Hard Powder

RACHE, AM BESTEN KALT SERVIERT

3/10

 

HARD POWDER© 2019 Constantin Film

 

LAND: GROSSBRITANNIEN, NORWEGEN, USA, KANADA 2019

REGIE: HANS PETTER MOLAND

CAST: LIAM NEESON, LAURA DERN, TOM BATEMAN, TOM JACKSON U. A.

 

Winter is coming. Zumindest in Hans Petter Molards Zweitverfilmung eines Thrillers, der im Original Kraftidioten heißt und mit Stellan Skarsgard damals einen Schauspieler gefunden hat, der in scheinbar stoischer Wut Rache übt. Einer nach dem anderen, so in der deutschsprachigen Übersetzung, ist ein Film nicht zwingend für kalte Wintertage. Vielleicht sogar mehr für den Sommer, um sich zumindest filmtechnisch abzukühlen. Was da an Schneemassen gepflügt werden, geht auf keine Skipiste. Gut, dass es eben Männer wie Filmvater Nils gibt, der sich durch die Unpassierbarkeiten des hohen Nordens kämpft. Und der von einem Tag auf den anderen seinen ermordeten Sohn beerdigen muss, der wiederum von Handlangern eines Drogenkartells aufgeknüpft wurde. Wer diese Killer waren, und was das Ganze mit dem toten Filius zu tun hat, das sind Fragen, die Nils nicht lösen kann. Also plant er den Suizid – bis sich fünf vor zwölf das Schicksal plötzlich wendet. Und der trauernde Papa zu den Waffen greifen kann.

Diese skandinavische Krimifarce konnte 2014 sogar noch den großen Bruno Ganz dafür gewinnen. Ein grimmiger Auszählreim voller Sarkasmus, ein blutiger Reigen sich aneinanderreihender Todesfälle, die allesamt nicht zufällig passieren, sondern im Strudel einer Vergeltungsspirale nach dem Domino-Prinzip einfach passieren. Keine Ahnung allerdings, warum Hans Petter Moland 5 Jahre später seinen recht gelungenen Film nochmal verfilmen muss. Womöglich, weil Übersee vom Original wenig weiß. Filme aus Europa sind dort nicht so der Bringer. Nicht, weil sie vielleicht nicht gerne gesehen werden wollen, sondern weil dort keiner Untertitel mag. Synchro-Studios gibt es auch keine, auf die Idee würde die USA niemals kommen, Fremdfilme zu übersetzen. Das britische Kino hat es da besser, die knapp 7000km Luftlinie über den Atlantik fällt da kaum ins Gewicht. Englisch ist Englisch, das wird in einen Topf geworfen. Das ist schon ein gewisser Kulturpatriotismus, eine Arroganz gegenüber einer vielfältigen Filmwelt, die mehr zu bieten hat als gewohnten Lokalkolorit. Die einzige Lösung: Zweitfilme. Mit selbem Inhalt, aber mit anderen Schauspielern, und an anderem Ort. Vorzugsweise gleich in Amerika. Und in amerikanischem Englisch. Weil um den Plot, um den ist es viel zu schade, war doch der Film hierzulande ein Erfolg.

Cold Pursuit heißt also die Kopie, und aus völlig unerfindlichen Gründen musste der Titel hierzulande in Hard Powder umgetextet werden. Wie jetzt? Vom Englischen ins Englische? Das ergibt keinen Sinn. Von solchen fragwürdigen Beispielen gibt es einige. ich sage nur: 96 Hours statt Taken. Womit wir schon bei Liam Neeson wären. Der kämpft sich in diesem Convenience-Aufguss mehr schlecht als recht, und vor allem schauspielerisch, durch eine scheinbar unüberwindbare Witterung. Neeson hat schon genug Rache geübt, das sieht man ihm an. So, wie er sich hier bis in die Chefetage durchmordet, hätte das Steven Seagal auch getan. So weit sind wir also schon gekommen. Schauspielerischen Ehrgeiz gibt es hier keinen mehr. Verheizt wird aber nicht nur Neeson, auch Laura Dern weiß in keiner Szene, was sie in diesem Film eigentlich macht – und zieht recht früh von dannen. Überzeugt also schon nicht das Staraufgebot in diesem Film, bleibt der Rest auch hinter den Erwartungen zurück. Hard Powder ist ein liebloses Thrillervehikel, fahrig inszeniert, grob abgespult, bleibt überhaupt nicht im Fluss. Chancen auf Neuverwertung eines Erfolges lässt man natürlich nicht ungenutzt, schon gar nicht als geschäftstüchtiger Filmemacher wie Molard einer ist. Aber sich selbst zu rebooten, wie es seinerzeit schon Ole Bornedal mit Nachtwache getan hat, um den Erfolg zu vermehren, hat für mich stets den Beigeschmack eines Ausverkaufs. Da ist das skandinavische Kino mit all seinen einzigartigen Ideen quer durch alle Genres ganz vorne mit dabei. Klar, aus diesem kreativen Füllhorn will jeder einen Becher voll. Wobei sich hier die Frage stellt: wer wen dazu genötigt hat, meist dem Original hinterherhinkende Kopien zu erstellen: der Künstler selbst, so wie unlängst Til Schweiger mit Honig im Kopf – oder das Studio? Eigentlich egal, wer Profit riecht und das Geld hat, schafft an.

Hard Powder

Drei Zinnen

MIT PAPA ÜBER´M BERG

7/10

 

dreizinnen© 2017 Rohfilm Productions

 

LAND: DEUTSCHLAND, ITALIEN 2017

REGIE: JAN ZABEIL

MIT ALEXANDER FEHLING, BÉRÉNICE BEJO, ARIAN MONTGOMERY

 

Das muss schon ein gewaltiger Anblick sein, diese Felsformation, wenn man direkt davor steht, den Kopf in den Nacken legt und zu den Spitzen in den manchmal wolkenverhangenen Himmel späht. Diese Drei Zinnen, die sind sowohl Südtirol´s Aushängeschild in Sachen Bergwelten. Eine einmalige Kulisse, selbst für ein Kammerspiel wie dieses, eine deutsch-italienische Ko-Produktion, die sehr viel frische Luft zum Atmen hat, in Sachen Gegend und Ausblick aus dem Vollen schöpft, sich aber dennoch ziemlich einkapselt und isoliert. Da kann der Zerstreuung und Natur tankende Mensch noch so ins Weite blicken. Entfernter noch als das nächste Dorf ist die zweckoptimierte emotionale Bindung zwischen Stiefvater und Sohn unter der teils tadelnden, teils gewährenden Obacht der Mutter, dargestelt von Bérénice Bejo, die Filmkenner bereits aus dem oscarprämierten Retro-Drama The Artist kennen. Der bemüht entspannt wirkende Hipster-Reservepapa: Alexander Fehling, irgendwie relativ wortkarg und farblos, hinter teils unbewusst heuchelndem Verständnis ein aufgestautes Ego, das sich arrangieren muss. Vor allem mit einem omnipräsenten Buben im Grundschulalter, der höchst merkwürdige Verhaltensweisen an den Tag legt. Dieses Gebärden kommt natürlich nicht von Irgendwo, sondern sind Symptome der inneren Zerrissenheit eines Heranwachsenden, der plötzlich zwei Väter hat, beide völlig grundverschieden. Der von mama neu zugelegte bärtige Riese im Holzfäller-Look kann natürlich der leiblichen Leitfigur nicht das Wasser reichen – oder doch? Darf er das, soll er das, und kann der eine den anderen ersetzen? Auch das ein Ding der Unmöglichkeit. Mutters neuer Lover ist ein Fremdkörper, der aber fasziniert. Dessen Nähe gewollt ist, im Gedankenkosmos des Kindes aber ein verbotenes Unterfangen nahe am Verrat darstellt.

Drei Zinnen ist eine Dreieiecksgeschichte ohne Liebelei, dafür entknotet Regisseur Jan Zabeil (Der Fluss war einst ein Mensch, ebenfalls mit Alexander Fehling) das Gewirr familiärer Moral in Sonderfällen wie diesen, bei Weitem kein Einzelfall und oft bis zur Verdrängung kleingeredet, wenn es um Sicherheit, Stabilität und Vertrauen geht, um Liebe und Verlass. Wuchtige Meilensteine im Erwachsenwerden, die durch Trennung, Verlust und Sehnsucht instabil werden. Gar nicht gut, im Mikrokosmos einer Berghütte am Fuße der drei Zinnen natürlich verstärkt als Bühne für ein Gleichnis wie dieses. Die schroffen Felsnadeln als gigantisches Symbol der Dreifaltigkeit einer intakten Familie – Vater, Mutter, Kind. Zabeil´s Film ist ein Bühnenstück in kurzen, teils lakonischen Szenen voller paraverbaler Kommunikation und allerlei Empfindungen, die ihre lebensbedrohliche Konsequenz in einem metaphorischen Survivaldrama findet, welches  weniger die Extremsituation in den nebelverhangenen Bergen an sich schildern will als vielmehr den emotionalen Konflikt zwischen Ersatzvater und fremdem Sohn bildhaft nach außen kehrt.

Wo allzu viele Wortgefechte oftmals zu kopflastig und konstruiert wirken, lässt Drei Zinnen die Situationen jenseits gefälliger Worthülsen für sich sprechen, von Zuständen der Geborgenheit bis hin zum packenden Balanceakt zwischen Tragödie und dem Aufklaren des Nebels. Ein kompakter, so intensiver wie expressiver Berg- und Heimatfilm, dessen genrebedingte nostalgische Verklärung eines Zuhauses das unzerstörbare Gefüge einer Familie ist. Wie auch immer diese sich zusammensetzt und wie sehr sie auch von traditioneller Statik abweichen mag.

Drei Zinnen

Death Wish

KEIN KILLER, DER NICHTS BÖSES DABEI DENKT

3/10

 

deathwish© 2018 Universum

 

LAND: USA 2018

REGIE: ELI ROTH

MIT BRUCE WILLIS, VINCENT D´ONOFRIO, ELISABETH SHUE U. A.

 

„Aus dem Weg, ich bin Arzt!“ – So etwas hören Passanten manchmal, wenn das Damoklesschwert schwindender Gesundheit auf offener Straße herniedersaust und Spezialisten auf den Plan ruft, die lebensrettende Maßnahmen einleiten. Bei Bruce Willis ist das etwas anderes. Der ist auch Arzt, aber leitet keine lebensrettenden Maßnahmen ein. Nicht auf offener Straße, und schon gar nicht „in the crowd“. Eher in den dunklen Seitengassen, und dort wird Leben verkürzt, weil die Justiz gelähmt hinter Paragraphen verharrt und die Exekutive machtlos ist. Und eigentlich alles wieder so sein sollte wie im wilden Westen, wo das Faustrecht Recht spricht und der Stärkere keinen tadelnden Fingerzeig dulden muss. Leute wie Bruce Willis haben genug mitgemacht, keine Frage.

Des Kinos Folterknecht Eli Roth hat sich eingebildet, unbedingt dem Selbstjustiz-Klassiker Ein Mann sieht Rot aus den 70ern Erste Hilfe leisten zu müssen. Ein Film, nachdem eigentlich nie jemand gefragt hat. Und der mit Ledergesicht Charles Bronson ohnehin schon top besetzt war. Das ist aber nicht die einzige Frage, die Death Wish – so das neue Original aus 2018 – unfreiwillg aufwirft. Aber womöglich denkt so manch ein Studio in Trump´schem Einmaleins, erfährt, dass das Original in den Kinos der 70er gut besucht war und das ganze proportional in die Jetztzeit hochrechnet. Dabei aber vergisst, einen völlig anderen Zeitgeist miteinzuberechnen, der die Kassen nicht unbedingt wieder laut klingeln lassen muss. Das Thema Rache allerdings ist anscheinend immer en vogue. Ist dem wirklich so? Könnte sein, der Mensch ist ja immer noch so ein impulsives, triebgesteuertes Wesen unter dem Mäntelchen scheinheiliger Kultiviertheit. Einmal nur leicht kratzen, schon fährt der Mensch seine Krallen aus. Wo geliebt und gelitten wird, da darf Gewalt Genugtuung fordern. Und Bruce Willis hat schließlich seine bessere Hälfte zu betrauern, während die Tochter im Koma liegt. Und das alles nur wegen raubmordendem Gesindel auf den Straßen.

Nur der Mann, der rot sieht, tut dies nicht sofort. Da vergeht einige Zeit. Die rentnerschwere Glatze, die wie so viele Schauspieler aus den Achtzigern ihr Ausdrucksrepertoire auf maximal zwei Mimiken eingespart haben, trauert erstmal, bangt natürlich um den Nachwuchs – zeigt aber nie diesen brennenden, wütenden, kaum zu beherrschenden Hass, der einem Menschen innewohnen muss, der dann plötzlich zur Waffe greift und das Böse auf der Welt kaltblütig wegmissioniert. So sehr diese Selbstjustiz-Szenarien auch mit plumpen Pathos und marktschreierischr Plakativität daherkommen – die Wandlung eines liebenden Familienvaters zum rechtschaffenen Killer ist eine durchaus schwierige Rolle. Eine Figur so glaubwürdig hinzubiegen verlangt Fingerspitzengefühl, psychologische Kenntnis und Erkenntnis, eine sich selbst übertreffende Leidensfähigkeit vor der Kamera. Das ist keine Performance auf Knopfdruck, das ist ein ganzes Spektrum an hochkochendem Verhalten. Vielleicht hätte das Bruce Willis früher einmal meistern können – mittlerweile aber ist der hier dargestellten rächenden Vaterfigur keine Sekunde zu glauben, was sie vorgibt, zu empfinden. Fehlt die psychologische Referenz, fehlt auch die Patrone im Magazin. Da mag geballert und seltsamerweise grausam gequält werden wie bei Eli Roth üblich – im Grunde macht der ganze Film nur „buff“ und „peng“, wenns hoch kommt dann vorne noch ein Fähnchen raus, auf dem steht, dass Rache auch keine Lösung ist. Aber das braucht der Film seinem enttäuschten Publikum gar nicht erst unter die Nase zu reiben. Für diese alttestamentarische Interpretation von Gerechtigkeit als Ausgleichssport für überlastete Akademiker gibt´s von meiner Seite keine mildernden Umstände.

Death Wish

Das Gesetz der Familie

TUN, WAS PAPA SAGT

4/10

 

gesetzderfamilie© 2017 Koch Media

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2016

REGIE: ADAM SMITH

MIT MICHAEL FASSBENDER, BRENDAN GLEESON, RORY KINNEAR, KILLIAN SCOTT U. A.

 

Die Redewendung „Im Kreise der Familie“ bekommt im vorliegenden britischen Bandenthriller eine gänzlich unbequeme Bedeutung. Wenn Michael Fassbinder als Stammhalter morgens erwacht und ins Freie tritt, blickt er auf eine Ansammlung kreisförmig geparkter Wohnwägen, deren Insassen irgendwo in der Grafschaft Gloucestershire mehr illegal als legal und ziemlich versteckt kampieren, um den Steuern zu entgehen und Pläne für den nächsten Coup zu schmieden. Denn Michael Fassbender ist Verbrecher. Von Berufs wegen Einbrecher und Dieb, Fluchtwagenfahrer und gleichzeitig aber auch Vater von zwei Kindern. Dass er ihnen das antut, ist keine Frage des Wollens. Sondern eine Frage der Hörigkeit – dem alles überragenden Patriarchen gegenüber. Eine Pflichtschuldigkeit, die niemand in Frage stellt. Wie denn auch? Bei Infragestellen familiärer Pflichten ist Gewalt nicht selten die Antwort.

Das klingt ja nach einem wuchtigen Thrillerdrama – so dachte ich mir, nach Sichtung der Synopsis und der Gewissheit, dass ein Cast wie Fassbender und der großartige Brendan Gleeson eine Sternstunde des Retail-Kinos gewähren. Zugegeben, da habe ich so ziemlich aufs falsche Pferd gesetzt. Das Gesetz der Familie hat zwar Potenzial für etwas ganz Großes im Stile von Sydney Lumet´s Tödliche Entscheidung, nutzt es aber so gut wie gar nicht. Gleeson als glattrasierter Soziopath und Apostel einer radikalen, wissenschaftsfeindlichen Weltanschauung donnert durch sein heruntergekommenes Refugium, wohlwissend, welchen Einfluss er auf alles hat und wem er wann die Hölle heiß machen kann. Wie ein verblendeter Narr, der König sein will. Und zu wissen glaubt, dass die Erde eine Scheibe ist. Die Rolle des Iren wäre ja schon polternd genug, ausreichend Angriffsfläche für den unbeugsamen Sohn, der nicht mehr will und nicht mehr kann. Aber der schweigt, aus Angst vor einem eigentlich lächerlichen Über-Ich.

Der Befreiungsschlag in ein besseres Leben atmet nur mit halber Luft. Konfrontationen verlaufen im Sand des mobilen Dorfes der Unbeugsamen, es fehlt der Wille zur Zuspitzung, das Volumen für dramaturgische Dichte. Der Film wirkt vor allem mit Gleeson zwar gut besetzt, sonst aber drehbuchtechnisch hingehudelt, ohne in reifer Überlegung den Konflikt zu einem konsequenten Ende zu bringen. Das Ende, das kommt dann willkürlich, ist noch nicht fertig, wie der ganze Thriller. Wirkt schaumgebremst und schüchtern angesichts der Möglichkeiten, die da genutzt hätten werden können. Als A-Sozialportrait über einen ausgerufenen Mikro-Verbrecherstaat ist Das Gesetz der Familie zu wenig ausführlich, als Familiendrama zu kompromissbereit, um wirklich anzuecken oder zu faszinieren.

Das Gesetz der Familie

The Foreigner

EIN GLÜCKSKEKS SIEHT ROT

5/10

 

foreigner© 2018 Universum Film

 

LAND: GROSSBRITANNIEN / CHINA 2018

REGIE: MARTIN CAMPBELL

MIT JACKIE CHAN, PIERCE BROSNAN, ORLA BRADY U. A.

 

Jackie Chan – ja, natürlich kenn ich den. Vom Hörensagen. Viel am Hut habe ich mit ihm nie gehabt. Eigentlich eine Frechheit, in Anbetracht des immensen Pensums an Produktionen, in welchen das ostasiatische Multitalent mitgespielt, mitproduziert und mitgeschrieben hat. Im Grunde eine Ikone des Kinos. Von mir schmählich ignoriert. Ich kenne gerade mal zwei Filme, in denen Jackie Chan seinen Auftritt hat – das ist In 80 Tagen um die Welt und The Lego Ninjago Movie. Martial Arts-Kampfsport ist aber auch nicht wirklich das Genre meiner Wahl. Das war damals in den Achtzigern und frühen Neunzigern mit Jean Claude Van Damme etwas anderes, seine Filme sind zwar rückblickend auch unfreiwillig komisch, aber nie so überdreht wie die Filme des mittlerweile in die Jahre gekommenen Hals- und Beinbrechers. Hätte er bei den Expendables mitgemischt, hätte ich jetzt drei Filme zu verzeichnen. Doch da hat ihm wohl Jet Li, der kleine selbstironische Haudrauf, die Rolle weggeschnappt. Macht nix, die Drei bekomme ich auch so zusammen. Und zwar mit The Foreigner.

Hier darf Jackie Chan mit James Bond gemeinsame Sache machen. Und das in zweierlei Hinsicht. Erstens ist niemand geringerer als Pierce Brosnan – sichtlich ergraut, kurzgeschoren und schneidig wie ein Ex-Knacki – das vermeintliche Opfer privat initiierten Terrors. Und zweitens führt Martin Campbell Regie, seines Zeichens Regisseur von Goldeneye – eben mit Pierce Brosnan – und Casino Royale, dem Einstand mit Daniel Craig. Ein Experte also, was Agentenkino betrifft. Weniger ein Experte, was Superhelden betrifft. Denn Green Lantern geht auch auf sein Konto. Zum Glück ist The Foreigner keine Fantasy, sondern handwerklich fehlerloses Selbstjustizkino fürs Heimformat. Warum eigentlich dieses? Nun, Pierce Brosnan wird längst wohl eher mit den Premium-Produkten einer Supermarktkette in Verbindung gebracht als mit Spannungskino von Format. Obwohl der neben Roger Moore wohl am meisten augenzwinkernde Gentleman der Kinogeschichte immer noch das Zeug für letzteres hätte. Man sieht, Brosnan spielt immer noch Brosnan wie ein erfahrener Universitätsdozent, mit Charme und ohne Harm. Dass er dann von Jackie Chan bis aufs Blut getriezt wird, mag man so gar nicht. Der ist nämlich trauernder Vater. Nach dem Bombenanschlag einer IRA-Splittergruppe in London, die seine Tochter auf dem Gewissen hat, kennt der von Schmerz und seelischem Leiden gezeichnete Ex-Elitekämpfer nur noch das Gefühl der Rache – welches sich allerdings in seinem zu Stein gewordenen Konterfei nur bedingt widerspiegelt. Man kann natürlich seine Rolle so verbissen emotionslos wie Jackie Chan anlegen – oder eben wutschnaubend Amok laufen. Wäre vielleicht die bessere Wahl gewesen. Denn eines kann ich mir schwer vorstellen – dass Chan bei seinen Fans mit der Rolle des schweigsamen Aufräumers im Stile von Takeshi Kitano wirklich gut ankommt. Vielleicht war das auch der Grund, warum die Studios es nicht gewagt haben, The Foreigner auf die große Leinwand zu bringen. Dem Japaner Kitano kann wohl als lakonische Killermaschine niemand den Rang ablaufen. Im Vergleich dazu wirkt Jackie Chan seltsam unbeholfen, ja fast schon unfreiwillig komisch. Wäre ich Ex-Terrorist Pierce Brosnan, würde ich ihn womöglich genauso wenig erst nehmen. Das aber wird sein Fehler gewesen sein.

Den Fehler, mir The Foreigner ein zweites Mal anzusehen, werde ich sicher nicht machen. Zu wenig plausibel sind seine Figuren, zu vorhersehbar der ganze Film. Da wäre es ratsamer, das 1992 erschienene Buch Der Chinese von Stephen Leather zu lesen. Da hat man seine eigenen Figuren im Kopf. Und nicht den quirligen Martial-Arts-Yoda Chan oder Ex-Bond Brosnan, beides Gesichter, die schon zur Genüge für anderes besetzt sind.

The Foreigner

Wilson

MEIN PATSCHERTES LEBEN

5/10

 

wilson© 2017 Twentieth Century Fox Home Entertainment / ®Hinweis: WILSON – Als Download erhältlich!

 

LAND: USA 2017

REGIE: CRAIG JOHNSON

MIT WOODY HARRELSON, LAURA DERN, JUDY GREER, CHERYL HAINES U. A.

 

Erst auf der letzten Comic Con im November habe ich die Graphic Novel von Daniel Clowes in Händen gehalten – die Charaktersatire Wilson erzählt die eigentümliche Geschichte eines verhaltensauffälligen Sonderlings, dessen Nachbarschaft man vor allem in öffentlichen Verkehrsmitteln so ziemlich sicher meiden würde. Doch selbst im Schanigarten oder unterwegs bleibt niemand vor der unverblümt anmaßenden Direktheit des arroganten Weltverstehers verschont. Anders als Jack Nicholson in Besser geht’s nicht sucht der kauzige Brillenträger im Second-Hand-Anzug die Konfrontation. Der Lebensfrust macht sich breit, Anpassung an die Gesellschaft gleich Null. Wilson ist kein Weltverbesserer. Wilson ist ein Provokateur. Ein unsympathischer, zynischer noch dazu. Niemand, mit dem man gerne allein wäre. Da Nicholson schon seine Rolle als Misanthrop ausleben konnte und sich somit außer Obligo befindet, gibt es eigentlich nur einen weiteren Schauspieler, dem man diesen peinlichen Ungustl abnehmen könnte – Woody Harrelson. 

Der Mann mit der Zahnlücke zählt momentan zu den besten seines Fachs. Seine Rolleninterpretationen sind ausdrucksstark, intensiv und einnehmend. Woody Harrelson kann so gut wie alles spielen. Vom schießwütigen Psychopathen aus Natural Born Killers bis eben zu Figuren wie Wilson, die ihr Leben nicht auf die Reihe bekommen und nach dem gewissen Etwas suchen, dass der ganzen Existenz wieder einen Reiz geben kann. Und dieses gewisse Etwas kommt – in Gestalt einer eigenen Tochter, von dessen Existenz Wilson nichts gewusst hat. Das hat seine Ex Laura Dern versemmelt. Die David Lynch-Ikone und Jurassic Park-Pionierin, die momentan auch im neuen Star Wars zu sehen ist, ergänzt Harrelson´s Schauspiel mit der Darstellung einer herrlich sarkastischen, proletoiden Unterschicht-Existenz, die nach Drogen und Suff mehr schlecht als recht versucht, innerhalb normaler Bahnen zu leben. Beide ergänzen sich prächtig – auch wenn das Suchen und Finden der zur Adoption freigegebenen Tochter relativ halbherzig inszeniert ist.

Obwohl Wilson als menschelnde Sozialsatire im melancholischen Grundtonus eines Rückblickes auf ein „patschertes“ Leben erzählt wird, stören hysterische Spitzen die Homogenität der Inszenierung. Wenn sich Laura Dern bei einem Familienbesuch mit ihrer verhassten Filmschwester keilt, mag das vielleicht in der Comicvorlage stimmig sein – in Craig Johnson´s Verfilmung leider nicht. Wenig später findet sich der Zuseher im leicht verwirrten Trott der Erzählung wieder, die als Tragikomödie im Knast-Milieu endet. Man muss Wilson nicht mögen, um den Film zu mögen. Aber besser wär’s – obwohl das Anfreunden mit dem sperrigen Charakter sicher schwierig wird.

Wilson

Amerikanisches Idyll

WENN DER APFEL WEIT VOM STAMM FÄLLT

7/10

 

amerikanischesidyll© 2016 Splendid Film / Quelle: rollingstone.com

 

LAND: USA 2016

REGIE: EWAN MCGREGOR

MIT EWAN MCGREGOR, JENNIFER CONNELLY, DAKOTA FANNING U. A.

 

Der amerikanische Autor Philip Roth ist längst einer der bekanntesten und beliebtesten Romanautoren der Gegenwart. Wann der Nobelpreis für Literatur an ihn verliehen wird, ist wahrscheinlich nur mehr eine Frage der Zeit. Seine Geschichten sind meist autobiografisch geprägt und sezieren in stilsicherer Erzählkunst gesellschaftliche Paradoxien, Anomalien und Abgründe. So richtig tief im selbstzerstörerischen Schlamm unter dem Fundament einer augenscheinlich heilen Familienwelt wühlt sein Roman Amerikanisches Idyll, im Original American Pastoral. Ein bleischwerer Stoff, eine wuchtige, niederschmetternde Geschichte. Und noch dazu eine, die sich Schauspieler Ewan McGregor für sein Regiedebüt hergenommen hat. Natürlich, zu aller Anfang mal etwas Leichtes, Eingängiges. Eine Fingerübung. Denn Schauspieler sein heißt nicht automatisch auch gleich Regie führen zu können. Da wäre eine kleine, bescheidene Romanze vielleicht besser gewesen? Wie stemmt jemand wie Ewan McGregor regietechnisch so einen filmischen Brocken?

Nun, Fakt ist – er stemmt es. Er stemmt es geradezu bravourös. Und obendrein gibt er schauspielerisch seine bisher beste Performance ab. Vergessen sind da unsägliche Eskapaden wie die des Möchtegern-Sängers in Moulin Rouge oder als teilnahmsloser Spielball ost-westlichen Agentenpokers in Verräter wie wir. Für McGregor dürfte Amerikanisches Idyll eine fast schon persönliche Sache gewesen sein. Etwas, das er unbedingt selber angehen wollte. Und tatsächlich ist der ehemalige Jedi-Ritter und Drogenjunkie in der Rolle des verzweifelten, manischen und aufopferungsvollen Familienvaters wirklich bestens besetzt. Ihm zur Seite die bildschöne Jennifer Connelly als Ehefrau, Ex-Model und Neo-Farmerin mit Mut zur abgeschminkten Hässlichkeit. Beide haben ein riesiges Problem: ihre Tochter. Das stotternde, wenig selbstbewusste Mädchen mutiert fast schon über Nacht zur linksradikalen Terroristin und verschwindet spurlos. Erschütternd für die Eltern, ganz klar. Keiner kann sagen, warum das passiert. Der Schönheits- und Geltungswahn der Mutter kann es längst nicht mehr sein. Mangelnde Fürsorge auch nicht wirklich, zumindest nicht von Seiten des Vaters. Die Mutter, sie ist das Objekt des Widerstands. Des todbringenden Widerstands. Was als traumatisches TV-Erlebnis für das heranwachsende Kind beginnt, artet aus in Tod und Verderben. Der Sinn hinter den terroristischen Akten ist unklar. Wettern gegen den Vietnamkrieg, der zu der Zeit, in welcher der Film spielt, in vollem Gang gewesen war, kann unmöglich im Töten von Menschen seine Berechtigung finden. Wieso Menschen zu Attentätern werden, und welche Erlebnisse in der Kindheit als Auslöser womöglich verborgen liegen, das hat uns schon vor einigen Jahren der Österreicher Michael Haneke in Das weiße Band vor Augen geführt. In Amerikanisches Idyll verschwindet die Ursache zumeist hinter der Wirkung. Die Symptome allerdings, die aus einem gewissen unbehüteten Wohlstand heraus einer Krankheit ähnlich aus dem jungen Mädchen ausbrechen, können auch für den Zustand einer Zeit stehen, die global mit Unruhen, Angst und Schrecken verbunden war. Interventionskriege, Palästina-Terror und die RAF. Dakota Fanning, längst erwachsen, verliert als schwarzes Schaf der Familie jegliche Selbstachtung und interpretiert ihre Rolle als sozial verwahrlostes Faktotum mit viel Gespür und Empathie für die sicherlich schwierig zu handhabende literarische Figur.

Amerikanisches Idyll erinnert mich an Geschichten aus der Feder des Schweizers Friedrich Dürrenmatt. Vor allem die Rolle des „Swede“ Levov ist eine dürrenmatt´sche Figur. Ein ewig Wartender und Hoffender, ganz so wie sein Kommissar Matthäi aus dem grandiosen Kriminalroman Das Versprechen. Das bizarre Schicksal, dass sowohl ihn als auch den Vater ereilt, ist ebenfalls eine Binnenhandlung im Rahmen einer Ich-Erzählung. Auch hier gibt es Gemeinsamkeiten. Und beides ist lesens- bzw. sehenswert. McGregor´s Debüt ist intensives, überraschend gelungenes Erzählkino. Schwermütig, uramerikanisch und expressiv gespielt.

Amerikanisches Idyll