Widows – Tödliche Witwen

VIER FRAUEN UND EIN TODESFALL

5,5/10

 

widows© 2018 Twentieth Century Fox

 

LAND: USA 2018

REGIE: STEVE MCQUEEN

CAST: VIOLA DAVIS, ELIZABETH DEBICKI, MICHELLE RODRIGUEZ, COLIN FARRELL, CYNTHIA ERIVO, LIAM NEESON, DANIEL KALUUYA, ROBERT DUVALL U. A.

 

Fünf Jahre ist es schon her, seit der Brite Steve McQueen mit seiner Leidensgeschichte 12 Years a Slave das Kinopopcorn im Halse stecken hat lassen. Eine Schaffenspause, schön und gut, nach so viel emotionaler Schwere durchaus legitim. Sein neuester Streifen ist zwar um einiges leichter, aber immer noch ein finsterer Brocken an Film, der sich sicherlich nicht auf die leichte Schulter nehmen lässt. Im Kern ist Widows – mit dem banalen deutschen Zusatz Tödliche Witwen – ein Heist-Thriller aus dem urbanen Randbezirk, voller windschiefer Politiker, Korruption und vertuschten Morden. Das gabs im amerikanischen Thriller-Genre natürlich schon des Öfteren, wie zum Beispiel The Drop, ein nicht weniger finsterer Krimi des Belgiers Michaël R. Roskam, mit James Gandolfini in einer seiner letzten Rollen. Auch Ben Affleck´s The Town fügt sich bequem ein in dieses Subgenre sozialkritischen Räuberpiostolen in diffuser moralischer Grauzone. Widows ist dann doch etwas anders, da sich der Film im Zuge der aktuellen weiblichen Casting- und Umbesetzungswelle männlich dominierter Franchises als reine Damen-Rochade behauptet. Ein feministischer Film Noir also, der das Schicksal von drei völlig unterschiedlichen Frauen herausfordert, die allesamt mehr oder weniger vor dem Nichts stehen, nachdem die überhebliche Dominanz ihrer risikofreudigen männlichen Partner zu nichts anderem geführt hat als zu den Kosten für eine Beerdigung, die garantiert nicht zur Seite gelegt wurden. Stattdessen rückt der sinistre schwarze Bezirkspolitiker Manning der trauernden Viola Davis auf die Pelle, um 2 Millionen Dollar zurückzufordern, die ihr verstorbener Gatte den politisch motivierten Gangstern abgeluchst zu haben scheint.

Es wären keine tödlichen Witwen, würden sich diese auch nur irgendwie einschüchtern lassen. Natürlich, mit der Angst bekommen Sie es sehr wohl zu tun. Doch mit diesen Wassern, mit denen gewiefte Frauen eben gewaschen sind, lässt sich die Sauerei an Männerwirtschaft, die da hinterlassen wurde, zumindest mal in der Theorie ganz gut wegschaffen. Mit einem 5 Millionen-Doller-Bonus, der da winkt, dank eines schlauen Notizbuches von Ganove Liam Neeson, der einmal mehr mit seinem knorrig-impulsiven Gastauftritt womöglich dank eines klugen Rollen-Managements jenseits seiner Action-Stereotypie zeigt, was er sonst noch kann. Allerdings nur in wenigen Szenen, doch diese sind wichtig, um dem Plot seine Twists machen zu lassen, die auch nicht von ungefähr kommen, da Starautorin Gillian Flynn (Gone Girl, The Girl on the Train) gemeinsam mit McQueen das Drehbuch verfasst hat. Was einige von euch womöglich nicht wissen: Widows beruht auf einer britischen TV-Serie, und die wiederum auf einer Romanvorlage von Lynda La Plante. Zum zweistündigen Kriminaldrama zusammenkomprimiert, ist Widows auf jeden Fall illustres Schauspielkino, das kernige Cameos wie die eines Robert Duvall durch den Sumpf des Verbrechens waten lässt. Die resolute Viola Davis ist wie meist von einer tief verwurztelten, spaßbefreiten Tragik erfasst, und Elizabeth Debicki als blond-blasser, verletzlicher Engel entgleitet wohl am Deutlichsten die Balance des Lebens. Als diabolisches Schreckgespenst des Kleinstadt-Terrors: Daniel Kaluuya, bekannt geworden aus Get Out.

Dennoch – auch wenn all diese strauchelnden und bedrohlichen Gestalten recht glaubwürdig agieren – bis auf wenige Momente weiß Widows nicht wirklich zu berühren. Die kalte, herbstgraue Ödnis der Chicagoer Peripherie ist die richtige Kulisse für kalte, herbstgraue Egozentriker, die nur sich selbst als Nächsten wähnen, auch wenn der Reverend der örtlichen Gemeinde das solidarische Soll mit Inbrunst predigt. Geliebt wird hier eigentlich niemand, maximal der Schoßhund von Viola Davis – die Idee, das Glück eines anderen zu schmieden, findet in einer Welt des Übervorteilens und Unterdrückens kein Gehör. Das macht all die Damen und Herren hier nicht wirklich sympathisch, und wieso soll ich als Zuseher Mitgefühl mit jenen haben, die, sozial isoliert, ausschließlich eigennützig agieren. Gut, es sei den vier Frauen der Erfolg ihres Unterfangens schon vergönnt, das demonstrativ emanzipierte Schnippchen natürlich sehr gerne geschlagen. Der unnahbare Stil des Filmes aber, die eigenwillige, zugegeben durchaus interessante Methode, gesprochene Dialoge zeit- und ortsversetzt zu platzieren, Gesprächspartner gar nicht mal zu zeigen und Sequenzen in relativ groben Cuts miteinander zu verflechten – das alles trägt nicht wirklich dazu bei, Berührungspunkte mit dem Publikum zu schaffen. Das macht Widows zu einem affektiert kaltschnäuzigen Thrillerdrama, das relativ ignorant sein Ding durchzieht. Ob dieses dann gelingt, ist bei solchen Leuten wie im Film für mich fast schon irrelevant.

Widows – Tödliche Witwen

Nur Gott kann mich richten

DIE WUT DER VERZWEIFLUNG

8,5/10

 

nurgottkannmichrichten© 2018 Constantin Film

 

LAND: DEUTSCHLAND 2018

REGIE: ÖZGÜR YILDIRIM

CAST: MORITZ BLEIBTREU, BIRGIT MINICHMAYR, KIDA KHODR RAMADAN, EDIN HASANOVIC, PETER SIMONISCHEK U. A.

 

Alles für die Familie, oder nicht? Natürlich lässt sich dieser Leitsatz höchst unterschiedlich auslegen. In erster Linie habe ich hier gleich Marlon Brando vor Augen als Vorsitzender der italo-amerikanischen Mafia. In diesem Fall aber meine ich genau das, was unter Familie im biologisch-gesellschaftlichen Sinn zu verstehen ist: die Vernetzung und ewige Bindung, die das eigen Fleisch und Blut mit sich bringt. Vater, Bruder, Tochter, all das. Wenn alle Stricke im Leben reißen sollten, ist Familie das, was bleibt. Erschütternd für jene, die in dieser sozialen Basiskonstellation keinen Halt finden oder nie gefunden haben. Die stärkste Bindung ist aber die zwischen Mutter und Kind. Das ist natürlich nichts Neues, diese Intensität der Verbundenheit ist eigentlich überall auf der Welt gleich stark und unerschütterlich. Die Verpflichtung der Familie gegenüber, also Familie im weitesten Sinn, die verträgt global gesehen schon einige Diskrepanzen. In dem aufwühlenden Thriller Nur Gott kann mich richten ist die Treue zum nächstgelegenen Blutsverwandten sowohl Antrieb als auch Grund für einen verhängnisvollen Strudel in den Untergang.

Schauplatz ist ein düsteres Frankfurt am Main abseits aller Glasfassaden und Hochhäuser der Wirtschafts- und Handelsmetropole. Hier sind es dunkle Seitengassen, Lagerhallen und periphere Industrieviertel inmitten verwahrloster urbaner Ödnis. Spielhallen, Shisha-Bars und die Reviere türkischstämmiger Gangs. Da gibt es den Kriminellen Ricky, der mit seinem Bruder ein Ding dreht, dieses versemmelt und gleich zu Beginn in den Knast wandert. Womit wir die erste starke Bindung haben, nämlich die zwischen Brüdern. Moritz Bleibtreu als der Ältere, Edin Hasanovic als das Liebkind eines dementen, in schleichender Armut dahinsiechenden Übervaters, gespielt von Peter Simonischek in gewohntem Theaterdeutsch. Dieser Vater, der kann nur fordern, niemals danken. Die Pflicht des Sohnes den Altvorderen gegenüber, die hält den Tyrannen schadlos. Von einem ganz anderen Erzählstrang ausgehend bringt Regisseur Özgür Yildirim die alleinerziehende Mutter Diana ins Spiel, die eine Tochter hat, die an Herzinsuffizienz leidet. Dringend muss ein Spenderorgan her, doch das kann dauern. Es sei denn, Mama begibt sich auf illegalen Pfaden in den Sumpf des osteuropäischen Organhandels. Doch das wiederum kostet Geld. Geld, dass Diana, die gleichzeitig auch Polizisten ist, nicht hat. In Anbetracht dessen, dass das eigene Kind locker über allem, und eben auch über dem Gesetz steht, bleibt nichts unversucht, um für das Wohl des Nachwuchses zu sorgen. Als Cop in Uniform darf die von mir sehr geschätzte und stets famose Burgtheaterschauspielerin Birgit Minichmayr eine Rolle bekleiden, die sie meines Wissens so noch nie probiert hat. Mit diesem Genre des Film Noir betritt die Linzerin so gut wie Neuland. Und nicht anders zu erwarten meistert sie auch Genre des anspruchsvollen Actionkinos souverän. Dabei ist es nicht das erste Mal, dass Minichmayr und Moritz Bleibtreu gemeinsam vor der Kamera stehen. (Taking Sides – Der Fall Furtwängler, an der Seite von Harvey Keitel).

Beide Handlungsstränge also, die des Gangsters Ricky und der Polizistin Diana, winden sich durch den anonymen Moloch der deutschen Stadt, um wie vom Schicksal geprüft scheinbar rein zufällig aufeinanderzutreffen. Dieser Aufprall, diese Verstrickung, die sich daraufhin Bahn bricht, verselbstständigt sich auch relativ bald und erhält eine Dynamik, die ihre Protagonisten nur hilflos mit den Armen rudern lässt. Dabei entsteht das virtuose Erlebnis eines nihilistischen Thrillerdramas, das nicht weniger fesselt als die episodenhaften urbanen Kunststücke eines Paul Haggis und so dicht und konsequent die Fatalität kausaler Zusammenhänge zelebriert wie eben Breaking Bad oder Ben Affleck´s Kriminaldrama The Town. Dem deutsch-türkischen Tatort-Regisseur Yildirim ist ein Film gelungen, der mich richtig überrascht hat und den ich voller Überzeugung nicht nur als ein Meisterwerk des Neo-Noir-Genres bezeichne, sondern auch als einen der besten Thriller, die vor allem in den letzten Jahren in Deutschland entstanden sind. Beachtlich, wie Yildirim, der eben auch das Drehbuch schrieb, seine Tragödie verdichtet und die so verirrten wie irrenden Seelen aneinandergeraten lässt. Eine dramaturgische Komposition von immensem Spürsinn, was die Fliehkraft eines sich immer schneller rotierenden Malstroms betrifft, der einer Physik aus Rache, Gerechtigkeit und höheren Mächten folgt. Mit dabei ein Soundtrack aus wütenden Rap-Songs.

Bei Nur Gott kann mich richten scheint Gott tatsächlich eine Auszeit zu nehmen, denn die, die richten, sind jene, bei denen Blut dicker als Wasser ist, und sich opfern für das, was die Bande der Familie an Tribut fordert. Der nachtschwarze Thriller ist so tollwütig, rabiat und impulsiv wie ein emotionales Blackout oder wie ein Mord im Affekt. Zwischen all dem Toben ist es das Streben nach der Geborgenheit einer vertrauensvollen Zuflucht, einer ruhenden Konstanten, die jeder hier erlangen will und ohne die sonst alles im Chaos versinkt.

Nur Gott kann mich richten

Die Nile Hilton Affäre

DA KOMMEN DIE TAGE DES ZORNS

8/10

 

nilehilton© 2017 Port au Prince Pictures GmbH

 

LAND: SCHWEDEN, DEUTSCHLAND, DÄNEMARK 2017

REGIE: TARIK SALEH

MIT FARES FARES, MOHAMED YOURSI, HICHEM YACOUBI U. A. 

 

So vieles hätte sich ändern können. So sehr standen die Zeichen auf Neuanfang. Im Januar des Jahres 2011 war das Land der Pharaonen dem Beispiel Tunesiens gefolgt und hat als Volk im Schulterschluss Reformen gefordert, ganz oben an der Spitze aller Forderungen den Rücktritt Hosni Mubaraks. Ende Januar dann bürgerkriegsähnliche Zustände am Tahrir-Platz von Kairo. Die Revolution hat ihren Höhepunkt erreicht. Die Folge: ein Machtwechsel. Auf zu neuen Ufern also. Doch da hat wer die Rechnung ohne das Militär gemacht. Alles weitere ist Geschichte, wenngleich eine von diesen Ereignissen, die man nachträglich gerne noch umgeschrieben hätte, zugunsten der Bürger, der sozial Benachteiligten, der Freiheit des Glaubens und natürlich der Stellung der Frau. Was ich aber fast vergessen hätte: zugunsten der Abschaffung einer eingefleischten Korruptionspolitik, die den exekutiven Staatsapparat schon so weit durchdrungen hat wie Mörtel in einer Hausfassade.

In dieser Corruption Airways, wie sie die EAV in ihrem Song-Klassiker Küss die Hand Herr Kerkermeister so formschön besingen, sitzt auch der Polizist Noredin, trauernder Witwer und autoagressiver Kettenraucher – keine Szene ohne Anheizen eines Tschicks, dementsprechend verraucht sind die Settings, und dementsprechen fahrig und verzweifelt das Suchen nach dem Päckchen. Dem Zuschauer bleibt ein fahler Geschmack im Mund, ein Film also zum Passivrauchen. Dieser Rauch, der sich durch Die Nile Hilton Affäre zieht, bleibt nicht ohne Feuer. Tarik Saleh´s packender, auf tatsächlichen Ereignissen beruhender Politthriller ist höchst brisant, politisch äußerst unbequem und interessanterweise eine Produktion aus schwedisch-dänisch-deutschen Landen, obwohl es sich anfühlt, als wäre der urban-düstere, verputzbraune Straßen- und Hotelkrimi ein Film von Ägypten für Ägypten, fühlbar authentisch und mit einem Lokalkolorit von oriententzaubernder Sogwirkung.

Fares Fares, der Mike Krüger des Nahen Ostens, ist natürlich ein Gesicht, dass sich schwer vergessen lässt und sich tatsächlich sogar im Star Wars-Ableger Rogue One, im Kreise der Rebellen auf Yavin (Randbemerkung für Insider) wiederfindet. Als Herumstocherer im Kairoer Korruptionssumpf lässt er sich auf Liaisonen ein, die auf die Dauer ungesund sein müssen. Und deckt Verbindungen auf, die, wie kann es anders sein, in den Olymp der Macht führen. Die Fakten dahinter sind nicht wirklich überraschend, faszinierend sind an diesem Film vielmehr die stilistischen Referenzen an Filme der schwarzen Serie, die ihre lasterhaften Helden einem unüberschaubaren großen Ganzen gegenüberstellen und ihrer rechtschaffenen Wahrnehmung von Gerechtigkeit das Steuer entreißen. Die Nile Hilton Affäre ist nicht nur ein Krimi, der die Lösung eines Falles anstrebt. Stetig wechselnd zwischen luxuriösen Appartements und peripheren Ghettos, zwischen Szenen des Aufstandes und verrauchten Hinterzimmern gerät Saleh´s Film in einen vielschichtigen Strudel aus ohnmachtsanfälligem Wettern gegen die Mechanismen einer arabischen Politik, die sich windet wie eine Hydra, und Kritik an einer Gesellschaft, die sich dem Eigennutz verschrieben hat. Dazwischen der Polizist Noredin, dessen unautorisierte Ermittlung zu einer Herkulesaufgabe mutiert. Fares steht da für einen Typ Mensch, der zwar nicht mehr an sich selbst, aber an eine bessere, höhere Ordnung glaubt, die anstrebbar bleibt. Bis auch dieses Weltbild bröckelt.

Die Nile Hilton Affäre ist großes politisches Kino im Gewand eines so rauhen wie eleganten Thrillers, voller Substanz und ganz vielen Seitenhieben, wüstenstaubverkrustet und abgasschwer. Ein Film aus den Straßen einer Millionenstadt und darüber hinaus, aus einem Land im dunklen Schatten der Pyramiden.

Die Nile Hilton Affäre

Mute

ICH HAB NOCH EINEN KOFFER IN BERLIN

7/10

 

Mute© 2018 Netflix

 

LAND: GROSSBRITANNIEN, DEUTSCHLAND 2018

DREHBUCH & REGIE: DUNCAN JONES

MIT ALEXANDER SKARSGÅRD, PAUL RUDD, JUSTIN THEROUX, SEYNEB SALEH U. A.

 

Sehr schade, dass das Warcraft-Franchise unter der Regie von Duncan Jones im Kino nicht durchstarten konnte. Aber das konnte Hulk unter der Regie von Ang Lee auch nicht. Warum nicht? Eine Theorie hätte ich da. Beide Filmemacher haben ihre eigenen Visionen. Gut, welcher Filmemacher hat die nicht, aber die beiden sind schon einen Schritt weiter gewesen, als ihnen das Projekt Blockbuster auferlegt wurde. Künstlerische Differenzen sind da womöglich vorprogrammiert. Dennoch hatten beide zumindest die Chance ergriffen, ihre ganz eigene Interpretation von Popkultur zu verwirklichen. Doch Undank war des Publikums Lohn. Halbleere Kinosäle für Filme, die mehr wollten als nur die Kasse klingeln lassen.

Zurück also zum Ursprung. So schnell wird sich der Filius von David Bowie der Versuchung des schnellen Geldes nicht mehr hingeben. Das hat sein Papa auch nicht getan – und dennoch vollen Erfolg erzielt. Aber das ist etwas, was man vorab nicht wissen kann. Und es ist ja nicht so, dass Jones´ Erstling Moon kein achtbarer Erfolg war. Zumindest im Independent-Sektor des Science-Fiction Genres gilt das Solo-Drama am Erdtrabanten als innovativer Meilenstein. Source Code war nicht weniger beklemmend, wenn nicht gar noch mehr verstörend als der Einstand mit Neo-Oscarpreisträger Sam Rockwell. In Mute scheint sich Duncan Jones tief vor einem seiner möglichen Kino-Top Ten zu verbeugen – nämlich vor Blade Runner. Die urbanen Dystopien eines Philip K. Dick sind genau sein Ding, diese gesellschaftskritische Art von Science-Fiction, die keine Alien-Invasionen abwehren muss, sondern von innen heraus, durch die Technologie und den Fortschrittsglauben des Menschen, unterwandert wird. Alles keine rosigen Aussichten, eben wie in Ridley Scott´s Kult-Klassiker, der unter der Regie des Visionärs Denis Villeneuve eine vor allem visuell mächtige Fortsetzung fand. Auch Villeneuve ist ein Filmemacher auf seine Art. Das gefällt den Produzenten oder eben nicht. Duncan Jones hat für seinen futuristischen Film Noir das Streaming-Imperium Netflix gewinnen können. Netflix riskiert so einiges im Filmsektor, was ich erstmal sehr begrüßenswert finde. Wäre schön, wenn sich Netflix noch eine Kinokette krallt, dann könnten wir so bildgewaltige Filme wie Auslöschung und eben Mute auch auf Großformat genießen – wo beide Filme auch hingehören.

Jones taucht tief in den Farbpinsel und lässt so gut wie alle Ecken und Enden eines überbevölkerten, versifften Berlins in Blau- und Violett-Tönen irrlichtern, was das Post-Productions-Graffiti so hergibt. Zwischen all den Abgasen, zwielichtigen Gestalten und einem verspäteten Punk-Rock-Revival sucht ein stummer Barkeeper nach der Liebe seines Lebens. Von einem Tag auf den anderen verschwunden, hat die blauhaarige Kellnerin bis auf ein paar wenige kryptische letzte Worte keinen Hinweis hinterlassen. Mute fängt an wie ein Howard Hawks-Krimi, nur dass Alexander Skarsgård (Legend of Tarzan, True Blood) nicht als Detektiv investigiert, sondern als Einzelgänger, der mit Zeichensprache, Kopfnicken und defensiv-eruptiver Gewalt dem Abgang seiner Vertrauten auf die Spur kommen will. Das geht sehr tief in die Keller der Unterwelt hinein, wo wir auf Justin Theroux und Paul Rudd stoßen, von welchem ich kaum glauben kann, ihn als wohlgesonnen Marvel-Minikin Ant-Man gesehen zu haben. Rudd kehrt hier die düstersten Winkel seiner Seele hervor. Mit buschiger Rotzbremse und ungehobeltem Verhalten lehrt er nicht nur der Filmfigur Leo Beiler Respekt – so greifbar verkommen wie Rudd war schon lange kein Antagonist mehr, trotz Liebe zu seiner Filmtochter.

Mute ist ein ambivalentes Machwerk mit klassischen Film Noir-Elementen, die schon Ridley Scott in seinem Blade Runner gekonnt mit unheilvollen Android-Visionen kombiniert hat. Mute gelingt die Nachahmung ansatzweise ähnlich gut, nur seine Blick in die Zukunft ist auch ein verkappter Blick in die Vergangenheit, in die 80er Jahre des eigenen Berlin-Aufenthalts, unter der Obhut von Papa David Bowie, der hier eine Zeit lang gelebt hat. So richtig Science-Fiction ist Mute außerdem nicht wirklich, jedenfalls aber irgendwas dazwischen. Und obwohl der Film vor allem in der ersten Hälfte deutliche Überlängen aufweist und gleich zwei Handlungsebenen Geraden gleich, die sich irgendwann in der Unendlichkeit berühren mögen, stur vorwärts treibt, bekommt Mute im letzten Drittel auf eine Weise die Kurve, mit der ich leise gähnend nicht mehr gerechnet hätte. Denn siehe da – die Tangenten berühren sich. Und das nicht gerade zaghaft. Wenn sich der lichtverschmutzte Nebel hebt und die auf der Zunge liegende große Rätselfrage des Filmes, wohin die ganze Geschichte eigentlich führen soll und ob sie überhaupt irgendwo hin führt, anstatt zu versanden glasklar offenbart wie die Luft nach einem Gewitter – dann hat Duncan Jones ein in sich plausibles, dramatisches wie gleichsam faszinierendes Drehbuch verfasst, in dem Liebe, Hass und die Abgründe dazwischen zu einem formvollendeten Finale finden.

Mute

Stille Reserven

SCHLAFEN, WENN MAN TOT IST

5/10

 

stillereserven© 2016 Filmladen

 

LAND: ÖSTERREICH, DEUTSCHLAND, SCHWEIZ 2016

REGIE: VALENTIN HITZ

MIT CLEMENS SCHICK, LENA LAUZEMIS, MARION MITTERHAMMER, SIMON SCHWARZ U. A.

 

Welche Phrase verwenden Workaholics gerne, um ihren Duracell-Zustand zu rechtfertigen? „Schlafen kann ich, wenn ich tot bin“. Nun, in einer unbestimmten, nicht weit entfernten Zukunft, im Herzen der Europäischen Union, genauer gesagt in einem geradezu postapokalyptisch entseelten Wien, ist genau das zur optimierten Nutzung vorhandener Ressourcen gang und gäbe geworden. Nicht nur Altpapier, nicht nur Plastikflaschen und Biomüll – nein, in dieser nicht wirklich lebenswerten Zukunft werden auch tote Menschen nicht für tot gehalten, sondern vegetativ am Leben. Ähnlich wie in Matrix dämmert ein künstlich am Leben erhaltener Homo sapiens vor sich hin, um nach und nach ausgeschlachtet zu werden. Denn Ressourcen – die werden in den kommenden Tagen nicht verschwendet. Gut, man kann Nachhaltigkeit auch übertreiben. In Valentin Hitz abgasegrauer Dystopie ist genau das passiert. Jener Teil der Bevölkerung, der verschuldet das Zeitliche segnet, darf auch postmortem seine Schuldigkeit abbezahlen. Das ist fast so wie mit dem Teufel und seiner Seele. Wiener Sagen haben also zukünftig wieder Hochkonjunktur und sind sogar Teil des Regierungsprogramms – wenn der Teufel im Parlament sitzt. Das tut er. Und das nutzen auch Konzerne, die keilen was geht, um Todesversicherungen abzuschließen. Somit ist nicht mal mehr der Tod umsonst, denn selbst der kostet eigentlich das Leben. Versichern beruhigt also ungemein – sofern man das Geld dafür hat.

Valentin Hitz bedient sich mit Spaten und Schaufeln den Ideen George Orwells, den Zivilisationsalbträumen eines Terry Gilliam und den Film Noir-Elementen aus Blade Runner. Stille Reserven macht das versuchte Zitieren und Imitieren riesigen Spaß – nur ist fast mitleidig zu bemerken, dass der Film vergeblich so gerne so sein will wie die, die er zitiert, es aber zumeist nicht hinbekommt. Stille Reserven wirkt wie das Abschlussprojekt eines Filmschülers. Wäre dem tatsächlich so, gebürt Valentin Hitz großes Lob. Grün hinter den Ohren und so ein Film zum Einstand – da würde ich nicht meckern wollen. Nur dürfte es sich so leider nicht verhalten. Die Koproduktion aus Österreich, Deutschland und der Schweiz hat zwar von überall her seine Finanzierungen erhalten – viel Zuschuss dürfte es nicht gewesen sein. Wobei Kameramann Martin Gschlacht hier versucht, Bilder einzufangen, die von hypnotisch-ohnmächtiger Kälte unbeheizter Bauwerke dominiert werden. Mittendrin Schauspieler, die sich wie Androiden verhalten. Womöglich sind sie das auch, zur Sprache kommt aber die Roboterthematik so gut wie gar nicht. Was aber ein verführerisch fuchsiger Gedanke wäre. Denn die Idee hinter Stille Reserven hätte das Zeug dazu gehabt, was weltbewegend Großes entstehen zu lassen. Natürlich längst nicht so etwas wie Blade Runner, aber zumindest etwas Visionäres. Etwas, das bewegt, und vielleicht sogar ein bisschen verstört.

Beides tut Stille Reserven nicht. Zugegeben, das Szenario des ungewohnten Todes, das Vorenthalten der Erlösung – das lädt schon zum Nachdenken ein, und hinterlässt auch das eine oder andere beklemmende Gefühl. Glücklich wird man bei Hitz Versuch eines futuristischen Versicherungskrimis jedenfalls nicht. Erstens weil die Welt, die er zeigt, nicht mal mehr sterbenswert zu sein scheint. Und zweitens, weil der Film seinen Höhepunkt verwirkt. Oder sagen wir, völlig fehlinszeniert im Keim erstickt. Gefühlte Dramatik hat in Stille Reserven nichts verloren. Die Protagonisten stolpern in sperrig-steifer Manier, in regennassen Mänteln und sinnierend rauchend durch eine Sin City der Todessehnsucht, auf die Größenordnung einer Wienerstadt schmalgespurt und die Skyline des Laaerberges in ein Wolkenkratzer-Stakkato verwandelt. Was bleibt, ist eine Beschattungs- und Informantenhatz zwischen Graffiti-Slum, Brazil und Soderbergh´s The Good German. Gehöriges Potenzial, das Hitz Film gehabt hätte. Doch leider zu eintönig, langatmig und unfreiwillig statisch. Wobei der Cameo von Dagmar Koller zwar irritiert, aber in all der Trostlosigkeit für Schmunzeln sorgt.

Stille Reserven

Blade Runner

GOLEMS WIEDERKEHR

9/10

 

bladerunner© 1982 Warner Bros. / Quelle: bitterempire.com

 

LAND: USA 1982

Regie: Ridley Scott

Mit Harrison Ford, Rutger Hauer, Sean Young, Edward James Olmos u. a.

 

„Sie gehen durch eine Wüste. Vor ihnen liegt eine Schildkröte am Rücken. Sie drehen die Schildkröte nicht um. Was empfinden Sie dabei?“ Nur eine von vielen Fragen, die im Rahmen eines Roboter-Tests einen Replikanten vom Menschen unterscheiden soll. Replikanten, das sind den Homo sapiens perfekt imitierende Androiden, deren Aufstände auf intergalaktischen Kolonien zu einem Aufenthaltsverbot auf der Erde geführt haben. Dabei wäre die Bezeichnung „Roboter“ geradezu beleidigend. Nichts unterscheidet den künstlichen Menschen von seinem Vorbild aus Fleisch und Blut. Nur die Dauer der Existenz. Die ist mit nur vier Jahren für eine synthetische Intelligenz unerhört kurzgefasst. Was tun mit vier Jahren Lebenszeit? Wohin mit all den Erfahrungen, Gefühlen und Träumen? Träumen Replikanten überhaupt? Wie nehmen sie ihre Umgebung wahr?

Lang, sehr lange ist es her, seitdem ich Blade Runner zum ersten Mal gesehen habe. In der handelsüblichen, offiziellen Kinofassung und dem versöhnlichen Ende. Einem Ende, das Ridley Scott so nie gewollt hatte, war und ist das Werk doch sein künstlerisch bedeutendster Film, wenn nicht überhaupt sein bester. Damals, als ich Blade Runner gesehen habe, hat es einen Directors oder Final Cut überhaupt noch nicht gegeben. Der Directors Cut entzieht sich bis heute meiner Kenntnis. Der Final Cut allerdings hat sich mir jetzt erst erschlossen. Und mehr noch als damals hat mich die Verfilmung von Philip K. Dicks Roman Träumen Androiden von elektrischen Schafen? in vielerlei Hinsicht überzeugt.

Blade Runner war für das Genre des dystopischen Science-Fiction Films und überhaupt des modernen Kinos tatsächlich ein Paradigmenwechsel. Und hat nach 35 Jahren nichts von seiner visuellen wie dramaturgischen Kraft verloren. Es verhält sich fast so wie mit Stanley Kubricks 2001. Der 1968 entstandene Film ist von zeitlosem Charakter. Blade Runner erreicht mit ähnlichem Phänomen ebenfalls den Status eines Kultfilms. Alleine schon die Ouvertüre ist von einer wuchtigen Sogwirkung, nicht zuletzt aufgrund der Klänge von Vangelis und dem hypnotisch langsamen Gleitflug über den Moloch Los Angeles, einer sowohl beängstigenden wie majestätischen Megacity, welche die Wiege einer expandierenden Menschheit verkörpert, die sich selbst und das Wesen des Menschseins verraten hat. Dann kommen die Gebäude der Tyrell Corporation ins Bild – mächtige Pyramiden, gigantischen Mausoleen gleich. Zur Huldigung einer neuen Gottheit. Oder einer Gottlosigkeit. Gott ist aber bei Blade Runner kein Thema. Die Götter – das sind die Menschen selber. Und die werden gestürzt. Durch eine Rasse, die dasselbe Leben leben will wie ihre Erbauer. Philip Dick´s literarisches Oeuvre ist durch die Bank geprägt von einer paranoiden Angst vor einem alles überwachenden System, vor einer diktatorischen Oligarchie, vor der es kein Entrinnen gibt. Und von Visionen einer Gesellschaft, die sich selbst nicht mehr unter Kontrolle hat und die sich außerstande sieht, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Eine auf Gier und Machtstreben fußende Bürde, die ein Eigenleben entwickelt. So geschehen in der Epoche des Kolonialismus. Eroberung und Ausbeutung haben zu Armut, Flucht und Terror geführt. Symptome, die sich bis heute bemerkbar machen. Diese Symptome sind im Jahre 2019 als Replikanten anzusehen. Die nichts anders wollen, als Teil des großen Ganzen zu sein. Die nicht weniger menschlich sind, nur weil sie künstlich sind. Denn wenn auch der menschliche Körper organischen Ursprungs ist, scheint er nicht weniger mechanisch zu sein. Ein Zusammenspiel der Funktionen. Biochemische Prozesse, die Fühlen und Denken erzeugen. Wenn alles Leben schon Chemie ist, dann sorgt die Chemie auch im Inneren eines künstlichen Menschen für allerlei Fragen nach dem Woher und Warum. Dick stellt den Menschen und die Maschine auf eine Ebene. Lässt ihn statt schwächer stärker werden. Wie Rabbi Löw´s Golem. Nur effizienter und zielgerichteter. Und ohne böser Absichten. Die hat selbst Rutger Hauer alias Roy Batty nicht. Doch die Politik der Zukunft stellt den Replikanten ins kriminelle Eck, lässt ihn verzweifelt philosophieren – und dementsprechend handeln.

Wenn Android Batty im nächtlichen Regen über das Leben nachdenkt, ist das eine nachhaltige Szene, die den düsteren Thriller in seiner Essenz berührt. Blade Runner ist im Grunde ein klassischer Film Noir. Schon allein Harrison Fords Rolle als abgehalfterter Replikantenjäger Rick Deckard und seine Beziehung zur mysteriösen Rachael weckt Erinnerungen an Humphrey Bogart und Lauren Bacall. Doch statt Oldtimer und schummrige Bars sind es fliegende Taxis, haushohe Neonreklamen und grelle Scheinwerfer, deren stets in Bewegung befindliches Licht durch die Jalousien schmutziger Fenster in dunkle Wohnräume kriecht. Überhaupt ist die Bildsprache und Symbolik des Films prägend für viele spätere Klassiker des Kinos und kann oder wird sogar als wegweisendes Lehrbeispiel für Filmschaffende dienlich sein. Wenn Ridley Scott Licht und Schatten komponiert, dann ist das Filmkunst vom Feinsten. Seine perfekt in Szene gesetzten Bilder und Settings finden ihren Höhepunkt in der Wohnung des Biomechanikers J.F.Sebastian, in der es die Punk-Androidin Daryl Hannah mit Deckard aufnimmt. Assoziationen an Andrej Tarkovskij und Terry Gilliam werden wach. Es könnte sogar sein, dass Gilliam, der 1985 mit Brazil ein weiteres Meisterwerk rund um orwell´sche Fantasien auf die Leinwand brachte, überhaupt erst mit der Sichtung von Blade Runner Tür und Tor für seine eigene unverwechselbare Bildsprache aufgestoßen hat.

Blade Runner ist ein visionäres Werk, das in seinen Details mehr ist als in deren Summe. Es lässt sich sogar verstehen, warum der futuristische Psychokrimi erst ein Flop gewesen war, bevor er zum Kultfilm avancierte. Anders als Star Wars oder Indiana Jones ist Blade Runner bei Weitem kein Blockbuster oder Stoff für die breite Masse. Blade Runner ist eigentlich ein kleiner Film. Kein Epos oder Spektakel, sondern Arthouse-Kino für anspruchsvolle Cineasten. Sperrig, metaphorisch, irrlichternd. Ein grimmiger, regennasser Diskurs über so vieles, was den urbanen Menschen ausmacht – und über das, was ihn verführt und geißelt.

Blade Runner