Cops

MIT KANONEN AUF SPATZEN

6/10

 

cops© 2018 Filmladen

 

LAND: ÖSTERREICH 2018

REGIE: STEFAN A. LUKACS

CAST: LAURENCE RUPP, ANTON NOORI, ANNA SUK, MIRIAM FUSSENEGGER, ROLAND DÜRINGER, MARIA HOFSTÄDTER, MICHAEL FUITH U. A.

 

Es herrscht Krieg im Grätzel. Gewalt in den eigenen vier Wänden, und da sind Parteien, die den Hausfrieden stören. Schießt mal jemand scharf aus dem Fenster oder raubt die laute Musik des Nachbarn den Schlaf der anderen, ist die WEGA zur Stelle. Wiens Spezialeinheit für besonders hartnäckige Fälle, und die decken das ganze Spektrum an ungebührlichem Verhalten ab, bis hin zu den wohlgekannten Ausschreitungen beim Fußball. Vor allem da zählt die Wiener Einsatzgruppe Alarmabteilung, von welcher sich die Abkürzung auch ableitet, mehrere Mann hoch, bewaffnet mit Schild und Automatik, mit Schlagstock und Helm. Fast wie Ritter, wie die Wächter einer Festung. Das hat was Martialisches, starkes, mächtiges. So ausgebildet, gestählt und durchtrainiert, könnte Mann es mit Drachen oder Horden Untoter aufnehmen, wie zurzeit in Westeros. Da braucht es Männer mit Ehrenkodex, und mit der Gewissheit, für gefährliche Unterfangen auserwählt worden zu sein. Da braucht es belastbare Ideale und nicht totzukriegende Loyalität einem gerechten Zorn gegenüber. Das Dumme nur – manchmal fühlen sich jene bestimmt, hier mitzumischen, die mit ihrem Ego so ihre Probleme haben. Und die trotz Muckis und Schrankgröße vom Scheitel bis zur Sohle innen drin ganz klein sind, wie eine Kirchenmaus. Die gekränkt wurden, und das moderne Wächtertum dafür nutzen, um wieder größer zu werden.

Im österreichischen Copdrama von Stefan A. Lukacs tritt Burschi in die Fußstapfen seines Altvorderen Roland Düringer, der selbst bei der Polizei Dienst verrichtet und schon längst Schild und Helm gegen Diplomatie und psychologischer Kriegsführung eingetauscht hat. Gegengewalt durch physische Stärke oder gar präventives Gerangel mit verdächtigen Subjekten geht gar nicht mehr. Das sieht Bursche etwas anders. Und er trainiert, beweist sich und anderen, dass es zum harten Kerl reicht, und schafft die Prüfung zur exekutiven Elite, nur um im ersten Einsatz seiner Karriere an die Grenzen von Leben, Tod und Verantwortung zu stoßen. Burschi greift zur Waffe, um seinen Vorgesetzten zu retten – und tötet einen Menschen. Natürlich ist der Frischling erstmal ein Held, ein Beschützer. Doch war der fatale Eingriff wirklich notwendig? Das Leben eines anderen zu nehmen ist nichts, was sich zu einem Heldenmythos romantisieren lässt. Nichts dass sich durch entsprechende Rechtfertigung mildern lässt. Nach dieser unerwarteten Wendung wird alles anders für den Muskelprotz und aufgeräumten Krieger, für den geschäftigen Verteidiger der Freiheit und des Friedens. Vor allem ändert sich die Sicht der Dinge.

Cops ist bei weitem kein Actionfilm, nicht mal wirklich ein Thriller, obwohl er Anleihen hat. Cops ist ein hemdsärmeliges Psychodrama, welches das stereotype Soll eines harten Kerls hinterfragt. Und dabei herauszufinden versucht, was die Rambos, Bishops und Triple X´s im echten Leben zu dem macht, was sie sind. Und wie es hinter ihren meist tätowierten Muskeln eigentlich aussieht, ganz tief drin. Und wer dieses Männerbild eigentlich verlangt. Lukacs legt in manchen Momenten wirklich dort den Finger drauf, wo es wehtut. Lässt Laurence Rupp zwischen Panik und Absolution in den Spiegel blicken und ziemlich straucheln. Allerdings fehlt der Story etwas der Mut, wirklich zu differenzieren. Denn die Männer der WEGA, die sind hier, sofern sie nicht namenlos bleiben, Mitläufer, Vorspieler und von Minderwertigkeit zerfressene Gestalten, die sich entweder in einer Obsession verlieren oder so tun, als wären sie halbstarke Burschen, die den fiktiven Action-Unsinn aus dem Fernsehen leben wollen, wie schulpflichtige Buben an freien Nachmittagen. Mit Sicherheit lassen sich diese Psychogramme nicht über einen Kamm scheren. Hätte die WEGA Leute rekrutiert, die psychisch labil sind, würde das Konzept dahinter gar nicht funktionieren. Ich denke auch nicht, dass Cops Rekruten besagter Einheit, sofern sie den Film gesehen haben, überhaupt kompromittiert hat. Profis, die sich den urbanen Gefahren einer Großstadt stellen, wären fehl am Platz, würde sie das Bild, das Lukacs hier gezeichnet hat, in irgendeiner Weise stören. Die Männer der WEGA, die stehen da drüber, anders kann das gar nicht sein. Dann sonst hätten wir es mit Ego-Problemen zu tun, wie Burschi sie hat.

Cops

Die beste aller Welten

DER DÄMON DER KINDHEIT

8/10

 

Die_beste_aller_Welten_Pressefoto_15@ Filmperlen

 

LAND: ÖSTERREICH 2017

REGIE: ADRIAN GOIGINGER

MIT JEREMY MILIKER, VERENA ALTENBERGER, LUKAS MIKO, MICHAEL FUITH U. A. 

 

„Ich werd´ dich nie vergessen, Kindheit“ – so lautet der Refrain eines Songs des österreichischen Musikers Peter Cornelius. Wie wahr, unser Erwachsenwerden bleibt unvergessen. Die ersten Dekaden eines Lebens sind die schwierigsten. All das, was sich in den ersten zehn Lebensjahren ereignet, prägt die Persönlichkeit, die Sicht auf die Welt, den Geist und den Verstand. Das Erwachsenwerden im Grundschulalter ist schon schwierig, undankbar und angsterfüllt genug. Magisches Denken kommt dazu. Und ein Selbstbewusstsein, das erst wachsen muss. Eine unwirtliche Gesetzmäßigkeit. Auch dann, wenn der Haussegen gerade hängt, das Elternhaus intakt und das Dach über dem Kopf ein dichtes ist. Ist die Zuflucht namens Familie, das Umfeld des Aufwachsens. instabil, schleichen sich Dämonen ins junge Leben. Und eine irreale, bessere Welt tut sich auf. Nur sichtbar für das Kind, das in dieser Welt kein Kind mehr ist, sondern ein Held. Ein Krieger, ein Siegfried. Mit stahlharten Muskeln, bis an die Zähne bewaffnet. Ausgestattet mit Bogen und einem magischen Pfeil, der die Bedrohung in Schach hält und das Böse stets bezwingt. In dieser besseren, anderen Welt ist die destruktive Finsternis der Realität ein Monster in Ketten, das stetig versucht, sich loszureißen.

Dieses Monster – das ist die Drogensucht der eigenen Mutter. Der junge Filmemacher Adrian Goiginger hat mit dem autobiografischen Drama Die beste aller Welten seine eigene schmerzliche, entbehrungsreiche Kindheit verfilmt – und einen der stärksten österreichischen Filme seit Indien auf die Leinwand gebracht.

Das Fenster in die Vergangenheit ist auf eine Episode aus Adrians Volksschulzeit gerichtet – und damit auf einen einschneidenden Wendepunkt in seinem und dem Leben seiner Mutter Helga. Das mit Mama irgendetwas nicht stimmt, ist dem kleinen Jungen klar. Was es genau ist, kann er nicht sagen. Es ist ein Gefühl des Verlassenseins, des willkürlich Bedrohlichen und Unberechenbaren. Ein Dämon, der das Zeug dazu hat, größer zu werden. Wie ein Feuer, das den Phönix zur Asche verwandeln kann. Keine Ahnung, ob aus dieser Asche wieder neues Leben entsteht. Das weiß Adrian nicht. Und er weiß auch nicht, was all die Freunde Mamas jeden Abend in der eigenen Wohnung zu suchen haben. Sie sind einfach da, genauso wie die Sucht. Sie trinken, machen Musik, schreien herum, schlafen viel. Dunst und Rauch hängen im Wohnzimmer der frühen Neunzigerjahre. Die Männer sind vertraut, das schon. Aber gleichermaßen unbequem. Adrian muss sich anpassen. Ein Kind, das sich dem Leben an sich anpassen muss, hat auch noch die widrigen Umstände seines Zuhauses zu akzeptieren. Oder ist das Umfeld für Adrian nicht anders als für jemand, der ohne suchtkranke Vorbilder aufwächst? Helga tut was sie kann, um ihren über allem geliebten Sohn die Beste aller Welten zu schenken. Doch die Beschaffenheit von Heroin und der damit einhergehende soziale wie körperliche Abstieg machen diesem Ideal in einer kaputten Welt einen Strich durch die Rechnung. Es ist wie die Quadratur des Kreises, wie das Ei des Columbus, ohne deren Schale zu beschädigen. Eine Unmöglichkeit.

Unmöglich scheint auch, wie der Regisseur aus seiner zutiefst persönlichen Lebenserfahrung einen zutiefst ehrlichen, wuchtigen Film gezaubert hat. Ganz großes Kino, vor allem Schauspielkino, denn die Leistung des kleinen Jeremy Miliker ist von einer überzeugenden Wahrhaftigkeit, dessen einzige Erklärung die eines Naturtalents sein muss. Dabei stellt sich mir die Frage: Wie schaffen es Filmemacher überhaupt, Kinderdarstellern die Anforderungen einer derart schwierigen Rolle zu vermitteln? Der authentischen Verkörperung eines sich völlig nachvollziehbar verhaltenden Jungen inmitten von Drogen- und Alkoholkonsum, Gewalt und Tod muss ein empathisches Verständnis der Rolle zugrunde liegen. Dass ein Kind von gerade mal 8 Jahren das Ausmaß seine für ihn fremde Realität im Film dennoch dermaßen begreifen kann, ist einerseits schwer beeindruckend. Andererseits: können es die Eltern verantworten, ihr Kind – und sei es auch nur an einem Filmset – Extremsituationen auszusetzen wie in Die Beste aller Welten dargestellt wird?

Überhaupt sind Kinderdarsteller ein Phänomen. Vielleicht, weil sie sich in fiktive Welten viel besser integrieren können als Erwachsene, wirken sie oftmals so, als wären sie das, was sie darstellen, auch in ihrem realen Leben. Da ist Wunderkind Jeremy Miliker ganz vorne mit dabei. Ebenso Verena Altenberger ist nicht weniger ein Erlebnis wie ihr Filmsohn. Zwischen beiden gibt es eine Harmonie, welche dem Film eine Intensität verleiht, für welche die Arbeiten von Susanne Bier charakteristisch sind. Die dänische Künstlerin ist bekannt für schwere, komplexe Stoffe. Goigingers Film ist ähnlich gewichtig, erschütternd und herzzerreißend. Aber irgendwie auch viel leichter und von einer Natürlichkeit, die den Film niemals prätentiös oder getragen wirken lässt.

Mit Die Beste aller Welten hätte das Filmland Österreich tatsächlich wieder mal Chancen auf einen Auslandsoscar – so virtuos und nahbar ist dieses Stück erlebte Kindheit geworden.

Die beste aller Welten