Ordnungshütern herumschlagen, die überhaupt nicht bereit sind, dem übereifrigen Fremden unter die Arme zu greifen. Ganz im Gegenteil – die Fälle seltsamer Kindstode sollen lieber nicht weiter verfolgt werden, schließlich sind hier, und das weiß die unmotivierte Gruppe streitsüchtiger Polizisten, ganz andere Mächte im Spiel. Mächte, die nicht von dieser Welt sind. Zum Glück stößt Birzhan auf eine Hellseherin, einem Medium, das sich in der Mythologie des Ortes auskennt, und bald den Verdacht hegt, es könnte alles mit einem Fluch zu tun haben – dem Fluch von Albasty.

Fernsehen ist nicht gleich Kino

Zugegeben, das klingt alles sehr schön rätselhaft, auch skurril, man lernt Neues über Mythen aus einem Teil der Welt kennen, der sich in den Nachrichten rar macht. Der Einblick in die zentralasiatische Twilight-Zone beschert neuen Input für Liebhaber des Übernatürlichen, und mit Yerzhanovs Ambition, sowohl Kino als auch Fernsehen zu bedienen, mag das staubgeborene Wunderding eines horrorhaften, bizarren Thrillers eine sichere Bank sein. Letztlich aber entwickelt sich Kazakh Scary Tales zu einem nicht unanstrengenden, weil angestrengten Unterfangen. Dem Werk ist deutlich anzusehen, dass der narrative Aufbau deutlich den Regeln einer Fernsehserie folgt. Und wir wissen längst: Geschichten im Kino oder eben im Fernsehen zu erzählen – das sind zwei Paar Schuhe. Yerzhanov will alle zwei Paar anprobieren, letztlich passt nur jenes Paar für das Kleinformat daheim. Bei einer Serie kann sich die Geschichte Zeit lassen – vor allem dann, wenn nach drei Episoden noch längst nicht das Ende kommt. In Kazakh Scary Tales ist irgendwann des Rätsels Lösung zwar gefunden, öffnet aber weitere Türen in die Zwischenwelt, und ja, es wird klar, da kommt noch was.

So gesehen mag der Film eine gestreckte Pilotfolge sein, alleine, um Charaktere einzuführen und die Parameter erst einmal zu setzen, bevor man tiefer vordringt in das Unheilvolle dieser Provinz. Dabei entstehen, am Stück genossen, vertrödelte Nebensächlichkeiten, Entschleunigung dort, wo Yerzhanov dringender hätte vorwärtskommen sollen. Der absurde Witz, der an den im deutschen Sprachraum wohlbekannten österreichischen Ermittler Kottan von Peter Patzak erinnert, hat zwar sein eigenes Kolorit und verträgt sich gut mit dem Aberglauben und der Verschrobenheit der lokalen Bevölkerung, doch der Spannung tut das keinen Gefallen. Als Thriller plätschert Kazakh Scary Tales vor sich hin, bleibt selten am Punkt, verstrickt sich in kausalen Zusammenhängen, die den morbiden, wenig kinderfreundlichen Spuk nur noch mehr ausbremsen. Kompliziert erzählt ist also halb verloren, so reizvoll sich die Synopsis auch anhört, so eintönig zieht sie sich hin, passend zum grasbewachsenen Nirgendwo, in das man starren kann. Und vielleicht spielen die Sinne dabei ja Streiche. Doch das setzt nur bedingt versprochene Reize.

Kazakh Scary Tales (2025)