Jay Kelly (2025)

FILMSTARS SIND AUCH NUR MENSCHEN

6,5/10


© 2025 Netflix Inc.


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: NOAH BAUMBACH

DREHBUCH: NOAH BAUMBACH, EMILY MORTIMER

KAMERA: LINUS SANDGREN

CAST: GEORGE CLOONEY, ADAM SANDLER, LAURA DERN, BILLY CRUDUP, RILEY KEOUGH, GRACE EDWARDS, STACY KEACH, JIM BROADBENT, PATRICK WILSON, GRETA GERWIG, ALBA ROHRWACHER, JOSH HAMILTON, EMILY MORTIMER, EVE HEWSON, LARS EIDINGER  U. A.

LÄNGE: 2 STD 12 MIN



Ist der erste Filme des neuen Jahres ein Orakel für die nächsten zwölf Monate? Wenn ja, dann hätte ich es weitaus schlechter treffen können, doch davon ging ich nicht wirklich aus, denn Noah Baumbach, so dachte ich mir, mag schon ein gewisser Garant für qualitative Filmprojekte sein. Obendrein hat der Autorenfilmer ein sehr sensitives Händchen, was zwischenmenschliche Dialoge betrifft. Er weiß, wie Wortwitz, Schlagfertigkeit und Konfliktsprache geht. Er weiß, wie Menschen inter-, re und sonst wie agieren. Was er vielleicht nicht ganz so gut weiß, ist, wie Menschen sich selbst finden sollen. Wie sie mehr oder minder ganz allein an eine Wahrheit gelangen, lediglich angetrieben durch das zum Zwecke der Selbsterkenntnis leicht interpretierbare Verhalten jener, die einen umgeben. In diesem Fall ist dieser Mensch niemand geringerer als Deluxe-Schauspieler und Superstar George Clooney, neuerdings mit französischem Pass unterwegs sein wird.

Clooney wollte wiedermal vor die Kamera, und zwar so richtig. Am liebsten eben mit Noah Baumbach, und warum nicht an seiner Seite einer, der schon längst bewiesen hat, dass er auch das ernste Fach versteht? Somit haben wir Adam Sandler. Vergessen sind die unterirdischen Klamaukkomödien, was haften, bleibt ist zum Beispiel Der schwarze Diamant der Gebrüder Safdie. Wir wissen auch, dass Baumbach Sandler bereits 2017 in The Meyerowitz-Stories (New and Selected) besetzt hat, einem tragikomischen Patchwork-Familiendrama, das sich sowohl inhaltlich als auch in punkto verbalem Schlagabtausch wirklich sehen lassen kann. Ähnliches probiert Baumbach nun auch mit dieser Nummer: Jay Kelly: Glamour-Independent mit Starpower im Arthouse-Fieber. Und lechzend nach europäischer Filmkunst, vorzugsweise jener Italiens.

Es ist nicht leicht, ein Star zu sein

Im Mittelpunkt und über zwei Stunden lang fast durchwegs im Bild spielt George Clooney mehr oder minder sich selbst, und das überzeugend. Er nennt sich Jay Kelly und alle Welt liebt und kennt ihn wie Humphrey Bogart, Marlon Brando oder Robert de Niro. Zumindest zwei davon werden auch namentlich erwähnt, Gesichter wie eines von Marcello Mastroianni oder Sophia Loren kann man erhaschen. Und – Überraschung – sogar Lars Eidinger lässt sich blicken. In seiner Rolle als „Fahrraddieb“, der von Clooneys Figur verfolgt wird, könnte sich gar ein versteckter Rebus verbergen – eine leise Hommage an den Neorealismus eines Vittorio de Sica, an das echte, unverstellte Kino Europas, dem Kelly hinterherjagt.

Nirgendwo kann er mehr hin, ohne erkannt und überrannt zu werden. Ein wortkarger Bodyguard folgt ihm auf Schritt und Tritt. Kelly lebt geschieden und hat zwei Töchter, die ausnahmsweise nicht in die Fußstapfen ihres Star-Papas treten, sondern jenseits des Showbiz ihre Zukunft sehen. Ein inniges Verhältnis hat der große Mann zu seinen Töchtern letztlich keines, weil, wie kann es anders sein, wenn der Ruhm rief, Papa auch selten zuhause war. Nun aber scheint Kelly dort angekommen, wo man normalerweise über das, was man erreicht hat, reflektiert, und das, was noch kommt, im Fokus neu justiert. Nach einer Auseinandersetzung mit einem Freund aus der Studienzeit, die ihn wohl zur Besinnung bringt und erdet, fällt dem älteren Herren nichts anderes ein, als mit dem Privatflieger seiner auf Europatrip befindlichen Tochter nachzureisen, um aufzuholen, was er versäumt hat. Mit dabei die ganze Entourage, auch Assistent Adam Sandler, der seine eigene Familie hintanstellen muss, weil er sein Leben dem des Stars unterordnet.

US-Independent auf Italienisch

Auf Reisen erfährt man natürlich mehr über sich selbst als sonst wo, mit Ausnahme einer Psychotherapie. Die Figur des Jay Kelly ringt also damit, die Rolle, die er als öffentliche Person zu spielen gedenkt, abzulegen. Er will Fehler wieder gutmachen, das Versäumte nachholen. Der Zug mag abgefahren sein, doch Clooney ist im letzten Moment noch aufgesprungen. So denkt er, im Dialog und in der eigenen Erinnerung, über sein Leben nach und dem Dasein als Figur des Ruhmes. Im Laufe des Selbstfindungstrips wird Kelly immer einsamer, Entourage und Familie – darunter Altstar Stacy Keach – bröseln weg, er selbst als Person wird reduziert auf das Wesentliche: Auf sich selbst. Dabei verlässt Noah Baumbach seine gewohnte Spielwiese der interagierenden Verhaltensstudie und sucht die Absolution im europäischen, vorzugsweise italienischen Kino. Passt das zusammen?

Nur bedingt. In der zweiten Hälfte des Films möchte Baumbach auf eine Weise seine Figur ins toskanische Sommerlicht rücken wie Paolo Sorrentino. La Grande Belezza fällt mir dazu ein. Von dieser barocken, metaphysischen Ästhetik, mit welcher der Italiener seine Figuren umgibt, ist Baumbach weit entfernt. Diese Sorgfalt erreicht er nicht, das Sprachliche ist immerhin seine Stärke. Den Übergang ins psychologische Kunstkino mag man honorieren, von Bewunderung ist aber nicht die Rede. Und auch wenn Clooneys Figur seinem unechten, inszenierten Alter Ego als Kelly den Rücken kehren will – letztendlich distanziert sich der Star zu wenig davon, mag die Rückbesinnung auf wahre Werte wie Freundschaft und Familie hinter dem Schauspielschaffen verschwinden. Als Vater und Freund will er sich identifizieren, als er selbst. Die Rolle des Stars lässt sich aber nicht wegrationalisieren, bleibt sie doch Teil des eigenen Ichs.

Jay Kelly (2025)

Der Moment der Wahrheit

EIN KNÜLLER UM JEDEN PREIS

7,5/10

 

momentderwahrheit© 2015 SquareOne/Universum Film

 

LAND: USA, AUSTRALIEN 2015

REGIE: JAMES VANDERBILT

CAST: CATE BLANCHETT, ROBERT REDFORD, STACY KEACH, DENNIS QUAID, TOPHER GRACE, BRUCE GREENWOOD U. A.

 

Was ist Wahrheit? Das hat schon vor mehr als 2000 Jahren ein römischer Statthalter gefragt. Und das fragen sich Journalisten seit Anbeginn ihrer Zunft: Wem oder was genau jage ich nach? Die Wahrheit – das ist etwas, das ans Licht kommen muss, wie auch immer. Der Nazarener ist die Antwort auf die Frage schuldig geblieben. Jene, die gegenwärtig für Aufklärung unter uns Otto Normalverbrauchern sorgen, bemühen sich aber, sie zu beantworten. Und beschaffen sich diese mit teils unlauteren Mitteln, verheimlichen Quellen, um diese zu schützen. Kommen dann mit der Wahrheit ans Licht, wenn die Umstände es verlangen. Jüngstes Beispiel: Ibiza. Die Art und Weise, wie Gesagtes in kürzester Zeit zum meinungspolitischen Zitatenschatz wurde, ist selbstredend eine zweifelhafte. Wenn aber das prognostizierte öffentliche Interesse größer ist als das Vergehen bei der Wahl der Mittel, tritt letzteres in den Hintergrund. Vorausgesetzt, das, was diese Mittel ans Tageslicht befördern, ist authentisch genug, um keine Zweifel an der Wahrheit zu schüren. Das scheint den Pseudo-Oligarchen wohl gelungen zu sein, denn jene Medien, die Mitte Mai die Bombe haben platzen lassen, konnten sich, nach sorgfältiger Prüfung, auch beruhigt zurücklehnen, um die Dinge ihren Lauf nehmen zu lassen. Anderen wiederum war das heiße Eisen wohl zu heiß. Nicht dass sie es nicht angepackt hätten. Doch heißes Eisen kühlt rasch aus, brennt in der Hand, hinterlässt Wunden. Zu früh fallengelassen ist jedenfalls nicht probiert. Allerdings aber auch nicht zu Ende gedacht.

Diese anderen, das waren die Journalistinnen und Journalisten einer renommierten Nachrichtensendung bei CBS. Für die investigative Reporterin Mary Mapes, die mit ihrem Bericht über die Foltermethoden im irakischen Gefängnis Abu Grab 2004 für Aufsehen sorgte, nahmen mutmaßliche Hinweise schön langsam Gestalt an. Und: sie könnten Einfluss haben auf die bevorstehende Wiederwahl von Präsident Goerge W. Bush. Diese Hinweise deuten an, dass der politisch stets mit der Tür ins Haus fallende Texaner Anfang der 70er Jahre gezielt vom Militäreinsatz in Vietnam abgezogen wurde. Besser noch – Bush wurde der Nationalgarde unterstellt, unter Protektion wohlgemerkt. Konsequentes Nichtwahrnehmen seiner Pflicht wurde unter den Teppich gekehrt. einer wie Bush, der musste, wie es aussieht, schon damals so gut wie gar nichts. Die Frage: stimmt das? Ist das die Wahrheit? Zwei Memos belegen das – sofern sie echt sind. Eigentlich egal, raus damit, wenn die Quellen sich schon sicher sind, was braucht es da noch für Überprüfungen. Ein fahrlässiger Fehler, wie sich bald herausstellen wird. Und ein Skandal, der plötzlich weite Kreise zieht, sogar alteingesessene Hasen wie Dan Rather (eine Art US-Armin Wolf) mit sich reißt und die berufliche Existenz so mancher gutmeinender Journalisten zerstört.

Der Moment der Wahrheit ist mit Robert Redford, Cate Blanchett und „Mike Hammer“ Stacy Keach schon mal prominent besetzt. James Vanderbilt hat ein Journalismus- und Mediendrama inszeniert, dass die Qualitäten eines Adam McKay erreicht. Wohl überlegt, nicht überhastet und geduldig rollt der Film eine Chronik der Tatsachen auf, die zwar jedweden Sarkasmus vermissen lassen, aber mit den Fakten alleine schon, und wenn sie auch noch so detailliert in die dramatisierte Version eines Skandals gestreut sind, zu fesseln weiß. Mag es nur ein hochgestelltes th sein, über das sich kritische Stimmen äußern. Mag es nur die Möglichkeit sein, die im Raum steht, dass besagte Beweislast politisch schöngefärbt ist – in diesem klugen Drama bekommt der Ehrenkodex des Journalismus fundamentzerstörerische Risse. Was darf man, was soll man, und wofür – stellt sich die Frage. Schlampigkeit ist fehl am Platz, Meinungsmache auch – und politische Mission sowieso. Aber wo ist die Grenze gezogen? Was ist richtig und was falsch? Zurückkommend auf Ibiza: in einem Moment der polemischen Euphorie bezeichnet unser Ex-Vizekanzler „Journalisten als die größten Huren unseres Planeten“. Mary Mapes und ihr Team wurden ähnlich beschimpft. In Der Moment der Wahrheit ist die Suche nah selbiger das Ziehen der Arschkarte, ist der Übereifer, dem Rest der Welt keine Tatsachen schuldig zu bleiben, das anscheinend Niederträchtigste, was es gibt. Allerdings – der Wille zum nächsten Knüller trägt die rosarote Brille des medialen Jagdinstinkts. Vanderbilt erzählt anhand dieses Beispiels von schwerwiegenden Fehlern, Gesichtsverlust und dem Ringen um Anstand. Blanchett gibt die verzweifelte, leidenschaftliche und unter Hochspannung stehende Reporterin gewohnt glaubwürdig, Redford an ihrer Seite gibt den letzten Schliff. In brisanten Zeiten wie diesen, wo Beeinflussung, (Neu)wahlkampf und politische Grabenkämpfe alles sind, ist die moralische Frage des journalistischen Auftrags dringender denn je. Dieser Film stellt sie, ohne Antworten finden zu wollen. Ohne ein Resümee zu ziehen. Dieses bleibt nämlich uns Sehern – und Wählern überlassen.

Der Moment der Wahrheit