The Chronology of Water (2025)

MOLEKULARE STRUKTUREN DER BEWÄLTIGUNG

6/10

 

Imogen Poots als Schwimmerin im Film The Chronology of Water
© 2025 Polyfilm

 

LAND / JAHR: USA, FRANKREICH, LETTLAND, SPANIEN, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2025

REGIE: KRISTEN STEWART

DREHBUCH: KRISTEN STEWART, ANDY MINGO, LIDIA YUKNAVITCH, NACH IHREN GLEICHNAMIGEN MEMOIREN

KAMERA: COREY C. WATERS

SCHNITT: OLIVIA NEERGAARD-HOLM

CAST: IMOGEN POOTS, THORA BIRCH, MICHAEL EPP, EARL CAVE, SUSANNAH FLOOD, IM BELUSHI, KIM GORDON, TOM STURRIDGE, CHARLIE CARRICK, ANNA WITTOWSKY U. A.

LÄNGE: 2 STD 8 MIN

 

So wie alle, die im Filmfach in irgendein Franchise hineingestolpert waren, hat auch Kristen Stewart rechtzeitig versucht, sich aus diesem Twilight-Hype herauszustemmen, um nicht für den Rest ihres Lebens die schmachtende Bella Swann zu bleiben. Ihr Filmpartner Robert Pattinson hat es schließlich auch geschafft. Und Stewart, die hat noch ihr Outing mit auf den Weg genommen und ließ alle Welt wissen, dass sie lesbisch ist. Gut gemacht, keine Frage – mittlerweile kann die Schauspielerin vor allem im Independentkino alles spielen, und das ist genau auch diese Blase an zeitgenössischem Film, der sie mit Haut und Haaren angehört. Das aber beinhaltet auch das Filmemachen selbst.

Wer ist Lidia Yuknavitch?

Ab zum Drehbuchschreiben, rauf auf den Regiestuhl, und los kann es gehen mit dem Debüt, welchem die Memoiren der amerikanischen Schriftstellerin Lidia Yuknavitch zugrunde liegen, von der ich noch nie in meinem Leben etwas gehört habe und die sich nun aber um deutlich mehr Umsatz betreff ihrer Bücher freuen wird können. Schließlich haben diese Memoiren einiges zu erzählen – einen schmerzlichen Kreuzweg, der durch eine Kindheit und eine Jugend voller Missbrauch und traumatischer Erfahrungen führt, und in denen die Figur des Vaters zum Angstobjekt Nummer Eins wird.

Scherben bringen Gefühle zutage

Keine leichte Kost, das wird einem schon klar, wenn man den Trailer sieht. Keine leichte Kost auch, was die Art und Weise betrifft, wie Stewart diese Lebensgeschichte erzählen will. Wenn schon im Titel von Chronologie die Rede ist, lässt sich im Film selbst eine solche nur schwer, aber doch, erkennen. Bewusst zerreißt und zerpflückt und zerschlägt die ehrgeizige Debütantin diesen persönlichen Bericht wie einen Spiegel, den man auf den Boden schmettert, dessen Scherben mit der verspiegelten Seite nach oben zeigen und mal dieses, mal jenes Licht und mal diese, mal jene Reflexion einfangen.

Zusammengenommen ist alles Teil eines Ganzen, und ja, Stewart gelingt es, dieses Ganze am Ende wie durch ein Wunder zusammenzufügen und den roten Faden zu behalten. Worauf sie aber zur Gänze verzichtet, ist das klassische Narrativ, der Aufbau einer Geschichte mit Anfang, Hauptteil und Schluss. Willkommen im Experimentalkino, wo es das alles nicht mehr braucht, wo eine Collage Anfang und Ende nebeneinander auch tolerieren kann und den Mittelteil ganz einfach hinten dranhängt, als würde man versuchen, mit Flusskiesel ein Bild zu erstellen, das etwas Gegenständliches abbilden soll. So macht es auch Kristen Stewart – und vielleicht macht sie es so, wie Lidia Yuknavitch selbst ihre Geschichte konzipiert hat. Vielleicht aber will sie auch nur ausprobieren, das Gefühl für das Visuelle erlangen, aufbegehren und es anders machen als alle anderen.

Experimentelle Gleichförmigkeit

Diese vielen Bilder, meist nur Stimmungen, Assoziationen, Impressionen und Details, die bestimmend sind für Yuknavitchs Leben, sie kehren immer wieder. Wie Erinnerungen, die man nicht loswird, die einen übermannen, weil sie einen selbst so geißeln. Bruchstücke dessen hie, Bruchstücke dessen da, alles getragen von Imogen Poots, die sich in dieser Rolle regelrecht verausgabt. Zwischen all den Scherben kriecht deren Filmleben weiter, wird zurückgeworfen, fallengelassen, muss das ganze nochmal zurücklegen – The Chronology of Water arbeitet sich langsam vor, und bleibt daher erstaunlich gleichförmig.

Die Kunst des Filmemachens verlässt sich oft und gerne auf die Dosis, auf die Nuance, und verliert durch den immer gleichen narrativen Sermon eine Lebendigkeit, die auch Nähe zu den Figuren gebracht hätte. Imogen Poots bleibt wie Alice im Wunderland hinter den (zerbrochenen) Spiegeln; wir sehen sie zwar, wie sie sich mit aller Kraft selbst neu erfindet, wir sehen aber in erster Linie das filmtechnische Experiment, was ja einerseits bemerkenswert konsequent erscheint, andererseits aber unerwartet kalt lässt. So kalt wie manches Wasser, dass sich in allen möglichen Formen durch den Film zieht und die mehr als zweistündige Selbstbeschäftigung dahinfließen, gluckern und stürzen lässt, als Sicherheit gewährende Konstante in einem dem Scheitern zugetanen Leben.

Gescheitert ist The Chronology of Water dabei nicht. Vielleicht aber ob der Gestaltungsfreiheit, die Kristen Stewart gehabt haben muss, auf streberhafte Weise zu gewollt progressiv.

The Chronology of Water (2025)

Roter Himmel (2023)

DIE PRIORITÄTEN EINES KÜNSTLERS

6,5/10


Roter-Himmel© 2023 Christian Schulz / Schramm Film


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2023

REGIE / DREHBUCH: CHRISTIAN PETZOLD

CAST: THOMAS SCHUBERT, PAULA BEER, LANGSTON UIBEL, ENNO TREBS, MATTHIAS BRANDT U. A.

LÄNGE: 1 STD 43 MIN


Selbstzweifel und miese Laune. Fast könnte man meinen, diese beiden Eigenschaften gehören zum Künstlerdasein wie das Amen im Gebet. Fast könnte man meinen, die Selbstzweifel sind nur dazu da, um für Komplimente zu fischen: Dass das neue Werk sowieso gar nicht so schlecht ist, dass die bescheidene Selbstauffassung den Künstler nur sympathischer macht und devot gegenüber seiner gottgegebenen Gabe, Sätze stilvoll auszuformulieren und aneinanderzureihen. Nur keine falsche Bescheidenheit, könnte man meinen, um dann dem gemarterten Denker, der sich in die stille Oase eines Ferienhauses zurückzieht, um seinem Werk den letzten Schliff zu geben, auf die Schulter zu klopfen. Bei Leon, einem innerlich unrunden und von allem genervten Schriftsteller, ist das erhaschte Lob wohl genau der Motor, der ihn auf Vollgas bringt. Doch dieses Lob, das kommt nicht. Denn niemand hat seinen Zweitroman gelesen, abgesehen vom Verleger wohlgemerkt, der in den nächsten Tagen an die Nordseeküste kommen soll, um das Werk durchzugehen. Bis dahin heisst es arbeiten – doch wie soll das gehen, wenn die aus zwei Freunden bestehende Künstlerkommune (der andere, Felix, ist Fotograf und muss ein Portfolio fertigstellen) plötzlich durch eine dritte Person ergänzt wird, noch dazu durch eine attraktive junge Frau, die sich allnächtlich amourösen Vergnügungen hingibt und den armen, wirklich armen Leon um den Schlaf bringt?

Es wäre alles eine fast schon banale, norddeutsche Beziehungsgeschichte im Dunst frühsommerlicher Vorfreuden auf trockenheisse Monate, würde Christian Petzold, der im Rahmen der Viennale womöglich stundenlang über seinen Film hätte referieren können, nicht wieder seine schwergewichtige Metaebene in den Plot geholt hätte. Aus der Konstellation genrebekannter Charaktere, die allesamt nicht überraschen und tun, was von ihnen erwartet wird, entsteht somit ein Schicksalsreigen, der sein Ensemble auf gar keinen Fall in Ruhe tun lassen will, was es tun möchte. Viel zu viel steht auf dem Spiel, viel zu viel ringsherum in dieser Welt, um die sich keiner mehr schert, geht da vor sich. Es lodern Waldbrände, die kaum mehr zu kontrollieren sind, und das im Juni. Der Himmel leuchtet rot in der Nacht, das donnernde Geräusch der Löschhubschrauber lenkt Leon von seiner Arbeit ab, während Felix nur an den Strand will, um dabei Leute zu fotografieren, die aufs Meer schauen. Diese Ursuppe, die könnte bald übergehen, wenn der Klimawandel irgendwann zu seinem Ende kommt. Noch blicken wir erstaunt auf das, was sich auf rätselhafte Weise so anfühlt, als wäre es ein Naturphänomen oder eine Selbstverständlichkeit. Wie die Biolumineszenz des Meeres. Wie unbedeutend erscheint da die Qual des Virtuosen, den nächsten Bestseller zu schreiben? Doch Thomas Schubert, bekannt aus Karl Markovics fulminantem Einstand Atmen, grantelt und zwidert herum wie ein Hans Moser des 21. Jahrhunderts – zynisch, herablassend und wehleidig. Ihm zuzusehen, vertreibt die Zeit in Windeseile, weil er oft sein darf, wie wir selbst oft sein wollen, dabei aber ganz vergessen, dass es noch andere und anderes gibt, wofür es den aufmerksamen Blick braucht. Thomas Schuberts schwarzer Mann im Strom der Begebenheiten ist das von der Seele des Kreativen geredete La Linea-Männchen, dem man den Strich zum Weitergehen wegradiert.

Insofern wagt Petzold, das Künstlerdasein als mitunter etwas Irrelevantes darzustellen, in Anbetracht höher gesetzter Koinzidenzen und merkwürdiger Konstellationen. Roter Himmel wirkt wie metaphysische Mystery, wie ein Sommernachtstraum zwischen rezitierten Gedichten und Ascheregen. Einerseits ist es das, andererseits auch wieder nicht. Niemandem gelingt dieses zarte Changieren zwischen den Ebenen so beiläufig wie Petzold. Und dennoch ist es diesmal so, als würde der schon seit ewigen Zeiten filmemachende Virtuose ausnahmsweise mal selbst ein bisschen unter Druck geraten sein. So geschmeidig und leichtfüßig sich das Stelldichein am Meer auch anfühlt, so vehement bricht Petzold mit der Entrücktheit seiner Fast-Künstlerkommune. Schicksalsschläge wie bei einer Soap Opera donnern hernieder – das ist fast schon zu direkt und zu rutschfest am Schlafittchen gepackt. Aufgesetzt, will ich fast meinen. Und dann doch wieder nicht, denn das, was kommt, das ist schließlich etwas, dass man fast schon erwarten muss. Natürlich ist Roter Himmel dann nichts mehr Belangloses mehr, kein Künstlerjammern, kein Blickezuwerfen durchs Haus und am Strand. Das ist schön und gut, und auch faszinierend sowie in äußerster (Dis)harmonie dargeboten. Die Notwendigkeit aber, erhellen zu müssen, nimmt dem Drama aufgrund des zu erwarteten Unerwarteten eine gewisse Spontaneität, die sich so gut aus dem sozialen Spannungsfeld entladen ließe.

Roter Himmel (2023)

Paterson

DIE POESIE DES EREIGNISLOSEN

7,5/10

 

PATERSON_D29_0219.ARW© 2016 Filmladen / Photo: Mary Cybulski 

 

LAND: USA 2016

BUCH & REGIE: JIM JARMUSCH

MIT ADAM DRIVER, GOLSHIF TEH FARAHANI, WILLIAM JACKSON HARPER U. A.

 

Wie das Amen im Gebet erfolgt nach der Sichtung eines Blockbuster-Filmes geradezu gebetsmühlenartig die schlagkräftige Kritik mangelnder Handlung und dünnem Plot. Mainstream darf enorm aufwändig sein, visuelle Brillanz ist was Selbstverständliches geworden. Mainstream muss alles können. Und vor allem darf Mainstream eines nicht – inhaltsarm sein. Ganz so wie die meisten Opern. Aber Opern dürfen das. Ihre Libretti sind in wenigen Minuten durcherzählt. Aber Oper ist Kunst. Budgetintensives, handwerklich perfekt inszeniertes und ausgestattetes Kino, im Grunde Oper für die Leinwand, verdient sich dieses Prädikat dank kommerzorientierter Beweggründe aus Sicht des Publikums leider nicht. Dafür werden all jene, die hinter einem Großprojekt stehen, und für Maske, Kostüme, Ausstattung, CGI und was weiß ich noch allem verantwortlich sind, dankbar sein. All das steht im Gegensatz zum Arthouse.

Arthouse darf alles, muss aber nichts. Arthouse kann auch nur ein weißes Quadrat sein, ohne Rahmen. Kann im Kino auch nur durch ein Meer aus Blau mäandern und bedeutende Worte von sich geben. Oder der Poesie des Ereignislosen frönen. Niemand kann sowas besser als Jim Jarmusch. Die Independent-Ikone ist wohl der eifrigste Schüler des ursprünglich italienischen Neorealismus, behält aber seine Figuren träumerisch verklärt und lässt sie niemals abstürzen – schlimmstenfalls kann es passieren, dass sie in der Bewegungslosigkeit verharren, bis auf ewig. Bis über das Ende des Films hinaus. So auch hier, im neuesten Werk des Regie-Individualisten mit silberner Struppelfrisur. Seine filmgewordene Alltagsphilosophie nennt er Paterson – ganz so wie die Bundesstadt New Jerseys. Und auch ganz so wie der Poet selbst, um den es hier geht. Jarmusch begleitet den lakonischen, stets wehmütig dreinblickenden Adam Driver, der hier so überhaupt nichts von seiner Rolle aus Star Wars mitgenommen hat, auf seiner täglichen Routine. Und das sieben Tage lang. Und Paterson schreibt. Gedichte über Streichhölzer zum Beispiel. Und seine Freundin, die bemalt, während Paterson als Busfahrer unterwegs ist, die Wohnung in schwarz und weiß. Auch eine Möglichkeit, sich zu verwirklichen. Doch Paterson, der verwirklicht sich nie. Oder ist die Poesie für die Schublade genau das, was er will?

Mehr passiert nicht wirklich. Und diesmal hat Jim Jarmusch nicht einmal so einen schmissigen Musikmix zusammenselektiert wie in Broken Flowers. Oft bleiben die Szenen aus dem Leben von Mann, Frau und Hund musikalisch unkommentiert. Paterson ist reduziertes Independentkino, aber mit Bildern, die so typisch Jarmusch sind, und andererseits aber an Bilder des Malers Edward Hopper erinnern. Die Szenen in der Bar, die Paterson jeden Abend aufsucht, um sein Feierabendbier zu trinken. Das zerstrittene Ehepaar links der Musikbox. Oder das schwarzweiße Sofa, links Adam Driver, rechts die Gitarre mit Harlekinmuster. Requisiten, die Paterson zu einem kleinen, kunstvollen Stück Filmrealismus werden lassen. Darüberhinaus denkt Jarmusch sehr viel über die Bedeutung von Erfolg nach. Von Erfüllung, Lebensträumen und verpassten Chancen. Und dass die Dinge, auf die man sich schon morgens beim Aufstehen freut, nicht für andere, sondern für sich selbst verwirklicht werden sollten.

Jarmusch hat es wieder mal geschafft, das Ruhe und Reflexion ins Kino einkehrt. Auch ohne viel Handlung, dafür aber mit reichlich Besinnung.

Paterson