The Invite (2026)

IM SPIEGELKABINETT DER SEHNSÜCHTE

7,5/10

 

Olivia Wilde und Seth Rogen haben in The Invite die Nachbarn zu Besuch
© 2026 Tobis Film

 

LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: OLIVIA WILDE

DREHBUCH: WILL MCCORMACK, RASHIDA JONES, NACH DEM THEATERSTÜCK VON CESC GAY

KAMERA: ADAM NEWPORT-BERRA

CAST: OLIVIA WILDE, SETH ROGEN, PENÉLOPE CRUZ, EDWARD NORTON

LÄNGE: 1 STD 48 MIN



Theaterliebhaberinnen und -liebhaber kennen den Klassiker: Edward Albees Wer hat Angst vor Virginia Woolf?. In diesem zünftigen Ehedrama, das mehr ist als es auf den ersten Blick scheint, ladet ein langjähriges Ehepaar zwei jüngst Verlobte zum Dinner. Während dieses Abends kommen Krisen zum Vorschein, die sich gewaschen haben. Martha und George schenken sich nichts, reißen alte Wunden auf, vernichten sich selbst und einander. Das jungfräuliche Ehepaar, das da nur tatenlos zusehen kann und dann letztlich ebenfalls in diesen Ehekrieg hineingezogen wird, fungiert wie ein Spiegel des Damals, als alles noch aus Liebe war. Paradebesetzung für dieses Stück: Natürlich Liz Taylor und Richard Burton.

Wer hat Angst vor den Nachbarn?

Eine Soft-Version von Edward Albee gefällig? Diesmal haben wir es mit Olivia Wilde, die auch selbst Regie führt, und Seth Rogen zu tun. Auf der anderen Seite kein „unbeflecktes“ Ehepaar, viel mehr ein Liebespaar mit unorthodoxen Lebensweisen, dargestellt von Penélope Cruz, diesmal in Blond, und Edward Norton. Die beiden sind Nachbarn von Wilde und Rogen, wohnen einen Stock höher und rufen sich vor allem des Nächtens in Erinnerung, wenn es sexuell heiß hergeht. Doch deswegen haben Angela und Joe – so heißen die beiden Eheleute von unten – die beiden nicht eingeladen. Joe weiß gar nichts davon, dass Angela heute noch Gäste erwartet, kommt von einem langweiligen Arbeitstag als Musiklehrer nachhause und muss dann noch Small Talk treiben. Aber immerhin: Eine gute Gelegenheit, um das Gekeuche und Gestöhne anzusprechen, dass den beiden immer wieder den Schlaf raubt.

Let’s Talk About Sex

Sobald der Besuch hereinschneit, ist nichts mehr so wie vorher. Erstrebenswert wäre das ohnehin nicht, denn Angela und Joe haben sich nicht mehr viel zu sagen, sind aneinander gewöhnt, und dennoch voller Erwartungen und Sehnsüchte, was den jeweils anderen betrifft. Wer könnte das besser widerspiegeln als das kokette, frivole Lustpärchen, das die beiden verstockten Traditionalisten geradewegs zu einer Sexorgie einlädt. Jede mit jedem, jeder mit jeder.

Wie Seth Rogen diesem Angebot begegnet, ist hinreißend komödiantisch. Einerseits konservativ zugeknöpft, andererseits einfach nur voller Sarkasmus. Olivia Wildes frustrierte Ehefrau ist da schon anders gepolt, weitaus interessierter, neugieriger, aber auch verängstigt. Norten und Cruz? Sie scheinen nicht die zu sein, die sie sind. Oder doch? Stimmt das überhaupt, mit diesem Gruppensex? Denn wie seltsam mag es erscheinen, dass der Besuch gerade jene Bedürfnisse erfüllt, die die beiden nicht gestillt bekommen.

Widererkennen im anderen

Mit The Invite, basierend auf dem spanischen Film Sentimental, was wiederum auf einem Theaterstück von Cesc Gay beruht und sogar in Deutschland verfilmt wurde, hat Olivia Wilde wohl mehr herausgeholt, als in diesem Dinner-Drama eigentlich stecken mag. Und zwar ist das die dunkle Seite, der „Edward Albee-Aspekt“. Obwohl: dunkel wäre vielleicht sogar etwas zu viel des guten, dunkelblau trifft es wohl besser.

Zu Beginn feiern soziale Gepflogenheiten in kleinen Gesprächen und höfliche Bewunderungen, unterspickt mit frechen Ehrlichkeiten, noch allzu gewohnte Chill-Time unter Erwachsenen, die gerne beeindrucken wollen. Dann aber verändern sich die Konstellationen, Cruz wird zum Spiegel für Rogen, Norton zum Spiegelbild von Wilde. Es ist, als wären die Nachbarn von oben Manifestationen nicht nur intimer Begehrlichkeiten, sondern auch immaterieller Wünsche wie nach Anerkennung und danach, wahrgenommen und begehrt zu werden.

Schmerzen im Rücken

Der verbale Vierer treibt es zwischen Peinlichkeiten und grotesker Hürden so weit, bis das Gefüge letztlich bricht – bis alles zum Vorschein kommt. Wilde verlässt sich dabei voll und ganz auf sich und ihrem übrigen Ensemble. Zu recht, denn das Gemenge reagiert wie in einem chemischen Experiment – oder ist es doch nur eine metaphysische Notbremse für eine emotionale Notlage?

In körniger Optik und viel Fokus auf die Gesichter gestaltet Wilde eine tragikomische Ehekrise, die genauso viel Feingefühl wie Zärtlichkeit besitzt und all das, was im Argen liegt, hier und jetzt übers Knie brechen will. Es bricht zwar nicht das Knie, aber es schmerzt der Rücken. Und die Erkenntnis, viel zu lange nicht mehr aufeinander geachtet zu haben.

The Invite (2026)

The Bride! – Es lebe die Braut (2026)

DAS ZWEITE LEBEN IST DAS DES WIDERSTANDS

7,5/10

 


© 2026 Warner Bros. Ent. All Rights Reserved

 

LAND / JAHR: USA 2026

REGIE / DREHBUCH: MAGGIE GYLLENHAAL

KAMERA: LAWRENCE SHER

CAST: JESSIE BUCKLEY, CHRISTIAN BALE, ANNETTE BENING, PENÉLOPE CRUZ, PETER SARSGAARD, JAKE GYLLENHAAL, JOHN MAGARO, ZLATKO BURIĆ, LOUIS CANCELMI U. A.

LÄNGE: 2 STD 6 MIN



Letztes Jahr im Oktober geizte Netflix damit, die bahnbrechend opulente Nummer einer Neuverfilmung von Mary Shelleys Frankenstein nicht ins Kino zu bringen. Frevel! Sowas muss auf die große Leinwand, und zum Glück für unsere deutschen Nachbarn lief Guillermo del Toros ausgesuchter Bilderreigen zumindest in einigen Kinos. In Österreich war das allen Verantwortlichen, die in dieser Sache etwas zu sagen hätten, deutlich schnuppe. Doch wie auch immer: Selbst im Kleinformat des hauseigenen TV-Geräts war von Frankenstein recht viel zu halten. Ins Auge stach dabei der formschöne Bodysuit von Jacob Elordi als des Meisters Kreatur. Weit weg von James Whales Visualisierung aus dem Jahr 1931 gelangte Mary Shelleys literarische Vision zu einer zeitgemäßen, aber immer noch opulenten Body-Horror-Oper, die sich vom Vokabular früher Universal-Monster verabschiedete.

Vintage Gothic Grusel als Zitatenschatz

Muss man den alten Figuren also nachweinen? Muss man nicht. Maggie Gyllenhaal reicht uns dafür das Taschentuch in Gestalt einer aus der alten Mottenkiste vom Dachboden der Filmgeschichte entstiegenen Kreatur, die frappant an Boris Karloff erinnert. Beim näheren Hinsehen wird klar: Das ist nicht Karloff, sondern Christian Bale: verschraubt, zugetackert, zusammengeschustert – der Quadratkopf ist zurück, so wie wir ihn alle kennen. Wäre Gyllenhaal dann noch auf Schwarzweiß umgestiegen (was sie in ihrem Film zeitweise ohnehin tut), würde das Retro-Kino eine ähnliche Wiederbelebung feiern wie Frankensteins Braut. Denn mit der haben wir es in dieser freien Nachinterpretation schließlich zu tun. Dabei erinnern wir uns, sofern wir Whales Fortsetzung aus 1935 gesehen haben, an Elsa Lanchesters avantgardistisches Gothic-Outfit mit wilder, zu Berge stehender Haarpracht in Schwarz und diesen Silbersträhnen an den Seiten, so, als würde diese Figur permanent unter Strom stehen. 91 Jahre später darf sich die frischgebackene Oscarpreisträgerin Jessie Buckley auf den Labortisch legen – und schwuppdiwupp – fließen auch hier obskure Säfte durch dessen Körper, vereint mit reiner Energie, die eine von der Männerwelt gedemütigte, missbrauchte und ins Unglück gestürzte Person zurück ins Leben bringen. Eine zweite Chance?

Mary Shelleys posthume Macht

Im Original von 1935 beginnt alles damit, dass Mary Shelley höchstselbst ihr weltberühmtes Buch Frankenstein oder Der moderne Prometheus weitererzählt. In Maggie Gyllenhaals Version beginnt ebenfalls alles mit Shelley – die spukt als wütendes, kämpferisches, feministisches Bewusstsein durch die Sphären der Existenz, um ihren Entwurf über die ungeliebte Kreatur in Eskortmädchen Ida weiterzuspinnen. Doch zuallererst muss sie sterben, um zu leben – um richtig zu leben. Als eine Frau, die sich nichts gefallen lässt. Die wild und entschlossen genug ist, um dem gewalttätigen Patriarchat die Stirn zu bieten. Das alles passiert natürlich mit Hilfe des einsamen Monsters Christian Bale, der mehr als hundert Jahre nach seiner Erschaffung durch Viktor Frankenstein nun Dr. Euphronius (Annette Bening) aufsucht, damit diese ihm einen Partner an die Seite stellt, der ein ähnliches Schicksalsspektrum aufweist wie er selbst. Diese heimlich verscharrte Ida wird bald gefunden – und zurückgeholt. Doch damit kommt die Revolte der Monster, der Ausgestoßenen und Diskriminierten erst ins Rollen. Eine Bonny & Clyde-Version der Dreißigerjahre entfesselt sich ganz wie von selbst, was für sich allein vielleicht etwas zu banal gewesen wäre. In Zeiten wie diesen könnte, ja müsste solch ein Stoff ein Statement mit sich bringen, dass der Wut unterdrückter Weiblichkeit ein Ventil öffnet. Dieses Ventil ist Jessie Buckley – völlig von der Rolle innerhalb ihrer Rolle. Leidenschaftlich, impulsiv, völlig irre. Zwischen Tourette, gespaltener Persönlichkeit und der Suche nach ihrer Identität fegt sie wie ein Wirbelsturm durch ein regressives Amerika toxischer Männlichkeit und frauenverachtender Kriminalität. Das ist manchmal schwer zu greifen, zu sperrig gibt sich Buckley im gehetzten Suchen nach der inneren Mitte. Da weiß selbst Frankensteins Monster, genannt Frank, weder ein noch aus. Der ist aber sowieso neben der Spur, hat seine Identität als Asozialer vielleicht gefunden, aber nicht als Mann.

Niemandes Braut

The Bride! – Es leben die Braut ist so zeitgemäß, wie man es sich nur wünschen kann. Aus dem alten Stoff der Universal Studios eine Story wie diese auszugraben und sie so zu arrangieren, dass sie ohne viel Mühe trotz des Gewandes guter alter Hollywoodfilme mit all dem Budenzauber erfrischend gegenwärtig und klar genug erscheint, ist ambitioniert – vielleicht sogar überambitioniert, aber kann das angesichts der Agenda jemals zu viel sein? Nicht, wenn der phantastische Plot die Realität ohnehin so verzerrt, dass nur der Imperativ für Veränderung übrigbleibt. Der schwarze Fleck als Makel an der Wange, die wilde Mähne, der Drang zur Freiheit, niemandes Braut sein zu müssen, sondern eben nur die Braut – namenlos, sich selbst gehörend und stellvertretend für alle – trifft ins Schwarze. Und selbst Frankenstein selbst, der männliche Part, das eigennützige Monster, erfährt eine Wandlung, reflektiert sich selbst.

Wenn sich die Unterdrückten im Look ihres Idols zusammenrotten und für das Ende der Gewalt an Frauen kämpfen, ist das genauso ein zweites Leben für all jene, die auf die Barrikaden steigen, wie für Frankensteins Braut selbst. Letztlich braucht es keine Wissenschaft, keine Blitze und keine Schläuche, die zum Herzen führen. Es braucht nur den Triumph, endlich gehört zu werden. Das „Nein“ gab es schließlich schon immer.

The Bride! – Es lebe die Braut (2026)

Der beste Film aller Zeiten

DIE BEDÜRFTIGKEIT DER EGOMANEN

7,5/10


bestefilmallerzeiten© 2022 StudioCanal


LAND / JAHR: SPANIEN, ARGENTINIEN 2021

BUCH / REGIE: GASTÓN DUPRAT & MARIANO COHN

CAST: PENÉLOPE CRUZ, ANTONIO BANDERAS, OSCAR MARTÍNEZ, JOSÉ LUIS GÓMEZ, MANOLO SOLO, NAGORE ARANBURU, IRENE ESCOLAR, PILAR CASTRO U. A.

LÄNGE: 1 STD 54 MIN


Kunst würde großteils nicht existieren, gäbe es nicht die Motivation dahinter, sich selbst präsentieren zu wollen und das nach Anerkennung strebende Ich in einem fort umjubeln zu lassen. Diese Lust an der eigenen, überaus wichtigen Person, die wohl wichtiger ist als jene, die nur das komplexe Gefüge menschlichen Miteinanders aufrechterhalten und dabei nicht bei jedem ihrer Handgriffe Applaus einfordern, führt sehr schnell auf eine absurde Ebene bemitleidenswerter Eitelkeiten, welche die um die Zufriedenheit des Stars buhlende Entourage in Wahrheit mit den Augen rollen lässt. Zu dieser Kunst, die mit Halbgöttern hantiert, zählt natürlich auch der Film. Film wäre genauso entbehrlich wie jede andere Kunst. Aber wunderschön. Ich will diese Art Kunst genauso wenig missen wie die bildnerische oder musikalische. Kunst inspiriert, ändert Blickwinkel und ordnet Parameter neu. Regt zum Denken an und führt in Welten, die real nicht existieren. Kunst ist für den Geist da, ist Spielzimmer und Auslebung subjektiver Wahrnehmung.  

Wenn Kunst aber den, der sie ausübt, dominanter werden lässt als das, was er entwirft, braucht es Mittel und Wege, um das angehimmelte Idol wieder auf den Boden der Genügsamkeit zu werfen. Gerade im Film sind die Waagschalen oft unterschiedlich hoch. Denn noch weniger als Kunst braucht die Welt Stars, die nur um ihr Prestige buhlen. In der spanisch-argentinischen Farce Der beste Film aller Zeiten des Regieduos Gastón Duprat und Mariano Cohn werden die leeren Hülsen aufgeblasener Eitelkeiten geknackt – zum Vorschein kommt dabei die Irrelevanz einer Performance von Leuten, die nichts, aber auch gar nichts dazu beitragen, die Welt einen Deut besser zu machen.  

Wie zum Beispiel Macho Félix Rivero, seines Zeichens schwerreicher Mainstream-Schauspieler mit Allmachts-Allüren wie seinerzeit Ludwig XVI., der notorisch zu spät kommt und an jedem Finger seiner beiden Hände eine Mätresse hat. Oder der überaus selbstgerechte Theaterdojen Iván Torres, der seine Rollen biographisch kennen muss und Filmstars geringschätzt, weil nur wahre Bühnenkunst die einzige ist, die zählt. Dazwischen, als Moderatorin der beiden eitlen Streithähne: Lola Cuevas, rotlockige Cannes-Preisträgerin und exzentrische Regisseurin, deren Büro aus den leeren Hallen eines architektonischen Wunderbaus besteht – verglast, geometrisch, aufgeblasen. Diese drei Superkünstler müssen einen Film drehen – und zwar, wie der Titel schon sagt: den besten aller Zeiten. Nach einer nobelpreisveredelten literarischen Vorlage über zwei rivalisierende Brüder. Finanzieren wird das Ganze ein achtzigjähriger Milliardär, der nicht weniger Ego besitzt als die Filmemacher, die er engagiert und der zumindest in Form eines Films ewig leben will. Die Brücke, die dann noch nach ihm benannt werden wird, ist dann nur eine kleine Draufgabe. Das kann ja heiter werden, diese Komödie der Eitelkeiten, die immer mehr zum Kampf zwischen den Besten wird, die aber, je mehr sie in diesem Hickhack fortschreiten, den Respekt der anderen verlieren.

Dabei gelingen Duprat und Cohn ganz einmalige Momente, die an die messerscharfen Gesellschaftsanalysen eines Ruben Östlund (u.a. The Square) erinnern, zum Beispiel und ganz besonders dann, wenn Antonia Banderas und Oscar Martinez, umwickelt mit Frischhaltefolie, um die Gemeinsamkeit ihrer Rollen zu fühlen, dabei zusehen müssen, wir ihre Trophäen geschreddert werden. Oder, unter einem tonnenschweren Felsen, ihre Texte rezitieren. Der beste Film aller Zeiten erlebt mit seiner Entstehung wundersam groteske Momente entrückter und realitätsferner Anwandlungen, famos dargeboten von einem vergnüglich entfesselten Banderas und einer versnobten Penélope Cruz, die durch den Schlauch eines Staubsaugers gerne ihre eigene Stimme hört. Doch nicht nur Östlunds Schaulaufmethoden sickern hier durch – auch an Paolo Sorrentinos (u. a. The Hand of God) akkurates Ikonographieren mit Darstellern, Interieur und Raum erinnern so manche Tableaus, die das Absurde aus der Wichtigkeit des eigentlich Verzichtbaren extrahieren. Dabei spricht das Ensemble durchaus Wahrhaftiges aus, lassen sich die Beweggründe der Protagonisten überraschend nachvollziehen und das wundersame Handwerk Film vom rufschädigenden Druck affektierter Selbstinszenierung als zumindest temporär losgelöst betrachten.

Der beste Film aller Zeiten