Ein verborgenes Leben

HIER STEHE ICH, ICH KANN NICHT ANDERS

8/10

 

RG-29_06575.NEF© 2019 Pandora

 

LAND: USA, DEUTSCHLAND 2019

REGIE: TERRENCE MALICK

CAST: AUGUST DIEHL, VALERIE PACHNER, TOBIAS MORETTI, KARL MARKOVICS, BRUNO GANZ, JOHANNES KRISCH, MATTHIAS SCHOENAERTS, ALEXANDER FEHLING, FRANZ ROGOWSKI U. A. 

 

Ich kann mich noch gut erinnern, als Terrence Malick nach 20jähriger Schaffenspause 1998 mit Der schmale Grat für Aufsehen gesorgt hat. Gefühlt alle namhaften Stars sind damals Schlange gestanden, um bei Malicks Film eine Rolle zu ergattern. Die Lobeshymnen für sein Kriegsdrama waren aber nicht nur seinem Comeback zu verdanken. Für Malick-Nichtkenner hielt Der schmale Grat einiges an neuen und nicht totgelaufenen Sichtweisen fürs Kino parat und konnte – zumindest mich jedenfalls – mit seinem philosophischen Diskurs überzeugen. Der schmale Grat zähle ich zu den besten Kriegsfilmen, weil so deutlich wird, wie der Mensch in einem für ihn geschaffenen Paradies ein Miteinander mit Füßen tritt. 

So manche Filme später dann, nach einigen seifigen Ausrutschern ins Kino und die Goldene Palme für The Tree of Life: die Rückkehr zu einer Qualität, für die Malick  zu Recht seinen Platz in der Filmgeschichte hat: Mit Ein verborgenes Leben hat sich der Künstler der Lebens- und Leidensgeschichte des Hitlerschwur-Verweigerers Franz Jägerstätter angenommen – und eine so visuell wie erzählerisch überwältigende Studie über die Essenz des Widerstands gegen eine ungerechte Gewalt kreiert. Das anders Interessante dabei: Malick besetzt für seinen Film bis auf wenige Ausnahmen durchwegs deutschsprachige, lokale Schauspielgrößen, die vielleicht jenseits des Sprachraums wenig Bekanntheit haben. Als Hauptprotagonist steht ihm August Diehl zur Verfügung, ihm zur Seite Valerie Pachner. In den Nebenrollen zumindest hierzulande illustre Namen wie Johannes Krisch, Karl Markovics oder Tobias Moretti. Bei Terrence Malick mitzuspielen dürfte für sie wohl ein wahrgewordener Traum gewesen sein. Dementsprechend legen sie sich auch ins Zeug – und bilden ein Ensemble, das Malicks Gedankengänge und sein Vorhaben, einen etwas anderen Heimatfilm zu erzählen, tatkräftig unterstützen.

Kinematographisch gesehen ist Ein verborgenes Leben ein Meisterwerk. Mit der weitläufigen Kulisse des zentraleuropäischen Alpenlandes, mit all seinen Almen, Bauernhöfen und dergleichen schafft der Regisseur ein exklusives, nicht oft gesehenes Ambiente einer zwar gemäldehaft stilisierten, aber intensiv naturverbundenen Lebensweise zwischen mühseliger Landwirtschaft und entrücktem Kindertraum von einer Insel der Seligen am Land. Wie er das einfängt, mit seinen typischen Weitwinkelaufnahmen, die er nahe ans Geschehen rückt und seinem scheinbar intuitiven Schnitt der Szenen, die das Wesentliche geradezu herausschälen, ist von akkurater Raffinesse. In dieser so fremden wie vertrauten Welt sind Bürgermeister, Müller, Dorfpfarrer oder die Töchter Jägerstätters wie Reflexionen eines zerbrochenen Spiegels, erhaschte Fragmente einer Erinnerung eines bereits Hingerichteten und der Endlichkeit erhaben. Das ist fast schon messianisch. Für diese Interpretation spricht auch die Szene mit NS-Richter Bruno Ganz, der wie Pontius Pilatus den Andersdenkenden fragend auf die Probe stellt.

Wobei ich zugeben muss, dass mir die Entscheidung des selig gesprochenen Landwirts, offenen Auges in den Tod zu gehen, und zwar für ein Lippenbekenntnis, das in keinster Weise das Herz berührt, schwer fällt nachzuempfinden. Die eigene Familie im Stich lassen? Für mich ein Ding der Unmöglichkeit. Jägerstätter ist kein Prediger, vielmehr ein stiller, unbeirrbarer Leider, der sich für die Klarsicht auf Recht und Unrecht opfert. Auf lange Sicht und der Zeit geschuldet ein denkwürdiges Manifest des Schweigens. Zu Lebzeiten womöglich verbohrter Egoismus. Gerade diese Ambivalenz macht das Ganze noch interessanter.

Terrence Malick hat eine langsame (aber nie langweilige), hypnotische Meditation entworfen. Eine Bilderflut, auf die man sich einlassen wird. Die viel Sitzfleisch erfordert, und die gar nicht darauf aus ist, Jägerstätters radikalen Entschluss zu verstehen. Die aber fesselt, berührt und nachdenklich stimmt.

Ein verborgenes Leben

Am Ende des Tages

DER FREUND VON FRÜHER

7,5/10

 

amendedestages© 2011 Thimfilm

 

LAND: ÖSTERREICH 2011

REGIE: PETER PAYER

MIT NICHOLAS OFCZAREK, SIMON SCHWARZ, ANNA UNTERBERGER U. A.

 

Bei meinen Reviews versuche ich stets, so gut es geht allen Spoiler-Versuchungen großräumig auszuweichen, sodass meine Beiträge auch gelesen werden können, auch wenn der betreffende Film noch nicht zur Sichtung kam. Bei dem österreichischen Thriller Am Ende des Tages ist es wirklich sehr schwierig, nicht zuviel zu verraten. Worüber ich aber rezensieren kann, das sind die Schauspieler – und das Genre des Streifens, der eigentlich weitaus mehr ist, als die Synopsis vermuten lässt. Was Peter Payer´s Roadmovie eben auch ist: ein Werbefilm für Österreich. Wir sehen einen österreichischen Politiker, gespielt von Simon Schwarz, der im schulterklopfenden Erfolgstaumel eines Sebastian Kurz kurz davor steht, in den Nationalrat einzuziehen, steht die Riege einflussreicher Politbonzen doch hinter ihm und hofiert, dass die Parlamentsbänke krachen. In kessem Schwarz und mit überheblichem Gutmenschen-Grinser will Robert in Tirol ein angenehmes Wochenende verbringen, gemeinsam mit seiner Frau und zukünftigen Mutter, die Tochter superreicher Eltern. Vielleicht zwischendurch ein Interview mit dem Magazin Profil, aber sonst will das exklusive Paar zwischen den Gipfeln Westösterreichs so ziemlich für sich sein. Sie fahren mit dem Auto – also quer durch das schöne Land von Mozartkugel und Arnold Schwarzenegger. Und da geizt der Film natürlich nicht mit panoramaformatierten Reizen, von den agrardominierten Niederungen des Ostens bis zu den schneebedeckten Gipfeln des Westens. Auch Salzburg darf seine Schokoladenseite präsentieren, und irgendein See im Salzkammergut, in dem sich gut baden lässt. Tourismuswerbung all inclusive, das Budget des Filmes dürfte damit schon auf der Haben-Seite sein. Doch warum eigentlich nicht, was das Filmland Österreich hat, das hat es. Und es hat nicht nur wohlgeteerte Autobahnen und Freilandstrassen, sondern auch Schauspieler, die, während sie fahren und an Tankstellen und Raststationen halten (Danke Landzeit und BP), ein recht subversives, garstiges Drama vom Zaun brechen, das als Stalkerthriller alleine zwar auch sehr gut funktioniert, mit den Seitenhieben einer Politsatire aber noch besser punktet. Und das überrascht mich dann doch.

Was mich weniger überrascht, ist Nicholas Ofczarek´s famoses Spiel. Stets in seiner Rolle, wunderbar nuanciert, ekelhaft gut: der Sohn österreichischer Opernsänger ist ohnehin als Qualitätsgarant auf Bühnen, im Kabarett und im Fernsehen eine stets Erwartungshaltungen erfüllende Kunstfigur. Immer mit dem Hang zum Vulgären, Absonderlichen, Brutalen. Aber niemals plump, stets überlegt und mit cleverem Pfiff. Genauso legt der schwerfällig scheinende Hüne auch seine Rolle des vermeintlichen Psychopathen Wolfgang an, der seinem ehemaligen Jugendfreund scheinbar zufällig über den Weg läuft, um ihn dann nicht mehr aus den Augen zu lassen. Was für ein Stalker unter der sommerlichen Sonne, der sich noch dazu in Frauenkleider zwängt und dem werdenden Polit-Star fortan mit unangenehmen Fragen konfrontiert, von dessen Inhalt selbst die neureiche Kathi keinen blassen Schimmer hat. Simon Schwarz allerdings stößt bei seinem Spiel des souveränen Weltmenschen manchmal an seine Grenzen, da wirkt sein Spiel aufgesetzt und schulisch. Darstellerische Fehler, die er in anderen Szenen aber wieder wettmacht.

Die kompakt konzipierte, schneidige Story nimmt von Anfang an und im wahrsten Sinne Fahrt auf, hat keinerlei Verschnaufpausen notwendig und führt den etwas anderen Politthriller zu einem konsequenten, schlüssigen Finale, das sogar ein bisschen an Roman Polanski´s Der Tod und das Mädchen erinnert. Um Wahrheit geht es hier, um Ehrlichkeit und Verdrängung. Um weiße Westen und die Gier nach Macht, die jeden selbstherrlichen Orator in die Politik drängt.

Ich hätte nicht vermutet, hinter Am Ende des Tages einen so differenzierten Mix aus mehreren Genres vorzufinden. Einen schnittigen Thriller, der vieles will, dieses Viele klug komprimiert und eigentlich alles erreicht, was er sich vorgenommen hat. Inklusive Wetterpanorama von unserem schönen Österreich.

Am Ende des Tages

Die beste aller Welten

DER DÄMON DER KINDHEIT

8/10

 

Die_beste_aller_Welten_Pressefoto_15@ Filmperlen

 

LAND: ÖSTERREICH 2017

REGIE: ADRIAN GOIGINGER

MIT JEREMY MILIKER, VERENA ALTENBERGER, LUKAS MIKO, MICHAEL FUITH U. A. 

 

„Ich werd´ dich nie vergessen, Kindheit“ – so lautet der Refrain eines Songs des österreichischen Musikers Peter Cornelius. Wie wahr, unser Erwachsenwerden bleibt unvergessen. Die ersten Dekaden eines Lebens sind die schwierigsten. All das, was sich in den ersten zehn Lebensjahren ereignet, prägt die Persönlichkeit, die Sicht auf die Welt, den Geist und den Verstand. Das Erwachsenwerden im Grundschulalter ist schon schwierig, undankbar und angsterfüllt genug. Magisches Denken kommt dazu. Und ein Selbstbewusstsein, das erst wachsen muss. Eine unwirtliche Gesetzmäßigkeit. Auch dann, wenn der Haussegen gerade hängt, das Elternhaus intakt und das Dach über dem Kopf ein dichtes ist. Ist die Zuflucht namens Familie, das Umfeld des Aufwachsens. instabil, schleichen sich Dämonen ins junge Leben. Und eine irreale, bessere Welt tut sich auf. Nur sichtbar für das Kind, das in dieser Welt kein Kind mehr ist, sondern ein Held. Ein Krieger, ein Siegfried. Mit stahlharten Muskeln, bis an die Zähne bewaffnet. Ausgestattet mit Bogen und einem magischen Pfeil, der die Bedrohung in Schach hält und das Böse stets bezwingt. In dieser besseren, anderen Welt ist die destruktive Finsternis der Realität ein Monster in Ketten, das stetig versucht, sich loszureißen.

Dieses Monster – das ist die Drogensucht der eigenen Mutter. Der junge Filmemacher Adrian Goiginger hat mit dem autobiografischen Drama Die beste aller Welten seine eigene schmerzliche, entbehrungsreiche Kindheit verfilmt – und einen der stärksten österreichischen Filme seit Indien auf die Leinwand gebracht.

Das Fenster in die Vergangenheit ist auf eine Episode aus Adrians Volksschulzeit gerichtet – und damit auf einen einschneidenden Wendepunkt in seinem und dem Leben seiner Mutter Helga. Das mit Mama irgendetwas nicht stimmt, ist dem kleinen Jungen klar. Was es genau ist, kann er nicht sagen. Es ist ein Gefühl des Verlassenseins, des willkürlich Bedrohlichen und Unberechenbaren. Ein Dämon, der das Zeug dazu hat, größer zu werden. Wie ein Feuer, das den Phönix zur Asche verwandeln kann. Keine Ahnung, ob aus dieser Asche wieder neues Leben entsteht. Das weiß Adrian nicht. Und er weiß auch nicht, was all die Freunde Mamas jeden Abend in der eigenen Wohnung zu suchen haben. Sie sind einfach da, genauso wie die Sucht. Sie trinken, machen Musik, schreien herum, schlafen viel. Dunst und Rauch hängen im Wohnzimmer der frühen Neunzigerjahre. Die Männer sind vertraut, das schon. Aber gleichermaßen unbequem. Adrian muss sich anpassen. Ein Kind, das sich dem Leben an sich anpassen muss, hat auch noch die widrigen Umstände seines Zuhauses zu akzeptieren. Oder ist das Umfeld für Adrian nicht anders als für jemand, der ohne suchtkranke Vorbilder aufwächst? Helga tut was sie kann, um ihren über allem geliebten Sohn die Beste aller Welten zu schenken. Doch die Beschaffenheit von Heroin und der damit einhergehende soziale wie körperliche Abstieg machen diesem Ideal in einer kaputten Welt einen Strich durch die Rechnung. Es ist wie die Quadratur des Kreises, wie das Ei des Columbus, ohne deren Schale zu beschädigen. Eine Unmöglichkeit.

Unmöglich scheint auch, wie der Regisseur aus seiner zutiefst persönlichen Lebenserfahrung einen zutiefst ehrlichen, wuchtigen Film gezaubert hat. Ganz großes Kino, vor allem Schauspielkino, denn die Leistung des kleinen Jeremy Miliker ist von einer überzeugenden Wahrhaftigkeit, dessen einzige Erklärung die eines Naturtalents sein muss. Dabei stellt sich mir die Frage: Wie schaffen es Filmemacher überhaupt, Kinderdarstellern die Anforderungen einer derart schwierigen Rolle zu vermitteln? Der authentischen Verkörperung eines sich völlig nachvollziehbar verhaltenden Jungen inmitten von Drogen- und Alkoholkonsum, Gewalt und Tod muss ein empathisches Verständnis der Rolle zugrunde liegen. Dass ein Kind von gerade mal 8 Jahren das Ausmaß seine für ihn fremde Realität im Film dennoch dermaßen begreifen kann, ist einerseits schwer beeindruckend. Andererseits: können es die Eltern verantworten, ihr Kind – und sei es auch nur an einem Filmset – Extremsituationen auszusetzen wie in Die Beste aller Welten dargestellt wird?

Überhaupt sind Kinderdarsteller ein Phänomen. Vielleicht, weil sie sich in fiktive Welten viel besser integrieren können als Erwachsene, wirken sie oftmals so, als wären sie das, was sie darstellen, auch in ihrem realen Leben. Da ist Wunderkind Jeremy Miliker ganz vorne mit dabei. Ebenso Verena Altenberger ist nicht weniger ein Erlebnis wie ihr Filmsohn. Zwischen beiden gibt es eine Harmonie, welche dem Film eine Intensität verleiht, für welche die Arbeiten von Susanne Bier charakteristisch sind. Die dänische Künstlerin ist bekannt für schwere, komplexe Stoffe. Goigingers Film ist ähnlich gewichtig, erschütternd und herzzerreißend. Aber irgendwie auch viel leichter und von einer Natürlichkeit, die den Film niemals prätentiös oder getragen wirken lässt.

Mit Die Beste aller Welten hätte das Filmland Österreich tatsächlich wieder mal Chancen auf einen Auslandsoscar – so virtuos und nahbar ist dieses Stück erlebte Kindheit geworden.

Die beste aller Welten