Ben is Back

MUTTER COURAGE, U.S.

7,5/10

 

_DSC9362.ARW© Tobis Film 2019

 

LAND: USA 2018

REGIE: PETER HEDGES

CAST: JULIA ROBERTS, LUCAS HEDGES, COURTNEY B. VANCE, KATHRYN NEWTON U. A.

 

Er ist das Problemkind Hollywoods. Ob als Rabiatbruder in MID90s, als Vollwaise in Manchester by the Sea oder als gequälter Homosexueller in Der verlorene Sohn – Lucas Hedges hat, was seine Filme angeht, keine entspannten Jugendjahre. Und jetzt, jetzt ist er auch noch Ex-Junkie, schwarzes Schaf der Familie und unerwarteter Rückkehrer zur Weihnachtszeit, womit die holde Restfamilie wirklich nicht gerechnet hat. Nun, Mama Julia Roberts schon. oder sagen wir: sie hat es gehofft. Lucas Helges kann von Glück reden, so eine Filmmutter zu haben. Da gibt es ganz andere, zum Beispiel Carrie hat eine, die würde ich niemanden wünschen. Unsere Ex-Pretty Woman ist eine, die ihr Kind über alles liebt, egal was es anstellt. Solche Rollen kennen wir eigentlich von Meryl Streep, aber Julia Roberts kann das auch, und zwar fabelhaft gut. In Ben is Back ist sie die Fürsorge in Person, sich selbst zurücknehmend, aufopfernd, aber durchaus auch und nötigenfalls streng.

Tatsächlich aber steht das Kind der 90er unter der Regie seines alten Herren, nämlich Peter Hedges, seines Zeichens Autor so kultverdächtiger Stoffe wie Gilbert Grape. Seinen Sohn lässt er auf die schiefe Bahn kommen, sich mit Dealern anlegen und auf Entzug gehen, und dann, als alles danach aussieht, als hätte der Junge die Kurve gekriegt, kommt der Querschläger – und ruft Mama Roberts auf den Plan. Dieses Gespann, das spielt sich die Bälle zu, als hätte es weitaus mehr gemeinsam als den Arbeitsalltag am Set. Julia Roberts kann natürlich aus dem Vollen schöpfen, sie ist selbst Mutter, und wie schon einmal erwähnt werden ihre schauspielerischen Qualitäten im Laufe ihrer schillernden Karriere immer besser. Das Format einer Meryl Streep hat sie längst, sie zeigt sich genauso authentisch und scheint zu spüren, was sie vorgibt zu fühlen. Das macht Filmsohn Lucas Hedges auch, und deswegen ist Ben is Back längst kein Familienmelodram von der tränendrückenden Sorte, wie man sie bislang zur Genüge kennt. Das winterliche Krimidrama ist, relativ unüblich für so eine Art von Film, auf Zug inszeniert, sehr straff und eigentlich knochentrocken und auf klarsichtige Weise unprätentiös. Der Genremix tut dem Film erstaunlich gut, entlockt beiden Genres durchaus nicht oft gesehene Facetten und dröselt den gordischen Knoten eines unentkommbaren Dilemmas auf direkt künstlerische Art am Ende auf. Gewohnt bin ich so etwas eher von Einzelgängern wie Jacques Audiard oder Susanne Bier. Tatsächlich wirkt Ben is Back manchmal so, als wäre er ein Teamwork der beiden, vielleicht um eine Spur weniger erdiger und schmutziger, doch das muss Peter Hedges Film gar nicht sein, denn die soziale, krankhafte Finsternis einer labilen Existenz dringt in den abgesichert scheinenden, familiären Wohlstand und nicht umgekehrt. Das Eintauchen ins hoffnungslose Milieu der Drogen spart Ben is Back weitgehend aus, maximal streift der Film die Grenzen der Gefahr, die Julia Roberts fast schon versucht ist zu überschreiten. Das ist natürlich ein enormes Exempel an Selbstlosigkeit, ein Aufopfern für das eigene Fleisch und Blut. Dafür kann man gut und gerne eine Lanze brechen für so viel Familien-Impakt.

Ben is Back ist ein unerwartet intensiver Film aus blaugrauen, kalten Wintertagen. Und obwohl Weihnachten ist, zeigt sich das Fest der Liebe schaumgebremst wie selten. Stimmung kommt hier keine auf, maximal eine ungute, eine vorsichtige – und für manche auch ablehnende, denn der Stiefvater hält nichts von Bens Erscheinen. Herbergssuche sollte inklusive Lerneffekt mittlerweile ganz anders aussehen, vor allem zur stillen Nacht. Doch allein bleibt das Problemkind nicht, hat es doch Schutzengel Mutter an seiner Seite. Wird die Erzieherin aber zur Heldin? Das würde die Überzeichnung eines Ist-Zustandes implizieren, der das Brimborium eines gefeierten Kraftakts nötig hätte. Eine Mutter hat das nicht nötig, vor allem, weil Helden oft temporär solche sind. Und wir sehen: In Ben is Back geht es weniger um die schiefe Bahn junger Menschen. Dafür gibt es andere Filme. Wären es hier keine Drogen, wäre es etwas anderes. Das ist also austauschbar. Die Liebe zum Kind allerdings, die der packende Streifen thematisiert, die bleibt unverändert. Und lässt sich durchs nichts abhalten.

Ben is Back

Hard Powder

RACHE, AM BESTEN KALT SERVIERT

3/10

 

HARD POWDER© 2019 Constantin Film

 

LAND: GROSSBRITANNIEN, NORWEGEN, USA, KANADA 2019

REGIE: HANS PETTER MOLAND

CAST: LIAM NEESON, LAURA DERN, TOM BATEMAN, TOM JACKSON U. A.

 

Winter is coming. Zumindest in Hans Petter Molards Zweitverfilmung eines Thrillers, der im Original Kraftidioten heißt und mit Stellan Skarsgard damals einen Schauspieler gefunden hat, der in scheinbar stoischer Wut Rache übt. Einer nach dem anderen, so in der deutschsprachigen Übersetzung, ist ein Film nicht zwingend für kalte Wintertage. Vielleicht sogar mehr für den Sommer, um sich zumindest filmtechnisch abzukühlen. Was da an Schneemassen gepflügt werden, geht auf keine Skipiste. Gut, dass es eben Männer wie Filmvater Nils gibt, der sich durch die Unpassierbarkeiten des hohen Nordens kämpft. Und der von einem Tag auf den anderen seinen ermordeten Sohn beerdigen muss, der wiederum von Handlangern eines Drogenkartells aufgeknüpft wurde. Wer diese Killer waren, und was das Ganze mit dem toten Filius zu tun hat, das sind Fragen, die Nils nicht lösen kann. Also plant er den Suizid – bis sich fünf vor zwölf das Schicksal plötzlich wendet. Und der trauernde Papa zu den Waffen greifen kann.

Diese skandinavische Krimifarce konnte 2014 sogar noch den großen Bruno Ganz dafür gewinnen. Ein grimmiger Auszählreim voller Sarkasmus, ein blutiger Reigen sich aneinanderreihender Todesfälle, die allesamt nicht zufällig passieren, sondern im Strudel einer Vergeltungsspirale nach dem Domino-Prinzip einfach passieren. Keine Ahnung allerdings, warum Hans Petter Moland 5 Jahre später seinen recht gelungenen Film nochmal verfilmen muss. Womöglich, weil Übersee vom Original wenig weiß. Filme aus Europa sind dort nicht so der Bringer. Nicht, weil sie vielleicht nicht gerne gesehen werden wollen, sondern weil dort keiner Untertitel mag. Synchro-Studios gibt es auch keine, auf die Idee würde die USA niemals kommen, Fremdfilme zu übersetzen. Das britische Kino hat es da besser, die knapp 7000km Luftlinie über den Atlantik fällt da kaum ins Gewicht. Englisch ist Englisch, das wird in einen Topf geworfen. Das ist schon ein gewisser Kulturpatriotismus, eine Arroganz gegenüber einer vielfältigen Filmwelt, die mehr zu bieten hat als gewohnten Lokalkolorit. Die einzige Lösung: Zweitfilme. Mit selbem Inhalt, aber mit anderen Schauspielern, und an anderem Ort. Vorzugsweise gleich in Amerika. Und in amerikanischem Englisch. Weil um den Plot, um den ist es viel zu schade, war doch der Film hierzulande ein Erfolg.

Cold Pursuit heißt also die Kopie, und aus völlig unerfindlichen Gründen musste der Titel hierzulande in Hard Powder umgetextet werden. Wie jetzt? Vom Englischen ins Englische? Das ergibt keinen Sinn. Von solchen fragwürdigen Beispielen gibt es einige. ich sage nur: 96 Hours statt Taken. Womit wir schon bei Liam Neeson wären. Der kämpft sich in diesem Convenience-Aufguss mehr schlecht als recht, und vor allem schauspielerisch, durch eine scheinbar unüberwindbare Witterung. Neeson hat schon genug Rache geübt, das sieht man ihm an. So, wie er sich hier bis in die Chefetage durchmordet, hätte das Steven Seagal auch getan. So weit sind wir also schon gekommen. Schauspielerischen Ehrgeiz gibt es hier keinen mehr. Verheizt wird aber nicht nur Neeson, auch Laura Dern weiß in keiner Szene, was sie in diesem Film eigentlich macht – und zieht recht früh von dannen. Überzeugt also schon nicht das Staraufgebot in diesem Film, bleibt der Rest auch hinter den Erwartungen zurück. Hard Powder ist ein liebloses Thrillervehikel, fahrig inszeniert, grob abgespult, bleibt überhaupt nicht im Fluss. Chancen auf Neuverwertung eines Erfolges lässt man natürlich nicht ungenutzt, schon gar nicht als geschäftstüchtiger Filmemacher wie Molard einer ist. Aber sich selbst zu rebooten, wie es seinerzeit schon Ole Bornedal mit Nachtwache getan hat, um den Erfolg zu vermehren, hat für mich stets den Beigeschmack eines Ausverkaufs. Da ist das skandinavische Kino mit all seinen einzigartigen Ideen quer durch alle Genres ganz vorne mit dabei. Klar, aus diesem kreativen Füllhorn will jeder einen Becher voll. Wobei sich hier die Frage stellt: wer wen dazu genötigt hat, meist dem Original hinterherhinkende Kopien zu erstellen: der Künstler selbst, so wie unlängst Til Schweiger mit Honig im Kopf – oder das Studio? Eigentlich egal, wer Profit riecht und das Geld hat, schafft an.

Hard Powder

Can you ever forgive me?

FAKE IT OUT!

6/10

 

CAN YOU EVER FORGIVE ME© 2018 Twentieth Century Fox Film Corporation All Rights Reserved

 

LAND: USA 2018

REGIE: MARIELLE HELLER

CAST: MELISSA MCCARTHY, RICHARD E. GRANT, MARC EVAN JACKSON, BEN FALCONE U. A.

 

Würde ich Melissa McCarthy treffen, würde ich womöglich erkennen, dass sie gar nicht so viel anders ist als in ihren Komödien. Womöglich spricht sie, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Sagt was sie denkt, lässt sich nicht gängeln, dafür aber gerne provozieren. Und kann sicher auch ordentlich keifen. Filmemacher Ben Falcone, ihr Mann, hat das ideale Händchen für die Dame – ob das, was dabei herauskommt, anderen gefällt, ist ambivalent. In den USA kommt McCarthy ausnehmend gut an. Ihr derbes Auftreten unterhält die breite Masse – hierzulande finden wohl deutlich weniger Leute ihre ulkigen Eskapaden entsprechend witzig. Das liegt aber auch an den Filmen, die ihr an den Leib geschneidert werden. Wie hieß noch gleich diese Krimikomödie, wo sich die mollige Lady eine Einkaufstüte über den Kopf zieht? Tammy – eigentlich ein zweifelhaftes Vergnügen, wie all die anderen flapsigen Komödien unter der Fuchtel ihres Gatten. Und den Muppets-Sexkrimi The Happytime Murders habe ich mir gleich ganz verkniffen, laut den Unkenrufen diverser Rezensenten eine gute Entscheidung.

Nach all diesem Einheitsbrei klamaukiger Eskapaden war es für die von all dieser Routine gelangweilte Wuchtbrumme wohl an der Zeit, sich selbst zu beweisen, dass es auch anders gehen kann. Dass nicht nur schmissige Oneliner und slapstickhafter Overkill die einzigen Skills sind, die McCarthy beherrscht. Da gibt es doch noch die Nische mit den anspruchsvollen Rollen, die, wenn es sich anbietet, sogar noch auf wahren Begebenheiten beruhen. Mal ausprobieren! Was soll schon schiefgehen bei einem Film wie diesen, den das Leben schrieb, das wieder einmal für die kuriosesten Geschichten sorgt, die drehbuchtechnisch überhaupt verfasst werden können.

Can you ever forgive me? ist erstens die Verfilmung eines Bestsellers, und zweitens die Chronik eines meisterhaften Verbrechens. Und damit meine ich nicht das edelmütige Kavaliersvergehen wie der Diebstahl edler Artefakte, das die Oceans-Clique in diversen Hochglanzmovies verharmlost haben. Damit meine ich die Kunst des Fälschens und Feilschens. Wer kommt schon auf die Idee, die Korrespondenz von Marlene Dietrich, Noël Coward oder Dorothy Parker um einige knackig formulierte Statements zu erweitern? Wenn die wüssten, was ihnen in den Mund gelegt wurde. Womöglich hätten sie sich amüsiert gezeigt. Und hätten gestaunt, wie viel Kohle so ein Stück Papier, geschrieben auf diversen alten Schreibmaschinen und auf brüchig getrimmt, in Sammlerkreisen eigentlich machen kann. Rein durch Zufall kommt die erfolglose Biographin Lee Israel, die ihre Miete nicht mehr zahlen kann und eben fristlos entlassen wurde, weil sie eben spricht, wie ihr der Schnabel gewachsen ist, auf diese moralisch fragwürdige Idee, alle Welt hinters Leselicht zu führen. Doch es ist eine Idee, die, wenn es jemand realisieren kann, relativ schnell zu reichem Ertrag führt. Und wo die Gelegenheit Diebe macht, sind manche davon auch Fälscher. Wie Lee Israel eben, aneckende Außenseiterin mit Köpfchen, die gemeinsam mit dem schwulen Lebenskünstler Jack die Sache mit den Fake-Briefen zum flächendeckenden Geschäft werden lässt.

Was Lee Israel während ihrer selbst bezeichneten „schönsten Zeit ihres Lebens“ eigentlich noch nicht wusste, ist, dass diese der Stoff für ihren späteren Durchbruch werden wird. Mit Can you ever forgive me? landete die Journalistin einen Bestseller. Ihre kriminelle Ära hat sich also im Nachhinein nochmal bezahlt gemacht. Marielle Heller (The Diary of a Teenage Girl) hat Melissa McCarthy eine Frisur Marke Vetter It verpasst, die gute Frau in relativ geschmacklose Sackkleidung gesteckt und zwischen resignierendem Trotz und resoluter Improvisation fahrig umherirren lassen. Keine Frage, die bislang genrefixierte Komödiantin macht ihre Sache gut, und in ernsten Rollen wie dieser hat sie eindeutig mehr Charisma als in ihren sonst üblichen kurzlebigen Zerrbildern emanzipierter Aufmüpfigkeit. Zu sehen, mit welcher Hingabe ihre Version der Lee Israel die Tuchent der Moral dehnt, streckt und wendet, und damit aus dem Schatten ihrer eigenen Existenzangst tritt, entbehrt nicht einer gewissen verschwörerischen Sympathie, so misanthropisch die Betrügerin auch sein mag. Ihr bis ins Detail durchdachtes Konzept der Fälschung erinnert an Dr. Fritz Knobel und dessen Hitler-Tagebücher, den Uwe Ochsenknecht in Helmut Dietls Schtonk! so süffisant verkörpert hat. Nur was in Schtonk! noch die Satire einer True Story war, gerät in Can you ever forgive me? zur trottoirschlendernden, relativ schmucklosen Dramödie zwischen Buchhandlung und Zinshaus und kämpft oft mit der Zugkraft seines Plots. Dann ist der in graubraunen Straßenstaub getauchte Film ungefähr so spannend wie das Abstauben antiquarischer Ladenhüter. Dazu stiehlt Schauspielkollege Richard E. Grant McCarthy fast schon die Show – mit seinem windigen, exaltierten Auftreten als drogenvertickender, charmanter Taugenichts zeichnet er den realen Charakter des Jack Hock detailverliebt nach. Da wirkt unsere – so wie Grant – für den Oscar nominierte Hauptdarstellerin zwischendurch manchmal von der Ambition, ihrer Rolle gerecht zu werden, sichtlich überfordert. Möglich aber, dass das Lügen und Betrügen so sehr an den Neven zerrt, dass alle Beteiligten am Ende froh sind, wenn alles ans Licht kommt. Dass die gefälschten Briefe aber irgendwann mal mindestens genauso viel wert sein werden wie die Originale der Künstler, wage ich vorsichtig zu prophezeien. Und damit meine ich ganz besonders Dorothy Parkers Brief aus dem Jenseits.

Can you ever forgive me?

Nur Gott kann mich richten

DIE WUT DER VERZWEIFLUNG

8,5/10

 

nurgottkannmichrichten© 2018 Constantin Film

 

LAND: DEUTSCHLAND 2018

REGIE: ÖZGÜR YILDIRIM

CAST: MORITZ BLEIBTREU, BIRGIT MINICHMAYR, KIDA KHODR RAMADAN, EDIN HASANOVIC, PETER SIMONISCHEK U. A.

 

Alles für die Familie, oder nicht? Natürlich lässt sich dieser Leitsatz höchst unterschiedlich auslegen. In erster Linie habe ich hier gleich Marlon Brando vor Augen als Vorsitzender der italo-amerikanischen Mafia. In diesem Fall aber meine ich genau das, was unter Familie im biologisch-gesellschaftlichen Sinn zu verstehen ist: die Vernetzung und ewige Bindung, die das eigen Fleisch und Blut mit sich bringt. Vater, Bruder, Tochter, all das. Wenn alle Stricke im Leben reißen sollten, ist Familie das, was bleibt. Erschütternd für jene, die in dieser sozialen Basiskonstellation keinen Halt finden oder nie gefunden haben. Die stärkste Bindung ist aber die zwischen Mutter und Kind. Das ist natürlich nichts Neues, diese Intensität der Verbundenheit ist eigentlich überall auf der Welt gleich stark und unerschütterlich. Die Verpflichtung der Familie gegenüber, also Familie im weitesten Sinn, die verträgt global gesehen schon einige Diskrepanzen. In dem aufwühlenden Thriller Nur Gott kann mich richten ist die Treue zum nächstgelegenen Blutsverwandten sowohl Antrieb als auch Grund für einen verhängnisvollen Strudel in den Untergang.

Schauplatz ist ein düsteres Frankfurt am Main abseits aller Glasfassaden und Hochhäuser der Wirtschafts- und Handelsmetropole. Hier sind es dunkle Seitengassen, Lagerhallen und periphere Industrieviertel inmitten verwahrloster urbaner Ödnis. Spielhallen, Shisha-Bars und die Reviere türkischstämmiger Gangs. Da gibt es den Kriminellen Ricky, der mit seinem Bruder ein Ding dreht, dieses versemmelt und gleich zu Beginn in den Knast wandert. Womit wir die erste starke Bindung haben, nämlich die zwischen Brüdern. Moritz Bleibtreu als der Ältere, Edin Hasanovic als das Liebkind eines dementen, in schleichender Armut dahinsiechenden Übervaters, gespielt von Peter Simonischek in gewohntem Theaterdeutsch. Dieser Vater, der kann nur fordern, niemals danken. Die Pflicht des Sohnes den Altvorderen gegenüber, die hält den Tyrannen schadlos. Von einem ganz anderen Erzählstrang ausgehend bringt Regisseur Özgür Yildirim die alleinerziehende Mutter Diana ins Spiel, die eine Tochter hat, die an Herzinsuffizienz leidet. Dringend muss ein Spenderorgan her, doch das kann dauern. Es sei denn, Mama begibt sich auf illegalen Pfaden in den Sumpf des osteuropäischen Organhandels. Doch das wiederum kostet Geld. Geld, dass Diana, die gleichzeitig auch Polizisten ist, nicht hat. In Anbetracht dessen, dass das eigene Kind locker über allem, und eben auch über dem Gesetz steht, bleibt nichts unversucht, um für das Wohl des Nachwuchses zu sorgen. Als Cop in Uniform darf die von mir sehr geschätzte und stets famose Burgtheaterschauspielerin Birgit Minichmayr eine Rolle bekleiden, die sie meines Wissens so noch nie probiert hat. Mit diesem Genre des Film Noir betritt die Linzerin so gut wie Neuland. Und nicht anders zu erwarten meistert sie auch Genre des anspruchsvollen Actionkinos souverän. Dabei ist es nicht das erste Mal, dass Minichmayr und Moritz Bleibtreu gemeinsam vor der Kamera stehen. (Taking Sides – Der Fall Furtwängler, an der Seite von Harvey Keitel).

Beide Handlungsstränge also, die des Gangsters Ricky und der Polizistin Diana, winden sich durch den anonymen Moloch der deutschen Stadt, um wie vom Schicksal geprüft scheinbar rein zufällig aufeinanderzutreffen. Dieser Aufprall, diese Verstrickung, die sich daraufhin Bahn bricht, verselbstständigt sich auch relativ bald und erhält eine Dynamik, die ihre Protagonisten nur hilflos mit den Armen rudern lässt. Dabei entsteht das virtuose Erlebnis eines nihilistischen Thrillerdramas, das nicht weniger fesselt als die episodenhaften urbanen Kunststücke eines Paul Haggis und so dicht und konsequent die Fatalität kausaler Zusammenhänge zelebriert wie eben Breaking Bad oder Ben Affleck´s Kriminaldrama The Town. Dem deutsch-türkischen Tatort-Regisseur Yildirim ist ein Film gelungen, der mich richtig überrascht hat und den ich voller Überzeugung nicht nur als ein Meisterwerk des Neo-Noir-Genres bezeichne, sondern auch als einen der besten Thriller, die vor allem in den letzten Jahren in Deutschland entstanden sind. Beachtlich, wie Yildirim, der eben auch das Drehbuch schrieb, seine Tragödie verdichtet und die so verirrten wie irrenden Seelen aneinandergeraten lässt. Eine dramaturgische Komposition von immensem Spürsinn, was die Fliehkraft eines sich immer schneller rotierenden Malstroms betrifft, der einer Physik aus Rache, Gerechtigkeit und höheren Mächten folgt. Mit dabei ein Soundtrack aus wütenden Rap-Songs.

Bei Nur Gott kann mich richten scheint Gott tatsächlich eine Auszeit zu nehmen, denn die, die richten, sind jene, bei denen Blut dicker als Wasser ist, und sich opfern für das, was die Bande der Familie an Tribut fordert. Der nachtschwarze Thriller ist so tollwütig, rabiat und impulsiv wie ein emotionales Blackout oder wie ein Mord im Affekt. Zwischen all dem Toben ist es das Streben nach der Geborgenheit einer vertrauensvollen Zuflucht, einer ruhenden Konstanten, die jeder hier erlangen will und ohne die sonst alles im Chaos versinkt.

Nur Gott kann mich richten

Hotel Artemis

EIN HERZ FÜR VERBRECHER

4/10

 

hotelartemis© 2000-2018 Concorde Filmverleih GmbH

 

LAND: USA 2018

REGIE: DREW PEARCE

CAST: JODIE FOSTER, STERLING K. BROWN, SOFIA BOUTELLA, DAVE BAUTISTA, ZACHARY QUINTO, JEFF GOLDBLUM U. A.

 

In Anbetracht ihres selbstlosen Engagements für Notbedürftige ließe sich die ältere Dame mit dem Watschelgang ja gut und gerne mit karitativen Größen wie Mutter Theresa oder Ute Bock vergleichen – wenn wir die Klientel der Hilfesuchenden mal scheuklappenartig ausklammern würden. Doch das funktioniert vielleicht nicht ganz so gut, ist die dem Hochprozentigen nicht ganz abgeneigte, relativ verlebte Krankenschwester Jean Thomas einzig und allein für das körperliche Wohlbefinden diverser Schwer- und Leichtverbrecher verantwortlich, die in besagtem Hotel Artemis Zuflucht suchen. Diese Einrichtung ist Kopfteil eines baufälligen Hochhauses, beworben mit satter Leuchtreklame, inmitten eines tristen Los Angeles der Zukunft, in dem ein Aufstand geprobt wird, der einem Bürgerkrieg gleicht. Ein Zustand wie in John Carpenter ´s düsterem Klassiker Die Klapperschlange, oder als hätten wir wieder eine der Purge-Nächte durchzustehen. Aber immerhin gibt es eine Exekutive, die der ganzen Anarchie versucht, Herr zu werden. Umso schwieriger, wenn die bösen Buben und Mädels sich andauernd verarzten lassen, um erneut loszuschlagen. Aber was soll eine verlorene Seele wie Jean Thomas auch groß anderes machen, führt sie das spärlich besuchte Hotel wie die gutmütige Ausgabe einer Schwester Ratchet (ihr erinnert euch: Einer flog übers Kuckucksnest, Oscar für Louise Fletcher) und hat allerlei Spielregeln festgelegt, nach deren Pfeife selbst der Unterweltboss aller Unterweltbosse tanzen muss: Keine Waffen, keinen Streit, keine Toten. Ein Leo also, ähnlich wie das deutlich luxuriösere Elysium im Universum eines John Wick. Wenn dann aber plötzlich Killer und Zielperson gemeinsam das Etablissement aufsuchen, müssen Regeln einfach nur dazu da sein, um gebrochen zu werden. Mittendrin eine verzweifelt händeringende Jodie Foster, die nicht nur von ihrer Vergangenheit eingeholt wird.

Die seit Kindertagen in der Filmbranche umtriebige Jodie Foster, die hat sich für den dystopischen Thriller Hotel Artemis viele graue Haare wachsen lassen. Und nicht nur das – auch maskentechnisch hat die Gute Jahrzehnte übersprungen. Da eilt sie dahin, durch die spärlich beleuchteten Gänge eines alten, schmuddeligen Hotels im Art Deco-Stil, die Zimmer mit Palmenornamentik und Wasserfällen kunstvoll tapeziert. Jedes dieser Räume ausgestattet mit medizinischen Geräten am neuesten Stand, damit jeder kugeldurchsiebte oder aufgeschlitzte Gauner auch relativ diskret genesen kann. Die Grundelemente dieses Filmes, die wir hier zur Hand haben, mit denen ließe sich ja tatsächlich einiges anstellen. Nur Regisseur Drew Pearce war womöglich nicht so ganz klar, was genau. Wichtig dürfte womöglich gewesen sein, und wichtiger auch als alles andere, den Thriller so prominent zu besetzen wie möglich. Unter der Besetzungsliste finden sich Althasen wie Jeff Goldblum in der erschreckend blassen Rolle eines Geschäftsmannes, der da der Oberboss sein will, maximal aber so bedrohlich ist wie der Herr Sektionschef Lafite aus der lieben Familie, allerdings mit Schussverletzung. Und jede Menge trendiger Studiolieblinge wie Neo-Spock Zachary Quinto, Dave Bautista und die sinnliche Sofia Boutella, die szenenweise so richtig aufräumen darf. Spätestens bei diesen Sequenzen wird klar, dass Drew Pearce so etwas Ähnliches wie Gareth Evans machen wollte. So etwas wie The Raid. Die Besetzung eines Hotels, wo jeder gegen jeden antritt, und wo so viele Blutwunden versorgt werden wollen, dass Jodie Foster´s Krankenschwester-Figur unweigerlich in ein Burnout steuern würde, klingt natürlich reizvoll. Boutella fetzt wie Martial-Arts-Cop Rama im Abendkleid durch die roten Velourgänge und macht keine Gefangenen – beeindruckend bebildert, aber abgekupfert. Und als hätte Hotel Artemis nur begrenzte Zeit zur Verfügung, hudelt sich die Killerhatz mit Stethoskop und Wundverband zu einem fragmentarischen, ärgerlich unauserzählten Ende, das eigentlich nur eine Kompromisslösung sein dürfte – freiwillig bringt kein Regisseur sein Werk so derart geschludert bis zum Credit-Abspann. Und was noch mehr enttäuscht als die fadenscheinige Schundheftromantik eines Thrillers: Jodie Fosters gestelztes Spiel. Auch sie war schon mal um Hotellobbys besser, auch sie hatte schon mal mehr Subtext in petto als hier im weißen Kilt, der zwar relativ schnell blutig wird, aber sonst eigentlich für nichts anderes gut ist. Das Schicksal dieser Jean Thomas berührt obendrein nicht mal ansatzweise, was wohl an ihrer mangelnden Charakterisierung liegen mag.

Hotel Artemis ist wie der 90minütige Trailer zur einer ganz anderen, aber auserzählten Adrenalin-Social-Fiction, der vieles nachmacht und glaubt, dass Quantität in der Besetzung alle Lücken im Text wieder wettmacht. So viel Tupfer, Skalpell und Zwirn kann man gar nicht haben, um all das zu vernähen, was irgendwie wund läuft. Ein Teil des Ganzen aber bleibt verschontvielleicht, das Setting im Hintergrund, die Endzeit, die in explosionslastigem Kampflärm nebenbei erklingt. Das dramaturgische Kerngeschäft hingegen laboriert verblutend und wartet auf ein Pflegepersonal, das sich längt freigenommen hat.

Hotel Artemis

The Equalizer 2

EIN STURM ZIEHT AUF

6/10

 

Equalizer 2© 2018 Sony Pictures Entertainment GmbH

 

LAND: USA 2018

REGIE: ANTOINE FUQUA

CAST: DENZEL WASHINGTON, PEDRO PASCAL, BILL PULLMAN, MELISSA LEO U. A.

 

Er kocht, sinniert, liest Marcel Proust und hilft jugendlichen Sozialfällen auf den richtigen Weg. Fährt als diskreter Chauffeur betagte jüdische Immigranten durch die Gegend und auch sonst alle möglichen Leute, die mit sich selbst zu hadern haben. Er redet nicht viel, und wenn, dann muss es etwas Bedeutsames sein. Alles andere sind Gedanken, und Gedanken sieht man nicht, genauso wenig wie den eigenbrötlerischen Mann im dunklen Hemd und Mütze, der gar nicht auffallen will. Denn wenn er auffällt, ist es für die, die ihn zu spät bemerken, das letzte, was sie sehen.

Denzel Washington schlüpft zum zweiten Mal in die Rolle des Ex-Eliteagenten Robert McCall, der es sich besser als Jason Bourne gerichtet hat, indem er gestorben und so aus dem Sucher potenzieller Gegner verschwunden ist. Nur die wenigsten wissen von seiner zweiten Existenz. Die ist aber ein unbefriedigendes Vakuum zwischen Trauer, innerer Einkehr und dem Drang, das ungerechte Böse zu bekämpfen, egal wo es aufschlägt. Robert McCall, der Equalizer, ist brutal, scheinbar unbarmherzig und macht keine Gefangenen. Die blutigen Spuren, die er hinterlässt, sind die eines Todesengels. So wäre womöglich Death Wish der bessere Titel für Antoine Fuqua´s Kino-Adaption der gleichnamigen TV-Serie gewesen. An dem schon längst bewährten Duo Washington/Fuqua hätte sich Eli Roth für seine Neuauflage des Mannes, der rot sieht, einiges abschauen können. Hat er aber nicht – entsprechend misslungen ist sein Film geworden. Das lag mitunter am lustlosen Spiel von Bruce Willis, aber auch an der unschlüssigen Psychologie seiner Filmfigur. Da braucht es eben Leute wie Denzel Washington und eine astreine Zeichnung der Figur, die da meucheln und morden soll, alles für einen gute Sache wohlgemerkt, und für mehr Gerechtigkeit und Frieden in der Welt.

Der zweifache Oscar-Preisträger legt auch in dieses reißerische Thriller-Outfit seiner Figur alles hinein, was er schauspieltechnisch draufhat. Sein Aufenthalt unter den Top 10 meiner bevorzugtesten Schauspieler hat sich nach The Equalizer 2 wieder einmal positiv bestätigt. Washington spielt und changiert seinen Charakter gefährlich unaufgeregt bis an die Grenzen aufrechter Selbstgefälligkeit, das aber so überzeugend, dass ich diesem Robert McCall niemals auch nur im Traum widersprechen würde. Der ritterliche Assassine hat Charisma, ist von einnehmender, gar niederdrückender Dominanz. Eine erhabene Ikone, intellektuell und von einer gnadenlos konsequenten Läuterungsphilosophie belehrt. Wie ein Inquisitor gegen das Verbrechen bleibt die Folter allerdings außen vor, um sofort mit der Hinrichtung zu beginnen. Das mag natürlich einem Rechtsstaat widersprechen, das mag auch das Spektrum überlegter Konfliktlösungsalternativen ziemlich einschränken – die Gewalt selbst aber, die relativ drastisch über das Publikum hereinbricht, verbleibt als Notlösung gegenüber einer dunklen Seite, die den Dialog als Alternative ausschließen wird.

The Equalizer 2 ist ein herbstkalter, brutaler Thriller geworden – regennass, stürmisch und düster. Rauhkehlig wie beim Abgang eines Hochprozentigen, wolkenverhangen und lakonisch wie ein zynischer Independentwestern. Inspiriert von diesem Genre konzentriert sich Regisseur Antoine Fuqua auf das Offensichtliche, ohne das Warum und Wieso seiner Geschichte näher zu erläutern. Es reicht, wenn in Europa Killer ihr Unwesen treiben. Und ehrlich gesagt, wer braucht schon das Konstrukt einer austauschbaren Backgroundstory, angesichts der Tatsache, dass es niemanden wirklich interessiert, geht es doch hier nur um das Lindern sichtbarer Symptome, gemäß einer Aspirintablette an Kopfwehtagen, vor allem wenn ein Sturm aufzieht, da muss so manche Wetterfühligkeit gar nicht erst ausgiebig ergründet werden.

Diesen ausgewachsenen Sturm, und zwar ein wie es scheint tatsächliches Unwetter, nutzt Fuqua geschickt für sein Grande Finale. Zwischen wildgewordenen Wogen und klappernden Lattenzäunen irgendwo im verdammten Nirgendwo nahe Boston geht’s ans blutige Eingemachte. Da erinnert Washington´s Figur an Jean Reno in Leon – der Profi. Wie ein xenomorphes Monster, das nirgendwo und überall zugleich ist. Die beste Szene in einem Film, der sich anfangs etwas schwertut, seine Ansprüche umzusetzen, trotz eines stetig herannahenden Unwetters als schwelende Kulisse des Unbehagens. Das Ganze gerät etwas zu lang, zu zerstückelt der Alltag des rechtschaffenen Killers, zu halbherzig und entbehrlich die Episoden sozialen Bemühens. Auch ist die Figur des Robert McCall zu unerschütterlich, zu unantastbar, und dadurch vielleicht auch auf die Dauer zu langweilig. Zweifel in seinem Tun, die Schwermut in seiner Existenz hätte durchaus mehr Dämonen in seinem Leben vertragen, die den Equalizer vielleicht etwas angreifbarer und lebendiger gemacht hätten, so wie Joaquin Phoenix im vollendeten Thrillerkunstwerk A Beautiful Day. Im Vergleich dazu bleibt The Equalizer 2 zwar knochenhartes und spannendes, aber plakatives Rachekino, dass seinem Hauptdarsteller zu Füßen liegt.

The Equalizer 2

Death Wish

KEIN KILLER, DER NICHTS BÖSES DABEI DENKT

3/10

 

deathwish© 2018 Universum

 

LAND: USA 2018

REGIE: ELI ROTH

MIT BRUCE WILLIS, VINCENT D´ONOFRIO, ELISABETH SHUE U. A.

 

„Aus dem Weg, ich bin Arzt!“ – So etwas hören Passanten manchmal, wenn das Damoklesschwert schwindender Gesundheit auf offener Straße herniedersaust und Spezialisten auf den Plan ruft, die lebensrettende Maßnahmen einleiten. Bei Bruce Willis ist das etwas anderes. Der ist auch Arzt, aber leitet keine lebensrettenden Maßnahmen ein. Nicht auf offener Straße, und schon gar nicht „in the crowd“. Eher in den dunklen Seitengassen, und dort wird Leben verkürzt, weil die Justiz gelähmt hinter Paragraphen verharrt und die Exekutive machtlos ist. Und eigentlich alles wieder so sein sollte wie im wilden Westen, wo das Faustrecht Recht spricht und der Stärkere keinen tadelnden Fingerzeig dulden muss. Leute wie Bruce Willis haben genug mitgemacht, keine Frage.

Des Kinos Folterknecht Eli Roth hat sich eingebildet, unbedingt dem Selbstjustiz-Klassiker Ein Mann sieht Rot aus den 70ern Erste Hilfe leisten zu müssen. Ein Film, nachdem eigentlich nie jemand gefragt hat. Und der mit Ledergesicht Charles Bronson ohnehin schon top besetzt war. Das ist aber nicht die einzige Frage, die Death Wish – so das neue Original aus 2018 – unfreiwillg aufwirft. Aber womöglich denkt so manch ein Studio in Trump´schem Einmaleins, erfährt, dass das Original in den Kinos der 70er gut besucht war und das ganze proportional in die Jetztzeit hochrechnet. Dabei aber vergisst, einen völlig anderen Zeitgeist miteinzuberechnen, der die Kassen nicht unbedingt wieder laut klingeln lassen muss. Das Thema Rache allerdings ist anscheinend immer en vogue. Ist dem wirklich so? Könnte sein, der Mensch ist ja immer noch so ein impulsives, triebgesteuertes Wesen unter dem Mäntelchen scheinheiliger Kultiviertheit. Einmal nur leicht kratzen, schon fährt der Mensch seine Krallen aus. Wo geliebt und gelitten wird, da darf Gewalt Genugtuung fordern. Und Bruce Willis hat schließlich seine bessere Hälfte zu betrauern, während die Tochter im Koma liegt. Und das alles nur wegen raubmordendem Gesindel auf den Straßen.

Nur der Mann, der rot sieht, tut dies nicht sofort. Da vergeht einige Zeit. Die rentnerschwere Glatze, die wie so viele Schauspieler aus den Achtzigern ihr Ausdrucksrepertoire auf maximal zwei Mimiken eingespart haben, trauert erstmal, bangt natürlich um den Nachwuchs – zeigt aber nie diesen brennenden, wütenden, kaum zu beherrschenden Hass, der einem Menschen innewohnen muss, der dann plötzlich zur Waffe greift und das Böse auf der Welt kaltblütig wegmissioniert. So sehr diese Selbstjustiz-Szenarien auch mit plumpen Pathos und marktschreierischr Plakativität daherkommen – die Wandlung eines liebenden Familienvaters zum rechtschaffenen Killer ist eine durchaus schwierige Rolle. Eine Figur so glaubwürdig hinzubiegen verlangt Fingerspitzengefühl, psychologische Kenntnis und Erkenntnis, eine sich selbst übertreffende Leidensfähigkeit vor der Kamera. Das ist keine Performance auf Knopfdruck, das ist ein ganzes Spektrum an hochkochendem Verhalten. Vielleicht hätte das Bruce Willis früher einmal meistern können – mittlerweile aber ist der hier dargestellten rächenden Vaterfigur keine Sekunde zu glauben, was sie vorgibt, zu empfinden. Fehlt die psychologische Referenz, fehlt auch die Patrone im Magazin. Da mag geballert und seltsamerweise grausam gequält werden wie bei Eli Roth üblich – im Grunde macht der ganze Film nur „buff“ und „peng“, wenns hoch kommt dann vorne noch ein Fähnchen raus, auf dem steht, dass Rache auch keine Lösung ist. Aber das braucht der Film seinem enttäuschten Publikum gar nicht erst unter die Nase zu reiben. Für diese alttestamentarische Interpretation von Gerechtigkeit als Ausgleichssport für überlastete Akademiker gibt´s von meiner Seite keine mildernden Umstände.

Death Wish