Un Poeta (2025)

DER DICHTER, DER VERLOREN GING

8/10


Ubeimar Rios und Allison Correa als Vater und Tochter in Un Poeta von Simón Mesa Soto© 2026 Polyfilm


LAND / JAHR: KOLUMBIEN, DEUTSCHLAND, SCHWEDEN 2025

REGIE / DREHBUCH: SIMÓN MESA SOTO

KAMERA: JUAN SARMIENTO G.

CAST: UBEIMAR RIOS, REBECA ANDRADE, ALLISON CORREA, GUILLERMO CARDONA, HUMBERTO RESTREPO, ADRIANA UPEGUI, MARGARITA SOTO U. A.

LÄNGE: 2 STD 3 MIN



Das hört man oft, wenn man nicht mit Buchverlagen und einer Marketingmaschinerie im Rücken als Schriftsteller von welcher Gattung Schriftstück auch immer unter mitleidigen Blicken und unerwartetem Staunen Anerkennung erlangt: An dir ist wohl ein Dichter verloren gegangen. Doch warum verloren, wenn es doch zu Papier gebracht wird? Wenn das, was man schreibt, öffentlich zugänglich ist, und zwar von allen. Ist der Dichter dann wirklich an einem verloren gegangen, nur wenn man davon nicht leben kann – und vielleicht auch will?

Schreibkunst für die Schublade

An Schülerin Yurlady (Rebeca Andrade) kann die Dichterin unmöglich verlorengegangen sein, schreibt sie doch alles auf, was sie denkt, für sich und für niemanden sonst. Ist es dann immer noch verloren, das Talent verschwendet? Hat Talent nur dann eine Berechtigung, wenn man nur einem einzigen Weg folgt, und zwar den des Ruhms? Vielleicht ist es schon genug, sich die Dinge des Lebens von der Seele geschrieben zu haben.

Anders als Yurlady denkt der Inbegriff des brotlosen Dichters: Óscar Restrepo. Kaum eine Figur verkörpert dieses einerseits bemitleidenswerte und andererseits ungemein aufreibende Bild des wehklagenden verkannten Genies, der die Tage damit zubringt, zuhause bei Muttern sich selbst und die schnöde Welt anzuheulen, aber nichts dafür zu tun, dass irgend etwas anders wird, so dermaßen treffsicher. Denn schließlich gilt: Ein Künstler hat Kunst zu machen, das ist seine Bestimmung.

Vom Einfangen verlorener Dichterinnen

Letztlich schafft es Óscars Schwester dann doch, das literarische Rumpelstilzchen dazu zu bewegen, als Lehrer der Dichtkunst endlich wieder eigenes Geld zu verdienen. Und dort, genau dort, trifft der schräge Kauz auf Yurlady, die gar nicht will, dass man ihre Schriften liest, die sich aber genötigt sieht, diese aus einer gewissen Schulpflicht heraus mit dem Lehrer zu teilen. Der ist hin und weg. Es scheint, als hätte er eine neue Aufgabe: Nicht sich selbst in den Olymp des Autorenruhms zu hieven, sondern sein Protegé.

Das klingt erstmal nach einem guten Weg. Doch Regisseur Simón Mesa Soto hat mit diesem Óscar Restrepo einen Charakter entworfen, der so manche literarische Gestalt in sich vereint: Den Existenzialisten, den Verlorenen, den Verschmähten und den gegen Windmühlen kämpfenden. Allen voran aber als eine Art lebensuntauglicher und nicht unbedingt von Gott auf die Probe gestellter Hiob, der mit den gesellschaftlichen Normen aneckt und sein eigenes Universum mit seiner eigenen Logik bastelt – die aber in der Allgemeinheit nicht gut funktioniert.

Die aufgestauten Energien der Verlierer

Und so entwickelt Un Poeta einen gnadenlosen Sog in die schrecklich verschreckten Tiefen einer verkannten eitlen Künstlerseele, die ihre Existenz unentwegt in die Sackgasse führt. Mesa Soto blickt dabei in die Straßen und Gassen der kolumbianischen Stadt Medellin, blickt auch in die engen, verwahrlosten Mietwohnungen mehrköpfiger Familien, die sich nicht mal ein Hühnerei für alle leisten können und wo Teenager als Mütter gang und gäbe sind. Armut und Überleben stellt Un Poeta auf die eine Seite, den Luxus der Kunst auf die andere.

Und irgendwann im Laufe dieser Improvisationsversuche von Óscar, überlässt Mesa de Soto seine sozialkritische, ungeschönte Parabel ihrem Schicksal. Es ist, als hätte er die Verantwortung seinen Figuren übergeben – Un Poeta wird zum intensiven, sprachlich knallbunt erquickenden Selbstläufer mit einer Eigendynamik, die man so eigentlich nicht dirigieren oder kontrollieren kann.

Ein Kunststück der Eigendynamik

Un Poeta wäre am ehesten zu vergleichen – und das sogar sehr deutlich – mit den anfangs semidokumentarischen, später dann komplexen Spielfilmdramödien von Sean Baker (The Florida Project, Red Rocket), der mit seinem Anti-Pretty Woman-Märchen Anora vor lauter frischem Wind die Frisuren seines Publikums zerzaust. De Soto gelingt eine ähnliche Intensität, er entfesselt eine Kette von Ereignissen, die dicht an dicht aufeinanderfolgen, und in der die gescheiterte Anti-Figur des Òscar völlig die Kontrolle verliert.

Doch ins Chaos stürzt der Film dabei beileibe nicht. Man möchte es kaum glauben, doch immer wieder zwängt sich zwischen den Bemühungen des Möchtegerndichters und dem Widerstand von überall um ihn herum ein zartes, enorm feinfühliges Vater-Tochter-Drama, das beim genauen Hinsehen das aufrichtige Herzstück eines fast schon überlangen Films wird, der zwar keinen Leerlauf hat, durch die Dichte seines Stoffes auf satte zwei Stunden letztlich dann doch etwas anstrengt.

Man küsst und man schlägt ihn

Das aber ist Jammern auf hohem Niveau, wie es vielleicht Óscar Restrepo gefällt. Un Poeta ist ein brillantes Stück Sozialphilosophie und eine den physikalischen Gesetzen des Erzählens erliegenden Verlierballade, welche die Begriffe von Kunst und Können mit ausgeschlafener Klugheit relativiert. Und Ubeimar Rios als Óscar, schauspielerisch ein Laie und im wahren leben tatsächlich Dichter: den schließt man ins Herz und will ihn gleichzeitig vermöbeln, so wenig egal wird einem dieser literarische, ambivalente Hochgenuss eines Charakters.

Un Poeta (2025)

The Chronology of Water (2025)

MOLEKULARE STRUKTUREN DER BEWÄLTIGUNG

6/10

 

Imogen Poots als Schwimmerin im Film The Chronology of Water
© 2025 Polyfilm

 

LAND / JAHR: USA, FRANKREICH, LETTLAND, SPANIEN, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2025

REGIE: KRISTEN STEWART

DREHBUCH: KRISTEN STEWART, ANDY MINGO, LIDIA YUKNAVITCH, NACH IHREN GLEICHNAMIGEN MEMOIREN

KAMERA: COREY C. WATERS

SCHNITT: OLIVIA NEERGAARD-HOLM

CAST: IMOGEN POOTS, THORA BIRCH, MICHAEL EPP, EARL CAVE, SUSANNAH FLOOD, IM BELUSHI, KIM GORDON, TOM STURRIDGE, CHARLIE CARRICK, ANNA WITTOWSKY U. A.

LÄNGE: 2 STD 8 MIN

 

So wie alle, die im Filmfach in irgendein Franchise hineingestolpert waren, hat auch Kristen Stewart rechtzeitig versucht, sich aus diesem Twilight-Hype herauszustemmen, um nicht für den Rest ihres Lebens die schmachtende Bella Swann zu bleiben. Ihr Filmpartner Robert Pattinson hat es schließlich auch geschafft. Und Stewart, die hat noch ihr Outing mit auf den Weg genommen und ließ alle Welt wissen, dass sie lesbisch ist. Gut gemacht, keine Frage – mittlerweile kann die Schauspielerin vor allem im Independentkino alles spielen, und das ist genau auch diese Blase an zeitgenössischem Film, der sie mit Haut und Haaren angehört. Das aber beinhaltet auch das Filmemachen selbst.

Wer ist Lidia Yuknavitch?

Ab zum Drehbuchschreiben, rauf auf den Regiestuhl, und los kann es gehen mit dem Debüt, welchem die Memoiren der amerikanischen Schriftstellerin Lidia Yuknavitch zugrunde liegen, von der ich noch nie in meinem Leben etwas gehört habe und die sich nun aber um deutlich mehr Umsatz betreff ihrer Bücher freuen wird können. Schließlich haben diese Memoiren einiges zu erzählen – einen schmerzlichen Kreuzweg, der durch eine Kindheit und eine Jugend voller Missbrauch und traumatischer Erfahrungen führt, und in denen die Figur des Vaters zum Angstobjekt Nummer Eins wird.

Scherben bringen Gefühle zutage

Keine leichte Kost, das wird einem schon klar, wenn man den Trailer sieht. Keine leichte Kost auch, was die Art und Weise betrifft, wie Stewart diese Lebensgeschichte erzählen will. Wenn schon im Titel von Chronologie die Rede ist, lässt sich im Film selbst eine solche nur schwer, aber doch, erkennen. Bewusst zerreißt und zerpflückt und zerschlägt die ehrgeizige Debütantin diesen persönlichen Bericht wie einen Spiegel, den man auf den Boden schmettert, dessen Scherben mit der verspiegelten Seite nach oben zeigen und mal dieses, mal jenes Licht und mal diese, mal jene Reflexion einfangen.

Zusammengenommen ist alles Teil eines Ganzen, und ja, Stewart gelingt es, dieses Ganze am Ende wie durch ein Wunder zusammenzufügen und den roten Faden zu behalten. Worauf sie aber zur Gänze verzichtet, ist das klassische Narrativ, der Aufbau einer Geschichte mit Anfang, Hauptteil und Schluss. Willkommen im Experimentalkino, wo es das alles nicht mehr braucht, wo eine Collage Anfang und Ende nebeneinander auch tolerieren kann und den Mittelteil ganz einfach hinten dranhängt, als würde man versuchen, mit Flusskiesel ein Bild zu erstellen, das etwas Gegenständliches abbilden soll. So macht es auch Kristen Stewart – und vielleicht macht sie es so, wie Lidia Yuknavitch selbst ihre Geschichte konzipiert hat. Vielleicht aber will sie auch nur ausprobieren, das Gefühl für das Visuelle erlangen, aufbegehren und es anders machen als alle anderen.

Experimentelle Gleichförmigkeit

Diese vielen Bilder, meist nur Stimmungen, Assoziationen, Impressionen und Details, die bestimmend sind für Yuknavitchs Leben, sie kehren immer wieder. Wie Erinnerungen, die man nicht loswird, die einen übermannen, weil sie einen selbst so geißeln. Bruchstücke dessen hie, Bruchstücke dessen da, alles getragen von Imogen Poots, die sich in dieser Rolle regelrecht verausgabt. Zwischen all den Scherben kriecht deren Filmleben weiter, wird zurückgeworfen, fallengelassen, muss das ganze nochmal zurücklegen – The Chronology of Water arbeitet sich langsam vor, und bleibt daher erstaunlich gleichförmig.

Die Kunst des Filmemachens verlässt sich oft und gerne auf die Dosis, auf die Nuance, und verliert durch den immer gleichen narrativen Sermon eine Lebendigkeit, die auch Nähe zu den Figuren gebracht hätte. Imogen Poots bleibt wie Alice im Wunderland hinter den (zerbrochenen) Spiegeln; wir sehen sie zwar, wie sie sich mit aller Kraft selbst neu erfindet, wir sehen aber in erster Linie das filmtechnische Experiment, was ja einerseits bemerkenswert konsequent erscheint, andererseits aber unerwartet kalt lässt. So kalt wie manches Wasser, dass sich in allen möglichen Formen durch den Film zieht und die mehr als zweistündige Selbstbeschäftigung dahinfließen, gluckern und stürzen lässt, als Sicherheit gewährende Konstante in einem dem Scheitern zugetanen Leben.

Gescheitert ist The Chronology of Water dabei nicht. Vielleicht aber ob der Gestaltungsfreiheit, die Kristen Stewart gehabt haben muss, auf streberhafte Weise zu gewollt progressiv.

The Chronology of Water (2025)

Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste (2023)

SCHREIBEN UND LIEBEN

7/10


bachmanninderwueste© 2023 Alamode Film


LAND / JAHR: SCHWEIZ, ÖSTERREICH, DEUTSCHLAND, LUXEMBURG 2023

REGIE / DREHBUCH: MARGARETHE VON TROTTA

CAST: VICKY KRIEPS, RONALD ZEHRFELD, TOBIAS RESCH, BASIL EIDENBENZ, LUNA WEDLER, MARC LIMPACH, ROBERTO CARPENTIERI, KATHARINA SCHMALENBERG U. A.

LÄNGE: 1 STD 50 MIN


Ich sage es gleich vorweg – und ja, ich weiß – Bildungslücke: Ingeborg Bachmann ist mir natürlich ein Begriff, doch letztlich kenne ich nichts von ihr, weder Hörspiel noch Lyrik noch Prosa. Den Zugang zu ihren Werken fand ich nie, auch war mir Sartre ‘scher Expressionismus und das Absurde Theater deutlich näher als das Euvre der in Klagenfurt am Wörthersee geborenen literarischen Größe, die Zeit ihres Lebens bereits, und das kann man so sagen, Starruhm genoss. Was noch nicht war und ist, kann sich ändern – Der gute Gott von Manhattan, Bachmanns letztes Hörspiel, werde ich mir vermutlich demnächst zu Gemüte führen.

Wie Ingeborg Bachmann selbst gewesen sein mag? Die öffentliche Person kennt man ja, und ihre Briefwechsel mit anderen künstlerischen Größen wie Paul Celan sind längst verlegt und sogar schon, von Ruth Beckermann, unter dem Titel Die Geträumten, als semidokumentarische, szenische Lesung verfilmt worden. Ihre Beziehung zu Max Frisch? Für Margarethe von Trotta, bereits erfahren mit Portraits bekannter Frauenfiguren, ist diese Zeitspanne ihres Lebens und Leidens zumindest einen Film wert. Was dabei aber deutlich ins Auge fällt, ist der bekennende Umstand, nur bruchstückhaft in einer schriftstellerischen Zweisamkeit aufgeräumt zu haben. Viel wichtiger scheint es bereits am Anfang des Films oder sogar schon kurz nachdem Ronald Zehrfeld als Wuchtbrumme von Schriftsteller die Szene betritt, Ingeborg Bachmann selbst von allem loszulösen, was sie bedrängen könnte. Nur, um ihr ein Portrait zu widmen, ein ebenfalls nur fragmentarisches, dafür aber greifbares und dank des unaufdringlichen und zurückhaltenden Spiels von Vicky Krieps auch raumschaffendes Psychogramm, das zur passiven Mitarbeit des Zusehers einlädt. Immer wieder brechen Zitate aus Bachmanns Feder, wie zum Beispiel Es seien nicht immer die Mörder, sondern manchmal die Ermordeten schuldig oder Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar wie Leitsätze als etwas, das gehört werden sollte, ins Bild. Titel wie Die gestundete Zeit oder Das dreißigste Jahr, aus welchem Krieps alias Bachmann dann auch vorliest, dienen dem Film dazu, nicht nur den Charakter der Künstlerin zu umreissen, sondern diesen auch inmitten ihres Schaffens lose, aber doch, zu verankern.

Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste beginnt auch damit, die Autorin in die Wüste zu schicken, mitsamt ihres damaligen Freundes und auch Partners Adolf Opel, der später seine Erinnerungen an diese besondere Reise unter dem Titel Landschaft, für die Augen gemacht sind 1996 veröffentlichen wird. Dort soll sie sich vor allem von einer destruktiven Beziehung mit dem Schweizer Max Frisch erholen, der ihr anfangs noch das Blaue vom Himmel versprochen und sie später sitzen gelassen hat, vielleicht für eine andere, vielleicht aber auch, weil zwei Größen wie diese mit kaum übersehbarem Ego unter einem Dach kaum Platz finden. Leben, wie diese eben gewesen waren, aufteilen – und das Dasein als Künstlerin oder Künstler beschneiden, zur Ermöglichung einer harmonischen Zweisamkeit? Geht natürlich nicht, doch wo die Liebe und das Begehren hinfällt, hat der Alltag mal vorerst Sendepause. Irgendwann kehrt auch dieser zurück, und allmorgendlich muss Bachmann das quälende Hämmern Max Frischs in die Schreibmaschine über sich ergehen lassen. Mit diesem qualvollen Geklopfe beginnt auch der Anfang vom Ende – relativ früh zwar, aber dafür langsam, dahinsiechend, voller Eifersucht von Seiten des Mannes, voller Sehnsucht Bachmanns nach Rom, ihrem Elysium – für Frisch unmöglich, dort zu leben.

Das besitzergreifende, manische Wesen des formatfüllenden Zürcher Dramatikers mag von Ronald Zehrfeld vielleicht etwas ausufernd und überspitzt dargeboten sein – zumindest aus Bachmanns Sicht könnte diese subjektive Wahrnehmung ihres Partners diesem verzerrten Bild entsprechen. Bachmann selbst bleibt wie bereits erwähnt in kettenrauchender, leiser Melancholie – gleichzeitig unnahbar und dadurch faszinierend verführerisch. Im Interieur der Sechziger verharrend, mag manches einem Verhaltensmanierismus geschuldet sein, doch sind diese Oberflächlichkeiten nicht immer ein Fehler. Durch dieses Illustrieren gelingt der Zugang zu einer (zumindest für mich) unbekannten Persönlichkeit deutlich leichter. Von Trottas Film mag auch Bachmann für Anfänger sein – Literaten mit viel mehr auf der Habenseite werden sich vielleicht über die schlichte Struktur dieses Films wundern, für mich findet sich in Krieps Spiel Sehnsucht, Kummer und Leidenschaft einer komplexen, nicht einfachen Person, die ihrer Zeit weit voraus war und das Hausfrauenverständnis eines Max Frisch untergraben konnte – einfach, weil sie als unkorrumpierbare, unverbiegbare Avantgardistin sich selbst treu blieb und das Selbstbewusstsein einer Frau lebte, die wusste, wo und was ihre Stärken waren.

Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste (2023)

Genius

RINGEN UM JEDE SEITE

7,5/10

 

7X2A2247.cr2© 2016 Wild Bunch

 

LAND: USA 2016

REGIE: MICHAEL GRANDAGE

MIT JUDE LAW, COLIN FIRTH, NICOLE KIDMAN, LAURA LINNEY, GUY PEARCE, DOMINIC WEST U. A.

 

Als ich noch vor einigen Jahren auf diversen Wiener Flohmärkten in unzähligen Bananenkartons tief in die Eingeweide verstaubter Buchbestände vorgedrungen bin, fiel mir immer wieder mal ein kiloschwerer Schmöker in die Hände, der da den Titel trug: Schau heimwärts, Engel! Beim Werk von Thomas Wolfe dürfte es zum guten Ton gehört haben, ihn in den wohnzimmerlichen Bücherregalen zu horten, womöglich ohne ihn jemals gelesen zu haben. Mitgenommen habe ich dieses Buch leider kein einziges Mal. Als entschuldigende Alternative kann ich nur mit Doderer´s angelesener Strudelhofstiege oder überhaupt gleich dem Mann ohne Eigenschaften dienen – österreichische Jahrhundertwerke, die mit Sicherheit Wolfe´s literarischem Niveau entsprechen. Und die mit Sicherheit auch in die Obhut eines Lektors mussten. Klar, ausufernde Schreiberlinge gibt´s sowohl diesseits wie jenseits des Atlantiks. Wer was zu sagen hat, und weiß, wie er es formuliert, ertappt sich dabei, kein Ende zu finden. Der Mann ohne Eigenschaften ist selbst mit seinen knapp 1400 Seiten immer noch ein Fragment geblieben. Fertig wurde Musil mit diesem Buch nie. Wobei Autoren wie Musil, Doderer und Wolfe zu lesen schon längst nicht mehr nur Lesen, sondern bereits Arbeit ist. Ein zweites Standbein also, eine zusätzlicher Teilzeitjob, entgolten durch Erkenntnisse in der Welt der Literatur, wie Stimmungen, Bilder und Emotionen beschrieben werden können.

Von Wolfe´s Schreibstil erfahren wir im biographischen Drama Genius so einiges. Nicht nur einmal rezitiert der Künstler selbst Auszüge aus seinem ausufernden Buchstabentsunami, den er mithilfe seines Lektors Max Perkins, der auch Giganten wie Hemingway oder F. Scott Fitzgerald unter seinen Fittichen hatte, in lesbare Form bringt. Während der gemeinsamen Arbeit entwickelt sich zwischen den beiden Intellektuellen sowas wie eine väterliche Freundschaft, manifestiert sich eine stabile Basis des Verständnisses auf beiden Seiten. Wolfe könnte für Perkins auch sowas wie ein Sohn gewesen sein, den er selbst nie hatte. Perkins war es also, der Wolfe für die Welt entdeckt hat. Und der sich an dem ausufernden Zettel-Eskapaden für das darauffolgende Werk Von Zeit und Strom mit Wolfe fast die Zähne ausbeisst – ringt dieser doch um jedes Wort, jede Seite, jeden Zusatz. Und es ist spannend, was Regisseur Michael Grandage aus einer staubig klingenden True Story gemacht hat. Den Jackpot knackt dieser mit der Besetzung von Jude Law, der eine der besten Performances seiner Karriere liefert und den ungestümen, ruhelosen Egomanen mit der Gier nach Stift und Blatt mit Inbrunst, Begeisterung und schweißnasser Stirn auf die knarrenden Holzdielen des Verlagshauses bringt. Alle, die einen Horror vor dicken Wälzern haben, könnten vom Idealismus des Thomas Wolfe aus ihrer Reserve gelockt werden, alle anderen machen es wie Colin Firth als der Mister X. der Literaturszene – stets mit Hut, den er nicht mal daheim ablegt. Von stoischer Ruhe, ausgleichender Phlegmatik und dahinter vielleicht eine ordentliche Portion Verklemmung. Keine Ahnung was genau, aber Perkins ist die andere Seite der Waagschale, die wie Licht und Schatten den Mittelwert einer Grauzone schaffen, die streicht und kürzt, was weggehört. Dabei versucht, den kreativen Schatz nicht zu verstümmeln, zu quälen oder gar zu zerstören. Denn das ist die Gratwanderung eines jeden Lektors – im Sinne des Schöpfers zu handeln, und gleichermaßen im Sinne des Lesers. Da blutet dem Zuschauer das Herz, wenn der Absatz über die erste Begegnung der geliebten auf blaue Augen heruntergestrichen wird. Da windet sich nicht nur Thomas Wolfe. Doch die Welt ist selbst in ihrem geschriebenen Wort nicht nur grenzenloser Überschwang. Das erfahren beide Männer, die unterschiedlicher nicht sein können, und dadurch so gut zueinander passen.

Genius ist ein wortgewaltiges Künstlerdrama in Fifty Shades auf Brown, in milchig beleuchteten Weiß gilbender Seiten und in gedeckten Farben diverser Bucheinbände in schwarzgrauen Regalen. Doch keine Angst, Kopfkino ist der Film keines, viel mehr die impulsive, poetisch-radikale Geschichte einer inspirierenden Freundschaft, die schon das eine oder andere mal staunen lässt und im tatsächlichen Leben viel zu früh ihr Ende gefunden hat. Wolfe wurde gerade mal 38 Jahre alt, und starb an Gehirntuberkulose.

Beim nächsten Besuch eines Flohmarkts, das weiß ich, findet Schau heimwärts, Engel!, sofern mir das Buch unterkommt, garantiert den Weg aus der Mottenkiste in mein Bücherregal.

Genius