American Sweatshop (2025)

DEM PERVERSEN AUF DEN FERSEN

5/10

 

Lili Reinhart als Content-Moderatorin in American Sweatshop
© 2026 Plaion Pictures / Constantin

 

LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, BELGIEN, USA 2025

REGIE: UTA BRIESEWITZ

DREHBUCH: MATTHEW NEMETH

KAMERA: JÖRG WIDMER

CAST: LILI REINHART, DANIELA MELCHIOR, JOEL FRY, CHRISTIANE PAUL, EREMY ANG JONES U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN



Die Menschheit, so scheint es, ist nur noch krank. Den Glauben an selbige verliert man schnell, wenn man sich ein bisschen länger im Internet herumtreibt. Da fährt man munter in die Kreise der Hölle hinein, so ungehemmt könnte sie nicht mal Hieronymus Bosch malen, denn alles, was sich ausdenken lässt, ist in der Realität einfach nur noch schlimmer.

Wer sich so etwas ansehen will, um die Allgemeinheit davor zu schützen, der kann als Content-Moderatorin oder Moderator arbeiten. Den ganzen Tag Videos gucken und dabei Geld verdienen? Klingt einfach – ist es aber nicht. Vorallem nicht für die Psyche. Denn dieses Zeug weht geradewegs von der Müllkippe der Zivilisation auf den Bildschirm. Hass, Gewalt, Perversion und alle erdenklichen Gräuel sind es für viel zu viele Menschen auf diesem Planeten wert, veröffentlicht zu werden. Die Menschheit, um es nochmal zu betonen, ist nur noch krank.

Der härteste Schreibtischjob der Welt?

Um so einen Job länger als ein paar Wochen zu halten – dafür braucht es die richtige Herangehensweise, das richtige Gemüt, eine aufgeräumte Seele, um Gottes Willen keine labile Psyche! Lili Reinhart als Daisy Moriarty zum Beispiel, die sich für abgebrüht genug hält, hat sich einen solchen Job geangelt, bis sich etwas Besseres ergibt – und löscht oder genehmigt dabei den ganzen Tag lang verstörendsten Content. Um sie herum bricht der Reihe nach so manche Kollegin, so mancher Kollege weg. Andere wiederum kanalisieren das Grauen auf eine Weise, indem sie einen Wettstreit draus machen – wer länger durchhält.

Doch irgendwann hat auch Daisy genug – spätestens bei einem Video, das einen brutalen Femizid zeigt – und nicht danach aussieht, als wäre er gestellt. Zu sehen ist dabei auch der potenzielle Mörder. Mehr braucht Daisy nicht, um der Sache nachzugehen und den Verantwortlichen für dieses Verbrechen ausfindig zu machen und zur Rechenschaft zu ziehen.

Nur Content löschen ist zu wenig

American Sweatshop – ein Synonym oder ein Begriff für Jobs, die mit physischer und psychischer Ausbeutung zu tun haben – weidet sich zum Glück nicht in grausamen Darstellungen und expliziten Schockmomenten. Da hätte man sonst selbst sehr schnell die Nase voll, schließlich liegt es in der Natur der eigenen angestrebten Psychohygiene, Content dieser Art tunlichst aus dem Weg zu gehen. Interessant wird es dann, wenn man diese Perversionen einfach nicht mehr auf sich beruhen lässt und nicht nur einfach den Delete-Knopf drückt. Interessant wird es, wenn andere beginnen, sich selbst in der Verantwortung zu sehen und proaktiv etwas dagegen unternehmen.

Zögerliche Initiativen

Lili Reinhart tut das auch, gegen die Regeln der Agentur, aber im Sinne der Rechtschaffenheit und der Moral. Wie sehr also auch die Grundidee und die Ausgangssituation von American Sweatshop reizt, so wenig kann Ute Briesewitz im Laufe des Geschehens das Thema aufwühlen – obwohl es danach schreit, aufgewühlt zu werden.

In bescheidenen Schritten bewegt sich der Slow Burner vorwärts, bis zum Ende bleibt der Film eigentlich am Anfang hängen, beobachtet viel, sondiert, schätzt ab – kommt aber nie wirklich in die Gänge. Eine ähnliche Trägheit in der Initiative lässt sich im Film The Assistant von Kitty Green mit Julia Garner in der Hauptrolle entdecken. Auch hier ein Büro- oder Firmensetting, auch hier trägt die Bestandsaufnahme eines prekären Umstandes den ganzen Film und konzentriert sich, noch mehr als in American Sweatshop, lediglich auf die Veränderungen im Mindset der Protagonistin, bevor irgendetwas geschieht. Das hat natürlich Stimmung und Atmosphäre, doch das Thema verlangt mehr.

Auch hier, wenn es um Hassverbrechen und Social Media-Perversionen geht, ist das Problem viel tiefschürfender, komplexer und lauter, um es als kleines Arthousedrama mit Thriller-Elementen zu exportieren. Das Ende ist dann sozusagen der Anfang von etwas, das wir, womöglich um trivialer Genugtuung zu entgehen, niemals erleben werden. Der Griff an die Wurzel des Übels alleine mag Briesewitz genug gewesen sein, für mich fehlt da die entscheidende Konsequenz.

American Sweatshop (2025)

The End We Start From (2023)

HINTER MIR DIE SINTFLUT

5/10


the-end-we-start-from© 2023 Universal Pictures


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH 2023

REGIE: MAHALIA BELO

DREHBUCH: ALICE BIRCH, NACH DEM ROMAN VON MEGAN HUNTER

CAST: JODIE COMER, JOEL FRY, KATHERINE WATERSTON, GINA MCKEE, NINA SOSANYA, MARK STRONG, BENEDICT CUMBERBATCH, SOPHIE DUVAL U. A.

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


Diese Woche soll es endlich wieder mal ordentlich regnen. Zumindest hier, im staubtrockenen, glutheissen Wiener Becken, waren all die verzweifelten Regentänze für die Fische. Unter solchen Umständen wandern Filme, die sich mit Klimawandel und noch dazu mit dem heiß ersehnten Niederschlag auseinandersetzen, die Watchlist höher. Eines dieser neuen Werke ist jener Streifen, der Jodie Comer als frischgebackene Mutter durch ein teilweise überflutetes und vollends dem Ausnahmezustand anheimgefallenes Großbritannien schickt. Durch das London an der Themse lässt sich nur noch per Boot manövrieren, zum Glück haben eine Frau ohne Namen und ihr Mann rechtzeitig Haus und Heim hinter sich gelassen, zum Glück hat diese Frau auch rechtzeitig ihr Baby zur Welt gebracht. Es scheint, als wäre das Schicksal dieser frischgebackenen Familie gewogen, denn Papas Eltern leben überdies in höhergelegenen Gefilden am Land, mit jeder Menge Vorrat, um gut durch die Krise zu kommen. Diese dauert aber länger als gedacht, es scheint, als wäre die Flutkatastrophe sowas wie einer Zombieapokalypse gewichen, nirgendwo gibt es mehr Nahrung, und selbst im Haus der Großeltern leert sich der Keller. Das Schicksal meint es also doch nicht gut, als ein Unglücksfall dem anderen folgt und Jodie Comers Charakter plötzlich ganz allein dastehen muss, den Säugling vor die Brust geschnallt und ums Überleben kämpfend. Die Suche nach Papa muss verschoben werden. Die Zukunft ist ungewiss.

Aus gefühlt jedem Katastrophenzustand wird im Kino gerne eine Endzeit generiert. Auf ein zivilisiertes Danach lässt sich in vielen Fällen einfach nicht mehr hoffen. Meist ist das Elysium ein am Horizont vage manifestierter Lichtblick, ein Ideal, ein Hoffnungsschimmer oder Motivator, der die hartnäckig Suchenden nicht resignieren lässt. The End We Start From ist nicht viel anders und fühlt sich an wie ein Spin Off von The Last of Us, nur ohne den toxischen Pilzsporen anheimgefallene Mutanten. Hier ist das Hochwasser schlimm genug, um die gesellschaftliche Ordnung aus den Angeln zu heben. Dass man in Zeiten wie diesen dann doch noch eine neue Generation in eine ungewisse, äußerst instabile Zukunft schicken soll, versucht der nach einem Roman von Megan Hunter inszenierte melodramatische Streifen zu illustrieren. Und lässt sich dabei zu einem mitunter elegischen Kaffeekränzchen für Mamas hinreissen, das mit einer Engelsgeduld, die der Zuseher vielleicht nicht hat, den pflegetechnischen Alltag von Jodie Comer und dann auch noch Katherine Waterston, die sich ebenfalls um ihr Kleinkind bemüht, in den Fokus nimmt. Das mutet in jedem Fall recht empathisch und gefühlvoll an, reizt die Thematik aber zu sehr aus, während sich der rote Faden in den Wirren der nicht näher beleuchteten Katastrophe verliert, die überdies das Gefühl vermittelt, nicht ganz schlüssig zu sein. Geht’s mal nicht um das Erfüllen mütterlicher Pflichten, setzt Mahalia Belo Jodie Comers Konterfei breitenwirksam in Szene – nachdenklich, rückblickend, sehnsüchtig. Und dann nochmal: nachdenklich, rückblickend, sehnsüchtig, vielleicht gar schwelgend in Erinnerungen mit Partner Joel Fry, der stets so aussieht, als würde er nicht nur in den Fluten, sondern auch im Selbstmitleid ertrinken.

Es ist schon gut erkennbar, worum es der Story um Mutterschaft angesichts extremer Umstände wohl gehen mag: Um den Verlust gesicherter Existenzgrundlagen und die Erschaffung neuer Parameter. Was es dafür braucht, ist letztlich die gesamte leidgeprüfte Familie. Mahalia Belo lässt sich mit dieser redundanten Erkenntnissuche aber viel zu viel Zeit, The End We Start From hat mitunter ermüdenden Leerlauf und fühlt sich dem Melodramatischen sehr zugetan. Ein Endzeitdrama light mag hier gelungen sein, für all jene, die The Road mit Viggo Mortensen als unzumutbar erachten, derweil ist dieser düstere Streifen einer der „schönsten“ und aufrichtigsten Filme um das Ende der Welt, die bisher gedreht wurden. The End We Start From weiß nicht so recht, wieviel es seinen Figuren zumuten will. Als Schonprogramm zwischen Krabbelstube und Existenzanalyse mag dieser gemächliche Paradigmenwechsel wie weichgespült wirken, auch wenn, wie es scheint, die Insel sich mutwillig selbst aufgibt.

The End We Start From (2023)

Cruella

RACHE WIRD SCHWARZWEISS SERVIERT

7,5/10


cruella© 2021 The Walt Disney Company


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: CRAIG GILLESPIE

CAST: EMMA STONE, EMMA THOMPSON, PAUL WALTER HAUSER, JOEL FRY, MARK STRONG, EMILY BEECHAM U. A. 

LÄNGE: 2 STD 13 MIN


Es ist wie es ist: Die Bösen sind die Guten. Sie sind die, an die man sich erinnert. Sie sind die besseren Charakterköpfe und sprechen als psychisch labile Schmerzensschwestern und -brüder den eigenen alltäglichen Unzulänglichkeiten viel mehr aus der Seele als jemand, der alles im Griff hat. Der Neid könnte einen fressen bei jenen, die sich herkulesgleich die Schulter entstauben. Doch was wäre das – andersherum – für ein ethisches Weltbild? Es wäre erschütternd – aber griffiger. Das Böse ist immer verführerischer. Das Böse bietet viel mehr Bühne. Zum Beispiel für einen Straßenclown, der zu Batmans Nemesis wird. Oder für einen ungestümen Jedi, der drei Sequel-Teile lang zu Darth Vader mutiert. Sie alle haben ihre eigenen faszinierenden Origin-Story, da sich die dort innewohnende zynische Weltsicht so verlockend frei anfühlt. Die vorab erlittenen Schicksale bleiben dabei entbehrlich. Nur das Endprodukt fährt – der Rest macht es nur nachvollziehbar.

Zu den klassischen Antagonisten Hollywoods zählt natürlich auch jene Dame, die man eventuell als Joker der Modewelt bezeichnen könnte. Der Teufel trägt also Prada? Mitnichten – denn Cruella de Vil hat ihre eigene Kollektion. Im Zeichentrick-Kultfilm 101 Dalmatiner ist sie es, die davon träumt, einen Mantel aus Dalmatinerfell zu besitzen und den Rassehunden Pongo und Perdita hinterherjagt (oder besser gesagt: sie lässt hinterherjagen), da sie es ja nicht nötig hat, einen Finger zu rühren. Wie es dazu kommt? Die Antwort darauf hat nun Craig Gillespie hingelegt – und lässt dabei Emma Stone die Gelegenheit beim Schopf packen. Die wird nach dem gewaltsamen Tod ihrer Mutter in London von den zwei Waisen Jasper und Horace (wir erinnern uns an den Zeichentrickfilm) gefunden und kurzerhand in ihre Diebesgang aufgenommen. Die Brieftaschen der Londoner Bevölkerung stapeln sich in deren Unterschlupf. Die Zeit vergeht und Estella, die ihre Liebe zu Schneiderei und Mode an sich selbst auslebt, träumt davon, in der superschicken Modeboutique der Stadt zu arbeiten. Die Gelegenheit ergibt sich bald, allerdings beschränken sich da die Aussichten auf den sanitären Bereich. Doch auch später meint es das Schicksal gut – und wie durch eine Fügung desselben landet der kreative Kopf im Atelier der Modezarin Baroness von Hellman. Einer Patronin, angesichts jener Meryl Streep als Miranda Priestley fast schon erscheint wie Mutter Theresa. Doch so viel Herzenskälte ist fast schon egal – wenn Estella tun kann, was sie immer schon tun wollte. Bis sie dahinterkommt, dass die affektierte Lady so einiges mit dem Tod ihrer Mutter zu tun hat.

Viel schiefgehen kann da wirklich nicht, wenn sich Emma Stone ins Zeug legt. Die Oscar-Preisträgerin für La La Land ist auch diesmal wieder ein Energiebündel an Ausdrucksstärke und Emotion – fad geht anders. Da kommt so eine schillernde Antagonistin wie Cruella de Vil wie gerufen. Liebend gern schlüpft Stone in ihre Outfits, stolz trägt sie das schwarzweiße Haar. Am anderen Ende der Kippschaukel: Emma Thompson – sowieso immer gern gesehen, diesmal aber suhlt sie sich in ihrer heillos überzogenen Karikatur der erfahrenen, toughen Geschäftsfrau zwischen Dürrenmatts alter Dame und Ebenezer Scrooge. Das ist so plakativ, dass es schon weh tut – aber das soll es auch. Und es macht Spaß, zu sehen, wie die beiden Emmas ihren Spaß haben, wenn sie sich die Kleiderpuppen um die Ohren hauen und sich gegenseitig darin übertrumpfen wollen, wer das bessere Outfit trägt. Dabei untermalt Gillespie sein Bad-Girl-Origin mit allerlei bekannten Songs vergangener Jahrzehnte, welche die eskalierende Dramatik nochmal unterstreichen.

Cruella ist die Antwort Disneys auf das Ikonenuniversum von DC. Dabei scheint es für den Mauskonzern durchaus okay zu sein, hier nicht die ganze Familie vor die Leinwand bzw. vor den Bildschirm zu holen. Cruella mag die Kids wohl eher nicht betören – für alle anderen ist das vergnügliche Erstarken einer hundeverachtenden Drama Queen ein atmosphärisch dichtes Realfilmerlebnis, das es tatsächlich schafft, den Eindruck zu vermitteln, mitunter das Ganze in Zeichentrick zu sehen. Und überdies: hätte der Joker nicht schon seine Harley Quinn – Cruella de Vil wäre eine ernsthafte Konkurrenz.

Cruella