Minari – Wo wir Wurzeln schlagen

GEKOMMEN, UM ZU BLEIBEN

8/10


minari© 2021 Prokino


LAND / JAHR: USA 2020

BUCH / REGIE: LEE ISAAC CHUNG

CAST: STEVEN YEUN, HAN YE-RI, ALAN S. KIM, NOEL KATE CHO, YOON YEO-JEONG, WILL PATTON, SCOTT HAZE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 56 MIN


Kein Songtitel passt so gut zu diesem Film wie jener von Wir sind Helden, denn nichts anderes hat die aus Südkorea eingewanderte, vierköpfige Familie eigentlich vor: Sie sind nach Arkansas gekommen, um zu bleiben. Ein leistbares Stück Grund und Boden ist nun ihr eigen, darauf steht ein riesengroßer Trailer, rundherum gibt es Wald, soweit das Auge reicht. Arkansas: Land of Opportunity. Da lässt sich sicher mehr verwirklichen als in Kalifornien, wo die Familie zuvor gelebt hat, daher auch die guten Englischkenntnisse der beiden Kinder. Papa Jacob will Farmer werden, Gemüsefarmer. Was man dazu braucht, ist natürlich Wasser, am besten Grundwasser, das kostet nichts, vorausgesetzt, man schafft es, die Quelle richtig anzuzapfen. Neben all diesen Anstrengungen, aus dem Nichts heraus zum Selbstversorger und Landwirtschafter aufzusteigen, bangt die Familie auch um die Gesundheit des kleinen David, der ein schwaches Herz hat. Und um finanzielle Ressourcen. Zum Glück für fast alle kommt dann auch noch die Oma hinzu, die anfangs jedoch keine große Hilfe zu sein scheint, fühlt sie sich doch zu nichts verpflichtet, außer, ein Stückchen ferne Heimat in den mittleren Westen zu bringen.

Der ebenfalls aus Korea stammende, amerikanische Filmemacher Lee Isaac Chung hat einen unprätentiösen, zarten, womöglich auch autobiographisch angehauchten Film gedreht, in welchem er von Dingen erzählt, von denen wohl niemand so viel Ahnung hätte wie er. Entsprechend konzentriert und beobachtend fällt sein alles andere als schwermütige Drama aus, das so einige stilistische Gemeinsamkeiten mit Chloé Zhao aufweist. Beide untersuchen den Mythos eines Landes, dessen Möglichkeiten als unbegrenzt gelten. Und dessen Potenzial nur darauf wartet, ausgeschöpft und genutzt zu werden. Während Zhao ihrem erwartungsvollen Blick durchaus Nüchterung folgen lässt, versucht Isaac Chung, daran festzuhalten und die Suche nicht aufzugeben. Wo Zhao Grenzen setzt in einer scheinbar grenzenlosen Landschaft, sollen die paar Hektar Land, die Familie Yi zusteht, einem Füllhorn gleich Fleiß, Anstrengung und Beharrlichkeit reich vergelten. Auch Minari – Wo wir Wurzeln schlagen ist ein zeitgenössischer Western, ein modernes Stück Pioniergeschichte aus der Gegenwart, ohne Heldentum und Outlaws, sondern voll des Willens, sich zu integrieren.

Dabei strahlen die liebevoll umschriebenen Charaktere weit über die Wipfel der Wälder von Arkansas hinaus. In Steven Yeun, bekannt aus dem elektrisierenden Psychothriller Burning, ruht eine fast schon kindlich-naive Zuversicht, die jedoch notwendig scheint, um Pläne wie diese zu verwirklichen. Han Ye-Ri hingegen ist der personifizierte, skeptische Realismus, den es natürlich auch braucht, um nicht blauäugig ins Unglück zu stürzen. Die Familienbande selbst hält die kaum ein Wort Englisch sprechende Oma zusammen – Yoon Yeo-Jeong hat für ihre changierende Rolle zwischen stichelndem Humor und großem Drama in diesem Jahr den Oscar für die beste weibliche Nebenrolle erhalten. Und ja, sie spielt grandios. Ebenso grandios ist allerdings auch US-Schauspieler Will Patton, den ich zuletzt als diabolischen Antagonisten in der DC-Comicserie The Swamp Thing erleben durfte. Als zutiefst religiöser Eigenbrötler Paul, der Jacob fast schon aus reiner christlicher Nächstenliebe heraus zur Hand geht, ist er kaum wiederzuerkennen, schleppt sein Sonntagskreuz mit sich herum und absolviert schräge Gebete. Eine völlig unterschätzte Performance, die lange in Erinnerung bleibt.

Minari (übrigens eine Art koreanische Petersilie) ist eine realitätsnahe, gleichsam auch recht prosaische Ode an den Zusammenhalt. Was ausbleibt, sind epische Szenen oder Elemente wuchtigen Eventkinos. Dieser Film übt sich in Bescheidenheit, in der Bereitschaft, Entbehrungen zu akzeptieren und weiter nach vorn zu blicken. In der Genügsamkeit und dem Wertebewusstsein von Lee Isaac Chungs Drama liegt die Größe eines kleinen, achtsamen Films, der in seiner Überschaubarkeit wohltuend und beruhigend, ja geradezu reflektierend wirkt.

Minari – Wo wir Wurzeln schlagen

Glücklich wie Lazzaro

DER EWIGE KNECHT

8/10

 

lazzaro© 2018 Filmladen

 

LAND: ITALIEN, FRANKREICH, SCHWEIZ, DEUTSCHLAND 2018

REGIE: ALICE ROHRWACHER

CAST: ARDIANO TARDIOLO, NICOLETTA BRASCHI, SERGI LÓPEZ, ALBA ROHRWACHER U. A.

 

Da steht er und lächelt, umgeben von Bäumen, im Hintergrund die Stadt, und ein Wolf zu seinen Füßen. Das Plakat zu Alice Rohrwachers Film ist ein Gemälde, naiver oder phantastischer Realismus, doch für letzteres wäre es zu real, einzig der Wolf sollte hier nicht sein. Und auch Lazzaro, der abgebildet ist, sollte nicht hier sein, denn er scheint wie eine Gestalt aus längst vergangenen Zeiten. Wie eine Ikone, ein Heiligenbild, etwas völlig entrücktes. Lazzaro existiert gar nicht wirklich, er ist ein Mythos, ein Mysterium – oder doch nicht? Das zu ergründen ist ein Versuch, der sich letzten Endes lohnt, denn Glücklich wie Lazzaro zählt zu den außergewöhnlichsten Werken der letzten Zeit, ein humanistisches Märchen von den Hierarchien unserer Gesellschaft.

Adriano Tardiolo, der den flötenspielenden Knecht auf dem Gut der Marchesa de Luna spielt, ist selbst eigentlich ein Laie. Einer, der nie irgendwo Schauspielerfahrung gesammelt hat, ein Naturtalent also, den Regisseurin Rohrwacher entdeckt hat. Tardiolo scheint in seiner Rolle wirklich nicht von dieser Welt zu sein, und als Lazzaro ist er einer, der tut was man ihm sagt. Ein Knecht in seiner reinsten Urform, ein Befehlsempfänger und Erfüllungsgehilfe. Einer ohne Rechte. Über ihm: die Tabakbauern des Ortes, allerdings selbst einem erbarmungslosen Feudalismus erlegen. Sklaven, wenn man so will, die für die Herrin ernten, und selbst immer verschuldet bleiben. Das erinnert an die Gesellschafts- und Wirtschaftsformen des Mittelalters, bevor die Bauern im 14. Jahrhundert den Aufstand probten. Die Einwohner des Bauerndorfes Inviolata allerdings tun das nicht, sie können nicht auf sich herabblicken, ihren Zustand des Schuftens und Dienens nicht aus der Distanz betrachten. Anfangs fragt man sich, in welcher Zeit Glücklich wie Lazarro eigentlich spielt. Alles sieht sehr verdächtig nach dem vorigen Jahrhundert aus, doch der Schein trügt. Die verhängte Isolationshaft der Marchesa hat Lazarro und seine Mitbewohner aus der Zeit katapultiert. Und die Zeit, die spielt weiterhin verrückt, vor allem, was das Schicksal des Lazzaro betrifft. Denn ihm widerfährt, ähnlich dem Lazarus aus der Bibel, eine unergründliche zweite Chance, die ihn auf eine Reise schickt, und bei der ein Wolf keine unwesentliche Rolle spielt.

Rohrwacher hat hier eine Parabel ersonnen, anfangs noch in romantischem Realismus, die von Meistern und Dienern erzählt. Von den Unterdrückten und Ausgebeuteten, und von dem Umstand, dass es immer einen Stärkeren gibt, der den anderen nötigt, zu dienen. Ihre metaphysische Reise ist gleichsam ein antikapitalistisches Manifest, worin Lazzaro wie der kleine Prinz Antworten sucht auf Fragen, die er nie stellen wollte, auf Menschen trifft, mit denen er stets verbunden war, die aber bemüht sind, aus ihrer Abhängigkeit von damals auszubrechen in ein autarkes Lebenskontrukt. Was sie finden ist Armut, und die Reichen von damals, die haben ebenfalls alles verloren. Der Film ist wie die Essenz eines politischen Umbruchs, der am Umsetzen kommunistischer Ideen scheitert, weil das Wesen des Menschen es einfach unmöglich macht, diese umzusetzen. Glücklich wie Lazzaro ist ein enorm gesellschaftspolitischer Film, der seine Sichtweise in eine poetisch-irreale Märtyrerchronik bettet. Dabei fasziniert in erster Linie eben Adriano Tardiolo als Lazzaro, der als Fels in der Brandung Zeiten und Gezeiten über sich hinwegziehen lässt, bis er selbst die alte Ordnung wiederherstellen will. Was sagt das über die Zukunft des Menschseins aus? Rohrwachers Film erinnert durchaus an die thematisch verwandte Kleinbürgertragödie Dogman des Italieners Matteo Garrone – auch dort sieht sich der ewig unterdrückte Hundefriseur der Willkür von Stärkeren ausgeliefert, bis er selbst das Blatt wendet. Doch wofür? Glücklich wie Lazzaro ist noch mehr Lehrstück als Dogman, fast schon von der Art eines Theaters des Berthold Brecht oder Max Frisch, die die gutgläubige Illusion eines besseren Menschen erschaffen, um sie dann zu zerschlagen.

Rohrwachers Film ist ein höchst bemerkenswertes Beispiel dafür, was das Kino noch für eine erzählerische Kraft haben kann, und noch so viel perspektivisches Neuland verborgen hält, dass durch Glücklich wie Lazzaro wieder ein Stückchen mehr erschlossen wurde.

Glücklich wie Lazzaro