Der Magier im Kreml (2025)

ERKLÄR‘ MIR RUSSLAND

6,5/10

 

Paul Dano im Politdrama Der Magier im Kreml von Olivier Assayas
© 2025 Constantin Film Österreich

 

LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH, FRANKREICH 2025

REGIE: OLIVIER ASSAYAS

DREHBUCH: OLIVIER ASSAYAS, EMMANUEL CARRÈRE, NACH DEM ROMAN VON GIULIANO DA EMPOLI

KAMERA: YORICK LE SAUX

CAST: PAUL DANO, JUDE LAW, ALICIA VIKANDER, WILL KEEN, TOM STURRIDGE, JEFFREY WRIGHT U. A.

LÄNGE: 2 STD 36 MIN 



Ob Wladimir Wladimirowitsch Putin, im Film des Öfteren oder fast immer als „Der Zar“ bezeichnet, diesen Film schon gesehen hat? Er könnte die Sichtung dessen damit begründen, seine Kenntnis darüber ausbauen zu wollen, wie denn der Westen über Russland denkt. Nun, im Grunde weiß er das sowieso. Unterm Strich sind sie alle unfair, außer die FPÖ oder Trump. Oder Karin Kneissl. Weil der Westen wiederum selbst Russland als missratenen Staat empfindet. Wieso sollte er sich das also antun, weil die anderen sowieso und eh nichts wissen?

Die Macht der Macher

Der Magier im Kreml ist aber kein Schwerter schwingendes und scharfzüngiges Aggressionskino gegen das diktatorische Russland, dessen Führer gerne so sein möchte wie seinerzeit Stalin, mit diesem riesigen russischen Reich unter seiner Fuchtel. Dieses stille Drama, das sich lediglich in Worten und damit dokumentierten Berichten weiterbewegt als sonst wie, hat kein Interesse daran, auf irgendeine Weise zu hetzen. In nüchterner, analytischer Methodik arbeitet sich Filmemacher Olivier Assayas durch die literarische Vorlage des Schriftstellers und Politikwissenschafters Guiliano da Empoli, der augenscheinlich gewusst haben muss, wovon er in seinem Bestseller berichtet, nämlich von Struktur, Konzeption und die Umsetzung dessen, was man bekanntlich als autoritäre Machtausübung bezeichnet.

Als solch eine Aufdröselung diverser Mechanismen will Der Magier im Kreml gesehen werden, und dabei stellt sich wiederum die Frage, ob dieser Putin wohl, würde er den Film sehen, all die Methoden nachvollziehen, sich selbst und seinen Stab als entlarvt oder ertappt ansehen oder nur überheblich lächelnd das Ganze als naiven Versuch ansehen könnte, das Geheimnis hinter dem Machtmonster Russland herausfinden zu wollen. Ist das Werk also damit gescheitert oder nicht? Und wer ist überhaupt dieser Wadim Baranow, die rechte Hand Putins oder dessen Schatten?

Danos Figur gab es gar nicht

Es gibt ihn gar nicht. Und gab ihn auch nicht. Wenn es jemanden gab, der so ähnlich taktierte, dann war das Wladislaw Surkow, und tatsächlich wurde der auch als Zauberer bezeichnet, als dritter Mann im Staat. Aber Baranow, den gab es nicht. Nicht so, wie ihn Paul Dano darstellt. Womöglich deswegen, weil es vermutlich selbst für Autor Empoli unmöglich war, näheres über die Biografie dieses Mannes namens Surkow herauszufinden. Und bevor man sich anhören muss, schlecht recherchiert zu haben und sich damit in die Nesseln setzt, lässt man Surkow weg und erfindet eine gänzlich neue Figur.

Damit lässt sich auch besser erzählen, es lässt sich die politische Biografie dieses Machtmenschen Putin einfacher betrachten, wenn man mit einer Figur wie Baranow umgehen kann wie man will und diesen auch so platziert, dass er alles sehen kann, was hinter den Kremlmauern abgeht. Der Rest ist schließlich ohnehin Geschichte.

All die anderen gab es ja wirklich, auch diesen Oligarchen und Fernsehmogul Boris Beresowksi (famos: Will Keen) oder Dmitri Sidorow („Sandman“ Tom Sturridge) – zwei Machtmenschen, die man mittlerweile auch nicht mehr befragen kann. Der Verdacht auf politische Sterbehilfe kommt nicht von irgendwoher, denn Putins Machtapparat, das wissen wir aus den Nachrichten, kann, wenn er denn will, weit über die Staatsgrenzen hinaus noch nachwirken.

Schweigen ist silber, Reden ist gold

Kehren wir zurück zu Paul Dano, den Quentin Tarantino kurzzeitig irgendwie nicht leiden konnte, der aber hier, unter Olivier Assayas Regie, das pausbäckige Milchgesicht eines emotionslosen Denkers abgibt, der zweieinhalb Stunden durchgehend und obendrein den Erklärbären gibt. Da lohnt es sich wieder, Der Magier im Kreml in der synchronisierten Fassung zu sehen, sonst würde man, wie schon bei Haugeruds Oslo-Trilogie, an den Bildern vorbei die Untertitel begaffen, sofern man nicht perfekt Englisch versteht. So aber ist die angenehm kindliche und streichelweiche deutsche Übersetzung problemlos und auf längere Zeit hörbar, schließlich lässt sich ohne der Stimme aus dem Off der halbe Film nicht verstehen, sind all die Etappen der Laufbahn eines Putin in ihrer recht gleichförmigen Beschaffenheit kaum auseinanderzuhalten.

Für die nötige Abwechslung sorgt Alicia Vikander mit variablem Haircut, alle anderen ruhen in ihrem konsistenten Erscheinungsbild – und auch Jude Law, der die Herausforderung stemmen muss, weit jenseits einer aversiven Parodie den Mann bewusst vorurteilsfrei darzustellen, gelingt die reduzierte Annäherung mit lediglich einstudierter Mundpartie und schütter-blondem Haar.

Wenig Vodka, dafür Winter

Wie ein Film wie Der Magier im Kreml funktionieren kann, ausschließlich mit Dialogen, den Fokus starr auf die pulsierende Machtblase gerichtet, den Blickwinkel stets bei Paul Danos rezitierender Funktion belassend? Vielleicht ist die Beharrlichkeit in diesem Film genau das, was den Unterschied macht, was den eigenen Kopf anregt. Was das Unangreifbare zum kalkulierenden kleinen Menschen macht, der den Freibrief für alles ergattert. Assayas schafft einen speziellen Film zwischen McKays Vice und Oliver Stones Präsidentendramen, deutlich europäischer, samt Arthouse-Touch und unterkühltem Russlandwinter.

Der Magier im Kreml (2025)

Father Mother Sister Brother (2025)

WAS MAN VON DEN ELTERN WEISS

6,5/10


© 2025 Vague Notion, photo by Yorick Le Saux


LAND / JAHR: USA, IRLAND, FRANKREICH 2025

REGIE / DREHBUCH: JIM JARMUSCH

KAMERA: FREDERICK ELMES, YORICK LE SAUX

CAST: ADAM DRIVER, MAYIM BIALIK, TOM WAITS, CATE BLANCHETT, VICKY KRIEPS, CHARLOTTE RAMPLING, INDYA MOORE, LUKA SABBAT, SARAH GREENE, FRANÇOISE LEBRUN U. A.

LÄNGE: 1 STD 50 MIN



Die eigene Schwester, der eigene Bruder – alleine was die Blutsverwandtschaft angeht, gibt es keinen anderen Verwandten, der einem genetisch nähersteht. Gemeinsam aufgewachsen ist viel mehr, als unter einer Obhut aufgewachsen, die sagt, wo es langgeht, und die einem in Kindesjahren oftmals ratlos zurücklässt, was so manche Erziehungsmaßnahme betrifft. Als Geschwisterpaar kann es zwar auch zu Dominanz und Devotismus kommen, doch zumindest hängt man gemeinsam auf Augenhöhe in einer Kinderstube fest, in der man gemeinsame Erfahrungen in Sachen Erziehung durchaus teilen kann. Und dann auch später: Die Eltern werden älter, die Kinder groß – die Brücke zu den Erziehungsberechtigten mag man geschlagen haben, um ihnen ihrer selbst willen näherzukommen, oder eben nicht.

Familie hat man ungefragt

Dieses „Oder eben nicht“ hat der legendäre Independentfilmer Jim Jarmusch nun aufgegriffen. Sein dreiteiliger Episodenfilm trägt zwar den Titel Father Mother Sister Brother, doch Vater und Mutter bleiben das rätselhafte Subjekt, das unbekannte Wesen, das man zwar sieht und spürt und umarmt, aber nicht ergründen kann. Dabei ist es ganz egal, ob diese Eltern, ob Mutter oder Vater, nun anwesend sind oder nicht. In der dritten und alles einschließenden Episode Sister Brother ist nicht mal das vonnöten, da braucht es Mutter und Vater nicht mal, um sich mit ihnen posthum auseinandersetzen zu wollen. Dieses Anschleichen, Annähern, dieses Betrachten der Elternschaft, die man bisher nicht ergründen konnte und es auch niemals wird, denn diese entwickeln sich auch nochmal um einiges weiter und haben sich von jenen Menschen entfernt, die sie waren, als man Kind war – dieses Annähern und Betrachten reicht für Jim Jarmusch allemal, um alltägliche Miniaturen zu skizzieren, die das Fremde in der Familie thematisieren und es anhand unbeholfener Skurrilitäten und stockender Gespräche als einen Umstand dokumentieren, den man oft als etwas beschreibt, das man sich nicht aussuchen kann. Familie, die hat man schließlich ungefragt.

Abwesenheit in Anwesenheit, und umgekehrt

Und so schickt Jarmusch gleich anfangs Adam Driver und Big Bang Theory-Star Mayim Bialik ins winterliche Nirgendwo zu Musiker Tom Waits, der vorgibt, ein verschrobener, etwas hilfloser und mittelloser alter Sack zu sein. Warum tut er das? Um sich der Fürsorge seiner Kinder zu versichern? Könnte sein, jedenfalls scheint bis auf die pflichterfüllende Nächstenliebe nicht sehr viel beide Generationen zu verbinden. In der mittleren Episode sehen wir Cate Blanchett und Vicky Krieps, wie sie einmal im Jahr zur gespreizten Teezeremonie ihrer Mutter antanzen müssen. Hier gibt es noch weniger Wärme, reichlich Floskeln und unergiebigen Small Talk – das gemeinsam Erlebte hat mit dem Ende der Kindheit auch das ihre gefunden. Familie ist selten nachhaltig, bleibt auf verschlossener Distanz, Charlotte Rampling braucht vor dieser Zusammenkunft zumindest eine Therapiesitzung per Telefon.

Am Ende dann Eltern, die durch Abwesenheit präsenter sind als Waits und Rampling – ihr Ableben rückt die Sehnsucht nach der beschützenden, erzieherischen Instanz, nach einem Vorbild in den Mittelpunkt. Beide, Indya Moore und Luka Sabbat, erkennen die Besonderheit der Eltern erst nach ihrem Verschwinden, nach dem Gefühl des Verlustes. Auch sie entfremdete Wesen, zu denen man nicht anders konnte als aufzusehen.

Stilistische Spielereien

Natürlich erkennt man die eine oder andere Situation so oder anders aus dem eigenen Leben wieder. Nichts, was Jarmusch zeigt, ist von weit hergeholt, sondern unvermittelt erlebbar. Father Mother Sister Brother entwirft keine besonderen Welten, keine besonderen Momente – Jarmusch blickt auf den Kern der Begegnung, auf die Art des In-die-Augen-Sehens oder Nichtbetrachtens. Sein Episodenfilm ist von reduktionistischer Studienhaftigkeit, und es wäre nebst dieser familiären Ratlosigkeit kein spezieller Pfiff in ihnen vorhanden, würde der Filmemacher nicht die selbstauferlegte Challenge meistern wollen, einzelne Elemente in seinem Narrativ immer wiederkehren zu lassen. Das mag mitunter ganz witzig sein, wenn es sich um Paralleluniversen handeln würde, die zeitgleich und ineinander existieren – und vielleicht tun sie das ja auch. Vom Wert des Wassers ist die Rede, von einer eigentümlichen Phrase, die da heisst: „Fertig ist die Laube“. Von skateboardende Jungs oder den Fotos von damals, die, am Kaminsims, auf der Kommode oder als Teil des Nachlasses eine Zusammengehörigkeit dokumentieren, die einem längst schon wie weggewischt vorkommt. Letztlich hätte Jarmusch diese Spielerei gar nicht nötig gehabt, hat sie doch nur rein stilistisch einen gewissen dekorativen Wert, fürs inhaltliche Gesamtkonzept jedoch nicht den geringsten.

Father Mother Sister Brother (2025)