Dreamland

DAS GLÜCK LIEGT IN DER SCHEUNE

5,5/10


dreamland© 2020 Paramount Pictures


LAND / JAHR: USA 2019

REGIE: MILES JORIS-PEYRAFITTE

CAST: MARGOT ROBBIE, FINN COLE, TRAVIS FIMMEL, KERRY CONDON, DARBY CAMP, LOLA KIRKE, GARRETT HEDLUND U. A. 

LÄNGE: 1 STD 38 MIN


Trotzdem sie allesamt Verbrecher sind: Bankräuber haben immer ein bisschen was von Robin Hood. Etwas Charmantes, jovial Gaunerhaftes. Bankräubern kann man nicht wirklich böse sein. Sie tun das ja meist, weil sie entweder nicht anders können oder Vater Staat ihnen das letzte bisschen Geld auch noch genommen hat. Weil sie meistens verzweifelte, arme Würstchen sind. Da lässt sich durchaus über das eine oder andere Posttrauma der am Boden liegenden und um ihr Leben bangenden Opfer hinwegsehen. Zumindest funktioniert dieses Klischee im Kino sehr gut.

Als Bankräuber Allison Wells darf in diesem unter ferner liefen veröffentlichten 30er Jahre-Krimidrama Dreamland niemand geringerer als „Harley Quinn“ Margot Robbie den Revolver ziehen. Dabei gewinnt sie prompt den Faye Dunaway-Lookalike aus Bonnie und Clyde, bevor sie aus Wunden blutend in einer Scheune irgendwo im texanischen Nirgendwo gleich einem verletzten Tier Zuflucht sucht. Wie es der Zufall will entdeckt sie der hauseigene Farmersjunge, noch grün hinter den Ohren, und begegnet ihr mit einer Mischung aus Anhimmelei und Draufgängertum, da der Jungspund sehr gerne schon Mann sein will. Was er weiß oder gar nicht wissen will: die Killer Queen, die angeblich ein Kind auf dem Gewissen haben soll, wird überall gesucht. Und jetzt ist er, Eugene, jemand ganz besonderer, der nun zwischen mehreren Optionen wählen darf. Entweder er liefert Wallis der Polizei aus und kassiert das Kopfgeld. Oder er brennt mit ihr durch und kassiert das von Margot Robbie versprochene Doppelte. Als Mann wie er ist man den Reizen der bildschönen Dame natürlich rein hormonell komplett ausgeliefert.

Es macht Freude, hier mal wieder „Ragnar Lodbrok“ Travis Fimmel zu Gesicht zu bekommen. Der Mann mit dem hypnotischen Blick und seinen ganz speziellen, unverwechselbaren Manierismen hat nun alles Wikingerhafte abgelegt und darf als zugeheirateter Ermittler dem Stiefsohn die sogenannten Ratschläge fürs Leben erteilen. Sympathisch wirkt er nicht. Eher hemdsärmelig, derb. Und das fügt sich wiederum gut in ein auch recht hemdsärmeliges und nicht sehr feingezeichnetes Krimimelodram, das eine offenkundig alternativlose Geschichte erzählt, die vom Grundkonzept her aus Thelma & Louise, eben Bonnie & Clyde oder zum Beispiel aus Wisdom: Kühles Blut und Dynamit bekannt sind. Paare auf der Flucht vor dem Gesetz: kann nie gut gehen. Was also fasziniert an solchen formelhaften Balladen? Die Lust, als Zaungast dem Scheitern von der Idee der anarchischen Freiheit beizuwohnen? Ist es Schadenfreude? Ist es ein „Ich hätte es euch ja gesagt?“. Vielleicht ist es das. Vielleicht aber wundert (und ärgert) man sich gerne über so viel testosterongesteuerte Kurzsichtigkeit, die jemand wie Margot Robbie schamlos ausnutzt. Sie ist wieder mal faszinierend undurchschaubar – im Gegensatz zum Rest des Films.

Dreamland

The Christmas Chronicles

DURCHMACHEN MIT SANTA

6/10

 

The Christmas Chronicles© 2018 Netflix

 

LAND: USA 2018

REGIE: CLAY KAYTIS

CAST: KURT RUSSEL, JUDAH LEWIS, DARBY CAMP, KIMBERLEY WILLIAMS-PAISLEY, OLIVER HUDSON U. A.

 

Kennt ihr den? Der Weihnachtsmann kommt in eine irische Bar und sucht eine Mitfahrgelegenheit… Gut, das ist eigentlich gar kein Witz, sondern eine Szene aus dem kürzlich erschienenen Beitrag des Streaming-Riesen Netflix zur Weihnachtszeit. Da kommt dieser Santa Clause tatsächlich in dieses vollbesetzte Pub, im Schlepptau zwei Kinder, und stellt all die Gäste vor die Wahl, ihn entweder von A nach B  oder Weihnachten itself in Gefahr zu bringen. Nun, so wirklich Glauben schenkt man diesem relativ abgerissenen Wuschelbart naturgemäß nicht wirklich. Rot gekleidet ist er ja, naturfarbener Pelz säumt seine Jacke, sonst aber könnte Santa Clause gut und gerne aus einem anderen Film ins Familienkino hinuber gestolpert sein. Nämlich vom Set des letzten Western von Quentin Tarantino. Das liegt zwar auch schon rund zwei Jahre zurück, aber Hauptdarsteller Kurt Russel hat sich eigentlich nicht viel verändert. Gut, der Bart ist dichter, allerdings grau und nicht weiß. Überhaupt schafft es der von mir ansonsten sehr gern gesehene Darsteller nicht, in seine Rolle zu finden. Ist das Absicht? Will dieser Santa Clause endlich mal die Wahrheit ans Licht bringen, dass er erstens einmal überhaupt nicht übergewichtig und zweitens niemals auch nur einmal Ho Ho Ho zu sagen pflegt? Dieses Bürsten gegen den Strich ist tatsächlich eines der Skills in dieser so schmucken wie fahrigen Weihnachtskomödie, die das Fantasygenre mehr als einmal streift und szenenweise sogar etwas von einer Found Footage-Mystery an den Tag legt. Was ursprünglich auch spieldauerfüllend so geplant war, und womöglich zu einem völlig anderen Weihnachtsfilm geführt hätte. Neugierig hätte mich das schon gemacht – doch letzten Endes stürzt der Geschenkebringer mitsamt Kundschaft in recht solider Konventionalität kopfüber durch die Heilige Nacht. Und da passieren jede Menge eigenartiger Dinge – von fliegenden Schlitten, Wurmlöchern in der oszillierenden Gestalt von Nordlichtern bis hin zu Wichteln, die entfernt an die Gremlins erinnern, allerdings mit Fell, und mit Heißhunger auf alles Süße.

Die Sturzfahrt mit dem Rentierschlitten ist das Highlight dieses lässigen, recht ungezwungenen Familienfilms, seltsam hingegen das Abbleiben von Leuchtnase Rudolf und die musikalische Jailhouse-Rock-Performance vom Nikolaus. Nicht alles an The Christmas Chronicles trifft ins Ziel und auch darüber hinaus, die Zügel in der Hand hat – wie schon erwähnt – am Allerwenigsten Leading Man Kurt Russel. Hollywood liegt beim Casting sehr oft genau richtig – hier aber hat es sich vertan. Statt Russel hätten unzählige andere Stars den Job weitaus besser gemacht. Dieser Santa Clause hier ist irgendwie neben der Spur, was ja auch im wahrsten Sinne des Wortes zutrifft. Diese zerstreut-zerfahrene Art hat nichts mehr Gemütliches mehr – und ja, dieser charakterliche Gegenentwurf macht die Sache „cooler“ – aber irgendwie will der Funke dadurch nicht so überspringen, irgendwie überzeugen mich auch diese Wichtel nicht, die unterschwellig sekkant wirken. Im Großen und Ganzen aber unterhält die Irrfahrt über den Dächern Chicagos und anderer nordamerikanischer Städte dennoch. Vielleicht weil es schön anzuschauen ist, und weil eben Weihnachten vor der Tür steht. Den Schlüssel für mein Auto hätte ich diesem Kerl namens Santa Clause aber wahrscheinlich auch nicht gegeben. Auch wenn er noch so viel Retro-Spielzeug aus dem Ärmel schüttelt.

The Christmas Chronicles