Little Women

ERST RECHT, WEIL ICH EIN MÄDCHEN BIN

7/10

 

littlewomen© 2019 Sony Pictures

 

LAND: USA 2019

REGIE: GRETA GERWIG

CAST: SAOIRSE RONAN, FLORENCE PUGH, EMMA WATSON, ELIZA SCANLEN, LAURA DERN, MERYL STREEP, TIMOTHEÉ CHALAMET, CHRIS COOPER U. A.

 

Die ehemalige Mumblecore-Ikone Greta Gerwig, oft unter der Regie von Noah Baumbach (der mittlerweile ihr Partner ist, aber das nur so am Rande), hat wieder getan, was sie am besten kann: Im Grunde eigentlich über sich selbst erzählen. Was natürlich Hand und Fuß hat, denn nichts ist authentischer und ehrlicher als die Reflexion aufs eigene Leben, die Frau hier mit ins Spiel bringt. Das Spiel selbst, das ist kein neuer Hut mehr. Es ist die ich weiß nicht wievielte Verfilmung eines Coming of Age-Romans der US-Autorin Louisa May Alcott, im Grunde die amerikanische Antwort auf den ungefähr zeitgleich entstandenen Trotzkopf von Emmy van Rhoden. Alcotts Buch aber dürfte so etwas wie die Jungmädchen-Pflichtlektüre in allen Bundesstaaten gewesen sein. Nirgendwo sonst hätten Mädchen, mit dem Blick in die Zukunft und von Träumen, Wünschen und Sehnsüchten geprägt, ihre Seelenwelt wohl besser verstanden gewusst als hier. Erstaunlich dabei: für jedes Mädchen scheint in Little Women etwas dabei gewesen zu sein, Seelenverwandte also leicht zu finden. Im Zentrum steht natürlich Jo March, die schriftstellerisch Begabte. Freiheitsliebend, nonkonform, ein Sturkopf schlechthin, aber auffallend klug und daher alles und jeden hinterfragend. Natürlich fällt die Wahl der Lieblings-Romanfigur in erster Linie auf diese junge Dame. Sie nimmt sich heraus, was sich andere verwehren – das Streben nach den eigenen Zielen. Das ist eine Darstellung, weit ihrer Zeit voraus. Und völlig klar – Gerwig sieht auch speziell in Jo March ihr Alter Ego, ihre Verbündete, hat sie doch im Rahmen eines cinema-Interviews offenbart, auch selbst mit Little Women aufgewachsen zu sein und aus dem beharrlichen Verhalten ihres jungen Idols selbst genug Motivation gewonnen zu haben, um überhaupt die künstlerische Laufbahn als Autorenfilmerin einzuschlagen.

Gerwig holt sich für ihre strahlende Hauptfigur erneut Saoirse Ronan an Bord. Das war schon bei Lady Bird alles andere als ein Fehler, und ist es auch bei Little Women. Um Ronan herum dreht sich der ganze Film. Sie legt eine solch erfrischende Natürlichkeit an den Tag, so eine unaufgeregte Selbstsicherheit und findet für ihren Charakter so viele unterschiedliche Facetten, dass man das Gefühl hat, keiner kann und darf sich ihr in den Weg stellen. Sie verkörpert eine Frauenfigur, die als Soll-Zustand weiblicher Selbstverwirklichung zeitlos gültig bleibt. Deswegen auch Gerwigs Griff nach einem über hundert Jahre alten Roman, der, obwohl er ein Sitten- und Gesellschaftsbild seiner Zeit ist, genau dieses zu einem temporären Korsett reduziert, das sich abstreifen lässt, das nicht zwingend getragen werden muss, denn die Frage ist ja dabei auch, wer schreibt dieses Korsett denn vor? Und wer beurteilt, ob und wann Frauen talentiert genug sind, um die Elite aufzumischen? Ihre Little Women gehen aus sich heraus, wo andere vielleicht in Deckung gehen. Und probieren aus, wo andere Angst haben zu scheitern.

Die Qualität dieser Neuverfilmung liegt genau dort, wo sie sein soll: in vier völlig autarken Charakterstudien, die als Jo, Amy, Meg und Beth aus dem Zeitgeist der 60er Jahre des neunzehnten Jahrhunderts penibel, mit viele Geduld und Liebe zur genauen Beobachtung herausgearbeitet wurden. Da hat sich Gerwig beim Schreiben wirklich ins Zeug gelegt. Und nicht nur sie – neben Saoirse Ronan auch und vor allem Florence Pugh als impulsives Energiebündel zwischen familiärem Pflichtbewusstsein und individueller Freiheit. Was Laura Dern betrifft – es ist irgendwie beruhigend, zu sehen, dass ihr auch noch ganz andere, viel subtilere Filmfiguren gut zu Gesicht stehen als nur die resolute Powerfrau und Anwältin, die ihr Geschäft versteht. Letzten Endes aber geht es bei Alcotts Little Women auch nicht ohne die männliche Komponente, nur zwingend reich muss diese nicht sein. Somit haben wir hier keine militante Female Power gegen ein plakatives Patriarchat, sondern einen zuversichtlichen Lovesong auf ein Miteinander der Geschlechter, ohne sich der Männerrolle zwingend entledigen zu müssen. Da macht Gerwig vieles richtig, bleibt diplomatisch und vernünftig, trotz all der großen Emotionen.

Etwas fahrig wird dann die technische Umsetzung ihres fein ausgestatteten Films, insbesondere gibt’s so manche Probleme im Wechsel der Zeitebenen, die sie glaubt geschickt verzahnt zu haben – dabei wäre, wie ich finde, hier ein langsamerer, ausgewogener Rhythmus zwischen den Szenen und all den Erinnerungen die bessere Wahl gewesen. Nichtsdestotrotz aber bleibt ein kluger Film über Young Adults in Erinnerung, der sich die Freiheit nimmt, irgendwann nicht mehr zwischen Realität und romantischer Heile-Welt-Poesie zu unterscheiden, auch wenn diese vielleicht doch nur im Buche steht, all die jungen Frauen aber umso stärker motiviert, an sich selbst zu glauben.

Little Women

Lady Bird

FLÜGGE WERDEN IST NICHT SCHWER…

7,5/10

 

ladybird© 2017 Universal Pictures International Germany GmbH

 

LAND: USA 2017

DREHBUCH & REGIE: GRETA GERWIG

MIT SAOIRSE RONAN, LAURIE METCALF, TRACY LETTS, TIMOTHÉE CHALAMET, LUCAS HEDGES U. A.

 

Wie hätte doch Greta Gerwig diese Rolle gerne selbst gespielt. Doch die Zeit macht auch vor ihr nicht halt, der smarten Indie-Blondine, die mit dem Coming of Age-Drama Lady Bird auch erstmals ihren selbst verfassten Film inszeniert. Als Mittdreißigerin lässt sich eine 17jährige nur auf Kosten der Plausibilität darstellen. Doch talentierte Jungdarstellerinnen gibt’s in Übersee wie Sand am Meer, da braucht es nicht lange, um das Alter Ego Gerwig´s im Casting-Pool ausfindig zu machen. Die Wahl fiel auf die uns bereits aus vielen Filmen sehr bekannte Saoirse Ronan. Was war dieses Engagement doch für ein Glückstreffer. Die 24 Jahre junge Dame ist zwar auch längst kein Teenager mehr, doch ihr juveniles, zartes Äußeres lässt keine Sekunde lang daran zweifeln, dass wir es hier wirklich mit der moderat rebellischen Lady Bird zu tun haben, die sich um die Burg nicht mit ihrem Taufnamen ansprechen lassen will und ihr schulterlanges Haar in dunkelm Bordeaux-Rot vor sich her trägt. Statements unter der Gürtellinie unterstreichen nur ihren Drang, aus dem Rahmen zu fallen – und das an einer erzkatholischen Schule in Sacramento, wo man zwar als Nonnen- oder Priesterpersonal augenzwinkernd über so manche Kleinigkeit hinwegsieht – zu kurz getragene Röcke aber widerholt tadelt. Lady Bird will aber unbedingt aus dem Zwinger ihrer Geburtsstadt ausbrechen und an der Ostküste studieren. Koste es was es wolle wird es wohl nicht spielen – Papa ist arbeitslos und Mama schuftet in Doppelschichten als Krankenschwester ihre Bandscheiben wund. Der Adoptivbruder mitsamt Freundin macht einen auf Asozial und ist auf sein Schwesterherz erstmal auch nicht gut zu sprechen. Wo starke Charaktere aufeinandertreffen, können gut und gerne die Funken fliegen. So geraten auch Tochter Saoirse Ronan und Mutter Laurie Metcalf aneinander, während der brummige Papa Tracy Letts für Ausgleich sorgt und dabei den Vorwurf auf sich nimmt, als Weichei zu gelten. Und die erste Liebe – natürlich, die kommt klarerweise auch nicht zu kurz. Wie es sich für eine fiktionale Bio übers Erwachsenwerden so gehört.

Für die junge Irin ist die Nominierung als beste Darstellerin für den Oscar 2018 eine Ehre, die sie zu Recht verdient hat. Als quirlige, leicht ausgeflippte und tragikomische Gestalt der Lady Bird, die sowohl in ihrem provozierenden Trotz, ihrer naiven Selbstüberschätzung und ihren melancholisch-nüchternen Phasen der Erkenntnis zu sich und zu ihrem bevorstehenden selbstständigen Leben findet, gibt die erstaunlich expressive Ronan so gut wie alles, wenn nicht mehr. Mag sein, dass sie mit ihren eigenen Erfahrungen improvisiert. Genauso wie Greta Gerwig, die tatsächlich auch aus Sacramento stammt. Womöglich handelt es sich bei ihrem Regiedebüt um eine autobiographische Reise in die eigenen Jugendjahre? Der Verdacht drängt sich förmlich auf, bestätigt sich aber einigen Recherchen im Internet zufolge nicht. Gerwig betont in einem Interview mit der André Wesche von der Freien Presse, Lady Bird sei alles andere als ihr früheres Selbst, eigentlich genau das Gegenteil. Die junge Christine McPherson denkt, tut und entscheidet, wie Greta Gerwig wohl gerne gedacht, getan oder entschieden hätte. Die einzige Gemeinsamkeit sei Sacramento, alles andere fiktional. Aber immerhin ist ihre Protagonistin sehr wohl mit der Autorin verbunden, das erkennt man alleine schon an ihrem Auftreten. Kameramann Sam Levy setzt dabei das leise Erwachen zur jungen Frau in grobkörnige, unprätentiöse, sehr private Bilder. Die begnadete Laurie Metcalf als hin und hergerissene, überarbeitete, aber bedingungslos liebende Mutter verleiht dem Marienkäfer im Funkenflug des Flüggewerdens jene ernüchternde Bodenständigkeit, den eigentlich jeder junge ehrgeizige Mensch benötigt, um nicht orientierungslos durch die Untiefen eines leistungsorientierten Alltags zu mäandern. wenn die beiden, Ronan und Matcalf, ihre gemeinsamen Auftritte haben, genießt Lady Bird seine darstellerischen Höhepunkte. Überhaupt gehen die Szenen Greta Gerwig ungemein natürlich und ungekünstelt von der Hand. Da reiht sich die illustre Runde empathischer Nebendarsteller wie Lucas Hedges und Renaissance-Gesicht Timothée Chalamet (Call be my your Name) im harmonischen Zusammenspiel nahtlos ins Ensemble ein.

Lady Bird ist schon ein bisschen etwas anderes als reines Mumblecore-Kino, in dem es vorwiegend um Befindlichkeiten, Ansichten und Beziehungen gebildeter Lebenskünstler geht. Nicht zu vergessen ist hier der raumfüllende Aspekt der Familie, der im Mumblecore-Genre eher vernachlässigt wird. In Lady Bird sind die familiären Wurzeln enorm wichtig, ungefähr genauso tragend wie der Prozess des Entwurzelns unseres lebenshungrigen und neugierigen Freigeistes. Lady Bird ist erfrischend ungeschminkt, lebensnah und mitreißend, erinnert stellenweise an Richard Linklater´s Kindheits-Epos Boyhood und schenkt dem Kinogeher nicht weniger Einblicke in die Gefühls- und Erlebenswelt einer Episode der Reifung, die wie kaum eine andere Zelte abbricht und woanders neu aufbaut.

Lady Bird

Maggie´s Plan

DER DRESSIERTE MANN

* * * * * * * * * *

maggiesplan

Wozu braucht Frau einen Mann? Maximal zum Kinderkriegen, aber auch hier lässt sich die Beteiligung des männlichen Geschlechts auf das Wesentliche reduzieren. Doch lässt Frau sich auf eine Beziehung ein, muss das Feuer brennen. Wenn das Feuer nicht brennt, braucht Frau keinen Mann. Ungefähr so lässt sich Rebecca Millers Uni-Romanze in wenigen Sätzen zusammenfassen. Und anfangs möchte man sogar meinen, dass Maggie´s Plan aus der Feder von Noah Baumbach, dem exzentrischen Experten für liebenswürdige Loser aller Art, entstanden ist. Dem ist aber – mitunter bedauerlicherweise – nicht so.

Regisseurin Miller, Tochter des berühmten Gegenwartsdramatiker Arthur Miller, der so sagenhafte Stücke wie Hexenjagd und Tod eines Handlungsreisenden auf ewig für die Nachwelt hinterlassen hat, erzählt die ziemlich ungekünstelte, beschwingt inszenierte Beziehungskomödie eindeutig und mit Leidenschaft aus der Sicht der ewig als Kunststudentin festgelegten Greta Gerwig, stets auffallend unattraktiv gekleidet wie derzeit Kultneurolgin Amy Farrah Fowler aus der Big Bang Theory. Ihr ist die Dreiecksdramödie auf den Leib geschrieben, und der blonde Independent-Star und Liebling von Noah Baumbach (auch diese Tatsache sorgt für Verwechslungsgefahr im Regie-Cast) erobert den Film mit Freude am Spiel und einer breiten Palette an emotionalen Hochs und Tiefs. Verantwortlich dafür ist neben Gerwigs Torschlusspanik der ehrgeizige Universitätsdozent und Möchtegern-Schriftsteller Ethan Hawke. Irgendwie unglaublich, dieser Mann wird statt älter irgendwie jünger, vor allem in diesem Film. Er verkörpert auch hier sehr souverän seine Paraderolle des Amerikaners Jesse, der seit Mitte der Neunziger mit Französin Julie Delpy die Unterschiede zwischen Mann und Frau auf wortgewaltigste und bezauberndste Art und Weise noch längst nicht ausdiskutiert hat. Und soweit ich mich erinnern kann, war er auch in Before Sunrise, Before Sunset und wie sie alle heissen ein Handwerker der schreibenden Zunft. Insofern unterscheidet sich seine Rolle vom ehrgeizigen Intellektuellen, der das Leben von Maggie auf den Kopf stellt, um eigentlich gar nichts. Dennoch wird Hawke zum Spielball zwischen den Frauen, ist er doch zuerst mal mit einer resoluten Künstlerin verheiratet (famos verkörpert von Julianne Moore), um sich dann für Maggie von ihr zu trennen. Die will ihn aber nach Jahren des Zusammenlebens selbst nicht mehr haben und gibt ihn an Moore wieder zurück. Beide Damen, so unterschiedlich sie auch sein mögen, schmieden einen Pakt, dem sich der ahnungslose und egozentrisch gewordene Hawke wie ein dressiertes Hündchen unterwirft. Kein Film also, um das Selbstbewusstsein des Mannes zu stärken. Aber auch kein Film, der die dauerhafte Zweisamkeit in Zeiten rapide wachsender, persönlicher Selbstverwirklichung schönredet. Dahin ist auch die Vorstellung der ewigen, leidenschaftlichen Liebe, dessen Realität manche immer noch für möglich halten. Letzten Endes variiert Rebecca Millers Film in ihrer Hommage an Esther Vilars Emanzipations-Weckrufen aus den 80ern auch wieder nur die ichbezogene Suche nach dem idealen Lifestyle, maßgeschneidert für den Bobo-Intellekt. Mit oder ohne Mann, oder mit einem ganz anderen Partner. Wie wär´s zum Beispiel mit Wikinger Travis Fimmel? Als Gurken verkaufender Samenspender auf dem Abstellgleis bietet er eine Ja Natürlich-Alternative, die ungenutzt zu bleiben scheint.

Maggie´s Plan ist eine gefällig erzählte Beziehungskiste auf rustikal-natürliche Art, die das männliche Geschlecht austauschbar sein lässt und auch ihre weiblichen Personen vor all den Möglichkeiten, die eine Ich-Gesellschaft bietet, ziellos bleiben lässt. Mal so, mal so. Wie man leben soll weiß man nach dem Abspann daher immer noch nicht.

 

 

 

Maggie´s Plan

Wiener Dog

WENN ICH MIT MEINEM DACKEL…

* * * * * * * * * *

wienerdog

Der Hund ist der beste Freund des Menschen. Er redet nicht zurück, verrät einen nicht, beleidigt einen nicht, ist unendlich dankbar und kann ewig zuhören. Ja, ich weiß, das wissen wir. Ist alles nichts Neues. Da das vom Wolf und vom Schakal abstammende treue Wesen aus unserer urbanen wie ländlichen Kulturgeschichte einfach nicht wegzudenken ist, gibt es auch schon längstens ein eigenes Genre im Film. Angefangen von Mickeys orangefarbenen Köter Pluto bis über einen Hund namens Beethoven, Scott & Huutch und Kommissar Rex bis zu Marley und Ich, einem ziemlich gelungenen, allerdings auch recht schmalzigen Vierbeinerdrama mit Owen Wilson und Jennifer Aniston. So gesehen hat man alle Variationen des Hunde-und-Herrchen-Filmes schon gesehen. Möchte man meinen. Doch sowas wie Wiener Dog bereichert das spezielle Genre um eine ungewöhnliche, makabre Facette und haben Kenner der bellenden Materie auf diese Weise noch nie zuvor gesehen.

Im Mittelpunkt, oder eher am Rande des Geschehens, steht ein klassischer brauner Dackel auf seinen vier kurzen Beinchen. Im Amerikanischen bezeichnet man diese Rasse als Wiener Dog, was aber irgendwie auch klingt wie die Wurst im ausgehöhlten Weißmehlweckerl, serviert an der Imbissbude. Dieser Hund ohne Identität, sowohl mit vielen Namen genannt und gleichzeitig namenlos, wackelt in dem Episodendrama vom amerikanischen Independentregisseur Todd Solondz durch eine Welt voller Randgruppen, Außenseiter und Verlierer. Jeder von ihnen scheint im wahrsten Sinne des Wortes auf den Hund gekommen zu sein, sei es aufgrund familiärer Kälte, aufgrund besonderer Bedürfnisse oder gesellschaftlicher Ignoranz. Irgendwie dürfte Solondz die Filme des schwedischen Kunstfilmers Roy Andersson zu schätzen wissen – denn Wiener Dog ist in seiner Bildsprache, seiner bühnenhaften, langsamen Erzählweise und seinen sperrigen, knappen Dialogen den allegorischen Filmen des Skandinaviers sehr nahe. Allerdings weicht das filmische Requiem auf einen Hund der nordischen Schwere durchwegs erfolgreich aus und bedient sich dann doch noch der Stilmittel amerikanischen Erzählkinos, wenn auch nur zaghaft.

Das Schwierige an dem Film ist, nicht zu sehen zu bekommen, was man erwartet. Hat man diese Niederlage überwunden, bleibt man aber trotzdem dran. Denn Solondz erweckt aufgrund seiner eigenwilligen Sprache beim Zuseher ein nicht sofort nachvollziehbares Interesse und verblüfft mit bizarren Einfällen wie zum Beispiel einer inszenierten Werbeunterbrechung mitten im Film. Am Absurdesten jedoch ist das Ende der sozialen Grottenbahnfahrt und dürfte Hundeliebhaber ziemlich verstören. Nicht nur Roy Anderssons Einfluss ist spürbar – Wiener Dog hat in seiner Episodenhaftigkeit auch ein bisschen was von Tarantinos Pulp Fiction. Weniger radikal, gar nicht kriminell, aber in seinen grotesken, teils geschmacklosen Bildern, die wiederum John Waters ins Gedächtnis rufen, eine ähnlich komplexe Schlüssigkeit und unbeirrbare Konsequenz. Obendrein holt Solondz auch lange verschollene Schauspieler aus der Versenkung, allen voran der recht stark gealterte Danny De Vito, den man als Schwarzeneggers Sidekick aus Twins noch in guter Erinnerung hat und den man nun mit mitleidigen, gemischten Gefühlen willkommen heißt. Ein Häufchen Elend, genau wie der vierbeinige Wanderpokal eines Dackels, der auch schon mal auf den Namen Tumor getauft wird. Kein gutes Omen, so wie der ganze Film.

Ein unerwartetes, seltsames Vergnügen, auf das man sich entweder einlassen möchte oder vor dem Ende rechtzeitig aussteigt. Für alle, die im Kino gerne experimentieren, Und für alle, deren bester Freund der Hund ist. Aber das wissen wir ja. Ist alles nichts Neues.

Wiener Dog