Die beste aller Welten

DER DÄMON DER KINDHEIT

8/10

 

Die_beste_aller_Welten_Pressefoto_15@ Filmperlen

 

LAND: ÖSTERREICH 2017

REGIE: ADRIAN GOIGINGER

MIT JEREMY MILIKER, VERENA ALTENBERGER, LUKAS MIKO, MICHAEL FUITH U. A. 

 

„Ich werd´ dich nie vergessen, Kindheit“ – so lautet der Refrain eines Songs des österreichischen Musikers Peter Cornelius. Wie wahr, unser Erwachsenwerden bleibt unvergessen. Die ersten Dekaden eines Lebens sind die schwierigsten. All das, was sich in den ersten zehn Lebensjahren ereignet, prägt die Persönlichkeit, die Sicht auf die Welt, den Geist und den Verstand. Das Erwachsenwerden im Grundschulalter ist schon schwierig, undankbar und angsterfüllt genug. Magisches Denken kommt dazu. Und ein Selbstbewusstsein, das erst wachsen muss. Eine unwirtliche Gesetzmäßigkeit. Auch dann, wenn der Haussegen gerade hängt, das Elternhaus intakt und das Dach über dem Kopf ein dichtes ist. Ist die Zuflucht namens Familie, das Umfeld des Aufwachsens. instabil, schleichen sich Dämonen ins junge Leben. Und eine irreale, bessere Welt tut sich auf. Nur sichtbar für das Kind, das in dieser Welt kein Kind mehr ist, sondern ein Held. Ein Krieger, ein Siegfried. Mit stahlharten Muskeln, bis an die Zähne bewaffnet. Ausgestattet mit Bogen und einem magischen Pfeil, der die Bedrohung in Schach hält und das Böse stets bezwingt. In dieser besseren, anderen Welt ist die destruktive Finsternis der Realität ein Monster in Ketten, das stetig versucht, sich loszureißen.

Dieses Monster – das ist die Drogensucht der eigenen Mutter. Der junge Filmemacher Adrian Goiginger hat mit dem autobiografischen Drama Die beste aller Welten seine eigene schmerzliche, entbehrungsreiche Kindheit verfilmt – und einen der stärksten österreichischen Filme seit Indien auf die Leinwand gebracht.

Das Fenster in die Vergangenheit ist auf eine Episode aus Adrians Volksschulzeit gerichtet – und damit auf einen einschneidenden Wendepunkt in seinem und dem Leben seiner Mutter Helga. Das mit Mama irgendetwas nicht stimmt, ist dem kleinen Jungen klar. Was es genau ist, kann er nicht sagen. Es ist ein Gefühl des Verlassenseins, des willkürlich Bedrohlichen und Unberechenbaren. Ein Dämon, der das Zeug dazu hat, größer zu werden. Wie ein Feuer, das den Phönix zur Asche verwandeln kann. Keine Ahnung, ob aus dieser Asche wieder neues Leben entsteht. Das weiß Adrian nicht. Und er weiß auch nicht, was all die Freunde Mamas jeden Abend in der eigenen Wohnung zu suchen haben. Sie sind einfach da, genauso wie die Sucht. Sie trinken, machen Musik, schreien herum, schlafen viel. Dunst und Rauch hängen im Wohnzimmer der frühen Neunzigerjahre. Die Männer sind vertraut, das schon. Aber gleichermaßen unbequem. Adrian muss sich anpassen. Ein Kind, das sich dem Leben an sich anpassen muss, hat auch noch die widrigen Umstände seines Zuhauses zu akzeptieren. Oder ist das Umfeld für Adrian nicht anders als für jemand, der ohne suchtkranke Vorbilder aufwächst? Helga tut was sie kann, um ihren über allem geliebten Sohn die Beste aller Welten zu schenken. Doch die Beschaffenheit von Heroin und der damit einhergehende soziale wie körperliche Abstieg machen diesem Ideal in einer kaputten Welt einen Strich durch die Rechnung. Es ist wie die Quadratur des Kreises, wie das Ei des Columbus, ohne deren Schale zu beschädigen. Eine Unmöglichkeit.

Unmöglich scheint auch, wie der Regisseur aus seiner zutiefst persönlichen Lebenserfahrung einen zutiefst ehrlichen, wuchtigen Film gezaubert hat. Ganz großes Kino, vor allem Schauspielkino, denn die Leistung des kleinen Jeremy Miliker ist von einer überzeugenden Wahrhaftigkeit, dessen einzige Erklärung die eines Naturtalents sein muss. Dabei stellt sich mir die Frage: Wie schaffen es Filmemacher überhaupt, Kinderdarstellern die Anforderungen einer derart schwierigen Rolle zu vermitteln? Der authentischen Verkörperung eines sich völlig nachvollziehbar verhaltenden Jungen inmitten von Drogen- und Alkoholkonsum, Gewalt und Tod muss ein empathisches Verständnis der Rolle zugrunde liegen. Dass ein Kind von gerade mal 8 Jahren das Ausmaß seine für ihn fremde Realität im Film dennoch dermaßen begreifen kann, ist einerseits schwer beeindruckend. Andererseits: können es die Eltern verantworten, ihr Kind – und sei es auch nur an einem Filmset – Extremsituationen auszusetzen wie in Die Beste aller Welten dargestellt wird?

Überhaupt sind Kinderdarsteller ein Phänomen. Vielleicht, weil sie sich in fiktive Welten viel besser integrieren können als Erwachsene, wirken sie oftmals so, als wären sie das, was sie darstellen, auch in ihrem realen Leben. Da ist Wunderkind Jeremy Miliker ganz vorne mit dabei. Ebenso Verena Altenberger ist nicht weniger ein Erlebnis wie ihr Filmsohn. Zwischen beiden gibt es eine Harmonie, welche dem Film eine Intensität verleiht, für welche die Arbeiten von Susanne Bier charakteristisch sind. Die dänische Künstlerin ist bekannt für schwere, komplexe Stoffe. Goigingers Film ist ähnlich gewichtig, erschütternd und herzzerreißend. Aber irgendwie auch viel leichter und von einer Natürlichkeit, die den Film niemals prätentiös oder getragen wirken lässt.

Mit Die Beste aller Welten hätte das Filmland Österreich tatsächlich wieder mal Chancen auf einen Auslandsoscar – so virtuos und nahbar ist dieses Stück erlebte Kindheit geworden.

Die beste aller Welten

Hell or High Water

DIE RÜCKKEHR DES NEW HOLLYWOOD

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hellorhighwater

Es war ungefähr gegen Ende der Sechziger – eine Gruppe junger, aufstrebender Filmkünstler erteilten dem starren Korsett vorangegangener Kinojahrzehnte eine Absage. Angeregt durch die in Frankreich um sich greifende Ära der Nouvelle Vague mit Vorreiter Francois Truffaut, der mit dem urbanen Thriller Außer Atem den Grundstein für einen Paradigmenwechsel gelegt hat, scharten sich die jungen Wilden, wie sie genannt wurden, um den Regiestuhl und gingen darauffolgend mit ihren Werken in die Filmgeschichte ein. Zu diesen jungen Wilden gehörten Steven Spielberg, George Lucas, Stanley Kubrick, Martin Scorsese, Francis Ford Coppola, Sidney Lumet, um nur eine Handvoll zu erwähnen. Natürlich, einige von Ihnen sind mittlerweile im Blockbusterkino gelandet. Andere widmen sich nur mehr sehr persönlichen Themen, die sie ungeachtet irgendeines zu erwartenden Einspielergebnisses selbst produzieren können. Doch damals war aller Anfang neu, ungestüm und unbequem. Und vor allem eines – er zeigte das Bild eines Amerika, wie es im Grunde niemand sehen wollte. Frei von Illusionen, fern vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Das soziale Ungleichgewicht, das Versinken der amerikanischen Mittelschicht in der Armut, die Verzweiflung und die Lust, auszusteigen und dem System den Rücken zu kehren. Es waren Bilder, die ein Land im Niedergang und gleichzeitig aber auch im Umbruch zeigten. Revolutionäre des Films widmeten sich der kleinen Revolution, der aufmüpfigen Anarchie, die imstande war, aufzuzeigen, das irgendetwas verdammt falsch läuft. 

Jetzt, nach der Amtszeit Barack Obamas, der Finanzkrise 2008 und dem schwindenden Licht der neuen Regierungszeit unter Donald Trump kommen wieder Themen auf den Spielplan, die so gar nicht optimistisch in die Zukunft blicken. Der britische Künstler David Mackenzie (Young Adam, Hallam Foe) lässt in seinem sozialkritischen Neo-Western einen alternden Jeff Bridges mit Hang zur Selbstparodie einem kriminellen Brüderpaar hinterherjagen. Mackenzie schafft es sogar, mit seinem Werk in den Olymp der Oscar-Nominierten für den besten Film des Jahres 2017 einzuziehen. Ein Geheimtipp, der das große Rennen womöglich nicht gewinnen wird, sich aber wie ein Zugeständnis für die Rückkehr des New Hollywood anfühlt. So ähnlich, und mit unverhohlener Liebe zum Genre des nihilistischen Spätwestern, dirigiert Mackenzie einen sehr stimmigen Abgesang auf die Ideale aus einer Zeit, in der Revolverhelden und Outlaws zu Antihelden verklärt wurden. Diese kämpfende Klasse aber, reduziert auf ihr kriminelles Tun, hat an Beliebtheit verloren. Obwohl Mackenzie vieles, aber nicht alles so pessimistisch sieht wie seinerzeit Dennis Hopper in Easy Rider.

Chris Pine und Ben Foster spielen zwei Verlierer, die, von Kindheit an traumatisiert, in ihrem Leben die Arschkarte gezogen haben. Der eine ein Vatermörder, der andere pleite und nicht fähig, seine Familie zu ernähren. Der eine hat nichts mehr zu verlieren, der andere versucht verbissen, dem trostlosen Ist-Zustand eine Wendung zu geben. Umgeben vom staubigen Nirgendwo des Bundesstaates Texas suchen beide nach Genugtuung für ihr verpfuschtes Leben, auf ihren Fersen der Texas Ranger. Das Outlawdrama erinnert stark an Clint Eastwoods Meisterwerk Perfect World, nur ohne Geisel und dem Zynismus des 1993 entstandenen Thrillers. Zynismus gibt es übrigens so gut wie gar nicht in Mackenzie´s atmosphärischem Film, außer einigen Spitzen gegen den sozialen Missstand der Vereinigten Staaten – vor allem wenn Pine und Foster in ihrem Fluchtauto über verlassene Straßen brettern, gesäumt von überdimensionalen Werbeschildern, die Spitzenkredite von den Banken versprechen. Spätestens da wird klar – der amerikanische Traum ist ein schlechter Scherz und wird zum Ding der Unmöglichkeit. Was aber statt Zynismus dominiert, ist die gnädige Melancholie des drohenden Untergangs.

Das karge Kino des ausweglosen Aufstands bekommt mit Hell or High Water ein neues Lebenszeichen – allerdings eines, das mehr zur Vernunft zurückfindet als die radikalen Werke der 70er. Und so manches offenlässt. Amerikanisches Anti-Kino oder halbwildes Roadmovie – je nachdem. Jedenfalls ein Film, der sich für das, was er vorgibt zu sein, versöhnlicher zeigt als erwartet. Ein entidealisierrter Western im Gewand der Gegenwart. Die „perfekte Welt“, sie lässt sich kitten. Zumindest ist es ein Versuch wert.

Hell or High Water

Der letzte Tanz

HAROLD & MAUDE IN DER ANSTALT

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letztertanz

Nach Gusti Wolf und Susi Nicoletti wohl die letzte des Grande Dame-Cercles österreichischer Bühnenpräsenz: Erni Mangold. Die eben erst 90 Jahre jung gewordene Charaktermimin ist das beste Beispiel dafür, das eine hohe Anzahl an gelebten Jahren nicht gleichbedeutend ist mit tatenlosem Warten auf das unvermeidliche Lebensende. Ganz im Gegenteil, der Lebensabend birgt Überraschungen, zumindest mal für Kainz-Medaillenträgerin Erni Mangold. Sie darf sich glücklich schätzen, neben Publikumslieblingen wie Josef Hader oder Tobias Moretti die Film-, Fernseh- und Theaterlandschaft Österreichs immer noch mitzubestimmen.

Eine ihrer aussagekräftigsten und mittlerweile berühmtesten Rollen ist jene der Insassin einer geriatrischen Pflegeanstalt. In Der letzte Tanz spielt sie mit unverhohlener Leichtigkeit und Engagement eine vermeintlich demente Patientin hohen Alters, die, verlassen von ihrer Familie, im jungen Zivildiener Karl so etwas Ähnliches wie eine Seelenverwandtschaft entdeckt. Darüber hinaus aber auch jemanden, der ihr das Gefühl einer lange nicht empfundenen, menschlichen Nähe vermittelt. Soweit, so berührend. Doch der iranisch-stämmige Regisseur Houchang Allahyari, der womöglich geplant hat, so etwas Ähnliches wie Harold und Maude im Pflegeheim zu inszenieren, hält sich leider viel zu lange mit erzählerischem Beiwerk auf und vergisst dabei, sich ausreichend dem Kern der Geschichte zu widmen. Anstatt die tabuisierte Beziehung zwischen Alt und Jung zu vertiefen und sich einfach mehr Zeit zu nehmen, die Gefühlswelten der beiden Protagonisten für den Zuseher nachvollziehbar werden zu lassen, opfert Allahyari mindestens ein Drittel der gesamten Laufzeit dem Prozedere von Verhaftung und Inhaftierung des sträflichen Zivildieners, noch dazu in blassem Schwarzweiß. Um zu zeigen, dass dieser eine Straftat begangen hat, wäre eine knappe Einleitung ausreichend gewesen. Dafür hätte man nach der Episode in der Pflegeanstalt durchaus noch einen Prolog über die gerichtlichen Konsequenzen dranhängen können. So bleibt aber für den eigentlichen Film kein Platz mehr. Auch bleibt dadurch der Charakter des Zivildieners Karl ungreifbar und diffus, ja fast schon auf seine eigene Art unsympathisch. Erni Mangold allerdings spielt mit Bravour, kann aber an der Sperrigkeit der eigenwilligen Liebesgeschichte nichts ändern. Dazu lässt sich der Iraner Allahyari letzten Endes dann sogar noch dazu verleiten, den Skandal einer unrechtmäßigen Beziehung zu exhibitionieren.

Unterm Strich erreicht Der letzte Tanz nicht mal ansatzweise die Intensität von Filmen wie Harold und Maude – dazu scheint Daniel Sträßer als der Jungspund an der Seite von Erni Mangold sichtlich zu überfordert. In seiner Rolle und als Schauspieler. Doch das fehlende inszenatorische Timing des Filmes stellt die schauspielerischen Defizite aber sogar noch in den Schatten. Liebe zwischen den Generationen – aus dem Ansatz einer berührenden Beziehungschronik abseits der Norm wird aus dem Film sowohl ein halbherziges Justizdrama als auch ein halbherziges Anstaltsdrama, was so womöglich nie beabsichtigt war.

Der letzte Tanz