Der Rausch

ALKOHOL IST AUCH (K)EINE LÖSUNG

6,5/10


derrausch© 2020 Weltkino Filmverleih


LAND / JAHR: DÄNEMARK, SCHWEDEN, NIEDERLANDE 2020

REGIE: THOMAS VINTERBERG

CAST: MADS MIKKELSEN, THOMAS BO LARSEN, MAGNUS MILLANG, LARS RANTHE, MARIA BONNEVIE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 56 MIN


A Kriagerl, A Glaserl, A Stamperl, A Tröpferl, då wer’n unsre Eigerln glei feicht. Då warmt si‘ des Herzerl, då draht si mei‘ Köpferl, die Fußerln wer’n luftig und leicht.

Tja, da wussten die beiden österreichischen Weltkünstler Andre Heller und Helmut Qualtinger in ihrem Trinklied bereits, wie gut es nicht sein kann, mit der richtigen Menge Alkohol das Leben zu optimieren. Fehlt die richtige Motivation, der eloquente Zungenschlag, das selbstbewusste Auftreten: 0,5 Promille hinter die Binde gegossen – schon ist man wer. Paracelsus aber sagt: Allein die Dosis macht’s, dass ein Gift kein Gift sei. Recht hat er, denn genau darauf kommt es an. Alkohol per se kann durchaus eine Lösung sein, und angesichts einer Studie des Psychiaters Finn Skårderud pumpen unsere Herzen mal generell viel zu wenig Blutalkohol durch unsere Venen. Genau genommen wären das eben 0,5 Promille zu wenig. Würde man das Level halten, hätte man erst dann die richtige Pole Position für geistige, kognitive und repräsentative Leistungen. Obs im Sport was bringt, wird nicht erwähnt.

Anhand dieser Annahme tun sich die vier Gymnasiallehrer Martin, Nikolaj, Peter und Tommy zusammen, um die Probe aufs Exempel zu machen, klarerweise motiviert durch aufkeimende Erschwernisse des Alltags, die vielleicht ohne hochprozentige Beikost nicht mehr zu schaffen wären. Sie wollen also testen, wie es ist, mit einem konstanten Spiegel von besagtem Promillewert dieselben Pflichten zu erledigen, die vorher schon angefallen waren. Was dabei herauskommt? Kommt drauf an, ob die vier Querdenker bereit sind, ihre Studie auszuweiten oder mit Skårderuds Annahmen abzuschließen. Im Grunde kann sich aber jeder denken, der  bislang auch nur irgendwie mit Alkohol in Berührung gekommen war, wie das Ergebnis ausfallen wird.

Thomas Vinterberg ist seit Dogma95 ein ganz großer seines Fachs. Filme wie Das Fest oder Die Jagd blieben mir bis heute nachhaltig in Erinnerung. Alles keine leichte Kost, dafür aber so energiegeladen inszeniert, dass seine Dramen wirken wie Thriller. Für Der Rausch schraubt der Däne einen Gang runter – und lässt es gemächlicher und humorvoller angehen. Auch sehr überlegt, konzentriert und frei von artifiziellem Beiwerk. Das Schauspielensemble steht im Mittelpunkt, die Regie bleibt gekonntes Handwerk. Was Allrounder Mads Mikkelsen hier wieder leistet, ist beeindruckend. Und natürlich nicht nur er. Alle vier, die da mit dem Alkohol recht selbstvergessen herumexperimentieren, tappen auf ihre ganz individuelle Art von einem Level der Trunkenheit ins andere, bis hin zur totalen Selbsterniedrigung. Paracelsus meldet sich wieder. Doch probieren geht über Studieren, meinen unsere Alltagshelden. So findet das Publikum die eingeschränkte Motorik lallender Supermarktkunden ganz lustig und schämt sich fremd, wenn Papa ins Bett uriniert. Symptome von Alkoholkonsum, wie wir sie alle kennen. Größere Probleme löst dieser trotzdem nicht.

Daher ist Der Rausch (im Original: Druk, was so viel heißt wie Komasaufen), diesjährig mit dem Oscar für den Besten Fremdsprachigen Film ausgezeichnet, in erster Linie kein Film, der neue Erkenntnisse über die Hassliebe zwischen Mensch und Alkohol bereithält. Allerdings deklariert Vinterberg den Alkohol nicht als etwas, das, wie es in mittelalterlichen Liedern so schön heißt, im Sinne des Teufels ist. Bier, Wein, Schnaps – alles nichts Böses. Die Symbiose zwischen Mensch und Gesöff: fast schon etwas Notwendiges. Ein Verbot: beinahe gegen unsere Natur. Ist da doch was dran an Skåkerunds Annahme? Ganz offensichtlich sympathisiert Vinterberg mit dieser Hypothese. Es gilt also die Unschuldsvermutung für Rebsaft und Co. Entlassen werden diese als neutrales Werkzeug wie jedes andere, das unter Missbrauch selbst und anderen klarerweise schadet, während der kluge Einsatz dessen tatsächlich weiterbringen mag. Medizin ohne Beipack? Von Brummschädel, gesteigerten Aggressionen und sträflich überwundenen Hemmschwellen verliert Der Rausch kein einziges Wort. Auch die Leber schweigt. Das fühlt sich fast schon wieder verharmlosend an.

Der Rausch

Ich bin dein Mensch

DIE SIMULATION DER ZWEISAMKEIT

7/10


IchBinDeinMensch© 2021 Majestic Filmverleih


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2021

REGIE: MARIA SCHRADER

CAST: MAREN EGGERT, DAN STEVENS, SANDRA HÜLLER, HANS LÖW, WOLFGANG HÜBSCH, ANNIKA MEIER U. A. 

LÄNGE: 1 STD 48 MIN


Es ist menschlich, sich was vorzumachen. Mit der eigenen zurechtverdrängte Realität lässt sich doch gut leben. Warum sollte man also da aufhören, wo es vielleicht am schönsten wäre? Bei der Partnerschaft. Manchmal reicht da einfach nur eine Stimme, um sich zu verlieben. Jean Cocteau hatte die Stimme am Telefon. Für Joaquin Phoenix in Spike Jonzes Her war Scarlett Johannsons Organ zu einer nicht körperlichen KI mehr als genug, um sich zu verlieben. Wenn dann aber ein attraktiver Mann mittleren Alters, augenscheinlich aus Fleisch und Blut, jeden Wunsch von den Augen abliest, kann das nur ein Erfolgsmodell werden. Damit nämlich rechnet eine in Berlin ansässige Robotik-Firma und hat bereits Eurozeichen in den Augen, als nur noch eine einzige Hürde überwunden werden muss, bevor die Innovation auf den Markt kommt: die Testung in privatem Haushalt. Für so etwas wird die Archäologin Alma mehr oder weniger zwangsverpflichtet. Sie muss den Partner-Androiden Tom für 3 Wochen mit zu sich nach Hause nehmen und auf die Frage Eignen sich Roboter als Partner-Ersatz? ein so gut es geht objektives Gutachten verfassen. Alma hat wenig Lust dazu, steckt sie doch bis über beide Ohren in einer Studienveröffentlichung zum Thema Keilschriften. Doch da muss sie durch – und nimmt den etwas hölzern wirkenden Charmebolzen mit in die eigenen vier Wände. Dieses Gekünstelte, so meint Tom, gibt sich bald – er muss seinen Algorithmus nur noch perfektionieren. Was aus diesen nächsten Wochen daraus entstehen mag – es ist nicht vorherzusehen. Und das ist schon mal eines der schönen Dinge, die diesen Film als etwas sehr Interessantes klassifizieren.

Ich bin dein Mensch ist ein Science-Fiction-Film, der noch weniger als Her visuellen Futurismus auch nur irgendwie nötig hat. Niemals blickt man in das Innere von Tom, niemals auch nur sind scheinbar schwebende Displays, Kabeln oder Knöpfe jemals relevant. Maria Schrader schlägt mit ihrem durchdachten Beitrag zum Informationszeitalter eine ganz andere Richtung ein. Dabei ist es, im Gegensatz zu ebenfalls recht durchdachten Filmen aus dem Roboter-Genre, auch nicht gerade die Frage der Ethik, die hier im Vordergrund steht. Für sie ist der Umstand, oder die Möglichkeit, alsbald einen Mensch-Ersatz menschlichem Willen zu unterwerfen, ein Umstand, der genauerer Betrachtung bedarf. Ein sozialpsychologisches Problem also. Eine ganz eigene Studie, die Maria Schrader hier betreibt, und für die sie mit Maren Eggert eine ebenso kritische wie leidenschaftliche Verfasserin gefunden hat. Vor ihr der charmante, ein bisschen als eine Mischung aus Anthony Perkins und James Stewart empfundene Gesellschafter – Dan Stevens (u. a. Die Schöne und das Biest, Downton Abbey) schafft als grüblerischer und gutmütiger Android mit britischem Akzent einen brillanten Balanceakt zwischen Star Trek´s Data und einem menschlichen Superhirn wie Sheldon Cooper, dazwischen aber gelingen ihm verblüffend menschliche Züge, bei welchen man als Zuseher fast schon selbst vergisst, dass dieser Tom eigentlich ein Roboter ist. Dabei zählen seine durchaus logisch nachvollziehbaren Handlungen, die enormes komödiantisches Potenzial entfalten, zu den wirklich witzigen Höhepunkten des Films.

Ich bin dein Mensch ist aber nur zum Teil Komödie. Im Grunde ist Schraders Film eine Gewissensfrage – an den Menschen im Zustand erdrückender Isolation und an ein künstliches Wesen, das vorgibt, alles zu verstehen. Die Simulation der Zweisamkeit allerdings kann nicht der Weisheit letzter Schluss sein, ist sie doch darauf ausgerichtet, die Grundmotivation der Lebenden, nämlich das Streben nach unerfüllten Wünschen, vorwegzunehmen. Doch andererseits… was weiß man.

Diese nachdenkliche, spitzzüngige und enorm pointierte Komödie über ein gesellschaftliches Grundproblem unserer Zeit schlägt zwar klar einen Kurs ein, lässt aber trotzdem alle Fragen offen. Und das in einer Zeit der vermeintlichen Fortschritte und anmaßenden Gewissheiten.

Ich bin dein Mensch

Nomadland

HEIMKEHREN NACH IRGENDWO

7,5/10


nomadland© 2020 20th Century Fox Studios


LAND / JAHR: USA 2020

BUCH / REGIE: CHLOÉ ZHAO

CAST: FRANCES MCDORMAND, DAVID STRATHAIRN, LINDA MAY, CHARLENE SWANKEY, BOB WELLS U. A. 

LÄNGE: 1 STD 48 MIN


Nomadland ist ein Western. Vielleicht ein Neo-Western, oder ein Spätwestern oder überhaupt ein Post-Millennial-Western. Aber ein Western. Dieses Bild des einsamen Cowboys oder Pistoleros oder Pioniers, der gegen den Sonnenuntergang reitet, immer weiter Richtung Pazifik. Der das ganze Land, all diese Wildnis dort in Nordamerika, sein Zuhause nennt. Umgeben von den Geräuschen der Natur und seinen Launen. Was für ein Mythos. Was für eine Romantik. Chloé Zhao gefällt das. Aber nicht dieses offensichtliche Bild, das ich hier  beschrieben habe. Sondern das Bewusstsein einer Nation dahinter, diese seit den alten Zeiten recht erfolgreich archivierte Gesinnung, die so oft mit Freiheit und allen möglichen Möglichkeiten verbunden wird. Dieses damit einhergehende, stereotype Bild der Männer und Frauen. Doch Chloé Zhao liebt ihr Land, in das sie emigriert ist; will das Nest, in dem sie selbst lebt, nicht beschmutzen; will auch niemanden, der scheinbar falsche Richtungen anpeilt, an den Haaren zurückhalten. Chloé Zhao will etwas nachspüren. Sie ist neugierig, wissbegierig. Will herausfinden, was diese Menschen antreibt, was sie straucheln lässt, wovon sie träumen, wohl wissend, diesen Traum niemals realisieren zu können.

Es ist zwar nichts faul, in diesem Staatenbund, zumindest aus Zhaos Sicht – aber nicht alles läuft nach Plan. Als Hemmschuh gilt der Mythos. Das war schon in ihrem beachtlichen, semidokumentarischen Spielfilm The Rider so. Das Draufgängertum des Rodeos; das toughe, unkaputtbare Männerbild des Westens. Nicht Indianer kennen keinen Schmerz, sondern der junge weiße Mann mit Hut und Halstuch. Ihr Blick darauf ist keiner des Mitleids, sondern des Mitgefühls. Zhao hält sich zurück, will beobachten, besetzt ihre Filme gerne mit Laiendarstellern oder mit genau den Darstellern, die diese ihre Geschichten tatsächlich erlebt haben. Viel Regie bedarf es dabei nicht – diese Menschen müssen nur sein, wie sie sind. Und Zhao bettet all das in eine Geschichte – die allerdings keinen Anfang und kein Ende hat, sondern Momentaufnahmen sind, mit ungewisser Zukunft.

In Nomadland hat Fern alias Francis McDormand (ausgezeichnet mit dem Oscar) ebenfalls einen Traum zu Grabe getragen, im Zuge ihrer existenziellen Not aber einen neuen ausgemacht – einen, der sich möglich und nicht verkehrt anfühlt, weil er dem Nationalbewusstsein entspricht. Sich dem Stolz der Pioniere bedient. So hat Fern also ihren Van, den sie sich recht kommod eingerichtet hat und mit welchem sie von einem saisonalen Job zum nächsten tingelt, quer durchs Land, durch die Prärie und durch die atemberaubend pittoreske Landschaft eines so reichen Kontinents. Sie trifft auf die Kommune der Nichtsesshaften, freundet sich mit urigen Originalen an, findet sogar etwas fürs Herz. Wir sehen den Alltag eines Lebensstils, der schon vor tausenden von Jahren als abgelegt gilt, den die Tuaregs noch praktizieren oder die Hirten der mongolischen Steppe. Nomadland ist ein in sich ruhender, unaufgeregter, sehr präziser Film, der völlig wertfrei einen Zustand widerspiegelt, der weder als trostloses Sozialdrama steht noch als idealisierte Aussteigerromantik. Von beidem hat McDormand etwas, unter beidem leidet und frohlockt sie gleichermaßen. Ihr Spiel ist ungekünstelt und zurücknehmend, direkt beiläufig – und ohne Scham vor kompromittierenden Alltagsszenen. Vielleicht hat ihr eben diese ungeschminkte, lockere Natürlichkeit den dritten Goldjungen eingebracht. Herausragend ist ihre Darstellung nicht, ungewöhnlich auch nicht. Dafür aber so angenehm normal. Diese Normalität sucht man im Kino fast schon vergeblich. Sowas kann McDormand. Und es könnte auch sein, dass sie und Zhao zu einem neuen Dreamteam werden, obwohl ich die Filmemacherin eher als jemanden einschätze, der viel lieber zu neuen Ufern aufbrechen möchte. Wie eben für den neuen Marvel-Film Eternals, der zu Weihnachten in die Kinos kommen soll. Auf ihren Filmstil, verbunden mit dem Disney-Franchise, kann man gespannt sein.

Nomadland ist vor allem auch in seiner Machart bemerkenswert. Zhao begleitet ihre Reisende rund ein Jahr lang, von Winter bis Winter. Und zeigt dabei sehr viel in sehr kurzen Szenen und Sequenzen, die aber, trotz des akkuraten Schnittstils, in ihrer Gesamtheit eine elegische, dahingleitende Ruhe ausstrahlen. Trotz der Umtriebigkeit, trotz der Rastlosigkeit ihrer Protagonistin. Mit Michael Glawogger hat Zhao einiges gemeinsam – vor allem wenn ich mir seinen letzten Film, Untitled, ins Gedächtnis rufe. Beide haben diese Kunstfertigkeit, über das Reale zu erzählen und sich dabei eines prosaischen Alphabets zu bedienen. Das gereicht zu einem geduldigen, wohlwollenden Beitrag für ein neues, altes Hollywood.

Nomadland

Cherry

I GOT GUNS IN MY HEAD AND THEY WON´T GO

6,5/10


cherry© 2021 Apple+


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: ANTHONY & JOE RUSSO

CAST: TOM HOLLAND, CIARA BRAVO, JACK REYNOR, MICHAEL RISPOLI, JEFF WAHLBERG, FORREST GOODLUCK, MICHAEL GANDOLFINI U. A.

LÄNGE: 2 STD 30 MIN


Nur ein freundlicher Junge aus der Nachbarschaft? Mitnichten. Marvel-Shootingstar Tom Holland hat sich ja bereits schon mit der düsteren Ballade The Devil all the Time weit genug von seinem Spiderman-Image wegbewegt. Aber es geht noch weiter. Und zwar mit der Verfilmung eines Romans von Nico Walker, die vom Heldenmythos überhaupt nichts mehr wissen will und seinen Protagonisten in ein Wechselbad schlimmer Erfahrungen wirft, aus dem sich eigentlich kein Normalsterblicher herauswinden würde können. Dabei – und da würde Alanis Morisette zu ihrem Lied Ironic vielleicht noch eine Strophe hinzufügen ­– hängt in dieser überlangen Straße der Verdammnis das Schicksal des jungen Mannes namens Cherry von einem einzigen Umstand ab: und zwar vom Umstand von so etwas augenscheinlich Banalem wie Liebeskummer.

An dieser schmerzlichen Erfahrung ist Uni-Liebe Emily schuld. Nachdem die Beziehung längst schon nach etwas Fixem aussieht, entschließt sich die junge Dame, nach Montreal auszuwandern und mit Cherry Schluss zu machen. Wie denn jetzt? Spidey fällt aus allen Wolken, weiß nicht mehr, wo oben noch unten ist und beschließt aus einem Impuls heraus, die autoaggressive Selbstgeisselung in der Army zu suchen. Das Dumme aber: Emily macht einen Rückzieher, bleibt doch hier, will auch nicht Schluss machen, und kurz bevor Cherry in den Nahen Osten ausrückt, wird noch geheiratet. Völlig klar, dass die Gräuel des Krieges den jungen Mann zumindest psychisch komplett durch den Fleischwolf drehen. Wieder zurück in sicherer Heimat, geht´s nur noch bergab. Und zwar mit Drogen, soweit das blutunterlaufene Auge reicht.

Um zu zeigen, dass die Brüder Russo nicht nur Meister darin sind, im Superhelden- und Actiongenre die roten Fäden ihrer Plots fest in ihren Händen zu belassen, darf’s diesmal etwas Dramatisches sein. Und ja, sie verzetteln sich trotz dieser Fülle an Aspekten auch hier nicht. Ein überstilisierter und satter Abgesang auf den amerikanischen Traum ist ihr Film geworden, ein Abgesang auf Ruhm und Ehre beim Militär; auf die enden wollenden Kapazitäten einer menschlichen Psyche, die beileibe nicht alles aushält, schon gar nicht das von den Waffenlobbys angeheizte Abschlachten unter fremdem Himmel. Die Drogen sind da nur ein Symptom für eine soziale Dysfunktionalität und ein Vorbeiwirtschaften an der Volksgesundheit. Die literarische Vorlage ist mit Sicherheit ein galliges Werk – der Film der Russos zögert hier nicht, diesem Adjektiv nachzueifern, wenngleich hier sehr viele optische Stile ausprobiert werden, hinter denen aber kein System zu stecken scheint und die einfach gar willkürlich variiert werden. Natürlich, das lockert die straffe Abwärtsspirale etwas auf, macht sie nicht träge und larmoyant, sondern gibt ihr eine gewisse sarkastische Note. Zur Groteske ist es nicht mehr weit, und auch gegen Ende hin, wenn alle Stricke reißen, suhlt sich Cherry im heftigen Spiel von Tom Holland. Der hat´s wirklich drauf, vor allem in Szenen wie diese, in der er sich mit der Heroinnadel malträtiert und dabei den Frust seines Daseins gegen die Windschutzscheibe seines Autos brüllt. Direkt peinlich berührt will man da wegsehen, aber es wäre nicht Tom Holland, wenn in seiner Figur nicht noch ein Funken Überlebenswillen wäre. Ein Funke, der immer wieder durchkommt und den Film dann auch trotz seiner intensiven Szenen, die an Aaron Pauls Rolle in Breaking Bad erinnern, erträglich macht.

Erstaunlich einsam sind die beiden Liebenden und halb Sterbenden in diesem großzügigen Mix aus Kriegs-, Drogen- und Liebsdrama. Auf nichts scheint hier Verlass, weder auf Familie noch auf den Staat noch auf irgendeine helfende Hand. Aus dem Dreck, da muss man sich selber ziehen. Ganz allein.

Cherry

The Square

SOS MITMENSCH

6/10

 

square© 2017 Alamodefilm

 

LAND: SCHWEDEN, DEUTSCHLAND, FRANKREICH, DÄNEMARK 2017

REGIE: RUBEN ÖSTLUND

CAST: CLAES BANG, ELISABETH MOSS, DOMINIC WEST, TERRY NOTARY U. A.

 

Vor einigen Jahren schuf der schwedische Filmkünstler Ruben Östlund mit dem satirischen Drama Höhere Gewalt eine messerscharfe Analyse menschlichen Verhaltens: Während eines Familienurlaubs in den französischen Alpen entgehen Mutter und Kinder nur knapp einem Lawinenabgang, während Papa in kopfloser Panik das Weite sucht und seine Liebsten im Stich lässt. Niemand kommt zu Schaden, aber dennoch: was sich danach abspielt, ist wert, zu beobachten. Vier Jahre später schreibt Östlund sein nächstes Werk – ein nicht weniger analytischer, in menschliche Verhaltensbiotope vordringender Zerrspiegel, der dem Homo sapiens auf eine Weise vorgehalten wird, die seltsam unwohl macht, manchmal lächerlich wirkt, und zeitweise verstört. The Square, mit der Goldenen Palme prämiert und für den Auslands-Oscar nominiert, ist ein Film, der mir ganz und gar nicht gefällt. Hinter dem aber ein Konzept steckt, das wiederum brillant ist.

Um nichts anders geht es hier, augenscheinlich betrachtet, als um einen Museumskurator, dem Smartphone und Geldbörse gestohlen wird. Der geht daraufhin zwecks Wiederbeschaffung seines getrackten Elektroteils in die Breitband-Offensive, die aber ungeahnte Wellen schlägt und den egozentrischen Schnösel und Vater zweier Kinder mit den Prinzipien seiner eigenen Lebensart konfrontiert. Umrahmt wird das Geschehen von einer Ausstellung, die den Altruismus zum Thema hat – und in scheinbaren Episoden, die ineinandergreifen, über das Kunstprojekt hinaus den normalen Bildungsbürger an sich zur Installation des Geplanten macht. Das ist sehr viel, was Östlund will, und sehr viel, was ihm anscheinend durch den Kopf geht. Und es spannt einen ziemlich deutlichen Bogen zu eingangs genanntem Werk, das sich im Grunde mit genau demselben Thema beschäftigt: Was ist nötig, um seine eigene Komfortzone zu verlassen und Zivilcourage zu zeigen? Wo liegt die Grenze, um uns selbstlos agieren zu lassen? The Square, also ein Geviert von 4×4 Metern, wird zu Beginn des Filmes unter den Klängen von Johan Sebastian Bach´s Ave Maria vor dem Museum für zeitgenössische Kunst ins Kopfsteinpflaster gesetzt. Ein Zufluchtsort soll es sein, für Respekt, Nächstenliebe und dem Anspruch, dass alle, die die neonbeleuchteten Grenzen der Installation überwinden, mit gleichen Rechten und Pflichten ausgestattet sind. Wie seltsam, dass es dafür eine Zone braucht. Wäre das nicht selbstverständlich, für den anderen da zu sein? Macht das nicht das Menschsein aus, Hilfe zu leisten, wenn Hilfe vonnöten ist? Natürlich, was für eine Frage. Doch sind wir wirklich bereit dazu? Begeben wir uns nicht selber in Not, wenn wir helfen würden?

Anderen Filmemachern möge die Gewichtigkeit solcher sozialphilosophischen Fragen in all ihrer Euphorie zu Kopf steigen und ihr Werk überfrachten. Östlund passiert das nicht. Seine Szenen sind scheinbar beiläufig, unexaltiert und fast schon so voyeuristisch wie eine Dokusoup. Ein Aufriss bei einem Clubbing, ein Interview über Kunst, Sex mit einer flüchtigen Bekannten – und ein Hilferuf auf offener Straße. Dieser Ruf nach Beistand, der zieht sich durch den ganzen zweieinhalbstündigen Film. Ebenso wie all die Obdachlosen am Straßenrand, in der Einkaufspassage. Oder im Geviert, das Schutz verspricht. Wo ein blondes, verwahrlostes Kleinkind auf Schutz und Hilfe hofft – und von unsichtbarer Hand in die Luft gesprengt wird. Das ist heftiger Tobak, ist aber ein Promotionfilm, der auf die kommende Ausstellung der Künstlerin Kalle Boman, die tatsächlich existiert und tatsächlich dieses Quadrat in der schwedischen Stadt Värnamo installiert hat, aufmerksam machen soll. Das erinnert natürlich an die Geschmacklosigkeiten, die seinerzeit Benetton an die Plakatwand gepappt hat. Das ist eine plumpe, aber effektive Methode der Werbung, die habe ich während meiner Ausbildung zum Grafiker selbst erprobt. Nichts erreicht mehr Response als die schlechte Nachricht, der Skandal, das Unethische. Das ist aber nur eine der narrativen Spitzen von The Square, und dabei will der Film eigentlich überhaupt nicht die moderne Kunst bloßstellen oder als heiße Luft demaskieren. Ganz im Gegenteil. Was hinter dem Konzept Boman´s steckt, ist durchdacht, klug und bewegt den Besucher zur Interaktion. Kunst, die muss längst nicht mehr handwerklich erstaunen. Kunst, die ist viel mehr nur noch eine abstrakte Idee oder ein Gedanke, der sich durch den Kontext alltäglicher Materialien manifestiert. Das hat schon der Franzose Marcel Duchamp gewusst, der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Sanitärkeramiken zum Kunstwerk erhob. Der Dadaismus ist entstanden, die Idee, Kunst an sich zu hinterfragen. Nicht unbedingt gefällig und schön anzusehen, aber vom Konzept her fast schon genial.

Mit The Square verhält es sich genauso. Östlund´s dunkel-humorige Reise hinter die  verqueren Demarkationslinien menschlichen Handelns ist unbequeme Provokation. Wenn die Grenzen zwischen Tier und Mensch verschwimmen und ein Aktionskünstler in äffischem Verhalten die instinktiven Scheuklappen einer noblen Gesellschaft aktiviert, um die Grenze der Zivilcourage erst knapp vor einer gespielten Vergewaltigung auszuloten, ist eine der verstörendsten Szenen seit langem und erinnert an die Radikalität der Theaterstücke eines Elias Canetti oder Peter Turrini. Wie weit muss man gehen, um zur Intervention zu bewegen? Auch hier ruft die an den Haaren gezogene Dame um Hilfe, und alsbald auch das Gespenst des schlechten Gewissens bei Kurator Claes Beng, der seine eigene Feigheit mit dem Umgang anderer erkennt. Östlund ist ein Filmstratege, ein scharfer Analytiker, der die soziale Verkümmerung des gebildeten Establishments auf nachhaltig irritierende Weise verurteilt. Seine bizarren Szenen über den Verlust von Vertrauen und Respekt wagen soziale Umkehrungen, stellen experimentelle Aufgaben. Angenehm ist das Ganze nicht, Spaß macht es eigentlich auch keinen, und es fordert, auch wenn man gelegentlich lachen muss – doch warum eigentlich? Wie sehr bin ich bei Betrachten dieses Filmes selbst Teil dieser Ausstellung, dieses beklemmenden Manifests? Bin ich noch Affe, oder schon Mensch? Der Affe in uns, der hat auch hier seine metaphorische Rolle.

Selten gibt es Filme, die so eine psychosoziale Ohrfeige verpassen. Das tut weh, und es gefällt mir nicht, und dann frage ich mich: brauche ich das denn? Allerdings: muss The Square überhaupt gefallen? Sollte der Film nicht eher aufwühlen? Letzteres tut er, und das mit System. Und wir stellen fest: The Square kann überall sein. Egal, wo wir sind. Am liebsten jenseits unserer Komfortzone. Dort, wo wir uns genauso wenig wohlfühlen wie in diesem Film.

The Square

Der Himmel wird warten

REKRUTEN FÜR DEN GOTTESSTAAT

7/10

 

himmelwirdwarten© 2017 Neue Visionen

 

LAND: FRANKREICH 2016

REGIE: MARIE-CASTILLE MENTION-SCHAAR

MIT NOÉMIE MERLANT, NAOMI AMARGER, SANDRINE BONNAIRE, CLOTILDE COREAU, ZINEDINE SOUALEM U. A.

 

Der IS, die Sekte des Terrors, fehlgeboren aus der Religion des Islam, arbeitet mit den gleichen Mitteln wie alle anderen radikalen Vereine, die so tun, als würden sie eine Religion vermitteln: mit Gehirnwäsche, werbewirksamer Verführungskunst und Lügen, die einzig darauf abzielen, Ängste zu schüren. Im Grunde wirbt der IS wie seinerzeit der Katholizismus mit der Absolution durch den Ablasshandel. Was hätten diese geld- und machtgierigen Bonzen damals nur alles Erdenkliche noch tun können, wären sie durch soziale Medien wie Facebook oder YouTube vertreten gewesen? Die damals relativ leichtgläubige, furchtsame und vor der Obrigkeit devote Welt wäre dem Papst noch mehr zu Füssen gelegen als es tatsächlich der Fall war. Erzählen lässt sich schließlich viel, auch das Blaue vom Himmel mit all seinen Jungfrauen. Und die Hölle, die gibt es immer noch. Aus dem Konzept gerissen erscheinen diese Methoden ziemlich lächerlich – gelingt es aber, den noch formbaren Geist eines jungen Menschen an den Angelhaken perfider Manipulation zu bekommen, wird es erst richtig gefährlich. Genau davon berichtet Mention-Schaar´s Film über die Krümmung des guten Willens und das Brechen junger Seelen.

Dabei erzählt Der Himmel wird warten zwei Geschichten, die erst am Ende das Missing Link zueinander sichtbar machen. Die ineinander verwobenen Episoden schildern detailliert die Radikalisierung eines französischen Teenagers in eine Islamistin, die sich nur zu gerne für einen Einsatz in Syrien rekrutieren lässt. Auf der anderen Seite sehen wir eine Metamorphose in die andere Richtung, von der Resozialisierung in ein normales Leben. Die Mechanismen, die für beide Richtungen jeweils angewandt werden, sind erstaunlich gut extrahiert. Blickt man in die Abgründe sowohl während der Befreiung aus einer verzerrten Realität als auch während der Vergiftung des Geistes durch den Fanatismus islamistischer Rattenfänger, lassen sich für einen Außenstehenden Warnsignale gut erkennen und abgrenzen. Für einen Gefangenen inmitten diffuser Wahrheiten, die nichts als Propaganda sind und als Fake News auf den ersten Blick logisch erscheinen mögen, ist die Abgrenzung vor dem „Bösen“ leichter gesagt als getan.

Der Himmel wird warten basiert lose auf dem Buch der Sozialpsychologin Dounia Bouzar (die auch im Film sich selbst spielt) und ist ein Pflichtprogramm für Schulen rund um den Erdball. Klar auch, dass dieses Lehrstück über Manipulation aus Frankreich kommt, hat dieses Land nicht genug Scherereien mit den scheinbar wahllos wie Metastasen aufpoppenden Terrorismus, der Stadt und Land in Angst und Schrecken versetzt hat. Doch nicht nur Frankreich, auch Österreich hat das eine oder andere Opfer vom Kreuzzug in den Nahen Osten abhalten können – manche wiederum nicht. Der vorliegende Film ist brisanter denn je, und so geradlinig und edukativ in seiner Szenenwahl, dass sich Schülerinnen und Schülern richtigen Alters die faschistoiden Mechanismen nicht nur im Moment, sondern auch merkbar für die Zukunft sonnenklar erschließen. Der Himmel wird Warten ist eine Präventivmaßnahme fürs Kino und für den Fernseher aus dem Lehrerzimmer. Ein Film, der gezeigt werden muss, gefährliches Denken im Ansatz ersticken kann oder gar nicht gleich aufkommen lässt. Anfang der Achtziger war es der semidokumentarische Sekten-Film Ticket to Heaven mit Kim Catrall und Saul Rubinek, der das Leben nach der Gehirnwäsche präzise schildert. Nicht zu vergessen Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo. Die schonungslose Drogenstory nach Tatsachen war zu meiner Schulzeit das Aufklärungskino schlechthin. Zwar manchmal notwendig reißerisch, dafür aber Mittel zum Zweck. So und nicht anders funktioniert das Medium Film, wenn es einen Bildungsauftrag erfüllen muss. Und dieser Auftrag besteht. Auch dafür muss Kino eine Plattform sein.

Der Himmel wird warten