Nightsiren (2022)

WIE MAN SICH HEXEN MACHT

7/10


nightsiren© 2023 Busch Media Group


LAND / JAHR: TSCHECHIEN, SLOWAKEI 2022

REGIE: TEREZA NVOTOVÁ

BUCH: BARBORA NÁMEROVÁ, TEREZA NVOTOVÁ

CAST: NATÁLIA GERMANI, EVA MORES, JULIANA OLHOVÁ, IVA BITTOVÁ, JANA OLHOVÁ, MAREK GEISBERG U. A.

LÄNGE: 1 STD 50 MIN


In Robert Eggers The Witch hat die strenggläubige Familie von Anya Taylor-Joy so lange darauf beharrt, dass ihre Tochter einen Pakt mit finsteren Mächten eingegangen sein muss, bis es wirklich dazu kam. Klarer Fall von selbsterfüllender Prophezeiung. Und gerade in diesem Film wird klar, dass die wahre Hölle immer die anderen sind – frei nach Sartre. Die slowakische Filmemacherin Tereza Nvotová will sich dieser Umkehrrechnung ebenfalls annehmen – und erzählt diesmal nicht aus der Finsternis des siebzehnten Jahrhunderts, sondern stellt sich gegenwärtigen Verhältnissen. Zum Teil sind diese auch autobiographisch; zumindest, was das Verhalten der Gemeinde angeht und wohl weniger das Metaphysische zwischen den Bäumen.

Der Mikrokosmos einer Dorfgesellschaft ist stets mit Vorsicht zu genießen. Ein jeder kennt jeden, es wird getuschelt und getratscht. Geheimnisse gibt es längst nicht mehr, und tritt wirklich Pikantes zutage, wissen es alle. Schnell wird der Verdacht zur Gewissheit, die Gewissheit zur irrationalen Angst, die irrationale Angst zum Wahn. Genau so landeten damals vermeintliche Hexen auf dem Scheiterhaufen oder wurden ins Wasser getaucht, damit die anderen herausfinden konnten, ob die Beschuldigte vielleicht nicht doch ehrlich damit war, unschuldig zu sein.

Die Menschheit hat sich, wie wir wissen, in ihrem Verhalten seit damals kaum gewandelt. Gut, die Gesetze sind andere, das Gewand ist nicht selbstgenäht, sondern stammt vom Großkonzern und die Hygiene ist besser. Doch alles andere tritt auf der Stelle. Nightsiren kommt diesem enttäuschend unbelehrbaren Status Quo langsam auf die Schliche. In ihrem Film treibt sie niemanden zur Eile an, die Story schreibt das Tempo vor – und geht so: Eine junge Frau kehrt nach Jahrzehnten der Abgängigkeit in ihr Heimatdorf zurück – oder besser gesagt: zur Waldhütte ihrer verstorbenen Mutter. Die ist längst abgebrannt, da gibt’s nichts mehr zu holen. Gegenüber, ein paar Meter weiter, dämmert das Haus einer angeblichen Hexe dem Verfall entgegen, dort quartiert sich Charlotte erstmal ein. Nicht nur der Brief des Bürgermeisters, der die Hinterlassenschaften ihrer Mutter regeln will, treibt sie hierher – es ist auch die Hoffnung, dass ihre kleine Schwester überlebt haben könnte, nachdem sie diese vor Jahrzehnten versehentlich von einer Waldklippe stieß. Charlottes ganze Familie ist nebenbei sowieso in Verruf geraten, mit Waldhexe Otylia einen Pakt eingegangen zu sein. Entsprechend zögerlich reagieren die Einwohner auf die Heimkehr der verschollenen Tochter. Natürlich wecken Charlottes Nachforschungen schlafende Hunde, ein Mädchen namens Mira gesellt sich zu ihr, und die permanent notgeilen Männer des Dorfes stellen bald schon eine Bedrohung dar. Im Schatten hexischer Magie befinden sich alle, doch es braucht eine Zeit, bis dieses Unheil von den anderen beim Namen genannt wird.

Nightsiren vermeidet – und das ist wunderbar erfrischend – jegliches Klischee aus diversen anderen Hexenfilmen, die die Mythologie auf hässliche Fratzen und unreflektierte Bösartigkeit reduzieren. Tereza Nvotová gibt dem Thema einen hellen Anstrich und kokettiert viel mehr mit den Imperativen weiblicher sexueller Freiheiten, die vom Patriarchat längst nicht mehr unterdrückt werden dürfen. Ihr Mysterydrama ist ein zutiefst feministischer Film, der fast schon der Versuchung erliegt, alles Männliche als Unterjochung darzustellen, wäre da nicht zumindest einer, der von den geschlechtstypischen Verhaltensweisen Abstand nimmt. Ob das den Ausgleich schafft, bleibt lange fraglich. Und rückt dann später in den Hintergrund, wenn Nightsiren beginnt, Reales mit Imagination, Lehrbuchphysik mit Metaphysik und Gewalt mit Magie zu vermischen. Die Hexe bei Nvotová ist ein Sinnbild für das Ausleben unterdrückter Weiblichkeit – dafür braucht es lediglich Andeutungen und keinen feisten Budenzauber. Weniger ist hier mehr, und das wenige schafft es aber dennoch, alles durcheinanderzubringen, sodass man als Zuseher letzten Endes gar nicht mehr weiß, was tatsächlich stattfindet, stattgefunden hat oder stattfinden wird. So einiges bleibt offen, vieles geheimnisvoll und vage. Was dem Film aber nicht zum Nachteil gereicht.

Als moderner Frauenfilm, der sich mit dem Phantastischen am nächtlichen Waldboden wälzt, lässt Nightsiren die Zeit wie im Flug vergehen und fasziniert, weil es eben nicht unbedingt faszinieren will. Ein Film, der durch seine entspannte Erzählweise Spannung erzeugt, die ganz von allein entsteht.

Nightsiren (2022)

Catch the Fair One – Von der Beute zum Raubtier (2021)

DEN ABSCHAUM AUF DIE MATTE SCHICKEN

7/10


catchthefairone© 2021 Drop Out Cinema


LAND / JAHR: USA 2022

BUCH / REGIE: JOSEF KUBOTA WLADYKA

CAST: KALI REIS, TIFFANY CHU, MICHAEL DRAYER, DANIEL HENSHALL, KIMBERLEY GUERRERO, LISA EMERY, KEVIN DUNN, ISABELLE CHESTER U. A.

LÄNGE: 1 STD 25 MIN


Redest du mit mir? Kann es sein, dass du mich meinst? Die Szene, in welcher Robert de Niro, bereits mit kampfestauglichem Irokesenschnitt vor dem Spiegel sein Vokabular für den Ernstfall probt, hat Filmgeschichte geschrieben: Taxi Driver ist ein dreckiges, düsteres Meisterwerk, in welchem ein Mann von der Straße dem urbanen Abschaum den Kampf ansagt. Einige Jahrzehnte später ist Joaquin Phoenix in A Beautiful Day auf ähnlichen Spuren unterwegs, wieder geht es um Mädchenhandel, Zwangsprostitution und sexuellen Missbrauch. Ekelhafter kann’s kaum werden. In diesen Abgrund taucht der ohnehin selbst höchst traumatisierte Kämpfer, um ein junges Mädchen zu befreien.

Im düsteren, sehr physischen Thriller von Josef Kubota Wladyka (u. a. The Terror, Manos Sucias) knöpft sich diesmal eine junge Frau in ähnlicher Manier das organisierte Verbrechen vor. Auch sie arbeitet im Alleingang, auch sie versucht, komplett ohne Starthilfe und aus eigener Motivation heraus, wirklich üblen Gesellen den Garaus zu machen, obwohl dies lediglich Kollateralschäden sein werden, während Ex-Junkie und Profiboxerin Kaylee nur ein Ziel verfolgt: ihre jüngere Schwester aus den Fängen illegaler Zuhälter zu befreien. War „Taxi Driver“ Travis Bickle nur Chauffeur fürs Fußvolk ohne spezielle Skills, ist Kaylee bis in die Fingerspitzen durchtrainiert; ihr Körper ist gestählt, ihre Zähigkeit sagenhaft. Gute Voraussetzungen also, heil aus dieser Mission wieder herauszukommen. Nur: so ganz allein? Wenn das Credo eines Kreuzzuges wie dieser und jener von Bickle den eigenen höchsten Zielen entspricht, wirkt der Wille wie Wunder. Und so forscht Kaylee erstmal nach, lässt sich in das verbrecherische Milieu einschleusen und gibt selbst vor, von der Straße weg entführt worden zu sein. Das Ganze wird natürlich sehr bald unschön. Drogen sind im Spiel, Gewalt und sexuelle Nötigung. Die Hoffnung, ihre geliebte Schwester wiederzufinden, stirbt zwar zuletzt, aber die Agonie dieses Umstands hat bereits eingesetzt.

In grobkörnigen, finsteren Bildern legt es Catch the Fair One – Von der Beute zum Raubtier unbedingt darauf an, als pessimistischer Film Noir den Geboten hollywood’scher Thriller-Stereotypen nur mehr Verachtung zu schenken. Sieht man Kali Reis – gepierct, tätowiert und muskelbepackt – zum ersten Mal, ist das die Personifikation grimmiger Entschlossenheit. Die tatsächliche Profi-Boxerin ist Weltmeisterin in zwei Gewichtsklassen und hat auch fürs Schauspiel so einiges übrig, denn ihre Performance kann sich sehen lassen. Dabei braucht sie gar nicht viel um den heißen Brei reden, da reichen Blicke und ihr ganzes Gehabe, um die seelische wie körperliche Anspannung beinahe mitzuempfinden. Mit animalischer Wucht und der Bereitschaft, selbst Schmerzen zu ertragen, gehört der Film ganz ihr.

Auf eine komplexe Storyline darf man aber nicht hoffen. Und die wäre auch fehl am Platz oder würde den Thriller ausbremsen. Wo Taxi Driver oder A Beautiful Day noch mehrere Sidestories am Laufen hatten, rückt hier der Fokus nicht von seiner mit Respekt betrachteten Nemesis des Schmerzes ab. Und so geradlinig und effizient, wie es klingt, ist der knapp 80 Minuten lange Film dann auch. Erfrischend ist der Mut, die nicht aufgrund von Moral angetriebene Anti-Heldin in einer ungerechten Welt auszusetzen, die auch nicht besser wird, wenn die Bösen ihre Rechnung mit Blut bezahlen. Gewalt dreht sich hier nur in einer Spirale, die alle mitnimmt. Das ist kompromisslos, aber in letzter Instanz erfreulich ungefällig.

Catch the Fair One – Von der Beute zum Raubtier (2021)