Jahrhundertfrauen

GESCHLECHTERROLLEN IM WERTETAUMEL

8,5/10


jahrhundertfrauen© 2016 Splendid Film


LAND / JAHR: USA 2016

BUCH / REGIE: MIKE MILLS

CAST: ANNETTE BENING, ELLE FANNING, GRETA GERWIG, BILLY CRUDUP, LUCAS JADE ZUMANN U. A.

LÄNGE: 1 STD 58 MIN


Eigentlich ist Mike Mills selbst verfasstes Werteportrait aus den Siebzigerjahren mitunter einer der Filme, die spätestens zum Internationalen Frauentag aus den Streaming-Archiven geholt werden könnten. Jahrhundertfrauen – oder im Original 20th Century Women – bringt es zustande, über Geschlechterrollen zu sinnieren, ohne dabei auch nur ein einziges Mal in die Spurrillen oft gehörter Phrasen zu geraten, obwohl es derer genug gäbe auf dem Weg hin zu einem fortschrittlicheren und respektvollerem Wertebild, die sich der Mann von Morgen aneignen sollte. Dabei begegnet ihm die Frau oftmals mit Angriffslust. Nicht aber hier. Diese Jahrhundertfrauen haben es nicht notwendig, die entbehrungsreiche Figur des 20th Century-Mannsbildes mit militanter Gehässigkeit zu entmachten. Sie nutzen die Chance, dem Mann von morgen all die Dinge, auf die es ankommt, auf teils sogar unbewusste Art in ein witgehend vorurteilsfreies Bewusstsein zu rufen.

Dabei ist dieser junge Mann, um den es hier geht, lediglich noch ein Teenager von 15 Jahren, ein kluger Jungspund, der gemeinsam mit Mama Annette Bening in einer renovierungsbedürftigen Villa wohnt, deren Zimmer unter anderem an Greta Herwig alias Abbie vermietet werden. Das Mädchen Julie (Elle Fanning) wohnt zwar nicht da, ist aber ebenfalls ein gern gesehener Gast. Drei Frauen sind es: eine Fotografin und dem Krebs eben von der Klinge gesprungen, eine promiskuitive Blondine mit dominanter Mutter und eben Annette Bening, alleinerziehende Mittfünfzigerin und etwas ratlos, wenn es darum geht, den jungen Filius auf das Leben vorzubereiten. Da kommen ihr die beiden omnipräsenten Damen recht gelegen – die könnten doch unterstützende Vibes erzeugen, wenn es darum geht, die Welt mit differenzierteren Blicken zu betrachten.

Natürlich kann es leicht passieren, dass bei einem komplexen Thema wie diesem ein Film, der sich fast ausschließlich auf Dialoge verlässt, mit Binsenweisheiten und auch irrelevantem Geschwafel die Geduld des Zusehers strapaziert. Da braucht es eben einen Autor, der etwas ganz anderes, und eigentlich viel mehr will als „nur“ die Mechanismen proaktiven Feminismus zu erörtern. Nämlich: die Kunst des achtsamen Umgangs zu lehren. Grandios, wie Mike Mills seine Szenen setzt und seine Figuren das Wort erteilt, ihnen dabei aber nichts in den Mund legen muss, da diese aus eigener Überzeugung, und oft mit einer beiläufigen Selbstverständlichkeit, kluge Wahrheiten gelassen aussprechen. Dabei kreisen pointierte Dialoge, meist verankert in alltäglichen Situationen, um Erziehung, Elternschaft und obsoleten gesellschaftlichen Tabus. Ein bisschen erinnert der Stil und auch der Scharfsinn an Richard Linklaters Boyhood. Annette Bening gelingt wohl einer ihrer besten, wenn nicht ihre beste Performance. Dabei spielt sie weder eine Erkrankte, noch ist sie körperlich wie geistig beeinträchtigt noch ist sie sonst auch nur irgendwie eine Persönlichkeit, die aus dem Rahmen fällt. Eben weil Bening das nicht ist, sondern weil sie diese alleinerziehende und an sich selbst zweifelnde, ganz normale Person ist, findet sie diese unartifizielle Ausdrucksstärke. Das ist ausgereiftes Minenspiel nebst ausgereiften Szenen, die so wunderbar unverkrampft von so vielem erzählen, und die es knapp zwei Stunden lang schaffen, gleich mehrere Biographien anzureißen, ohne einander die Aufmerksamkeit zu stehlen. Hier findet sich diese zu vermittelnde Achtsamkeit selbst in inszenatorischer Hinsicht. Ein so unprätentiöses wie komplexes Werk also, das seinen wertschätzenden Imperativ auch filmtechnisch punktgenau umgesetzt hat.

Jahrhundertfrauen

Bernadette

KREATIV DURCH DIE KRISE

6/10

 

bernadette© 2018 Universum Film GmbH

 

LAND: USA 2018

REGIE: RICHARD LINKLATER

CAST: CATE BLANCHETT, BILLY CRUDUP, KRISTEN WIIG, EMMA NELSON, JUDY GREER, LAURENCE FISHBURNE, STEVE ZAHN U. A. 

 

Da sieht man mal wieder, das Geld allein überhaupt nicht glücklich macht. Diese Frau, Bernadette, hat alles, was man nur haben kann. Einen Gatten, der mit Microsoft (Achtung: dieser Film kann Produktplatzierungen enthalten!) große Kohle macht. Eine kluge Tochter, ein herrschaftliches Anwesen, da wird selbst die Addams Family neidisch. Und wenn Familie Fox mal in die Antarktis will, dann fliegt sie einfach in die Antarktis. Kostet doch nur mehrere tausend Dollar pro Person, das zahlt die Portokassa.

Bernadette, die war mal eine berühmte Architektin, eine Koryphäe auf ihrem Gebiet. Eine Visionärin und kreativer Kopf, wie es kaum einen zweiten in dieser fiktiven Realität gegeben haben kann. 18 Visionen will diese, bezugnehmend auf ihre Namensvetterin aus Lourdes mit ihren 18 Sichtungen, umsetzen. Doch schon Idee Nr. 2 hat ein trauriges Schicksal erleiden müssen. Und seitdem gibt’s keine Entwürfe mehr. Familie, Kind und Eigenheim, sowieso sehr extravagant und nach eigenem Geschmack eingerichtet, sollte zukünftig reichen. Tut es aber nicht. Eine Künstlerin wie Bernadette, die wird da ganz unrund. Wenn ein Sonderling also in die Midlife- bzw. Existenzkrise schlittert, dann haben wir es meist mit Woody Allen zu tun. Nein, diesmal ist es aber Cate Blanchett als verschrobene Sonnenbrillenträgerin (auch wenn’s bewölkt ist) und Hassobjekt der Nachbarin. Irgendwas muss sich ändern. Und wenn es die Reise an den Südpol ist, wovon die an Sheldon Cooper erinnernde Neurotikerin nur alpträumen kann.

Talk King und Coming of Age-Guru Richard Linklater meldet sich wieder zu Wort, und ja, auch relativ wortgewaltig. Gesprochen und diskutiert und natürlich auch gejammert wird viel, wie gesagt fast schon in Woody Allen´scher Manier, aber längst nicht so beseelt von raffiniertem Allerwelt-Zynismus. Cate Blanchett sucht ihre Identität, zwischen allerlei Baukunst, fenzy Interieur und auf Kosten vieler. Egoismus kann man ihr nicht wirklich vorwerfen – oder doch? Weltfremdheit zumindest? Ja, die vielleicht. Also sucht sie sich und ihre Leidenschaft fürs Leben, und gemäß der Weisheit, die uns auf jedem einschlägigen Spruchkalender, sofern wir einen haben, morgendlich entgegensinniert, bedarf es manchmal eines Orts- bzw. Perspektivwechsels. Hatte ich nicht die Antarktis erwähnt? Genau – dorthin verschwindet Bernadette plötzlich. Ohne Auf Wiedersehen zu sagen. Gut, wenn schon Auszeit, dann richtig. Allerdings hat Linklater aufgrund seines womöglich begrenzten Budgets Grönland der ewigen südlichen Eiswüste den Vorzug gegeben. Die Pinguine sind wahrscheinlich aus dem Tiergarten. Aber sei´s drum, so viel Low Budget muss sein. Es geht doch um die Message dahinter. Um den Frust von in die Enge getriebener Künstler. Die, sofern sie nicht was weiß ich was kreieren können, anderen auf den Wecker fallen.

Bernadette ist ein filmgewordenes Unterschriftesammeln für ein Mehr an Verständnis für jene, die nicht unbedingt das Rad neu erfinden, aber neu gestalten können. Die für mehr frischen Wind sorgen können – wenn man sie lässt – oder sie sich selbst lassen. Natürlich findet da Cate Blanchett vorzüglich in ihre Rolle, vielleicht aber auch, weil sie ein bisschen selber so sein könnte. Exaltiert, abenteuerlustig, und manchmal, wie jeder Mensch auch, von liebenswürdiger Nervigkeit.

Bernadette

Alien: Covenant

SKLAVE DES HIMMELS, HERR DER HÖLLE

6,5/10

 

aliencovenant

Regie: Ridley Scott
Mit: Michael Fassbender, Katherine Waterston, Billy Crudup

 

Auch wenn der Film zwar optisch alle Stücke spielt, dramaturgisch aber etwas hinkt, würde ich Fans der Alien-Reihe durchaus anraten, Ridleys Scotts Prequel-Erstling Prometheus nochmal zu Rate zu ziehen. Die Frischzellenkur für den 2012 veröffentlichten Auftakt einer den Alien-Mythos erklärenden Trilogie hat zumindest mir den Einstieg in Alien: Covenant leichter gemacht. Und auch der sehr wohl durchdachte Plot der Monstersaga erschließt sich nach nochmaliger Betrachtung fast naht- und fugenlos und macht darüber hinaus auch wirklich Sinn – sowohl für Prometheus als auch für Alien: Covenant. Was man vom Original und den danach folgenden drei Sequels nicht sagen kann. Sie zu kennen ist – wie auch cinema festgestellt hat – tatsächlich nicht vonnöten. Selbst Ridley Scott ignoriert sie. Mit Aliens – Die Rückkehr, Alien 3 und Alien –  Die Wiedergeburt will der Altmeister seinen Xenomorph-Kosmos nicht kontaminiert sehen und ignoriert sie daher auch völlig. Somit teilen sich die Storylines von Alien in mehrere Parallelen. Bei Cameron´s Fortsetzung haben die Monster – wie wir alle wissen – gleich einem Bienenstaat eine Königin, die all die Eier legt, aus denen die Facehugger schlüpfen. In Alien 3 hinterfragt David Fincher in keinster Weise irgendeine Storyline, sondern schafft im Rahmen eines dystopischen Thrillers die Variable einer biologischen Bedrohung. Und Jean-Pierre-Jeunet fabuliert überhaupt ein für sich alleine stehendes Kunstwerk, dass sich zur Zukunft der Genetik mit geradezu bösartigem Sarkasmus äußert. Allerdings hat Jeunet 1997 bereits Ridley Scotts inhaltliche Ambition vorweggenommen. In seiner sehr persönlichen und eigenen neuen Geschichte hat die Genetik einen mindestens ebenso hohen Stellenwert wie in Alien – Die Wiedergeburt. 

Also betrachten wir des Weiteren lediglich die ersten beiden neuen Kapitel Scotts unter der Lupe. In seiner düsteren, brillant bebilderten Planetenvision haben wir es mit einem viralen Pathogen zu tun, welches von den sogenannten Ingenieuren entwickelt wurde. Ob dieser Virus nun synthetisch oder natürlichen Ursprungs ist, bleibt auch nach Alien: Covenant ungeklärt. Wieso diese unglaublich anpassungsfähigen Mikrolebewesen in einem Raumschiff mit Kurs auf die Erde eingelagert wurden, verharrt ebenso als Akte X in den Annalen kosmisch-humaner Expansionsgeschichte. Was wir aber wissen, ist, dass es sich bei dem Pathogen um einen biologischen Allrounder handelt.

Dieses Virus, oder was immer es auch ist, kann alles. Alles zerstören und sich auf jede erdenkliche Art und Weise verändern, vermehren, anpassen und entstehen. Das egoistische Gen, das vor einiger Zeit der Darwinist Richard Dawkins als Ruler über uns Menschen theoretisiert hat, bleibt im Angesicht dieses höchst aggressiven Evolutionsbausteines so klein und arm wie eine Kirchenmaus. Beim Alien-Gen hat es die Menschheit mit einem Egoisten zu tun, der im Survival-Wettlauf of the Fittest die wohl effektivste Ellbogentaktik beherrscht., Dawkins, Charles Darwin oder Carl Sagan wären bei so einem Albtraum schweißgebadet in ihren Betten aufgewacht. So eine radikale Weiterführung ihrer entwicklungsbiologischen (Hypo)thesen hätten sie dann doch nicht haben wollen. Ridley Scott aber zeigt ihnen die kalte Schulter. Seine Biologie gewinnt Gold. Und macht aus Spezialisten, die wissen, wo in ihren evolutionären Nischen ihr Platz ist, Experten für globales Tabula Rasa. Das Alien in all seinen Auswüchsen – ob als Wurm, Pilzmyzel, Weichtier, Achtfüßer oder humanoider Drache – macht keine Gefangenen. Warum auch. Es ist ein egoistisches Gen, das bereit ist, alles zu vernichten. DAS ist natürliche Auslese. Alles andere ist Mumpitz. 

Ehrlich gesagt – anders wollen wir den Neomorph oder Xenomorph gar nicht sehen als etwas, das alles andere kaputt macht, bevor es selbst kaputt gemacht wird. Diesen Willen des Überlebens und Ausbreitens finden wir in so aggressiven Viren wie Ebola oder Malaria. Jetzt muss man sich folgendes vorstellen: Hätten irdische Viren das Zeug, sich zu Zellen zusammenzuschließen und sich körperlich zu manifestieren – dann, ja dann hätten wir ein Alien. Oder eines dieser Ausgeburten, je nachdem, womit wir diese Gene kreuzen. 

Die Vielfalt des Aliens könnte bereits ein kleines Lexikon füllen. Auch in Alien: Covenant haben wir es mit neuen Arten zu tun. Schön für die Wissenschaft. Schlecht für die unsäglich naiven Kolonisten, die aus Spaß an der Freude und eigentlich aus Bequemlichkeit heraus einen völlig unbekannten Planeten ansteuern und einem kryptischen Funkspruch nachstellen, der sie ins Verderben stürzt. Wie sehr man seinen Vertrag – seinen Covenant – missachten kann, dass zeigen Katherine Waterston (leider keine Sigourney Weaver), Billy Crudup und andere. Ihr Untergang ist hausgemacht, also hält sich mein Mitleid ziemlich in Grenzen. Leider hält sich auch die Monstershow in Grenzen. Wenn es hochkommt, dann zeigt sich das Vieh summa summarum aufregende 15 bis 20 Minuten. Eine Enttäuschung. Gut, diese Minuten sind das Kinoticket schon wert. Vor allem in den Bodyhorror-Szenen, in denen unter kaltem Neonlicht hysterische, bananenköpfige Babys mitsamt glitschiger Nachgeburt auf den Fliesenboden klatschen. So grausig es ist – da jubelt das Herz des Alien-Fans. Es jubelt auch, wenn Scott sein Original auf ehrerbietende Weise und mit Alien-Closeup genüsslich zitiert. Doch um das Alien geht es ernüchtenderweise nur sekundär. Alien: Covenant erzählt wider Erwarten eine andere Geschichte als bisher in diesem Kosmos. Das ist erfrischend, interessant und kurzweilig. Scott schafft es fast dreiviertel seines Filmes, sich nicht selbst zu kopieren. Alle Achtung. Was er sich ausgedacht hat, ist neu – und rückt den Focus auf die Schlüsselfigur des Androiden David aus dem Vorgänger Prometheus. Weniger auf die Kreatur selbst, die Mittel zum Zweck oder zufälliges Ergebnis wilder Experimente bleibt. Viel mehr konzentriert sich die Science-Fiction-Oper auf die Ambitionen eines Androiden, sich über seinen Schöpfer zu stellen – womit Scotts Themenradius um künstlich geschaffene Intelligenzen auch Richtung Blade Runner schielt. Der Weyland-Humanoiden träumt demnach zwar nicht unbedingt von elektronischen Schafen, aber immerhin von der Macht, Leben zu erschaffen. Sehr anthroposophisch, das Ganze. Aber gut durchdacht. 

Dennoch bleibt der Nachgeschmack nach Alien: Covenant zwar metallisch-blutig, aber durchwachsen. Ich will nicht sagen, dass die letzte halbe Stunde misslungen ist – doch dahingeschludert ist sie auf jeden Fall. Zum Showdown fällt den Drehbuchautoren nichts Neues mehr ein. Alles endet dort, wo das Original-Alien seine spannendsten Minuten hat. Und da wissen wir bereits, wie es endet. Schnell noch den Xenomorph erledigen, dann ab in die Kojen. Genauso fühlt es sich an – lieb- und ideenlos. Dabei hätte das nun perfekt getrickste Untier mehr Potenzial gehabt, um auch in anderem Kontext in Erscheinung zu treten. Vielleicht hebt sich Scott dies für Teil 3 auf – obwohl dieser zwischen Prometheus und Covenant angesiedelt sein soll. Wie auch immer – Alien-DNA hat der Film jede Menge, die Story ist stringent, die Crew nach wie vor undiszipliniert. Doch Angst vor seiner eigenen und Giger´s Kreatur sollte der Film keine haben.

Scheint aber leider so.

 

 

 

Alien: Covenant