In the Grey (2026)

IST PLANUNG WIRKLICH ALLES?

5/10


Eiza Gonzáles, Henry Cavill und Jake Gyllenhaal in Guy Ritchies Film In the Grey
© 2026 LEONINE Studios / Constantin Film Österreich


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, USA 2026

REGIE / DREHBUCH: GUY RITCHIE

KAMERA: ED WILD

CAST: EIZA GONZÁLES, HENRY CAVILL, JAKE GYLLENHAAL, ROSAMUNDE PIKE, FISHER STEVENS, CARLOS BARDEM, EMMETT J. SCANLAN, KRISTOFER HIVJU, CHRISTIAN OCHOA, KOJO ATTAH U. A.

LÄNGE: 1 STD 38 MIN



In die Höhle des Löwen steigt man nicht einfach so. Jedenfalls nicht, wenn man sich Profi nennen und nichts, aber auch gar nichts dem Zufall überlassen will. Lebensmüden Abenteurern ist das vermutlich egal, Touristengruppen auch, die verlassen sich auf den Baedeker. Geldeintreiber ziehen die Sache etwas anders auf. Eiza Gonzáles ist so jemand. Eine, die von den ganz bösen Buben die Knete will, die sie anderen schulden – und keinen Grund sehen, ihren Kredit zu begleichen.

Männer bei Fuß

So eine Höhle des Löwen ist nichts, wo die adrette Mexikanerin alleine hingeht. Als Entourage links und rechts von ihr fungieren zwei Mannsbilder, mit denen man sich nicht anlegen will, so böse man auch sein mag. Und nein, es sind nicht Bud Spencer und Terence Hill, auch nicht Tony Curtis und Jack Lemmon, sondern der Prinz von Persien und niemand geringerer als Superman: Jake Gyllenhaal und Henry Cavill, beide sauber mit Dreitagebart, unauffälligem Peek & Cloppenburg-Outfit und darunter Nerven wie Drahtseile. Hier tragen sie die Hundenamen Sid und Bronco. Und ja, mit so jemanden kann Frau auch in Verhandlungen treten, denn die Pläne B, C und D sind geschmiedet.

Bereiten wir uns mal vor

Wir befinden uns In the Grey nicht nur in besagter Grauzone, denn so, wie Gonzáles Figur der Rachel Wild, die von ihren „Bluthunden“ auch des öfteren Ma‘am genannt wird, ans Geld der anderen kommen will, hätte das Gesetz wohl noch einiges zu beanstanden. Wir befinden uns auch auf einer Insel vor Spanien, auf Salazars Insel, auf der Javier Bardems Bruder Carlos als milliardenschwerer Unterweltboss die Übersicht hat – zumindest glaubt er das. Diesem Mann soweit die Hähne abzudrehen, dass er willig wird, das diplomatische Geschäftsgespräch zu suchen – dazu braucht es viel, wirklich viel Vorbereitungszeit und viele kleine Missionen. Viele Tests, viel Training, viel, ganz viel Planung.

Die Zeit drängt. Also beeilt euch.

Wie viel Zeit hat Guy Ritchie? Wir schauen auf die Stoppuhr: genau 98 Minuten. Also schnell, schnell – und am besten alles gleichzeitig. Also beginnt Eiza Gonzáles, aus dem Off zu erzählen, wie die Welt, also die ihre und die ihrer Branche – funktioniert. Nebenher dürfen Gyllenhaal und Cavill inkognito irgendwo auf der Welt die ersten Strippen ziehen und den großen Gangsterboss zum Weinen bringen. Zack, zack, zack, und Gonzáles spricht immer noch. Mitschreiben kann man dabei getrost vergessen, irgendwas wird schon hängenbleiben, denn in Wahrheit ist Ritchies Inkasso-Action sowieso nur halb so komplex wie sie den Anschein hat.

Planung ist das halbe Leben – oder der halbe Film

Wie muss Ritchie sein Drehbuch gnadenlos gestrafft haben, um diese Spielfilmlänge hinzubekommen! Andere benötigen für diese Sache vielleicht eine ganze Serienstaffel, der Vielfilmer, der sich irgendwann von seinen stilsicheren Qualitäten verabschiedet hat (kaum zu glauben, dass zu seinen Arbeiten Aladdin und Fountain of Youth zählen – der erste ist zumindest kurzweilig, der zweite eine Katastrophe), schafft das im Rekordtempo.

Und bevor das ganze Spektakel rund um diesen Salazar überhaupt erst beginnen kann, hat In the Grey so viel Erklärbedarf, das man versucht ist, das ganze Projekt überhaupt zu hinterfragen. Es braucht schon eine gewisse Dreistigkeit, zumindest ein Drittel des Filmes darauf zu verschwenden, zu demonstrieren, wie all die Fluchtrouten aussehen, die Rachel Wilde von der Insel bringen sollen.

Wann geht es denn endlich los?

Kann sein, dass man den Moment beim Zusehen verpasst. Irgendwann ist man mit unterwegs im von Henry Cavill gesteuerten Buggy, während links und rechts Projektile explodieren. Langweilig wird einem dabei zwar nicht, die ganzen Planungsdetails will man sich aber auch nicht merken. Und so ist es völlig egal, was passiert und was andere schwafeln – es ist wie bei so manchem Meeting, wo nach zwei Stunden wohl nur die letzten zehn Minuten relevant genug sind, um weitere Schritte darauf aufzubauen. Doch das ist ein anderer Film – der erst erklärt werden muss.

In the Grey (2026)

Havoc (2025)

AUF KNALLERBSEN KNIEN

4/10


© 2025 Netflix Inc.


LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2025

REGIE / DREHBUCH: GARETH EVANS

CAST: TOM HARDY, TIMOTHY OLYPHANT, FOREST WHITAKER, LUIS GUZMÁN, XELIA MENDES-JONES, NARGES RASHIDI, JESSIE MEI LI, TOM WU U. A.

LÄNGE: 1 STD 45 MIN 


Tom Hardy ist längst zu Eddie Brock geworden. Marvel-Vertraute kennen ihn: Der abgehalfterte Reporter war die Symbiose mit einem Alien eingegangen, einem amorphen lakritzeartigen Wesen mit einer Kauleiste – dafür bräuchte man nie wieder zum Zahnarzt, sonorer Stimme und folgend auf den Namen Venom. Das Buddy-Team der besonderen Art hat nun ausgekapsert, zurück bleibt Tom Hardy ganz allein, und irgendwie vermisst man das klebrige Anhängsel dann doch. Manchmal scheint es so, als würde sich Gareth Evans vielleicht den Scherz erlauben, den Symbionten zumindest in einer schnell geschnittenen Cameo-Szene Revue passieren zu lassen, doch statt Witzen wie diesen hagelt es Patronen, als wären der meteorologischen Absonderlichkeiten von Frosch über Fischregen nicht schon genug.

Wer Edwards schließlich kennt, weiß, dass bei ihm allerhand Menschen ins Gras beißen, und das nicht eines natürlichen Todes, sondern niedergemäht und durchsiebt, wie man jemanden nur niedermähen und durchsieben kann. Havoc heisst das neueste Unding des Schöpfers von The Raid – einer indonesischen Einer-gegen-Alle oder – übers Knie gebrochen – Stirb langsam-Version mit Iko Uwais als Martial Arts-Polizisten, der im Alleingang einen ganzen Haufen blutrünstiger Männer zerschnetzelt. Man muss zugeben: seine beiden expliziten Action-Schlachtplatten entbehren nicht einer gewissen Faszination. Wie der Waliser die Gewalt choreographiert, ist gelernte Handarbeit. Havoc hingegen, was soviel bedeutet wie „Zerstörung“, ist eben auf Netflix erschienen und schickt den alienlosen Rabauken Hardy in den kataklystischen Projektilregen, ganz ohne Schirm, dafür munter bewaffnet und alles mögliche an Gewalt einsteckend, was den Waffenstillstand mit der Realität gefährlich auf die Probe stellt.

Selbst eine Woche nach der Sichtung lässt sich der Plot des Films nur noch rudimentär wiedergeben – viel Substanz hat das alles nicht. Evans hat das Skript zwar selbst verfasst, aber eine KI könnte das vielleicht sogar besser. Ob Tom Hardy alias Walker nun im Auftrag vom schmierigen Forest Whitaker, der Vergleiche mit Wilson Fisk aus dem Daredevil-Universum anstrebt, dessen Sohn wiederfinden muss, da dieser bis über beide Ohren im Schlamassel steckt, weil die Triaden hinter ihm her sind, ist völlig egal. Spannend wird Havoc wirklich nie, dafür aber zeichnet Evans den üppigen Moloch einer namenlosen Stadt, die fast schon an Gotham City erinnert. Die Bildsprache ist betrachtenswert, allerdings nur dann, wenn gerade nicht geschossen wird. Diese Momente sind rar, man sollte sie genießen, denn sobald das große Ballern anfängt, stellt sich Schwindel ein.

Die Action ist in Havoc ein wüstes Durcheinander: fahrig, viel zu schnell geschnitten, mit rumpelnder Kamera und einer dünnen Akustik, wenn vollautomatische Handfeuerwaffen aller Art (zusammen füllen sie diverse Kataloge aus der Rüstungsindustrie für den privaten Konsumenten) ihre nicht endenwollende Munition verschleudern und einer wie Hardy fast schon auf diesen Knallerbsen die Balance verliert, so dicht fällt der Niederschlag an Hülsen. Ballistiker kratzen sich womöglich angesichts dieser Physik die Augen aus, und man selbst als Laie, der gerade mal weiß, worum es sich bei einer AK-47 handelt, flattern bei der Schießbuden-Hölle gelegentlich die Augenlider, wenn es wieder mal nicht schnell genug gehen kann, bis einer stirbt.

Hardy ist als Action-Zampano sicherlich eine Nummer für sich, auch wenn nicht viel aus seinem Charakter zu lesen ist. Der übrige Streifen brennt sich mit seinem gleißenden Mündungsfeuer in die Netzhaut, der Rest fällt dem Vergessen anheim. Ein Mehrwert, sollte man sich später noch erinnern, bleibt aber sowieso keiner.

Havoc (2025)

Les Meutes (2023)

DIE TOTEN VON CASABLANCA

6/10


lesmeutes© 2023 Ad Vitam


LAND / JAHR: BELGIEN, FRANKREICH, MAROKKO, KATAR, SAUDI-ARABIEN 2023

REGIE / DREHBUCH: KAMAL LAZRAQ

CAST: ABDELLATIF MASSTOURI, AYOUB ELAID, MOHAMED KHARBOUCHI, MOHAMED HMIMSA, ABDELLAH LEBKIRI, LAHCEN ZAIMOUZEN U. A.

LÄNGE: 1 STD 34 MIN


In einer der Episoden aus Quentin Tarantinos Pulp Fiction mit dem Titel „Die Bonnie Situation“ schießt John Travolta als gelfrisierter Vincent Vega einem arglosen Informanten während einer Autofahrt versehentlich in den Kopf. In weiterer Folge muss Harvey Keitel als Mr. Wolf die ganze Sauerei irgendwie beseitigen. Wie man eine Leiche los wird, könnte so aussehen – oder vielleicht auch wie in vorliegendem Thriller aus dem schönen Marokko, das schließlich schon zu Zeiten von Humphrey Bogart und Ingrid Bergmann für ein zeitloses Krimidrama namens Casablanca ausreichend Platz schuf.

Wir sind nun einige Jahrzehnte später dran, und wenn man sich in dieser Stadt am Meer von den Sehenswürdigkeiten entfernt und in die Suburbs vordringt, könnte man unter anderem dem Tagelöhner Hassan und seinem Sohn Issam begegnen, die nicht gerade auf die Butterseite des Lebens gefallen sind, sondern sich tagtäglich mit windigen kleinen Aufträgen die nächste Mahlzeit sichern. Männer für alles, könnte man meinen, und nicht so rausgeputzt wie Tarantinos Kult-Anzugträger Jules und Vincent. Boni gibt es keine, vielleicht manchmal den richtigen Auftrag, dann hat Oma daheim auch noch was davon. Und so müssen beide eines Tages einen Mann entführen. Gesagt getan, Kapuze über den Kopf und mit Gewalt in den Kofferraum des geliehenen Vans. Als es zur Übergabe kommt, ist der Entführte bereits tot, womöglich erstickt. Um diesen Fehler wieder gutzumachen, müssen Hassan und Issam die Leiche schleunigst loswerden, und das noch vor Morgengrauen, sonst gibt’s Zoff mit der Konkurrenz. Die Nacht hat sich bereits über die Wüste gesenkt, als die beiden alles Mögliche unternehmen, um den Schaden zu begrenzen. Normalerweise könnte ihr Vorhaben ja auch klappen, doch Les Meutes ist ein waschechter Film Noir. Die Schwierigkeiten häufen sich, irgendwo hakt es immer. Und kleine Hindernisse werden zu Barrikaden, die nur mithilfe alter Bekannter, die dann ebenfalls zum Handkuss kommen, beiseitegeräumt werden können.

Es ist gut, wenn man jemanden kennt, der wen kennt, der wen kennt. In Kamal Lazraqs nachtschwarzer Odyssee, getaucht ins ungesund gelbe Licht der Nachtlaternen, Neonröhren und KFZ-Scheinwerfer, stellt das Schicksal den beiden Underdogs mehr als nur ein Bein. So makaber die ganze Situation auch ist, diese Leiche ist ungefähr so anhänglich wie Alfred Hitchcocks Harry oder der gute alte, sonnenbebrillte Bernie. Schließlich spielt Les Meutes auch nicht in den USA, wo man die Toten ohne Federlesen verschwinden lässt – hier herrscht im Untergrund noch sowas wie Respekt vor den Verblichenen, sei es nun kulturell oder religiös bedingt. Um jeden Preis versucht zumindest Hassan, dem Toten die letzte Ehre zu erweisen, und das inmitten von Zeitdruck und Existenzangst. Dabei entsteht eine Eigendynamik, die sich, angereichert mit situationskomischen Wendungen und schadenfroher Bitterkeit, so anfühlt wie eine groteske Posse von eingangs erwähntem Tarantino, in der gar nicht so alltägliche Begebenheiten auf die Tücken des Alltags treffen. Das Ganze zieht seine Kreise, und die Prognose für das Glück der beiden behalten Propheten lieber für sich.

Mit Laien taucht Kamal Lazraq durch die urbane Dunkelheit, Abdellatif Mastouri wurde von der Straße weg engagiert – sein vernarbtes Konterfei macht nicht wenig Eindruck, und überhaupt tauchen in Les Meutes so einige markante Gesichter aus der Dunkelheit und verschwinden wieder darin. So mag auch diese im Grunde kleine Skizze einer gescheiterten Mission jenseits von Gesetz und Ordnung in einen Alltag aufgehen, dessen seltsame Anomalien bald in Vergessenheit geraten. Lazraq lässt dem Schicksal seinen Lauf, ohne seinen Thriller auf Krawall zu bürsten. Erschöpfung, Resignation und improvisierte Gelassenheit prägen seinen Film, und vielleicht mag diese Sichtweise Achterbahnfahrer im Thrillergenre letztlich enttäuschen. So wendungsreich das Family-Business auch durch ein Marokko inkognito driftet – die Kunst der Improvisation mag nicht ganz so erlernt sein. Der letzte Kick, der fehlt. Die Wendung bleibt aus. Das muss zwar nicht sein, wäre angesichts des genüsslich geschilderten Dilemmas aber eine rundere Sache geworden. Da hilft selbst der letzte kleine Twist nicht, der als irrealer Gag der finsteren Gaunerei kaum gerecht wird.

Les Meutes (2023)