Romería – Das Tagebuch meiner Mutter (2025)

SCHWEIGEN WIE EIN FAMILIENGRAB

8/10

 

Llúcia Garcia stellt sich in Romería – Das Tagebuch meiner Mutter ihrer Verwandtschaft
© 2025 Quim Vives / Elastica Films

 

LAND / JAHR: SPANIEN, DEUTSCHLAND 2025

REGIE / DREHBUCH: CARLA SIMÓN

KAMERA: HÉLÈNE LOUVART

CAST: LLÚCIA GARCIA, TRISTÁN ULLOA, MITCH ROBLES, SARA CASASNOVAS, JOSÉ ÁNGEL EGIDO, MIRYAM GALLEGO, CELINE TYLL, JANET NOVÁS U. A.

LÄNGE: 1 STD 55 MIN



Bei diesem Film könnte es passieren, dass die eigene Familie plötzlich fremder wirkt als jene in Carla Simóns Romería – Tagebuch meiner Mutter.

Wieso das? Nun, es kommt immer darauf an, wie viel Wert man dem biologischen Faktor des gemeinsamen Blutes beimisst. Dass manche schließlich in ihrer eigenen Familiengeschichte herumstochern, ohne gute Gründe dafür zu haben, und ohne dass es einen Anlass dazu gibt, eine ohnehin distanzierte Beziehung näher zu ergründen, wird wohl kaum passieren. Eher passiert es, dass eine adoptierte Person will Klarheit über jene Umstände erlangen, die schließlich dazu geführt haben, unter fremder Obhut aufgezogen worden zu sein. Weil die echten Erziehenden entweder ums Leben gekommen oder auf andere Weise gänzlich unpässlich waren? Vielleicht, weil sie auch gar keine Kinder wollten?

Meister der Verdrängung

Alt genug, um nun endlich zu studieren, benötigt die gerade volljährig gewordene Marina für ihr Vorhaben die Bestätigung der leiblichen Familie ihres Vaters, der viel zu früh von der Bildfläche verschwand. Ähnliches widerfuhr Marinas Mutter – auch sie, genauso wie ihren Vater, hat das AIDS-Virus dahingerafft, verursacht durch Drogenexzesse jedweder Art. Die Familie väterlicherseits hat sich längst distanziert. Über Alfonso breiten all die Angehörigen, vorzugsweise die über allem erhabenen Großeltern, den Mantel des Schweigens und zeichnen sich als Meister der Verdrängung dadurch aus, alles Unangenehme von dieser ihrer Sippschaft fernzuhalten.

Da kommt es natürlich ungelegen, dass die sogenannte „dreizehnte“ Fee, das letzte, blutsverwandte Kind, das verlorene Schaf, tatsächlich heimkehrt – oder besser gesagt: einen Seitenblick in das soziale Gefüge namens Familie wirft, um erstens eben all ihre Verwandten kennenzulernen. Und zweitens, dem Großvater das Zugeständnis abzuringen, dass Marina seine leibliche Enkelin ist. Der Weg dorthin mutet an, als würde man durch ein Fotoalbum blättern – das üppige, bildgewaltige Portfolio eines lebendigen Stammbaums, der, hin und hergerissen zwischen Wahrheit und Vergessen, Marina als die Chance erkennt, endlich reinen Tisch zu machen und das letzte fehlende Glied zu ergänzen.

Rollendynamik vom Enkel bis zum Patriarch

Carla Simón zeigt dabei, genauso wie in ihrem mit dem Goldenen Löwen 2022 ausgezeichneten Familienschicksal Alcarràs – Die letzte Ernte, wie virtuos sie ein ganzes familiäres Biotop aus dem narrativen Boden stampfen kann. In Romería (was so viel heißt wie Pilgerfahrt) schwirren eine Vielzahl an Charakteren vor den beobachtenden Blicken Marinas vorbei – Klein und Groß, Alt und Jung, sie alle vollführen ihren aufgeregten Alltag, als spiele man die Reise nach Rom.

Dennoch schafft es Simón, jeden einzelnen und jede einzelne im Auge zu behalten, sie greifbar zu machen, zumindest für Marina. Sie ist der Ruhepol, das windstille Zentrum. Llúcia Garcia vollbringt hier angesichts der Herausforderung, eine ganze Klaviatur an Emotionen empfinden zu müssen, eine schauspielerische Meisterleistung. Authentizität ist in diesem Film letztlich alles, und da mit dieser Figur einer spurensuchenden jungen Frau alles steht und fällt, ist die Verantwortung, den ganzen Film zu tragen, enorm groß.

Als wäre man selbst eingeladen

Umso mehr ist Zurücknahme das oberste Gebot – durch diese sanftmütige, präzise und niemals überzeichnende Charakterisierung einer Person, die sich selbst nicht als entwurzelt oder verstoßen sieht, sondern nur Bescheid wissen will, ist man auch als Zuseher plötzlich Teil einer fremden Familie und einem fremden Leben.

Stößt die Realität an ihre Grenzen, öffnen sich Visionen

Fasziniert von Llúcia Garcias Auftreten, im letzten Drittel des Films in leuchtend rotem Kleid aus dem Stoff, den schon ihre Mutter getragen hat, belohnt einen der Film am Ende sogar noch mit behutsam gesetztem, magischem Realismus, der Marina träumen und sogar noch in die Zeit zurückreisen lässt, während sie und ihr Cousin auf einer imaginären Erzählebene Marinas Eltern verkörpern. Dieses schmucke Präsent an verzaubernder Poesie hat sich Simón für den Schluss bewahrt – und niemals verliert Romería durch die Tragödie der beiden Biografien seine kontemplative Leichtigkeit, die den ganzen Familienzirkus wie eine gesellschaftliche Himmelserscheinung vielleicht bewundernswert, aber auch ablehnend erscheinen lässt.

Romería – Das Tagebuch meiner Mutter handelt im Grunde vom Vater, von seinen Brüdern, seinen Neffen und Nichten. Marinas Akzeptanz gegenüber deren Leben und Leiden schafft erstaunliche Tiefe, in der man, statt darin selbst zu ertrinken, neue Wurzeln schlägt – für ein neu erstarktes, mutiges und von Sippenhaftung befreites Selbstbewusstsein.

Romería – Das Tagebuch meiner Mutter (2025)

Alcarràs – Die letzte Ernte

DER BISS IN DEN SAUREN PFIRSICH

6,5/10


alcarras© 2022 Piffl Medien


LAND / JAHR: SPANIEN, ITALIEN 2022

BUCH / REGIE: CARLA SIMÓN

CAST: JORDI PUJOL DOLCET, ANNA OTIN, XÈNIA ROSET, ALBERT BOSCH, AINET JOUNOU, JOSEP ABAD, MONTSE ORÓ, CARLES CABÓS, BERTA PIPÓ U. A.

LÄNGE: 2 STD


Wir haben bereits September, das Ende des Sommers kündigt sich mit morgendlicher Frische und früher Dunkelheit an. Auch sehen die Kastanienbäume nicht mehr so aus, als hätten sie gerade die Zeit ihres Lebens. Der Herbst steht vor der Tür, ich freu mich drauf. Andere freuen sich weniger. So zum Beispiel jene Bauernfamilie aus Katalonien, die ihren letzten heißen Sommer inmitten früchtetragender Pfirsichbäume verleben muss, denn was nach der letzten Ernte mit all den Hektar Land hier passieren wird, gleicht einem Albtraum für jene, die schon seit Generationen, ähnlich wie die freudestrahlenden Bauern in der San Lucar-Werbung, handverlesene Landwirtschaft betreiben und die Nachhaltigkeit auf eine Weise leben wie sonst nur in den Ja natürlich!-Heftchen für die Kleinen. Man möchte es kaum glauben, aber dort, im glutheißen Alcarràs, wo jedes Tröpfchen Wasser wohldosiert sein muss und das rotgoldene Obst so behandelt wird, als wären es lebendige Wesen, scheint die Idylle eines Bauernlebens gerade im Sommer, wenn die kleinen Kinder ihre Abenteuer erleben und der Patriarch seinen Sohn einspannt, vollkommen.

Der Albtraum macht sich bereits auf der anderen Seite der Landstraße bemerkbar – es sind Solarpaneele, die, zu Plattformen zusammengesteckt, natürlich nachhaltigen und umweltfreundlichen Strom erzeugen sollen. Die Sonne scheint für alle und immer, teuer ist hier nur das Equipment. Bald soll es auch den Pfirsichbauern von Alcarràs so ergehen, denn das Land, auf welchem sie ihre Erträge sichern, gehört eigentlich einem reichen und in die Zukunft investierenden Grundbesitzer. Dessen Großvater aber habe zum Dank dafür, ihn während der Franco-Diktatur versteckt zu haben, besagter Familie den Boden unbefristet zur Verfügung gestellt. Blöd nur, dass es dafür keine Belege gibt, sondern nur einen feuchten Händedruck, der den Deal besiegelt haben soll. Opa ist verzweifelt, denn damals war das alles anders. Der Vater ackert sich zum Krüppel, und die Mutter versucht, die Idylle gerade noch zusammenzuhalten, während die Tochter ihrem Teenagerdasein frönt, mit allen Allüren. Für die ganz Kleinen ist alles ein Spiel, die verbringen den Sommer wie einen von damals – barfuß, schmutzig, im Geröll der Landschaft umhergeisternd und tote Kaninchen bergend, die eine Plage für den Bauern sind.

All diese Beobachtungen eines Sommers hat Carla Simón mit ihrem Langfilmdebüt auf ein atmosphärisch dichtes Familienportrait komprimiert, das in seiner Intensität russischen Gutshofdramen von Tschechow oder Tolstoi in nichts nachsteht. Mit der Sonne im Rücken oder aufs verschwitze Gesicht, feiern eine Vielzahl an Familienmitgliedern – vom sinnierenden Großvater bis zum kleinen Mädel, das ihren Cousins zeigt, wo s langgeht – die Anstrengung getaner Arbeit, den süßen Saft reifer Pfirsiche, der beim Reinbeißen über die Finger rinnt oder das entspannte Miteinander im kühlen Inneren des Hauses während der Siesta. In Alcarràs – Die letzte Ernte ist die Stimmung das Juwel des Films, und Simon hält sich wider Erwarten mit den Gedanken ans Ende einer Idylle nicht zu lange auf. Wie ein Damoklesschwert hängt die bittere Zukunft über dem Gut, doch das trübt den Sommer nur bedingt. Die Familie existiert in einem unverwundbaren Jetzt. Nur manchmal dringt die Wahrheit an den Tag, wenn Papa Quimet seine Tränen nicht mehr halten kann.

Wie Tschechow oder Tolstoi ist Alcarràs – Die letzte Ernte dann doch nicht geworden. Was fehlt, ist die Dysfunktionalität der Familie, der vergrabene Kummer, das Unverziehene. Simón lässt keine zwischenmenschliche Tragödie vom Stapel, sondern lobt letztendlich den Schulterschluss vor einer unausweichlichen Veränderung. Durch ihr weitgehendes Weglassen eines irreversiblen Dramas, das zum Drama des Wertverlustes noch hinzukommt, bleibt Alcarràs nur der Sommer in all seiner Expressivität, eingefangen in distanzlosen Bildern, die man fast schon riecht und schmeckt. Zwei Stunden Kino geraten dabei aber fast schon zu lang, das Ansehen alltäglicher Ereignisse und spanischer Dorffolklore erschöpft auf Dauer dann schon etwas, und man fragt sich, ob die Kritik an der Weltwirtschaft nicht etwas zu resignativ ausfällt. Im Gegensatz dazu hat der ebenfalls spanische Film El Olivo – Der Olivenbaum aus dem Jahr 2016 deutlich mehr zu sagen.

Alcarràs – Die letzte Ernte