Die irre Heldentour des Billy Lynn

MUSS I DENN, MUSS I DENN ZUM STÄDTELE HINAUS…

7/10

 

BILLY LYNN'S LONG HALFTIME WALK, Joe Alwyn, 2016. ph: Mary Cybulski. © TriStar / courtesy Everett© TriStar / courtesy Everett Collection

 

ORIGINALTITEL: BILLY LYNN´S LONG HALFTIME WALK

LAND: USA 2016

REGIE: ANG LEE

MIT JOE ALWYN, KRISTEN STEWART, GARRETT HEDLUND, VIN DIESEL, STEVE MARTIN, CHRIS TUCKER U. A.

 

Da gibt es Filme wie Operation: 12 Strong, die unter Staraufgebot eine Sternstunde der intervenierten Kriegsführung hochloben lassen. Und dann entdecke ich zwar nicht im Kino, aber als Stream das Gewicht für die andere Waagschale, die unter Aufgebot aller Schwerkraft versucht, die Balance der Plausibilität zu halten. Die irre Heldentour des Billy Lynn ist die ergänzende Ohrfeige links und rechts, die verträumt dreinblickende Anhänger einer hochgerüsteten Weltenpolizei nach Betrachten von Operation: 12 Strong wieder auf den Boden der Tatsachen bringt. So ähnlich wie Billy Lynn und Konsorten dürfte es auch eingangs erwähnten 12 Mann hoch rund um Captain Mitch Nelson ergangen sein. Ein ruhmreiches Herumreichen strahlender Vorzeigehelden im Stile eines Captain America, womöglich mit Auftritten zur Halbzeit irgendeines Footballspiels oder womöglich bei Jay Leno im Abendprogramm. Die Kriegsmaschinerie braucht solch strahlende Ritter wie einen Bissen Brot. Heldenmut, Ehre, Stolz. Das sind Dogmen, denen unterwirft sich die USA nur zu gerne. Diese strahlenden Recken gab es immer schon. Diese Opferbereitschaft für ein höheres Ziel, wobei kaum jemand hinterfragt, wer diese höheren Ziele eigentlich steckt. Irgendetwas muss den Zusammenhalt vieler Staaten aber doch sichern. Vereint vor dem Feind funktioniert da immer noch am besten. Und die enormen Kosten, die da in die Rüstung fließen, sind dann auch noch gerechtfertigt.

Dieser Billy Lynn – er wünschte er hätte sich diesen Ruhm nicht verdient. Nicht so, nicht in dieser Form und mit dieser Resonanz. Die Rettung ihres Teamleaders aus den Fängen irakischer Kämpfer, die letzten Endes aber leider umsonst war, da der von Vin Diesel dargestellte Sergeant Bleem unter Billy Lynns Händen regelrecht verbluten musste, hat der Bravo Squad im Nachhinein pausenloses Schulterklopfen beschert. Wäre dem nicht schon genug gewesen, und wäre die Tapferkeitsmedaille nicht schon genug Ehre, mutieren die jungen Soldaten zu Werbetestimonials für die US Army, für die Waffenlobby und für einen Sportmogul (herrlich schmierig: Steve Martin).

Die Taiwanesische Regielegende Ang Lee hat sich für die Verfilmung des zynischen Romans von Autor Ben Fountain geradezu begeistert zu Wort gemeldet und gleich die ganze Produktion übernommen. Lee begleitet Billy Lynn während seiner ganztägigen Heldentour wie ein Reporter mit der Kamera, verzichtet aber zum Glück auf Wackelkamera-Optik, die für so einen Film durchaus geeignet gewesen wäre. Stattdessen wird das Drama mit Ultra-HD-Kameras gedreht – noch dazu in High Frame Rate von 120 Bilder pro Sekunde, statt der üblichen 24. Das merkt man – vor allem bei den Gesichtern. Die Frage ist, ob diese übertrieben ausgefuchste Methode des Filmens für ein visuell zumindest relativ unspektakuläres Drama überhaupt notwendig gewesen wäre. Sagen wir so – probieren geht über studieren. Dann lieber bei einem Film ansetzen, der den Nationalstolz hinterfragt und der unter dieser Voraussetzung ohnehin keine großen Zielgruppen abdeckt. Das Konterfei nicht nur des britischen Neueinsteigers Joe Alwyn wirkt daher seltsam klinisch. Die Szenenbilder in ihrer hohen Auflösung und Tiefenschärfe erwecken darüber hinaus den Eindruck, einen Fernsehfilm zu sehen.

Doch das Hinterfragen relevanter Filmtechnik tut dem über- und antiamerikanisiert schrillen Tadel auf den gleichermaßen respektlos wie geheuchelt rosenstreuenden Umgang amerikanischer Wählerinnen und Wähler mit fernen Kriegen und ihren Verfechtern nicht wirklich größeren Schaden an. Zurückkommend auf Joe Alwyn erinnert dieser nicht nur optisch, auch in seinem Gehabe an Vorbilder wie Jake Gyllenhaal oder Joseph Gordon Lewitt. Gyllenhaal selbst hat bereits in Jarhead und Brothers zeigen können, was das Aussitzen und Heimkehren aus dem Krieg mit der Seele eines jungen Erwachsenen alles machen kann. Alwyn lässt in seiner traumatisierten Introvertiertheit Horror und Stress des Krieges in Worten und Rückblenden Revue passieren, versucht aber verzweifelt, der Erwartungshaltung seines Teams und all jener gerecht zu werden, die um nichts in der Welt tauschen würden, die Schuldigkeit fürs Vaterland aber längst noch nicht getilgt sehen. Billy Lynn ist hin und hergerissen zwischen Rückzug und Pflicht – letzten Endes siegt, was siegen muss. Und vom unantastbaren Elysium eines Schutzengel-Krieges made in the USA blättert mit Die irre Heldentour des Billy Lynn wieder etwas mehr Verputz. Was darunter ist? Ganz schön viel Wahrheit, im Feuerwerk der Medien verheizt.

Die irre Heldentour des Billy Lynn

American Assassin

TREFFEN DER ANONYMEN WUTBÜRGER

4/10

 

AMERICAN ASSASSIN@ 2017 Constantin Film

 

LAND: USA 2017

REGIE: MICHAEL CUESTA

MIT DYLAN O’BRIEN, MICHAEL KEATON, TAYLOR KITSCH U. A.

 

Hallo, ich bin Mitch. Und ich habe meine Partnerin bei einem Terroranschlag verloren.“ Natürlich, das ist traurig und erschütternd. Ganz klar hat die Buchvorlage des Thrillers von Vince Flynn auf tatsächliche Ereignisse des Sommers 2015 Bezug genommen. Was ist passiert? Ein Islamist hat den Strand eines 5-Sterne-Hotels meerseitig überfallen und wahllos um sich geschossen. Zahlreiche Menschen sind dabei gestorben. Die Wirtschaft der Wüstennation am Mittelmeer hat die blutige Katastrophe bis ins Mark erschüttert. Ähnlich furchtbar und wenig zimperlich zeigt Regisseur Michael Cuesta als Auftakt seines Filmes eine ähnliche Szene, die irgendwie schwer zu ertragen ist. Die Bilder kommen einem bekannt vor. An solchen Stränden war man selbst schon einige Male. Sich Vorzustellen, wie man selbst mittendrin ums Überleben rennt, ist somit kein Ding der Unmöglichkeit mehr. Schauspieler Dylan O’Brien, den wir alle aus der Jugend-Dystopie Maze Runner kennen, erlebt das Unvorstellbare am eigenen Leib – und muss zusehen, wie seine Verlobte von Kugeln durchsiebt wird. Das kann zweifelsohne das Leben der Hinterbliebenen zerstören. Für einen Neuanfang braucht es Therapie oder zumindest einen enormen Willen, weiterzumachen. Oder man lässt sich von Rachegefühlen beherrschen, stählt sich zur Kampfmaschine und schleust sich in die Terrorzelle ein, die das Drama von damals verursacht hat. Das klingt jetzt ein bisschen nach Arnold Schwarzenegger. Der hat, um seine entführte Tochter zurückzuholen, ganze Landstriche in Brand gesteckt. So gesehen in Phantom Kommando. Der Actionklassiker von damals ist heute fast nicht mehr ansehbar. Die unreflektierte, moralisch enorm fragwürdige Lizenz zum Töten hat die Jahrzehnte allerdings spurlos überdauert. Auge um Auge zieht immer noch. Doch die Berufswahl zum modernen Assassinen ist auch keine Lösung.

Egal, denkt sich dieser Mitch. Das Treffen der anonymen Traumatisierten wird zum Treffen der anonymen Nemesis-Übermenschen. Wozu Gesprächstherapie, wenn es gleich ans Eingemachte gehen kann. Wer kann bei dieser Chance zur zwangsbeglückten Aggression da schon widerstehen? Doch sobald es um Geheimdienst geht, ist die ganze Gewaltbereitschaft ja für den guten Zweck des Weltfriedens. Dass Gewalt Gegengewalt erzeugt, davon hat dieser seltsam agierende Geheimdienst noch wenig gehört. Umso plumper und tölpelig stellt er sich an. Am Tölpeligsten ist da Michael Keaton als reaktionärer Drillmeister, der seine Schützlinge im ebenfalls äußerst fragwürdigen Boot Camp sowieso nie im Griff hat. Kommt es dann zum Einsatz, bleiben die Undercover-Qualitäten ebenso geheim wie der Geheimdienst selbst. Und Dylan O’Brien? Der wirkt mit Bart tatsächlich um mindestens zehn Jahre älter als der Jungspund in Maze Runner. Aber berechtigt ihn das zum Ausknipsen der bösen Buben? Mitnichten. O’Brien bemüht sich sichtlich in seiner tragenden Trauma-Figur, ist aber weder ein Matt Damon (Die Bourne Identität) noch ein Leonardo Di Caprio (Der Mann, der niemals lebte). Maximal kann er Taylor Kitsch das Wasser reichen – der gibt nämlich den schlimmen Finger, Keatons gefallenen Engel, ein ausgewachsener Psychopath unter der Sonne. American Assassin wirkt so, als gäbe es die Ausbildung zum staatlich geförderten Killer pro Semester im Volkshochschulkurs. Da könnte ja ein jeder kommen, der auch nur irgendwie Rache verspürt, das psychische Gleichgewicht außen vor.

Wie hanebüchen sich die Story entwickelt, ist fast schon abzusehen. Hier lebt keiner auch nur ansatzweise die notwendige Objektivität und Gelassenheit, die ein Geheimagent besitzen sollte. James Bond kann da nur lachen. American Assassin ist stellenweise sehr brutal, teilt wie ein verhaltensgestörter Jugendlicher überallhin Schläge aus und missfällt letzten Endes aufgrund seiner unverhohlenen Naivität, seinen schwachen schauspielerischen Qualitäten und seinem ideenlosen Nacheifern diverser Genre-Meilensteine. Angesichts dessen könnte man ja leicht aggressiv werden und den nächsten Sommer-Killer-Workshop im Boot Camp Waldviertel buchen.

American Assassin