Krampus

DAS FEST DER HIEBE

6/10

 

krampus© 2015 Universal Pictures International Germany

 

LAND: USA, NEUSEELAND 2015

REGIE: MICHAEL DOUGHERTY

CAST: ADAM SCOTT, TONI COLETTE, CONCHATA FERRELL, EMJAY ANTHONY, KRISTA STADLER U. A.

 

Doch für die Kinder nur, die schlechten, Die trifft sie auf den Teil, den rechten – Theodor Storm, der alte Lyriker aus dem 19. Jahrhundert, der hat es schon immer gewusst. Das „bisserl brav sein“, wie es unser aller Kaiser immer wieder gerne betont, zahlt sich einfach aus, vor allem in der Vorweihnachtszeit, wenn der heilige Mann aus Myra wieder sein Säckchen schultert und häusliche Stuben entert. Mit ihm sowohl im Schlepptau als auch in seinem Schlagschatten: die Kehrseite des weißbärtigen Alten, der Krampus oder Kramperl, der Knecht Ruprecht, wenn wir den Dämon aus der Unterwelt namentlich besänftigen wollen. Bei unseren Urgroßeltern womöglich noch Feindbild Nr. Eins in der kalten Jahreszeit, und wenn die Schläge mit dem Rohrstaberl während des Unterrichts nicht genügt haben, dann gab’s das Kettenrasseln und ab in den Sack.

Michael Dougherty hat sich diesen Weihnachtslegenden aus dem Alpenraum angenommen, sämtliche Perchtenläufe rund um den fünften Dezember von Bregenz bis in die Voralpen hinein studiert und einen fiesen, kleinen Fantasy-Alptraum gebacken. Im Mittelpunkt: eine mehr schlecht als recht biedere Familie, die sich gerade mal gegenseitig duldet und mit sekkanten Spitzen nicht hinterm Berg hält. Von dort aber, von drauß‘ vom Walde, wie es so schön heißt, wuchtet sich eine urtümliche, steinalte Kreatur Richtung Wohnsiedlung, mitsamt einer aufmüpfigen Entourage aus knorrigen Elfen, die an Terry Gilliams Eskapaden erinnern, und die noch dazu bissfreudiges Spielzeug herankarren. Warum? Ganz einfach: der Junge, um den es hier geht, der wünscht sich das Weihnachten von damals zurück, und da keiner mehr aus der ganzen Sippschaft an das Fest der Liebe glaubt, zerreißt er den Brief an den Weihnachtsmann voller Wut und streut die Fetzen Papier in den Nachthimmel. Natürlich ein Affront gegen all das Mythische zwischen Allerheiligen und Dreikönigstag. Das kann so einer wie der Krampus nicht auf sich sitzen lassen. Und holt sie alle, allesamt. Einzig die in westösterreichischem Dialekt faselnde Omi (Austro-Akteurin Krista Stadler in ihrem Hollywood-Debüt!) kennt den gehörnten Anti-Nikolo schon von früher – und bewahrt im Gegensatz zu allen anderen Weihnachtsgästen des Hauses noch am ehesten Countenance.

Eines ist klar: Krampus ist nichts für Kinder. Weder der Krampus an sich noch der 2015 veröffentlichte Film, der etwas an die finnische Fantasygroteske Rare Exports erinnert, allerdings eindeutig willensstärker die Kerbe Richtung Annabelle einschlägt. Was da in den von Mister Unbekannt dagelassenen Präsenten steckt, will man nicht in der Wohnung haben. Und das man glaubt, mit Faust- und Handfeuerwaffen so finsteren Mächten wie diesen Herr zu werden, bleibt frommes Wunschdenken. Entkommen lässt sich den sprichwörtlichen Hieben auf den Allerwertesten nicht, und wenn sich der mächtige Rutengänger durch den Kamin schiebt und sein durch ganz viel Bad Karma entstelltes Weihnachtsmann-Konterfei zeigt, lässt sich Grauen mit weihnachtlicher Vorfreude auf eine erquickende, reizvoll unheimliche Art verbinden, die man so selten gesehen hat. Vielleicht, weil man es gar nicht sehen will. Seltsam ungerechtfertigt allerdings ist die Wucht des Verderbens, die über eine Familie hereinbricht, die sich im Grunde bis auf einer gewissen Weihnachtsüberdrüssigkeit nichts zuschulden kommen hat lassen. Dass sie dennoch so sehr dafür büßen muss, dass die Geister der Weihnacht rigoroser oder genauso rigoros austeilen wie Jahwe aus dem Alten Testament, hinterlässt eine gewisse Ratlosigkeit, und vergeblich sucht man einen gewissen Kodex, oder sowas wie einen Deal zwischen Gut und Böse, den es anscheinend aber gar nicht gibt, weil der Nikolo womöglich selbst schon die Mitra an den Nagel gehängt hat.

Krampus

The Christmas Chronicles

DURCHMACHEN MIT SANTA

6/10

 

The Christmas Chronicles© 2018 Netflix

 

LAND: USA 2018

REGIE: CLAY KAYTIS

CAST: KURT RUSSEL, JUDAH LEWIS, DARBY CAMP, KIMBERLEY WILLIAMS-PAISLEY, OLIVER HUDSON U. A.

 

Kennt ihr den? Der Weihnachtsmann kommt in eine irische Bar und sucht eine Mitfahrgelegenheit… Gut, das ist eigentlich gar kein Witz, sondern eine Szene aus dem kürzlich erschienenen Beitrag des Streaming-Riesen Netflix zur Weihnachtszeit. Da kommt dieser Santa Clause tatsächlich in dieses vollbesetzte Pub, im Schlepptau zwei Kinder, und stellt all die Gäste vor die Wahl, ihn entweder von A nach B  oder Weihnachten itself in Gefahr zu bringen. Nun, so wirklich Glauben schenkt man diesem relativ abgerissenen Wuschelbart naturgemäß nicht wirklich. Rot gekleidet ist er ja, naturfarbener Pelz säumt seine Jacke, sonst aber könnte Santa Clause gut und gerne aus einem anderen Film ins Familienkino hinuber gestolpert sein. Nämlich vom Set des letzten Western von Quentin Tarantino. Das liegt zwar auch schon rund zwei Jahre zurück, aber Hauptdarsteller Kurt Russel hat sich eigentlich nicht viel verändert. Gut, der Bart ist dichter, allerdings grau und nicht weiß. Überhaupt schafft es der von mir ansonsten sehr gern gesehene Darsteller nicht, in seine Rolle zu finden. Ist das Absicht? Will dieser Santa Clause endlich mal die Wahrheit ans Licht bringen, dass er erstens einmal überhaupt nicht übergewichtig und zweitens niemals auch nur einmal Ho Ho Ho zu sagen pflegt? Dieses Bürsten gegen den Strich ist tatsächlich eines der Skills in dieser so schmucken wie fahrigen Weihnachtskomödie, die das Fantasygenre mehr als einmal streift und szenenweise sogar etwas von einer Found Footage-Mystery an den Tag legt. Was ursprünglich auch spieldauerfüllend so geplant war, und womöglich zu einem völlig anderen Weihnachtsfilm geführt hätte. Neugierig hätte mich das schon gemacht – doch letzten Endes stürzt der Geschenkebringer mitsamt Kundschaft in recht solider Konventionalität kopfüber durch die Heilige Nacht. Und da passieren jede Menge eigenartiger Dinge – von fliegenden Schlitten, Wurmlöchern in der oszillierenden Gestalt von Nordlichtern bis hin zu Wichteln, die entfernt an die Gremlins erinnern, allerdings mit Fell, und mit Heißhunger auf alles Süße.

Die Sturzfahrt mit dem Rentierschlitten ist das Highlight dieses lässigen, recht ungezwungenen Familienfilms, seltsam hingegen das Abbleiben von Leuchtnase Rudolf und die musikalische Jailhouse-Rock-Performance vom Nikolaus. Nicht alles an The Christmas Chronicles trifft ins Ziel und auch darüber hinaus, die Zügel in der Hand hat – wie schon erwähnt – am Allerwenigsten Leading Man Kurt Russel. Hollywood liegt beim Casting sehr oft genau richtig – hier aber hat es sich vertan. Statt Russel hätten unzählige andere Stars den Job weitaus besser gemacht. Dieser Santa Clause hier ist irgendwie neben der Spur, was ja auch im wahrsten Sinne des Wortes zutrifft. Diese zerstreut-zerfahrene Art hat nichts mehr Gemütliches mehr – und ja, dieser charakterliche Gegenentwurf macht die Sache „cooler“ – aber irgendwie will der Funke dadurch nicht so überspringen, irgendwie überzeugen mich auch diese Wichtel nicht, die unterschwellig sekkant wirken. Im Großen und Ganzen aber unterhält die Irrfahrt über den Dächern Chicagos und anderer nordamerikanischer Städte dennoch. Vielleicht weil es schön anzuschauen ist, und weil eben Weihnachten vor der Tür steht. Den Schlüssel für mein Auto hätte ich diesem Kerl namens Santa Clause aber wahrscheinlich auch nicht gegeben. Auch wenn er noch so viel Retro-Spielzeug aus dem Ärmel schüttelt.

The Christmas Chronicles