Andrea lässt sich scheiden (2024)

ÜBERS DORFDENKEN HINAUS

6,5/10


andrealaesstsichscheiden© 2024 Filmladen


LAND / JAHR: ÖSTERREICH 2024

REGIE: JOSEF HADER

DREHBUCH: JOSEF HADER, FLORIAN KLOIBHOFER

CAST: BIRGIT MINICHMAYR, JOSEF HADER, THOMAS SCHUBERT, ROBERT STADLOBER, THOMAS STIPSITS, BRANKO SAMAROVSKI, WOLFGANG HÜBSCH, MARGARETHE TIESEL, MARLENE HAUSER, MARIA HOFSTÄTTER, NORBERT FRIEDRICH PRAMMER, MICHAEL PINK U. A. 

LÄNGE: 1 STD 30 MIN


Die erste Szene von Josef Haders neuem Film ist Programm. Eine Polizistin und ihr Kollege stehen an der Landstraße, an einer der markanten, wenigen abschüssigen Stellen irgendwo in der Pampa, umgeben von Feldern und sonst nichts. Sie stehen dort und warten, der eine, Thomas Schubert, hat eine Radarpistole. Die beiden unterhalten sich, dabei wird klar: Der Kollege hat bald Geburtstag, und das geht ihm gegen den Strich. Denn was feiert man da? Im Grunde nur, dass man das letzte Jahr nicht gestorben ist.

Josef Hader ist spätestens seit dem Kultfilm Indien, der eine ähnliche, wenn auch kabarettistischere Tonart anschlägt, eine Institution, die viel mehr in sich vereint als nur Kleinkunstbühnenshow und Kellersarkasmus. Hader ist längst Schauspieler auch fürs ernste Fach, in Maria Schraders Vor der Morgenröte hat er bewiesen, auch ohne ostösterreichischem Dialekt eines kleinen, übervorteilten Mannes ganz gut klarzukommen. Das Gütesiegel, das er allerdings immer mit sich tragen wird, ist das eines unverwechselbaren Originals. Die Art und Wiese, wie Hader die Welt sieht, und wie sie auch seine Figuren sehen, die er verkörpert, entspricht dem autoaggressiven, deutlich spießigen und selbstbemitleideten Urösterreicher, der den Zeitgeist des illusionslosen Alltags beschwört. In Andrea lässt sich scheiden findet er zu gewohnten und auch bewährten Mustern zurück, verfeinert diese jedoch zur labilen Schicksalsfigur eines verlachten und nicht für voll genommenen Religionslehrers im erzkonservativen Kleiderbauer-Braun, nur ohne Ellbogenschützer am Sakko. Das wäre wieder eine Spur zu dick aufgetragen, denn Hader weiß: Zuviel ist meist ungesund, der subversive Galgenhumor das Beste, was sich in eine zerfahrene Momentaufnahme wie diese aus der Provinz des Abendlandes einstreuen lässt.

Dieser Religionslehrer namens Franz ist felsenfest davon überzeugt, ins Gefängnis zu wandern, weil er Buße tun muss. Und weil er einen Mann überfahren, den aber eigentlich Birgit Minichmayr als titelgebende Andrea auf dem Gewissen hat. Das Besondere daran: Das Unfallopfer ist Andreas Noch-Ehemann, der kurz davor noch von seiner Noch-Ehefrau zur Einvernehmlichen gebeten wurde, der sich aber, sturzbetrunken und völlig aufgelöst, in tiefem Kummer über sich und die Welt des Nächtens auf eingangs erwähnter Landstraße in Gefahr begibt. Warum Andrea letztlich keine Anstalten macht, die Rettung zu alarmieren, sondern statt erfolglosen Wiederbelebungsmaßnahmen gar noch Fahrerflucht begeht, um den vom Schicksal gebeutelten Franz als Sündenbock herhalten zu lassen, wird sich niemals so richtig erschließen. War es Panik, Feigheit, die Unmöglichkeit, Komplikationen wie diesen entgegentreten zu können?

Im Laufe des Films wird man sehen, dass Andrea damit nur schwer klarkommen wird. Entsprechend stoisch, lakonisch und introvertiert hängt sie der Möglichkeit nach, aus der Provinz nach St. Pölten zu emigrieren. Johanna Mikl-Leitner, ihres Zeichens Landeshauptfrau des Bundeslandes, wird das Werbebudget für St. Pölten, längst verschrien als langweiligster urbaner Zustand in Österreichs Osten, um einiges erleichtert haben. Hader, der in seiner Figur nichts gegen das Dasein in der Einschicht ins Feld führen kann, sucht währenddessen Trost im Hochprozentigen. So taumeln beide Figuren an Wendepunkten ihres Lebens zwischen Entschlossenheit und Ratlosigkeit hin und her, es sind zwei existenzialistische Gestalten auf besagter Landstraße im Nirgendwo, der Vergangenheit man nur erahnen kann, deren Umbruch man mitverfolgt und deren Zukunft hinter dem nächsten sanften Hügel verschwindet. Was Hader dabei am besten gelingt, ist weniger, seinem gar nicht mal so tristen, aber tragikomischen Provinzschicksal die nötige dramaturgische Dichte zu verleihen, sondern vielmehr, das hadernde Klischee des kleinen Mannes und der kleinen Frau im Kontext zu ihrer kleinen Umwelt zu portraitieren. Das hätte noch eine Stunde so weitergehen können, denn die geschmackvollen Feinheiten liegen im Detail, in der Gummidichtung einer überalten Kaffeemaschine, in der Fassade der zeitvergessenen Dorfkonditorei, in der latent opportunistischen Qualtinger-Schönrederei von Wolfgang Hübsch. Wie auch in Indien ist der Kitt zwischen der Handlung das Beste, was Hader destillieren kann. Die Metaebene in der aus lethargischer Sinnsuche und der Kettenreaktion unpässlicher Gelegenheiten fusionierten, sehr auf österreichisches Publikum zugeschnittenen Dramödie zu finden, ist gar nicht mal notwendig. Viel mehr zu entdecken als das, was man sieht, gibt es nicht. Dafür bleibt in der Peripherie der Wahrnehmung sehr viel, worin man wiedererkennt, was einem selbst vertraut ist. Ob der Zulassungsschein nun hinter dem Rückspiegel klemmt oder nicht – das Wesentliche gekonnt mit praktischen Alltagsfloskeln zu umrunden und dabei auch die Hürde des Lebens zu nehmen, ist, im Gegensatz zu Haders letztem Dauerlamento Wilde Maus, die ungeahnte Feinheit in dieser leisen Selbstfindungsschnurre, die ihre Figuren los- und weiterziehen lässt, sie nicht in ein abendfüllendes Spielfilmkorsett pfercht und auch keine Lösung wissen muss. Denn die kommt sicher von selbst, sagt der Österreicher.

Andrea lässt sich scheiden (2024)

Ich bin dein Mensch

DIE SIMULATION DER ZWEISAMKEIT

7/10


IchBinDeinMensch© 2021 Majestic Filmverleih


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2021

REGIE: MARIA SCHRADER

CAST: MAREN EGGERT, DAN STEVENS, SANDRA HÜLLER, HANS LÖW, WOLFGANG HÜBSCH, ANNIKA MEIER U. A. 

LÄNGE: 1 STD 48 MIN


Es ist menschlich, sich was vorzumachen. Mit der eigenen zurechtverdrängte Realität lässt sich doch gut leben. Warum sollte man also da aufhören, wo es vielleicht am schönsten wäre? Bei der Partnerschaft. Manchmal reicht da einfach nur eine Stimme, um sich zu verlieben. Jean Cocteau hatte die Stimme am Telefon. Für Joaquin Phoenix in Spike Jonzes Her war Scarlett Johannsons Organ zu einer nicht körperlichen KI mehr als genug, um sich zu verlieben. Wenn dann aber ein attraktiver Mann mittleren Alters, augenscheinlich aus Fleisch und Blut, jeden Wunsch von den Augen abliest, kann das nur ein Erfolgsmodell werden. Damit nämlich rechnet eine in Berlin ansässige Robotik-Firma und hat bereits Eurozeichen in den Augen, als nur noch eine einzige Hürde überwunden werden muss, bevor die Innovation auf den Markt kommt: die Testung in privatem Haushalt. Für so etwas wird die Archäologin Alma mehr oder weniger zwangsverpflichtet. Sie muss den Partner-Androiden Tom für 3 Wochen mit zu sich nach Hause nehmen und auf die Frage Eignen sich Roboter als Partner-Ersatz? ein so gut es geht objektives Gutachten verfassen. Alma hat wenig Lust dazu, steckt sie doch bis über beide Ohren in einer Studienveröffentlichung zum Thema Keilschriften. Doch da muss sie durch – und nimmt den etwas hölzern wirkenden Charmebolzen mit in die eigenen vier Wände. Dieses Gekünstelte, so meint Tom, gibt sich bald – er muss seinen Algorithmus nur noch perfektionieren. Was aus diesen nächsten Wochen daraus entstehen mag – es ist nicht vorherzusehen. Und das ist schon mal eines der schönen Dinge, die diesen Film als etwas sehr Interessantes klassifizieren.

Ich bin dein Mensch ist ein Science-Fiction-Film, der noch weniger als Her visuellen Futurismus auch nur irgendwie nötig hat. Niemals blickt man in das Innere von Tom, niemals auch nur sind scheinbar schwebende Displays, Kabeln oder Knöpfe jemals relevant. Maria Schrader schlägt mit ihrem durchdachten Beitrag zum Informationszeitalter eine ganz andere Richtung ein. Dabei ist es, im Gegensatz zu ebenfalls recht durchdachten Filmen aus dem Roboter-Genre, auch nicht gerade die Frage der Ethik, die hier im Vordergrund steht. Für sie ist der Umstand, oder die Möglichkeit, alsbald einen Mensch-Ersatz menschlichem Willen zu unterwerfen, ein Umstand, der genauerer Betrachtung bedarf. Ein sozialpsychologisches Problem also. Eine ganz eigene Studie, die Maria Schrader hier betreibt, und für die sie mit Maren Eggert eine ebenso kritische wie leidenschaftliche Verfasserin gefunden hat. Vor ihr der charmante, ein bisschen als eine Mischung aus Anthony Perkins und James Stewart empfundene Gesellschafter – Dan Stevens (u. a. Die Schöne und das Biest, Downton Abbey) schafft als grüblerischer und gutmütiger Android mit britischem Akzent einen brillanten Balanceakt zwischen Star Trek´s Data und einem menschlichen Superhirn wie Sheldon Cooper, dazwischen aber gelingen ihm verblüffend menschliche Züge, bei welchen man als Zuseher fast schon selbst vergisst, dass dieser Tom eigentlich ein Roboter ist. Dabei zählen seine durchaus logisch nachvollziehbaren Handlungen, die enormes komödiantisches Potenzial entfalten, zu den wirklich witzigen Höhepunkten des Films.

Ich bin dein Mensch ist aber nur zum Teil Komödie. Im Grunde ist Schraders Film eine Gewissensfrage – an den Menschen im Zustand erdrückender Isolation und an ein künstliches Wesen, das vorgibt, alles zu verstehen. Die Simulation der Zweisamkeit allerdings kann nicht der Weisheit letzter Schluss sein, ist sie doch darauf ausgerichtet, die Grundmotivation der Lebenden, nämlich das Streben nach unerfüllten Wünschen, vorwegzunehmen. Doch andererseits… was weiß man.

Diese nachdenkliche, spitzzüngige und enorm pointierte Komödie über ein gesellschaftliches Grundproblem unserer Zeit schlägt zwar klar einen Kurs ein, lässt aber trotzdem alle Fragen offen. Und das in einer Zeit der vermeintlichen Fortschritte und anmaßenden Gewissheiten.

Ich bin dein Mensch