Triple Frontier

NEHMEN WAS MAN KRIEGEN KANN

6/10

 

triplefrontier© 2019 Netflix

 

LAND: USA 2019

REGIE: J. C. CHANDOR

CAST: OSCAR ISAAC, BEN AFFLECK, PEDRO PASCAL, CHARLIE HUNNAM, GARRETT HEDLUND U. A.

 

Da gibt es dieses Abenteuer-Brettspiel, es nennt sich Drachenhort. Da ziehst du als mittelalterlicher Krieger durch ein Labyrinth, in dessen Zentrum sich der Hort des Drachens befindet. Ähnlich wie Dungeons & Dragons, habe ich aber noch nie gespielt. Beim Drachenhort, da kannst du, wenn der Drache schläft, Schätze raffen. Und das kannst du immer wieder tun, bis der Drache dann doch erwacht – und du alles verlierst. Die Gier war in diesem Fall ein Hund, beim nächsten Mal wird dein Vorgehen womöglich weiser und leiser sein. Wenn es denn ein nächstes Mal gibt. Beim Brettspiel lässt sich das bewerkstelligen. Im simulierten Leben eines Filmes zwar auch, aber das hängt ganz davon ab, ob wir einen Groundhog Day haben oder es Kohle für ein Reboot gibt. In Triple Frontier steht beides nicht zur Wahl. Da müssen die fünf Söldner, darunter Ben Affleck, Oscar Isaac und Charlie Hunnam, sofort die richtige Entscheidung treffen – und vielleicht ihre Gier zügeln, bevor der schnaufende Riese erwacht. Ich könnte hier jetzt noch andere Sprichwörter bemühen, welche die neue Netflix-Produktion in einer abschließenden Moralpredigt auf einen Einzeiler reduzieren. Aber das würde vielleicht zu viel über den Film verraten. Obwohl sehr bald absehbar wird, wohin der ganze Einsatz führen wird.

Wüsste ich es nicht besser, würde ich zumindest in der ersten Filmstunde darauf warten, endlich das unverwechselbare Botox-Konterfei Sylvester Stallones zu erhaschen. Stattdessen habe ich „Poe Dameron“ vor mir, der seine alte Militärgang zusammentrommelt, um einem Drogenboss im brasilianischen Dschungel das Handwerk zu legen. Darüber hinaus soll der Drachenhort des Bösewichts geplündert werden und in die eigene Tasche wandern. Millionen, die da winken. Jeder kann sie brauchen, vom Piloten bis zum kühlen Kopf der Planung. Alles erinnert unweigerlich an den wilden Haufen der Expendables, nur weniger selbstironisch, ernsthafter und im Stile eines Tom Clancy-Thrillers, der zwar mit Politik nichts am Hut hat, seine Helden aber unter der Flagge trotzigem Es-Steht-mir-zu-Idealismus in die grüne Hölle schickt. Thriller wie diese ohne politischen Bezug gibt es ja kaum mehr, Triple Frontier ist so eine Reminiszenz an die alte Schule der 80er, als Chuck Norris noch Missing in Action war oder Arnold Schwarzenegger als Phantom-Kommando seine Tochter retten musste. Aufgesetzt ernsthaft, plakatives Actionkino pur. Triple Frontier erinnert daran, wird aber durch seine begleitende Parabel über die Gier zu einem fingerzeigenden Haudrauf-Märchen und tauscht den moralinsauren Lerneffekt gegen eine gewisse Schadenfreude. Der Fischer und seine Frau fällt mir da noch ein – oder Hans im Glück. Nur Hans im Glück ist froh, den Klumpen Gold nicht mehr tragen zu müssen, während unsere Robin Hoods den für den karitativen Selbstzweck unter den Nagel gerissenen Reinerlös niemals nicht liegenlassen würden. Niki Lauda hätte gesagt: „Wir haben ja nichts zu verschenken!“ Ein Geizgeständnis, das natürlich Folgen hat. Und die führen quer über die Anden. Zwischen Stoßtrupp Gold und Three Kings wird obendrein also noch ein recht solider Survivaltrip mit Heli, Muli und per pedes.

J.C. Chandor hat sich nach Finanz- und Ein-Mann-Katastrophen (Margin Call, All is Lost) dem Genre des Actionfilms zugewandt. Das beschert landschaftliche Augenweiden, viel Grün und Exotik. Chandor weiß sehr gut, wie er die Umgebung in seinen Film miteinbezieht. Seine Figuren aber bleiben, was sie sind: stereotype Haudegen, Männerrollen wie aus den Bastei Lübbe-Heftchen, unwahrscheinlich fit, selten gesegnet mit Selbsterkenntnis und in naivem Heroismus ehr-geizige Ziele verfolgend. Das ist charakterlich recht obsolet und flach, einen Kreise ziehenden Mehrwert hat das handfeste Rififi keinen. Dafür aber wird bei den Rollenklischees nicht so schwarzweißgemalt wie es bei einem Film wie diesen eigentlich zu erwarten war. Alles in allem also ein Abenteuer in rutschfesten Stiefeln und mit jeder Menge Kleingeld – wie ein Erlebnisurlaub für harte Kerle im Krisengebiet mit niemals sinkender, aber sickernder Moral, die uns klarmacht: Geiz ist nicht immer geil.

Triple Frontier

Die irre Heldentour des Billy Lynn

MUSS I DENN, MUSS I DENN ZUM STÄDTELE HINAUS…

7/10

 

BILLY LYNN'S LONG HALFTIME WALK, Joe Alwyn, 2016. ph: Mary Cybulski. © TriStar / courtesy Everett© TriStar / courtesy Everett Collection

 

ORIGINALTITEL: BILLY LYNN´S LONG HALFTIME WALK

LAND: USA 2016

REGIE: ANG LEE

MIT JOE ALWYN, KRISTEN STEWART, GARRETT HEDLUND, VIN DIESEL, STEVE MARTIN, CHRIS TUCKER U. A.

 

Da gibt es Filme wie Operation: 12 Strong, die unter Staraufgebot eine Sternstunde der intervenierten Kriegsführung hochloben lassen. Und dann entdecke ich zwar nicht im Kino, aber als Stream das Gewicht für die andere Waagschale, die unter Aufgebot aller Schwerkraft versucht, die Balance der Plausibilität zu halten. Die irre Heldentour des Billy Lynn ist die ergänzende Ohrfeige links und rechts, die verträumt dreinblickende Anhänger einer hochgerüsteten Weltenpolizei nach Betrachten von Operation: 12 Strong wieder auf den Boden der Tatsachen bringt. So ähnlich wie Billy Lynn und Konsorten dürfte es auch eingangs erwähnten 12 Mann hoch rund um Captain Mitch Nelson ergangen sein. Ein ruhmreiches Herumreichen strahlender Vorzeigehelden im Stile eines Captain America, womöglich mit Auftritten zur Halbzeit irgendeines Footballspiels oder womöglich bei Jay Leno im Abendprogramm. Die Kriegsmaschinerie braucht solch strahlende Ritter wie einen Bissen Brot. Heldenmut, Ehre, Stolz. Das sind Dogmen, denen unterwirft sich die USA nur zu gerne. Diese strahlenden Recken gab es immer schon. Diese Opferbereitschaft für ein höheres Ziel, wobei kaum jemand hinterfragt, wer diese höheren Ziele eigentlich steckt. Irgendetwas muss den Zusammenhalt vieler Staaten aber doch sichern. Vereint vor dem Feind funktioniert da immer noch am besten. Und die enormen Kosten, die da in die Rüstung fließen, sind dann auch noch gerechtfertigt.

Dieser Billy Lynn – er wünschte er hätte sich diesen Ruhm nicht verdient. Nicht so, nicht in dieser Form und mit dieser Resonanz. Die Rettung ihres Teamleaders aus den Fängen irakischer Kämpfer, die letzten Endes aber leider umsonst war, da der von Vin Diesel dargestellte Sergeant Bleem unter Billy Lynns Händen regelrecht verbluten musste, hat der Bravo Squad im Nachhinein pausenloses Schulterklopfen beschert. Wäre dem nicht schon genug gewesen, und wäre die Tapferkeitsmedaille nicht schon genug Ehre, mutieren die jungen Soldaten zu Werbetestimonials für die US Army, für die Waffenlobby und für einen Sportmogul (herrlich schmierig: Steve Martin).

Die Taiwanesische Regielegende Ang Lee hat sich für die Verfilmung des zynischen Romans von Autor Ben Fountain geradezu begeistert zu Wort gemeldet und gleich die ganze Produktion übernommen. Lee begleitet Billy Lynn während seiner ganztägigen Heldentour wie ein Reporter mit der Kamera, verzichtet aber zum Glück auf Wackelkamera-Optik, die für so einen Film durchaus geeignet gewesen wäre. Stattdessen wird das Drama mit Ultra-HD-Kameras gedreht – noch dazu in High Frame Rate von 120 Bilder pro Sekunde, statt der üblichen 24. Das merkt man – vor allem bei den Gesichtern. Die Frage ist, ob diese übertrieben ausgefuchste Methode des Filmens für ein visuell zumindest relativ unspektakuläres Drama überhaupt notwendig gewesen wäre. Sagen wir so – probieren geht über studieren. Dann lieber bei einem Film ansetzen, der den Nationalstolz hinterfragt und der unter dieser Voraussetzung ohnehin keine großen Zielgruppen abdeckt. Das Konterfei nicht nur des britischen Neueinsteigers Joe Alwyn wirkt daher seltsam klinisch. Die Szenenbilder in ihrer hohen Auflösung und Tiefenschärfe erwecken darüber hinaus den Eindruck, einen Fernsehfilm zu sehen.

Doch das Hinterfragen relevanter Filmtechnik tut dem über- und antiamerikanisiert schrillen Tadel auf den gleichermaßen respektlos wie geheuchelt rosenstreuenden Umgang amerikanischer Wählerinnen und Wähler mit fernen Kriegen und ihren Verfechtern nicht wirklich größeren Schaden an. Zurückkommend auf Joe Alwyn erinnert dieser nicht nur optisch, auch in seinem Gehabe an Vorbilder wie Jake Gyllenhaal oder Joseph Gordon Lewitt. Gyllenhaal selbst hat bereits in Jarhead und Brothers zeigen können, was das Aussitzen und Heimkehren aus dem Krieg mit der Seele eines jungen Erwachsenen alles machen kann. Alwyn lässt in seiner traumatisierten Introvertiertheit Horror und Stress des Krieges in Worten und Rückblenden Revue passieren, versucht aber verzweifelt, der Erwartungshaltung seines Teams und all jener gerecht zu werden, die um nichts in der Welt tauschen würden, die Schuldigkeit fürs Vaterland aber längst noch nicht getilgt sehen. Billy Lynn ist hin und hergerissen zwischen Rückzug und Pflicht – letzten Endes siegt, was siegen muss. Und vom unantastbaren Elysium eines Schutzengel-Krieges made in the USA blättert mit Die irre Heldentour des Billy Lynn wieder etwas mehr Verputz. Was darunter ist? Ganz schön viel Wahrheit, im Feuerwerk der Medien verheizt.

Die irre Heldentour des Billy Lynn

Mudbound

KEIN SCHÖNER LAND

6/10

 

Roots© 2017 Netflix

 

LAND: USA 2017

REGIE: DEE REES

MIT CAREY MULLIGAN, JASON CLARKE, GARRETT HEDLUND, JASON MITCHELL, JONATHAN BANKS U. A.

 

Zuerst sucht Bauer Frau. Hat Bauer mal Frau, weiß Frau, worauf sie sich einlässt. Ist aber der Bauer im Vorfeld kein solcher, sondern verliebt und verheiratet sich mit einer Partnerin, die gar nicht weiß, wie sehr sie die Frau des Bauern werden wird, dann ist das schon ein Fall von Übervorteilung. Denn ehe sich Carey Mulligan versieht, befindet sie sich im Nirgendwo des Gigantischen Mississippi-Deltas, auf einem mückenverseuchten Schlammteppich, in einer windschiefen Bruchbude, die außer der täglichen Schinderei Krankheiten, Zwietracht mit dem Schwiegervater und Rassenhass bietet. So sieht garantiert kein Urlaub auf dem Bauernhof aus, geschweige denn ein ganzes Leben, in welchem zwar die Sonnenuntergänge was hermachen, die Freuden des täglichen Lebens aber darin bestehen, Schadensbegrenzung zu betreiben.

In grünbraune Düsternis getränkt, eröffnet Regisseurin Dee Rees für den Leinwandverschmäher Netflix ein dreckverkrustetes Epos aus der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg. Irgendwo zwischen John Steinbeck und Legenden der Leidenschaft. Mit einem Bären wird hier allerdings nicht gekämpft, dafür aber mit dem scheußlichen Ku-Klux-Klan, der es auf die feldarbeitenden Schwarzen abgesehen hat, die für den Eigentümer des Landes, deren Pächter und für sich selbst erwirtschaften, was dieser fruchtbare Boden alles hergibt. Die Söhne und Brüder sowohl von der Familie um Jason Clarke als auch von der Familie um Mary J. Blige, die heuer sogar für den Oscar als beste Nebenrolle nominiert wurde, leisten gegen Hitlers Truppen ihren Dienst in Übersee, in der Luft und am Boden. Verlieren Freunde und entdecken die Liebe, trotz aller Widrigkeiten. Sie beide, der belesene Ronsel, gespielt von Jason Mitchell, und der galant-draufgängerische Jamie, gespielt von Garrett Hedlund, bilden eigentlich das Kernstück der Geschichte, die auf dem Roman von Hillary Jordan beruht. Auf ihrer Beziehung, ihrer zögerlichen und dann innigen Freundschaft, ruht die ganze erschütternde Tragödie, die da noch kommen wird. Und die unweigerlich hereinbrechen muss, wenn man die Muße hat, den rund eineinhalb Stunden schwelenden Eiterherd eines von Rassismus durchtränkten Mississippi mitzusezieren.

Natürlich zahlt es sich aus, wenn man zum Beispiel das nationaleigene kompromisslose Subgenre des Blut und Boden-Heimatfilms zu schätzen weiß. In Mudbound spielt die Erde, aus welcher alles wächst – sogar das Böse – eine im wahrsten Sinne tragende Rolle. Wenn die duldsame Carey Mulligan im Zuber ihren schlammverschmierten Körper wäscht, bekommt Naturverbundenheit eine neue Bedeutung, ist aber im Gegensatz zum heimatlichen Genrefilm frei von jeglicher romantisierender Nostalgie. Das Herz ist keine Mörder-, sondern eine Schlammgrube. Üble Dinge werden getan, die letztendlich üblere Dinge abwenden sollen. Ein trostloser Heimatfilm, für welchen Kamerafrau Rachel Morrison satte, erdfarbene, sumpfgrüne Panoramen findet. Das Holz, die regennasse Veranda, der sonnengetrocknete Lehm auf den Straßen, der hochstaubt, wenn rostige Hinterlader durch das Marchfeld Amerikas brettern – all diese Details, die förmlich zu spüren und zu riechen sind, prägen das Provinzepos mehr, als es den Figuren oder der Geschichte selbst jemals gelingt. Schwer zu sagen, warum es sich so anfühlt, als gingen die Mikrokosmen der schuftenden Familien und hasserfüllten Erzkonservativen niemanden sonst etwas an. Mudbound ist ein pittoreskes Zeitbild, ein rustikales Relikt des Naturalismus, von unnahbarer Trübsal und resignierendem Pflichtgefühl. Aber nicht ganz ohne Zuversicht. Denn die Long and Winding Road durchs subtropische Feldermeer ist ein Bangen und Hoffen auf bessere Zeiten. Etwas, was den Film dann doch wieder durchaus erträglich macht.

Mudbound