Je suis Karl

DAS ANAGRAMM DES HAKENKREUZES

5,5/10


jesuiskarl© 2021 Pandora Film Medien GmbH


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, TSCHECHIEN 2021

REGIE: CHRISTIAN SCHWOCHOW

CAST: LUNA WEDLER, JANNIS NIEWÖHNER, MILAN PESCHEL, MARLON BOESS, AZIZ DYAB, ANNA FIALOVÁ, MÉLANIE FOUCHÉ U. A.

LÄNGE: 2 STD 6 MIN


Re / Generation nennt sich die freiheitliche, europabewusste Organisation, die in Je Suis Karl bereits staatenübergreifend operiert. Dabei fällt deren Logo sofort ins Auge, und man kommt nicht umhin, darin zweifelsfrei das Hakenkreuz zu erkennen, das ehemalige Zeichen der NSDAP, das wiederum eigentlich von ganz woanders abgekupfert und zweckentfremdet wurde, nämlich aus dem Hinduismus. Das eigentliche Zeichen Swastika bedeutet so viel wie Glücksbringer. Tatsächlich besteht das Logo im Film aus vier rechten Winkeln, die ganz einfach anders angeordnet sind. Um die wahre Ambition aber zu verbergen – dafür braucht es schon andere Ideen. Die gibt es. Und die sind so dermaßen perfide, dass sich kein halbwegs vernünftig denkender Mensch vorstellen könnte, auf so etwas eine funktionierende politische Gemeinschaften zu gründen, ohne gefühlt alle Menschenrechte zu verletzen.

Doch Homo sapiens lernt nicht dazu, und deswegen ist der Weg der Gewalt angeblich immer derjenige, der einzig und allein etwas bewegen kann. Glaubt man zumindest. Im kürzlich erschienenen mexikanischen Revolutionsthriller New Order wird klar, wie wenig bockiges Blutvergießen auch nur irgendetwas bewirken kann. In Christian Schwochows politischem Reißer – was anderes ist der Film leider nicht geworden – schlängelt sich der Weg zur nationalsozialistischen Macht der Jungen durch ein Dickicht aus Intrigen, Lügen und trivialer Kolportage. Erschreckend, dass diese Methoden auf fruchtbaren Boden fallen. Eine der „Opfer“ des führenden Orators Karl ist die junge Studentin Maxi Baier, die bei einem Terroranschlag ihre Mutter und ihre beiden Brüder verliert. Von diesem entsetzlichen Schicksal natürlich völlig aus der Bahn geworden ist auch Papa Milan Peschel, der sich in seiner untröstlichen Verlorenheit an sein einzig verbliebenes Fleisch und Blut klammert. Dieses jedoch fällt alsbald in die Hände des vorhin erwähnten Charismatikers Karl, der Maxi zu einer internationalen Tagung seines Vereins einlädt. Dort fährt sie auch hin – und fühlt sich in ihrer Trauer und ihrer Wut mehr als verstanden. Natürlich entstehen zwischen den beiden auch romantische Gefühle, sodass Maxi nicht mehr von Karls Seite weicht. Der allerdings verfolgt ganz andere Pläne, nämlich richtig subversives Zeugs durch die Hintertür, die andere, wüssten sie es nicht besser, als reinste Verschwörungsmythen abtun würden.

Als Bildnis einer Verschwörung ist Je Suis Karl am besten zu verstehen. Aber auch als ein Konstrukt, das Verschwörungsmythen neuen Zunder gibt. Wie Jannis Niewöhner, der den aalglatten, um kein Wort verlegenen Blender Karl durchaus glaubhaft verkörpert, als wilder Fanatiker das große Ganze über alles andere stellt, und vor allem mit welchen Mitteln, ist von ernüchternder Gewissenlosigkeit. Luna Wedler begnügt sich als manipulierbares Nervenbündel, das mit ihrer Trauer ringt, mit einer enervierenden, fast ein bisschen zu deutlich selbstverliebtem Performance, die sie genauso wenig wie fast alle anderen zur Identifikationsfigur macht. Inmitten dieser pseudorevolutionären Eitelkeit halten Milan Peschel und Aziz Pyaf das Zepter der Vernunft als einzige hoch, während ganz Europa in seiner Dummheit ertrinkt. Thomas Wendrichs Drehbuch stuft die Jugend von heute als durch den schönen Schein von Werbung und Social Media bereits vorverweichlichte und daher leicht dirigierbare Lemminge ein, die anscheinend in Windeseile die Macht über einen ganzen Kontinent übernehmen könnten. Diese Sicht der Dinge ist dann doch etwas sehr plakativ und überzogen, und raubt dem politischen Dilemma seine Glaubwürdigkeit. Der polnische Film The Hater ist im Gegensatz dazu die Sache ganz anders angegangen. Dort sind die Sozialen Medien das eigentliche Schlachtfeld. Wie sehr dort gewütet werden kann, zeigt Regisseur Jan Komasa auf geduldigere und deutlich duchdachtere Weise.

Je Suis Karl ist die Antwort auf den ebenfalls deutschen Film Und morgen die ganze Welt, der sich mit – mehr oder weniger – lokalem Linksradikalismus beschäftigt. Auch hier fußt das Handeln der Generation Facebook auf einer zum Scheitern verurteilen Weltsicht. Hätte Schwochows Film nicht gleich ganz Europa mit ins sinkende Boot geholt, wäre die Vision einer Bewegung der neuen Nazis vielleicht fokussierter und spürbar unbequemer geworden. Doch andererseits: vielleicht sind die recht trivial dargestellten Mechanismen politischer Sturmwinde genau deswegen so, damit man sie anfangs nicht ernst nimmt. Und sich demnach nicht dagegen wappnen kann.

Je suis Karl

Voyagers

DAS VAKUUM IM VAKUUM

6/10


voyagers© 2021 Vlad Cioplea


LAND / JAHR: USA, GROSSBRITANNIEN, RUMÄNIEN, TSCHECHIEN 2021

BUCH / REGIE: NEIL BURGER

CAST: TYE SHERIDAN, LILY-ROSE DEPP, FIONN WHITEHEAD, COLIN FARRELL, ISAAC HEMPSTEAD WRIGHT, VIVEIK KALRA U. A. 

LÄNGE: 1 STD 50 MIN


Auch dieser Film hätte ins Kino kommen sollen. Neil Burgers selbst verfasste und inszenierte Herr der Fliegen-Version um Young Adults in einem Koloniekreuzer quer durchs Weltall ist stattdessen auf Amazon Prime zu sichten. Und ja, anfangs ist man so ziemlich versucht, den Streifen mal kurz auf Pause zu setzen, um selbst zu überlegen, wie man das anstellen hätte können – nämlich eine Schar junger Leute für einen lebenslangen Flug auszuwählen, entsprechend einzuschulen und loszuschicken. Bei Voyagers würde man immer wieder gerne auf Pause setzen, einfach um zu überlegen, ob wir Menschen tatsächlich und immer wieder auf so archaische Verhaltensmuster zurückfallen würden, egal, wie entreizt und rüntergenüchtert wir auch wären – oder ob das alles nur eine recht triviale Plotwahl Burgers ist, um eine spannende Geschichte auf engstem Raum zu erzählen. Schon lange nicht hat ein Science-Fiction-Film gleichzeitig so empört und das eigene sozialphilosophische Weltbild so verwirrt. Zumindest mir erging es so, der kopfschüttelnd jener Eskalation gefolgt war, die in geschmackvollem Set-Design dem Menschen fast schon seinen freien Willen zur Kontrolle seiner eigenen Emotionen nimmt.

Irgendwann in nicht so ferner Zukunft haben einige wichtige, aber weltfremde Wissenschaftler die Idee, statt geistig und körperlich gesunder und bereitwilliger jungen Menschen (die sich locker hätten anwerben lassen) einfach eine Handvoll Retortenmenschen als Kolonisten für die zweite Erde heranzuzüchten. Ohne elterliche Bindung, aber mit allem, was Menschen eben so brauchen. Diese Kinder werden alle gleich aufgezogen, gleich ausgebildet, haben keinerlei schmerzhafte Erfahrungen erleben müssen – sind eigentlich brav indoktrinierte Doch-noch-Individuen, die nur dafür auf die Welt gekommen sind, um ins All zu fliegen – und dort auch zu sterben. Erst die nächste Generation soll den nach rund 86 Jahren erreichten neuen Planeten dann besiedeln. Mit an Bord ist auch der geistige Vater dieses Projekts (Colin Farrell) der alles im Griff hat. Nach zehn Jahren sind die Grundschüler dann zu stattlichen Jugendlichen herangereift – und beginnen, Dinge zu hinterfragen. Wie zum Beispiel das blaue Wässerchen, das sie täglich trinken müssen. Zwei der ganz Oberschlauen („Ready Player One“ Tye Sheridan und Fionn Whitehead, großartig im Film Kindeswohl) beschließen, diesen Impulshemmer wegzulassen – und entdecken die hedonistischen Freuden am Leben. Klar, dass das nicht im Sinne des Plans sein kann.

Denn ehrlich gesagt: wer legt solchen Leuten das Schicksal eines ganzen neuen Planeten in die Hände? Dass das nicht gut gehen kann, dafür muss ich kein Sozialanthropologe sein. Diese Ausgangssituation büßt einiges an Plausibilität ein. Obwohl ich zu wissen glaube, was Neil Burger eigentlich beabsichtigt hat. Es ist die Miniatur einer Weltpolitik – oder: das und nichts anderes muss der Mensch erleiden, um sich weiterzuentwickeln. Für ihn ist Homo sapiens ein Wesen, das in seiner individuellen Persönlichkeit determiniert ist. Will heißen: der Charakter bildet sich nicht durch Erleben und Erziehung, sondern ist bereits entweder als weise, aggressiv, boshaft oder liebevoll angelegt. Da alle Probanden (ich würde sie so nennen) die exakt gleiche „Erziehung“ genossen haben, dürften Defizite im Verhalten einer Person nicht vorhanden sein. Ist sie aber dennoch. Wir haben in Voyagers die klassischen Stereotypen von Machtmenschen, Humanisten und Mitläufer. Wir haben die Systematik der Inquisition, der Zusammenrottung – und im Endeffekt des gewaltreichen Konflikts. Extremdarwinist Richard Dawkins wäre mit diesem Film sehr einverstanden. Seine Theorie des egoistischen Gens findet hier ein geschmeidiges Beispiel auf Entertainment-Ebene. Und dennoch fühlt sich diese Prämisse nicht ganz richtig an. Diese verwirrenden Überlegungen, verbunden mit edukativen Motiven aus Morton Rues Faschismus-Studie Die Welle, ergibt eigentlich Voyagers. Und damit einen Film, der besser im Kino gelaufen wäre, weil man danach bei einem Absacker noch herrlich diskutieren hätte können.

Voyagers