Der Fall Richard Jewell

DER ÜBLICHE VERDÄCHTIGE

8/10

 

richardjewell© 2020 Warner Bros.

 

LAND: USA 2019

REGIE: CLINT EASTWOOD

CAST: PAUL WALTER HAUSER, KATHY BATES, SAM ROCKWELL, JON HAMM, OLIVIA WILDE U. A. 

 

Wer ist eigentlich Paul Walter Hauser? Würde mich nicht wundern, wenn hier jetzt einige von euch fragend nach dem Namen googlen. Womöglich erscheint hier ganz oben bei den Ergebnissen ein gewisser Film namens I, Tonya, jener True Story über besagte Eiskunstläuferin, die ihre Konkurrentin sabotiert haben soll. Eine der Nebenrollen, die hier im Gedächtnis geblieben sind, war jene des selbsternannten Agenten Shawn Eckhardt. Auch in BlackKlansmann fiel er als eher unterbelichteter Neonazi auf, beides handfeste Performances, die wohl auch Clint Eastwood aufgefallen sind. Denn der hat ihn kurzerhand für seinen neuesten Film engagiert, und zwar nicht für eine Nebenrolle, sondern gleich für die ganz große One-Man-Show, in der er Richard Jewell verkörpert, dessen Name vermutlich nun auch durch den Suchfilter laufen wird, denn jenseits des Atlantiks sind die Schlagzeilen rund um einen mehr schlecht als recht vereitelten Anschlag auf die Olympischen Spiele in Seattle entweder längst in Vergessenheit geraten oder gar nicht mal in solchem Ausmaß durchgedrungen wie zum Beispiel jenes Wunder vom Hudson River, das Flugzeugpilot Sully vollbracht hat. Diesen gewissenhaften, integren Charakterkopf kann man nach wie vor durchaus als Held bezeichnen, obwohl Helden selber von sich niemals so sprechen würden. Held ist auch ein relativ „gefährliches“ Wort, ich sage mal so, denn ein Held scheint unfehlbar zu sein, und diese implizierte Unfehlbarkeit ruft in relativ kurzer Zeit jede Menge Gegenstimmen auf den Plan, und so wird die Perfektion einer guten Tat schnell zu einem ungläubigen Wunder, dass, hat man es nicht selber gesehen, im Zweifel für des Menschen guten Charakter niemals passiert sein kann. Nach Sully ist Der Fall Richard Jewell der zweite Film zur Analyse von Alltagshelden anhand wahrer Geschichten. Die Ambivalenz eines solchen Geschehnisses, diese graue Wolke, die solche Menschen in ihren unnachahmlichen Taten umgibt, dürfte das sein, was Clint Eastwood fasziniert. Überhaupt sind es diese Portraits außergewöhnlicher Amerikaner, denen sich Clint Eastwood schon die längste Zeit gewidmet hat und vermutlich noch widmen wird. Er beobachtet sie innerhalb ihrer Zeitkapsel aus Ruhm und Zweifel, um sie dann wieder in ihre Anonymität zu entlassen. Doch bemerkenswert sind sie alle. Und ganz besonders dieser Richard Jewell, den Paul Walter Hauser eben so grandios verkörpert. Als wäre das die Rolle, auf die er Zeit seines Lebens hingearbeitet hätte, stünde er nicht erst am Anfang einer großen Karriere, die hiermit womöglich ihren ernsthaften Anfang nimmt.

Zugegeben, Richard Jewell dürfte damals ein Sonderling gewesen sein. Einer, der bei seiner Mutter wohnt (ebenfalls grandios: Kathy Bates), Waffen sammelt und für den Recht und Ordnung über alles geht. Das klingt schon mal verdächtig – aber warum eigentlich? Recht und Ordnung ist schon mal notwendig, wenn jemand so ein Verständnis dafür hat, warum sollte nicht gerade der einen Job in der Exekutive haben? Weil er über die Stränge hinausschlägt? Manches zu ernst nimmt? Über nichts hinwegsieht? Im Nachhinein ist es gut, das Jewell über nichts hinweggesehen hat, denn der oftmals gekündigte und scheel beobachtete Junggeselle hat als erster diesen herrenlosen Rucksack bemerkt, der unter einer Bank im Areal des Olympia-Parks lehnt. Natürlich war das eine Bombe, und natürlich ist sie explodiert, doch dank Richard Jewell hat diese weniger Schaden angerichtet als geplant. Der Mann wird zum Helden, wird in so gut wie fast allen Medien zum Interview geladen und durch die Gegend hofiert wie ein Popstar. Bis dem FBI die Sache spanisch vorkommt, ist doch der Bursche das exakte Ergebnis einer Faustformel fürs Täterprofil. Pech für ihn, ein üblicher Verdächtiger, und im Namen aller Profiler fraglos schuldig. Inquisition verlief im tiefsten Mittelalter nicht anders, aber das nur am Rande. Der Retter wird also zum Täter hochstilisiert. Was dann beginnt, sind quälende Wochen aus Bespitzelung, Hausdurchsuchung und Schmutzkübelmedien, die aus dem Paulus einen Saulus machen.

Mit Der Fall Richard Jewell ist Clint Eastwood mit knapp 90 Jahren wohl einer seiner besten Filme gelungen. Dieses unfassbar wahre Paradebeispiel einer mediengemachten Hexenjagd der Neuzeit ist Schglagzeilenkino vom Feinsten, alleine schon aufgrund seines grandios aufspielenden Ensembles bis in die Nebenrollen, die von Eastwood mit sicherer Hand und ohne allzu viel Druck aufs Set geschickt werden. Bei so viel dramatisierter Erniedrigung klappt einem durchaus die Kinnlade herunter, und zwischenszeitlich ertappt man sich selbst dabei, der investigativen Meinungsmache stattzugeben. Doch Jewell, der dürfte ein aufrichtiger Bursche gewesen sein (und ist es so denke ich heute noch), und dabei zuzusehen, wie ein ebenfalls begnadeter Sam Rockwell als schrulliger Anwalt seinem Klienten aus der Misere hilft, ist packend, unglaublich menschelnd und kurios zugleich.

Der Fall Richard Jewell

Da 5 Bloods

VOM KRIEG, DER NICHT IN RENTE GEHT

6/10

 

da5bloods© 2020 Netflix

 

LAND: USA 2020

REGIE: SPIKE LEE

CAST: DELROY LINDO, CLARKE PETERS, ISIAH WHITLOCK JR., NORM LEWIS, CHADWICK BOSEMAN, JEAN RENO, MÉLANIE THIERRY, PAUL WALTER HAUSER, JASPER PÄÄKKÖNEN U. A. 

 

Da fällt mir doch gleich ein echter Klassiker von Dire Straits ein: Brothers in Arms. Im Vibra-Sound, recht verhalten und in den imaginären Stahlhelm gesungen, erzählt der Song vom Durch- und Zusammenhalten, wenn die Waffen sprechen. Sowas begründet natürlich, sofern man überlebt, niemals endende Freundschaften. Zwangsfreundschaften sozusagen. Innerhalb der schwarzen Bevölkerung ist das gefühlsmäßig etwas anders. Die sind nicht nur im Krieg Brüder – die solidarisieren sich auch so. Vor allem jetzt, wenn Black Lives Matter. Da sind all jene afrikanischen Ursprungs eine ganze große Familie, um gegen den zur us-amerikanischen Tagesordnung gehörenden Rassismus anzurennen. Spike Lee ist da ganz vorne mit dabei. Rassenhass, Gewalt und Politik waren immer sein Thema. Politik ganz besonders. Und all die ganzen zersetzenden Mechanismen einer Gesellschaft, die, egal ob schwarz oder weiß, so leicht in Frieden miteinander leben könnte. Lee sucht aber in seinen Filmen ganz andere Ansätze und verleiht dem Ansinnen auf ethnische Liberalität den Klang von Stereo, lässt seine wild schraffierten Ideen wie aktivistische Transparente nicht nur auf das Kinopublikum los – sondern jetzt auch auf all die User von Netflix, die exklusiv sein neues Werk begutachten können – und sich, sofern sie es gesehen haben, vielleicht an BlacKkKlansman erinnert fühlen.

Diese True Story, fast schon Satire, führt mit Freuden die White Power der USA ad absurdum, lässt Tomaten auf die weißen Gewänder der Kapuzenträger hinabregnen, wenngleich Lees Film trotz seiner ruhelosen Ambitionen weitestgehend handzahm daherkommt. Diese Phlegmatik könnte mit Da 5 Bloods jetzt ein Ende haben – obwohl auch dieser neue, überlange Streifen rund um den Vietnamkrieg und seine Nachwehen relativ viel Zeit benötigt, um wirklich in die Gänge zu kommen. Aber so ist das in den Tropen: einer Akklimatisierungsphase folgt ein Abenteuer Marke Baedeker, wie man es daheim anschließend gern erzählt. Die 4 Bloods – der fünfte im Bunde hatte schon während des Kriegseinsatzes in Fernost das Zeitliche segnen müssen – finden sich nach Jahrzehnten wieder dort ein, wo die „Blutsbrüderschaft“ ihren Anfang nahm: In Saigon, im Süden des Landes. Warum nun sind sie hier, diese vier Rentner? Mitnichten zum Urlauben. Sondern um einen Goldschatz zu heben, der im Hinterland vergraben liegt, mitsamt den Überresten des fünften Blood, den es als Vorwand zu finden gilt, würden doch die vietnamesischen Behörden dieses satte Kapital niemals ausreisen lassen. Vier Knacker sinds also, denen das Leben bereits ganz schon mitgespielt hat. Und die den Krieg nicht überwinden können. Zumindest einer – Delroy Lindo in bemerkenswert intensiver Spiellaune – scheint massiv traumatisiert. Doch wie geplant brechen sie in den Dschungel auf, und je näher sie ihrer gemeinsamen Vergangenheit kommen, umso präsenter wird ein Krieg, der Jahrzehnte vorbei zu sein scheint. Es ist fast wie ein Fluch, der auf denen lastet, die gekämpft haben.

Da 5 Bloods ist trotz einiger Verzettelungen und zäher Konfusion ein kurioses Konstrukt, das auf gewisse Weise nachwirkt. Perfekt ist Lees Film keineswegs. Die erste Stunde lang, wenn nicht länger, sieht man den vier Veteranen beim Quatschen zu, über das Leben und das Damals. Das wirkt fast so wie eine dieser Travel-Soaps, in denen Promis auf Reisen gehen. Irgendwann gibt’s auch noch einen Reiseleiter, der nur die Geschichte des fünften Blood kennt, aber nicht die des vielen Goldes. Lee wechselt das Bildformat wie ein Fotograf sein Objektiv – von 4:3 bis Cinemascope ist alles da. Aus einem Guss ist das nicht. Gewöhnungsbedürftig sind nicht nur die Szenen aus vergangenen Kriegstagen, die wie Super 8-Aufnahmen inszeniert sind, untermalt von pathetischer Orchestermusik wie für einen Chuck Norris-Reißer, und in denen die Bloods, bis auf den einen fünften („Black Panther“ Chadwick Boseman), genauso alt sind wie 5 Jahrzehnte später. Gewöhnungsgbedürftig ist der ganze Film, der manchmal einfach zu viel skandiert, der schockierende Archivaufnahmen aus dem echten Krieg wie Schrapnelle so manche Szene spaltet. Der Power-Point-Files in seinen War-Punch hineinwirft und alles nochmal aufkocht. Lees Senf zu Black Lives Matter wirkt dabei leider wie aufgesetzt, hat auch aus meiner Sicht mit dem Werk nur peripher zu tun. Aber gut, Spike Lee will so viel wie möglich, fällt fast schon in Rage. Dabei kippt das Werk ins Anarchische. Was folgt, ist ein regelrecht bizarres Apokalypse Now-Revival für die R.E.D.-Generation in drastischen Bildern, ein Antikriegsfilm mit nostalgischem Blick zurück ins Desaster, in dessen Folge der Sieg über den Feind auch nichts weiter ist als eine Niederlage der anderen Art.

Da 5 Bloods