BLAME IT ON THE WEATHERMAN
8,5/10

© 2026 Constantin Filmverleih
LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, FRANKREICH 2026
REGIE: ANTHONY MARAS
DREHBUCH: DAVID HAIG, ANTHONY MARAS
KAMERA: JAMIE D. RAMSAY
CAST: ANDREW SCOTT, BRENDAN FRASER, KERRY CONDON, CHRIS MESSINA, DAMIAN LEWIS, JOJO MACARI, HENRY ASHTON, CON O’NEILL, DANIEL QUINN-TOYE U. A.
LÄNGE: 1 STD 40 MIN
Bescheidenheit ist eine Zier
Es ist immer wieder erfüllend, neben all den im Vorfeld hochgelobten, mit Lorbeeren ausgestatteten Kino-Hypes, deren Macher sich selbst so gerne auf die Schulter klopfen und die ob ihrer Omnipräsenz auf allen Kanälen für ausreichend Sättigung sorgen, versteckte Besonderheiten im Filmjahr zu entdecken, die diesen ganzen Schnickschnack überhaupt nicht nötig haben.
Vielleicht, weil sie zwischen Sommer- und Wintersaison gestartet sind, und weil sie vielleicht auch auf den ersten Blick weniger spektakulär sind als andere Werke. So ein kleiner, versteckter Geschichtsfilm gibt sich tatsächlich so wie die Prognose nach den Abendnachrichten – bescheiden, auf Messwerten beruhend, aber bedeutend für so gut wie alles auf dieser Welt.
Date the D-Day!
Anthony Maras, der bislang erst einen einzigen Langfilm veröffentlicht hat, und zwar Hotel Mumbai über den Terroranschlag auf besagtes Hotel, muss sich mit seiner zweiten Arbeit überhaupt nicht damit abgeben, diese als versteckten kleinen Geschichtsfilm in aller Bescheidenheit durchs Kinoprogramm geistern zu lassen. Denn Pressure ist auf mehreren Ebenen erstaunlich punktgenau, braucht kein Getöse, keine immensen Schauwerte und kein Pathos, sondern einfach und allein zwei Schauspieler und eine bislang völlig unbekannte wahre Begebenheit, die hinter einem viel größeren Wendepunkt der Geschichte steht.
Letztlich fragt man sich: Welcher Moment ist entscheidender gewesen? Die fachliche Expertise eines genialen Meteorologen, der dafür verantwortlich war, den D-Day vom 5. auf den 6. Juni 1944 zu verlegen – oder der D-Day selbst?
Lange Tage vor dem „längsten Tag“
Was ist also größer? Der entscheidende Faktor, der das große Ereignis erst ermöglicht hat, oder das Ereignis selbst, mit dem uns nicht zuletzt Steven Spielbergs Der Soldat James Ryan so richtig vertraut gemacht hat. Dank der ersten zwanzig Minuten dieses Films lässt sich erahnen, wie es sich anfühlt, in feindlichem Kugelhagel an der Küste der Normandie anno 1944 an Land zu gehen. In Pressure beschäftigt sich Anthony Maras mit den Tagen davor, mit dem Faktor und dem Ringen um das grüne Licht, das der oberkommandierende General Dwight D. Eisenhower benötigt, um den Befehl für eine der entscheidenden Operationen zu erlassen, die unsere Weltgeschichte wie selten zuvor und danach verändert hat.
Dreamteam vor der Kamera
In Pressure treffen zwei Profis aufeinander, die Profis verkörpern. Oscarpreisträger Brendan Fraser als Eisenhower, der begnadete Andrew Scott als Militär-Meteorologe James Stagg. Die beiden legen sich ins Zeug. Der eine, weit weg von Mumien und sonstigen Komödien und zur Gänze angekommen im Charakterfach, gibt dem wuchtigen Entscheidungsträger Würde, Zweifel und das richtige Maß an Emotion, ohne ihn gefällig auszuschmücken.
Der andere, von dem wir wissen, dass er im Gefühlskino (All of us Strangers) beeindrucken kann, verkörpert einen manisch-konzentrierten Perfektionisten, der das soziale Know-how nicht ganz so beherrscht wie andere, der aber auf mehreren Ebenen gehörig unter Druck steht und in feinstem Minenspiel Bände erzählt. Kerry Condon vermittelt zwischen den beiden, auch sie souverän und empathisch.
Wenn eine Prognose nicht ausreicht
Ein Hauptquartier, ein War Room, jede Menge Wetterkarten und markantes Archivmaterial – fast wie auf einer Bühne. Zwischendurch Wolken, die sich aufbäumen, Gewissheit bringender Regen. Und die „Mission: Impossible“, das Unvorhersagbare als prophetische Gewissheit zu verankern.
Natürlich geht das nicht – Meteorologie ist eine Wahrscheinlichkeit, basierend auf gegenwärtigem Witterungsverhalten. Jede noch so kleine Verschiebung, jede noch so kleine Anomalie spielt hier mit. Übersieht man die, ist alles anders.
Nicht nur die Science Busters können Wissenschaft spannend aufbereiten, sondern eben auch Anthony Maras. Weil er sein Ensemble überzeugt davon sein lässt, was sie tun. Mehr braucht es nicht, mehr will Pressure auch nicht – und sich auch nicht entscheiden müssen, ob er Thriller oder Charakterdrama sein will. Maras gelingt es, eine unglaubliche Anekdote über einen wundersamen Zufall zu dramatisieren, der erstmal über hausgemachte Gräben führt, am eigenen Ego vorbei hinein ins Teamwork, wo Hektik, Angst, Übernachtigkeit und innerer wie äußerer Alarmzustand vor allem in den vollgestopften Arbeitszimmern so greifbar sind wie feuchte Luft.
Der Rest ist Geschichte
Mit diesem Detail in einem Film, der keine Sekunde verschenkt, vergeudet oder zu viel will, wird der D-Day nochmal um ein Eck greif- und fassbarer. Das Ende ist hier der Anfang, wo Filme wie Der längste Tag oder Spielbergs Private Ryan beginnen.
Wenn plötzlich Funkstille herrscht, wenn die Wolken zerreißen, wenn das Schlachtschiff Utah nicht antwortet und die Zweifel um die Richtigkeit der Prognose um 06:30 immer noch nicht ausgeräumt sind, liegt alles blank, nicht nur die Nerven. Zwischendurch das Dauerfeuer, der Krieg, der Sturm aufs französische Festland. Maras hat das Timing im Griff, das Arrangement seiner Szenen, das Pacing. Und er weiß, wo das Pathos anfängt, um genau dort anderen die Bühne zu überlassen.
Pressure ist keine Innovation, keine Überraschung, keine filmhistorische Zäsur in Sachen Filmtechnik. Das muss es, soll es gar nicht. Für das, was es verlangt, und das, was es erzählen soll, hat Maras seine Hausaufgaben gemacht und bestehendes Handwerk zur Vollendung gebracht.





